Was zu Mitmenschen

Auf seinem Blog „Indiskretion Ehrensache“ brachte Thomas Knüwer jüngst einen lesenswerten Beitrag zur Radikalisierung der individuellen Anschauungen. Der Werwohlf findet, dass der Trend darin gut erkannt wurde, dass aber der Grund dafür noch viel weiter reicht. Im Beitrag von Knüwer geht es darum, dass Menschen immer schneller bereit sind, zur Gewalt gegen andere Menschen oder deren Eigentum zu greifen, wenn sie es als Konsequenz ihrer Weltanschauung herleiten können. 

Überhaupt scheint das tief drin im Menschen zu stecken: Alles, was normalerweise als verwerflich gilt, ist erlaubt, wenn es für nicht nur die gute, sondern die einzig wahre Sache geschieht. Man muss nur den Anderen zum weltvernichtenden Popanz aufblasen, um jeden erdenklichen Übergriff gegen ihn als legitimen Akt der Notwehr anzusehen und damit zu rechtfertigen. Da darf und muss sich der SUV-Fahrer in Gesellschaft mit dem Energiekonzern sehen: Zu Rettung der Welt muss einfach beider Existenz angegriffen werden. Dass der jeweilige Akt jetzt unmittelbar zum angeblich verfolgten Ziel nicht so richtig etwas beiträgt, ist zu vernachlässigen, denn was bleibt einem Land, das gerade mal um die 2% des weltweiten CO2-Ausstoßes zu verantworten hat, bei diesem Thema schon anderes übrig als Symbolpolitik? Dafür kann man dann schon mal in das Leben einzelner Menschen eingreifen, im Auftrag einer höheren Macht sozusagen, und ihnen verdeutlichen, dass ihre Bedürfnisse einen Dreck wert sind vor der globalen Aufgabe, deren Erzengel man selbst ist.

Sollten Sie jetzt etwas skeptisch dreinblicken, wenn Ihnen dieselben Typen etwas von einer menschlicheren und solidarischeren Gesellschaft erzählen, so kann der Werwohlf das selbstverständlich nachvollziehen, aber warten Sie noch einen Moment.

Wir redeten eben ja nur noch von Fremden. Aber wenn Sie ein richtig Guter sein wollen, dann müssen Sie es richtig tun: 

Ein Journalist des „Tagesspiegel“ hat sich mit seinem Vater überworfen, weil der politisch völlig konträr zu ihm steht. Obwohl ihn Kommentatoren auf die Bedeutung und die Wichtigkeit von Familie aufmerksam machen, zieht er es vor, moralisch – was für ihn gleichbedeutend mit „politisch“ ist – rein zu bleiben. Schließlich hat er die einzig wahren Argumente auf seiner Seite, während der Vater nur armseliger Propaganda unterliegt. 

Es ist nicht der einzige Text seiner Art, dem der Werwohlf im Netz begegnete. Es ist allerdings der einzige, den er sich für spätere Blogbeiträge sicherte. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass das Zerwürfnis vom Sohn ausging – jedenfalls lässt der Text das schließen. Nun ist es ja vielleicht für jüngere Leute heutzutage eine überraschende Erkenntnis, aber dass man selbst anderer politischer Ansicht als der eigene Vater (oder die Mutter), das kommt viel häufiger vor als nicht. Die hohe Kunst des Menschseins – im Gegensatz zum Politroboter – besteht nun darin, zwischen dem Gegenüber als realem Mensch und dem, was er als Ansicht vertritt, zu trennen. Klar, wenn der Vater des „Tagesspiegel“-Autor diesen regelmäßig verprügelt oder ihm sonstwie persönlich geschadet hätte, dann wäre ein persönlicher Groll auf ihn nicht außergewöhnlich. Aber wenn es nur die politische Ansicht ist, dann müsste es Menschen, und zwar gerade unter jenen, die sich als die besseren ansehen, doch möglich sein, zwischen Mitmensch und Meinung zu trennen.

Eltern: Das waren doch die, die einen unter persönlichen Opfern und voller Liebe großgezogen haben. Und nur, weil ich mich als Sohn jetzt einer anderen Ideologie verpflichtet sehe, soll das alles nichts sein? Was sind das für Menschen, die zu sowas imstande sind? 

Es gibt eine Parallele. Matthäus 10,34ff:

34 Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. 35 Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; 36 und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. 37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.

Diese Haltung ist nur erklärlich für jemanden, der sich religiös verpflichtet sieht. Nicht nur das, dieser jemand sieht auch das Ende der Welt unmittelbar nahen, so wie offenbar ebenfalls Jesus von Nazareth. Aber es ist eben auch nur dieser Jesus, der sich als die Alternative zu Vater, Mutter und Schwiegermutter hinstellt. Wer eine andere hat, muss einen anderen Glauben haben. Der muss seine politische Ansicht neben Jesus Christus stellen, oder gleich an seine Stelle. 

Als Christ ist dem Werwohlf eine solche Erhebung des Politischen fremd. Er traf in seinem Leben immer wieder auf Menschen, die anderer politischer Meinung waren als er. Und damit sind tatsächliche, reale Begegnungen gemeint, nicht nur solche im Netz, bei denen gefühlt 90% der Möglichkeiten menschlicher Interaktion verloren gehen.Mit den allermeisten davon kam er gut aus – man wusste um die z.T. fundamentalen Differenzen, aber jeder Mensch besteht aus mehr als nur aus Politik. Es gab und gibt immer genug Themenfelder und Handlungsanlässe, wo man Gemeinsamkeiten feststellen und ausleben kann. Was wäre auch durch eine Fixierung auf die politischen Unterschiede gewonnen? Mehr als der billige Beifall der Posse? Nur, so lange man respektvoll und empathisch(!) miteinander umgeht, besteht eine Chance, Meinungen zu verändern.

Als reiner Politruk hat man diese Chance nicht. 

 

 

8 Gedanken zu „Was zu Mitmenschen

  1. Dr. Caligari

    Überhaupt scheint das tief drin im Menschen zu stecken: Alles, was normalerweise als verwerflich gilt, ist erlaubt, wenn es für nicht nur die gute, sondern die einzig wahre Sache geschieht.

    Die „Verantwortungsethik“, die unsere Konservativen so gerne hochalten, ist eben auch als auf die Nützlichkeit abstellender Konsequentialismus zu denken.
    Wie willst du dich dagegen verteidigen?

    Schließlich hat er die einzig wahren Argumente auf seiner Seite, während der Vater nur armseliger Propaganda unterliegt.

    Das ist mir auch aufgefallen. Die eigene Seite hat Argumente, die Gegenseite hat Propaganda. Es ist wirklich nur ein unterschied des Wortes geworden.

    Aber wenn es nur die politische Ansicht ist, dann müsste es Menschen, und zwar gerade unter jenen, die sich als die besseren ansehen, doch möglich sein, zwischen Mitmensch und Meinung zu trennen.

    Leider nein.
    Der heutige Zeitgeist ist sogar genau umgekehrt. Du kannst eine große, glückliche Gemeinschaft bilden, selbst wen du wie Mist behandelt wirst, solange alle ähnlich ticken. Ich fürchte, das ist auch wahr.

    Nur, so lange man respektvoll und empathisch(!) miteinander umgeht, besteht eine Chance, Meinungen zu verändern.

    Ich glaube, das stimmt so nicht.
    Ich habe schon meine Meinung wirklich fundamental geändert aufgrund von Büchern. Bücher haben weder empathie, noch baut man eine zwischenmenschlieh beziehung zu jemanden auf.
    Selbst über das Internet habe ich meine Meinung geändert.

    Die größten Meinungsänderungen im zwischenmenchlichen Kontakt für mich waren eigentlich immer die, in denen ich mich einer Gruppe angepasst habe, um besser zu passen. Vielleicht bin ich nie einen Menschen begegnet, der wirklich tief im Inneren mit mir kommunizieren wollte, hm?

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Wie willst du dich dagegen verteidigen?

      Müsste ich? Sagen wir mal so: Wenn ich gegen Andersdenkende mit genau den Methoden vorgehe, die ich denen vorwerfe, bei genügend Macht anwenden zu wollen, dann sollte ich merken, dass da etwas schief läuft. Das hat mit „Verantwortungsethik“ nichts mehr zu tun. Das ist reine Selbstermächtigung zum Ausleben niederer Instinkte.

      Ich glaube, das stimmt so nicht.

      Na klar ändern sich Meinungen auf vielfältige Weise, wenn sie sich denn ändern. Meine Qualifizierung bezog sich allein auf das persönliche Gespräch als eine, vielleicht nicht unbedingt die wahrscheinlichste Option für eine solche Änderung. Ich kann wohl kaum annehmen, jemanden dadurch überzeugen zu wollen, dass ich ihm nicht zuhöre, ihn beschimpfe oder mich über ihn erhebe.

      Antwort
      1. Dr. Caligari

        Ich meinte das mit den „Verteidigen“ anders. Wie willst du verhindern, dass diese Position auch für dich plausibel erscheint? Es scheint doch verführerisch.

        Antwort
        1. Werwohlf Autor

          Verführerisch ist auch die nächste Tafel Schokolade… Das Problem ist das mit der „einzig wahren Sache“ und was man dafür aufzugeben bereit ist. Der Konservative in mir warnt davor, irgendetwas Menschliches anders als etwas Vorläufiges zu betrachten. Er ist auch nicht geneigt, Brücken hinter sich zu verbrennen. Und ihm ist bewusst, wie solche Versuche in der Vergangenheit ausgingen.

          Man sollte bewährte Verfahren und Institutionen, die ihre Tauglichkeit im Umgang mit inhärenten Problemen einer menschlichen Gesellschaft erwiesen haben, nicht riskieren für die eine Sache, und erscheint sie auch noch so wahr, hehr oder dringend.

          Antwort
  2. oda2015

    Ideologen und Fanatiker (m/w/d) stellen die Fixierung auf bestimmte Ideen und Ideale über (alle/s?) .. Empörung und Beschämung als neuer Volkssport

    Antwort
  3. n_s_n

    Ach Werwohlf, was nützt es, wenn wir beide uns einig sind?

    „Rolle und Persönlichkeit“ sind ein aus der Psychologie wohlbekanntes Konzept, mit dem sehr viele Menschen arge Probleme haben.

    Empathie wirkt dabei im Miteinander leider nicht sinnvoll, wenn sie nicht reziprok, sondern einseitig auftritt.

    Anschauung zu deinem Text ist übrigens der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, der im Moment zur thüringer Landtagswahl wieder einmal durch alle Talk Runden gereicht wird. Er visualisiert und intoniert mit seinen Auftritten so ziemlich alles, was im politischen Diskurs schief laufen kann. Keinen Widerspruch duldend vertritt er die einzig richtige Sicht auf die Welt. Körperhaltung, Tonfall, Lautstärke, Sprachgeschwindigkeit, ins Wort fallen, bar jeden Reflektionsvermögens, wenn die richtige Meinung gefunden ist, ist er für mich die Visualisierung einer totalitären Diskussionskultur, von der ausgehend sich in meinen Augen alle Probleme entwickelt haben, unter denen unsere Gesellschaft derzeit politisch leidet. Dabei ist völlig unerheblich, dass er inhaltlich auch bedenkenswerte, interessante Argumente vertritt. Das „wie“ des Auftritts ist die den Diskurs bestimmende Determinante. In solch einem Milieu ist eine demokratische Politik nicht mehr möglich, denn diese bedeutet Interessenausgleich, der Voraussetzt, dass man die andere Sicht zum Interessenausgleich akzeptiert.

    Das ist übrigens eine „Diskussionskultur“, welche Merkel in der Union über Jahre etabliert hat und die dadurch charakterisiert ist, dass es keinen Diskurs, sondern nur noch innerparteiliche Monologe gibt. Wie sehr das die einstige Volkspartei CDU in ihren Grundfesten erschüttert hat, sieht man an den aktuellen Versuchen wieder den Weg in einen Diskurs zurückzufinden, der über ad hominem Gezetere nicht hinauskommt.

    Das was der Merkelflügel der CDU als staatstragende Geschlossenheit und verantwortungsvolle Streitkultur verkauft, ist in Wirklichkeit Diskursverweigerung. Und genau diese zerstört die Eigenschaft der CDU als Volkspartei. Diese Eigendchaft definiert sich nämlich nicht über Prozentzahlen bei Wahlen, sondern über die Fähigkeit zum innerparteilichen Interessenausgleich divergierender Milieus und der Einbindung und Integration politischer Ränder, die sich dann natürlich -bei Gelingen-, auch in Wahlprozenten niederschlägt. Ohne Fähigkeit zum Diskurs geht das alles aber nicht und diese hat Merkel der CDU ausgetrieben. Man kann es aktuell beobachten. Mittlerweile krankt das ganze Land daran.

    Herzlich

    n_s_n

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  4. Werwohlf Autor

    Empathie wirkt dabei im Miteinander leider nicht sinnvoll, wenn sie nicht reziprok, sondern einseitig auftritt.

    Sicher nicht. Aber dann sollte das Miteinander auch auf das Nötigste beschränkt bleiben.

    Was du bei von Lucke beobachtest hast, sehe ich nicht nur als ein Zeichen einer „Kultur“. Es ist ein Zeichen von Macht. Wie so oft, macht jemand das vor allem aus dem Grund, weil er es kann. Weil da keiner ist, der sich daran stößt, der ihm in die Parade fährt. Jedenfalls keiner, der in seine Machtsphäre vordringen konnte. In der Mediendemokratie ist es die labernde Klasse, die wesentliche Macht ausübt, und die züchtet sich gerade einen noch radikaleren Nachwuchs heran, weil sie die Instrumente zu dessen Verhinderung selbst schon als Teufelszeug verbannt hat. Es handelt sich folgerichtig um eine Kaste, für die nur Worte zählen und die weder theoretisch noch praktisch z.B. ökonomische Abläufe verstehen kann. Deshalb verfolgen sie „Hassrede“ (also auch Kritik an ihnen), deshalb schrauben sie an unserer Sprache herum, um sie „gerechter“ zu machen, deshalb erschöpft sich Politik heute in moralisch getriebenen Verboten und Wunschdenken und deshalb vor allem sind sie blind für die Herausforderungen, die wirklich unmittelbar vor der Tür stehen und die ihre ganze Traumwelt zum Einsturz bringen werden. Schlimmer noch: Sie ernennen die Bedrohung auch noch zur Tugend. Aber wenn ihnen der wirtschaftliche Boden unter den Füßen weggezogen ist, ist es zu spät.

    Dann war es eben wieder mal nicht der richtige Versuch, nicht die echte Ideologie. Und es heißt abwarten, bis eine neue Gesellschaft wieder reif genug sein wird für diesen Blödsinn.

    Antwort

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