Was zu bösen Wörtern

Es ist leider eine gängige Masche geworden, die Aussagen von Politikern, die rechts vom Konsens der Aufrechten stehen, auf „kontaminierte“ Wörter zu durchpflügen, um dann die Zitate dann hinterher triumphierend mit einem auf vielfältige Weise variierten „Ich habe es euch doch gesagt!“ der geschockten Öffentlichkeit zu präsentieren.

So war für sehr viele Angehörige der labernden Klasse von vornherein klar, dass es sich bei der AfD von ihrer Gründung an nur um verkappte Nazis handeln konnte. Zwar gab die Programmatik dazu konkret nicht allzu viel her, aber vermutlich reichte schon der Widerstand gegen den heiligen Euro für dieses Verdikt, das kurz zuvor schon in der FDP – wenn dort auch etwas verklausulierter – schon die Mitglieder traf, die sich beim Mitgliederentscheid gegen die „Rettungspakete“ aussprachen. Und so war es den üblichen Verdächtigen ein innerer Reichsparteitag(!!!!), dass Mitgründer Bernd Lucke von einer „entarteten Demokratie“ sprach und später, sich auf Flüchtlinge beziehend, von einem „Bodensatz“.

„Entartet“ – wir kennen natürlich (hoffentlich) alle noch den Begriff „entartete Kunst“, der von den Nazis nicht nur im Munde geführt wurde, sondern auch darin resultierte, dass die so stigmatisierten Künstler übler Verfolgung ausgesetzt waren. Und diese Assoziation ließ sich trefflich nutzen: „AHA!“ So trefflich, dass sie auch heute noch als Argument angeführt wird, um die Integrität des heute nur noch als Professor fungierenden Lucke zu beschädigen. Nun fällt der Hatz auf die bösen Worte schnell eins zum Opfer: der Kontext. Wer einzelne Aussagen aus dem Kontext reißt, in dem sie getätigt wurden, hängt damit indirekt okkulten Vorstellungen an, die einzelnen Begriffen magische Bedeutung zubilligen, so dass allein ihre Nennung in Mensch und Umwelt sofortige Wirkung zu entfalten vermag. Genau so verhält es sich mit dem von Lucke verwendeten Wort „Bodensatz“. Wer sich dem Thema mit etwas weniger auf Vernichtung des Feindes zielender Absicht nähert, dürfte von vornherein erkennen, dass der Begriff zwar selbstverständlich auch herabwürdigend verwendet werden kann, aber ebenso selbstverständlich auch analytisch, um eine Situation zu beschreiben, in der sich etwas ohne Aussicht auf Aufstieg verfestigt.

Einer der üblichen Verdächtigen, der Haltungsjournalist Georg Restle, entblödete sich in einer Maischberger-Sendung jüngst nicht, die ganze Verdächtigungsarie nochmal vorzutragen. Aber was soll der Werwohlf darauf reagieren, wenn es der „Beschuldigte“ selbst kann. Dass Sie von dessen Stellungnahme noch nie etwas gehört haben, liegt also nicht an diesem Blog… Merken Sie sich vielleicht nur mal ein Argument von Luckes Verteidigung, das uns gleich nochmal begegnen wird: Es hätten schon andere vor ihm denselben Begriff verwendet, und das ohne ähnlichen „Shitstorm“ danach.

Der jüngste Täter eines „Böses-Wort“-Verbrechen ist jetzt der Bundestagsabgeordnete der AfD und zum Leidwesen der anderen Parteien auch Vorsitzender des Rechtsausschusses, Stephan Brandner. Der twitterte dieses:

 

Wenn Sie jetzt der Meinung waren, die einsetzende Empörung bezöge sich auf das Wort „sabbern“, das die Aussage eines älteren Herrn wie des Herrn Lindenberg charakterisieren soll und dementsprechend ungehörig ist, liegen Sie natürlich falsch. Das Unwort ist der „Judaslohn“. Dieses werde „auch in antijüdischen Diskursen bemüht“, wie man es in FAZ.net lesen konnte. Das „auch“ reicht anscheinend, und schon hagelt es Rücktrittsforderungen. Ganz ehrlich: Der Werwohlf wusste bis heute nicht, dass man „Judaslohn“ nicht verwenden darf, weil es anscheinend unter Antisemiten populär ist. Ahnen konnte er das nicht. Schließlich verriet hier ein Jude den anderen. Das soll in diversen Gruppen schon vorgekommen sein, egal aus welchem Merkmal sie ihre Zugehörigkeit ableiten. Bislang verstand er es also als Metapher für die Entlohnung eines Verrats, eines sehr schändlichen noch dazu. Lassen wir mal außen vor, dass für modernere Autoren Judas gar nicht mehr als Schurke schlechthin gilt…

Jedenfalls folgt auch hier gleich das „Steinigt ihn!“ auf dem Fuße, wobei man natürlich unweigerlich an diese Szene denken muss: https://www.youtube.com/watch?v=RDYpCr9FUmM

Nun dürfte es niemandem der Leser dieses Blogs besonders schwer fallen, den Herrn Brandner nicht sympathisch zu finden. Das geht beim oben erwähnten „sabbern“ los und umfasst auch frühere Tweets, von deren möglichen Interpretationen er wieder „zurückrudern“ musste. Es ist daher auch verständlich, wenn jemand meint, da ein Muster zu erkennen. Aber auch das ist letztlich spekulativ, wiewohl entsprechende Meinungsäußerungen wahrscheinlich problemlos vor jedem Gericht standhielten. Des Werwohlfs Lieblings-Journalistin von FAZ.net findet hier allerdings ihrer Meinung nach noch einen schlagenden Beleg gegen Brandner: Er nennt Fälle, in denen das Wort „Judaslohn“ bereits von anderen Politikern verwendet wurde. Was einem naiven Geist als Entlastung erscheinen mag, überführt für Journalisten mit Haltung den Delinquenten hingegen:

Später twitterte Brandner eine Zusammenstellung von Situationen, in denen die Politiker Johannes Kahrs (SPD), Rainer Brüderle (FDP), Jerzy Montag und Thomas Gambke (Grüne) den Begriff auch verwendet hätten, versehen mit dem Zusatz „Nur mal so: #Fakten!“. Damit folgt Brandner – ob bewusst oder zufällig, sei dahingestellt – einer Strategie, die der rechte Vordenker Götz Kubitschek in einem Aufsatz mit dem Titel „Selbstverharmlosung“ vorgegeben hat.

Kubitschek empfahl darin der AfD, „die Vorwürfe des Gegners durch die Zurschaustellung der eigenen Harmlosigkeit abzuwehren und zu betonen, daß (sic!) nichts von dem, was man fordere, hinter die zivilgesellschaftlichen Standards zurückfalle“. So könne man Wähler davon überzeugen, dass man eine harmlose Partei wie jede andere sei. Ob es Brandner gelingt, mit dieser Strategie auch seine Kollegen im Rechtsausschuss von seiner „Harmlosigkeit“ zu überzeugen, bleibt abzuwarten.

Halten wir fest: Verwenden Sie einen Begriff, den man als „Nazi“-Begriff überführen kann, sind Sie ein Nazi. Verweisen Sie darauf, dass andere Politiker vor ihnen denselben Begriff ohne den entsprechenden Aufruhr verwendeten, und hier haben wir die oben angedeutete Parallele zu Luckes Verteidigung, folgen Sie damit nur einer perfiden Strategie eines „neurechten“ Vordenkers und belegen damit erst recht ihre verwerfliche Gesinnung. Das gilt natürlich nicht für alle. Nur darf rechts von der Mitte sich nichts mehr entfalten, da muss man als Demokrat schon entschlossen dagegen halten. Oder kurz: Nazi sind Sie auf jeden Fall, wenn Sie eine Position vertreten, die im Konsens der Aufrechten nicht vorgesehen ist. 

Ob diese medial gängige Logik diesem Land gut tut, ist eine andere Frage. Polarisierung verhindert sie jedenfalls nicht.

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