Noch was zu Lucke

Die „Übermedien“ haben sich auch mit dem Vorfall an der Hamburger Universität befasst. Der Werwohlf tut dem Autor Andrej Reisin wohl kein Unrecht, wenn er feststellt, dass dessen Sicht eine linke auf die Ereignisse ist. So bewertet Reisin die Aktion der Studenten (oder wer auch immer das konkret war – die Universität ist sich auch nicht sicher) positiv, Lucke und seine Reaktion negativ. Man ist versucht zu sagen: Wie es seine Pflicht ist. Aber der Beitrag kann nur wärmstens zur Lektüre empfohlen werden, denn so lernt man eine Sichtweise kennen, von der man u.U. niemals angenommen hätte, dass sie im Deutschland von 2019 vertreten werden würde.

Es fängt schon mit der angeblichen Motivation Luckes an. Er habe „deutsche Nachkriegspolitik [ ] verändern“ wollen. Dass dies an Geschichtsrevisionismus erinnert, dürfte nicht gänzlich ungewollt sein. Tatsächlich dürfte als vorheriges Mitglied der CDU Luckes eigentliche Motivation darin gelegen haben, wieder an etwas anzuknüpfen, was als konservative Agenda deutsche Nachkriegspolitik lange bestimmte, von seiner ehemaligen Partei aber mittlerweile zum alten Eisen gelegt wurde. Die kritische Sicht auf den Euro und die Politik zu dessen angeblicher „Rettung“, die als Gründungsimpetus gelten muss, tut Reisin ab als „Untergangsszenarien“, die „samt und sonders nicht eingetroffen“ seien und stellt einfach mal so in den Raum

Luckes wissenschaftliches Renommee ist umstritten.

„Umstritten“ ist ja mittlerweile das Lieblingswort des aktivistischen Journalismus für den Fall, dass man die Reputation einer Person in Zweifel ziehen will, aber keine konkreten Anhaltspunkte vorzuweisen hat. Kein Wort davon übrigens, dass auch viele international renommierte Ökonomen die Einführung des Euro sehr kritisch beurteilten, und zwar auch solche, die wegen passender Beurteilungen von Linken gerne als Leumundszeugen herangezogen werden, wie z.B. Nobelpreisträger Paul Krugman. Auch kein Wort davon, dass viele der derzeitigen wirtschaftlichen Ungleichgewichte, von der Instabilität Italiens bis zu den pathologischen deutschen Exportrekorden, eben genau mit diesem Euro zu tun haben und nur eine äußerst expansive Geldpolitik diese strukturellen Probleme derzeit überdeckt. Und selbst wenn sich, wie der Autor behauptet, herausgestellt hätte, dass Lucke mit Prognosen daneben lag, disqualifiziert ihn das noch lange nicht dazu, Makroökonomie zu unterrichten. Allerdings muss der Werwohlf hier Milde walten lassen, denn der „Übermedien“-Autor hat nun mal keine Ahnung von Ökonomie, auch nicht davon, wie sie gelehrt wird. Im Fach „Makroökonomik“ werden diverse gebräuchliche Modelle des Fachs vorgestellt und hergeleitet (von der Natur der Sache her übrigens überwiegend keynesianisch inspirierte), aber nicht politische Schlussfolgerungen des Lehrenden. Was der vielleicht hier und da als solche zu erkennen geben mag (nicht jeder kann immer aus seiner Haut), kann dann auch jeder aufmerksame Student angreifen, der die Modelle begriffen hat. 

Aber es geht ja darum, Argumente dafür zu finden, warum es als harmloser „Protest“ gelten soll, nicht nur jemanden am Lehren zu hindern, sondern auch, sich einer Diskussion mit ihm zu verweigern. Dazu muss Lucke einerseits als fachlich fragwürdiger Wirrkopf hingestellt werden. Und andererseits ist er natürlich trotz Austritt aus der AfD und harter Kritik an deren Kurs danach als böser „Rechter“ hinzustellen. Das Mittel der Wahl ist hier die Präsentation einzelner Zitate, wo die Stichworte „Bodensatz“ und „entartet“ nicht fehlen dürfen, ganz so, als seien diese in irgendeiner Form repräsentativ für die Politik, die Lucke verfolgte. Natürlich war der Hamburger Professor viel zu naiv für die Politik – das zeigte sich nicht nur in der Unterschätzung dessen, was sich innerparteilich zusammenbraute, sondern auch im Umgang mit den Medien, denen er Inhalte versuchte zu verdeutlichen, wo diese nur auf Codeworte warteten. Natürlich könnte man z.B. jetzt anführen, dass das Wort „entartet“ vor den Nazis und nach ihnen (Schäuble, Schmidt) verwendet wurde, man kann auf die Erläuterungen Luckes verweisen, was er mit seinen Metaphern aussagen wollte, aber wer sich auf solche Diskussionen einlässt, ist den Denunzierern bereits auf den Leim gegangen, denn denen geht es nur darum, jedes beliebige Material so zu drehen, dass es gegen den Feind verwendet werden kann. Und „Feind“ ist leider der richtige Ausdruck – früher kannten wir noch „politische Gegner“, aber diese Zeiten sind wohl vorbei, wenn Methoden wie niederschreien und vertreiben als legitime Protestformen gerechtfertigt werden sollen, wenn es nur gegen die Richtigen geht.

Weil ihm Luckes „track record“ als Rechter wohl selbst noch zu schwach erscheint, versucht Reisin dann auch noch, Lucke die Ausrichtung der heutigen AfD vorzuwerfen, bis hin zu Höcke-Zitaten. Der Werwohlf hat die leise Hoffnung, dass selbst a priori dem Ansinnen des Autors freundlich gesinnte Leser spätestens hier die Ratte riechen[1]. 

Da müssen wir uns nur noch mit dem Fazit des Beitrags beschäftigen: 

Wo waren die ganzen Freiheitsmahner und Demokratiewächter eigentlich, als es darum gegangen wäre, Lucke zu konfrontieren? Nie wurde er von der medialen Öffentlichkeit für das zur Verantwortung gezogen, was er an Zerstörung von politischer Kultur in diesem Land angerichtet hat. Dafür, dass er eine Partei geschaffen hat, die das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Ansichten in diesem Land infrage stellt. Um es mit Alexander Gauland zu sagen: Eine gestörte Vorlesung ist dagegen ein Vogelschiss.

Wir sollten uns vor Augen halten, was da steht: Lucke ist dafür „zur Verantwortung zu ziehen“, dass er eine Partei gegründet hat, die sich nach seinem Austritt zu dem entwickelt hat, was der Autor ihr vorwirft. Also bitte, liebe Leser dieses Blogs, sollten Sie je der verfassungskonformen Versuchung nachgeben, eine Partei zu gründen: Man wird sie „zur Verantwortung ziehen“ für alles, was diese Partei jemals künftig anstellen wird. Das ist doch mal eine echte Motivation für politische Teilhabe, oder? Und weil dieses „zur Verantwortung ziehen“ ausbleibt, darf man Sie dann auch nach Belieben niederschreien und an der Ausübung Ihres Berufes hindern. Auch wenn dabei en passant die Freiheit der Lehre und die Meinungsfreiheit in den Schmutz getreten wird. 

Ein bisschen Abfall ist halt immer. Hauptsache, wir sind die Guten. 

[1] Wer sich jetzt hier empören wollte, sollte besser vorher den Ausdruck „smell a rat“ googeln.

 

Disclaimer: Der Werwohlf war Mitglied der AfD und trat kurz nach dem berühmt-berüchtigten Parteitag von Essen aus. Gründe und Beobachtungen dazu sind in seinem Blog nachzulesen.

3 Gedanken zu „Noch was zu Lucke

  1. Dr. Caligari

    Hallo Werwohlf,

    ich glaube, das eigentliche Signal bezüglich Lucke ist angekommen: „Egal wer du bist, wenn du es wagst in eine bestimmte politische Richtung zu argumentieren, dann bist du erledigt. Es gibt für dich keinen Weg zurück in die Welt der Anständigen mehr“.
    Das verpestet langfristig das gesellschaftliche Klima und wird zu einer politische Kultur führen, in der es nicht mehr auf Vernunft, sondern Gruppendynamik ankommt. Ich glaube, wir sind diesen Weg schon sehr weit gegangen.

    In den konservativen Zeiten gab es einen Konsens, dass ein Professor erst Mal Narrenfreiheit genoss. Es gibt da einige sehr schöne Beispiele von Leuten, die schon lange nichts mehr wissenschaftliches trieben, die aber von der Gesellschaft dennoch durchgefüttert wurden. Ich denke da insbesondere an diese ganzen „kritischen“ Wissenschaftler, „kritische Soziologie“, „kritische Psychologie“ usw. Alles im Grunde ein bisschen wissenschaftlicher Lack und darunter viel Rote Propaganda. Es ging darum, von Lehrpult aus den Leuten zu erklären, dass unsere Gesellschaft böse ist.

    Im Falle von Lucke tut es mir echt leid. Aber der meines Erachtens legitime Protest gegen die Euro-Rettung wurde von Anfang an in die hart-rechte Ecke gestellt.

    Antwort
  2. n_s_n

    Zitat:
    „Man wird sie „zur Verantwortung ziehen“ für alles, was diese Partei jemals künftig anstellen wird.“

    Wie du zwei Sätze weiter oben richtig sagst, ist der Sachverhalt deutlich extremer: Man wird „zur Verantwortung gezogen“ für alles was dieser Partei -ohne Recht zum Widerspruch- vorgeworfen werden wird.

    Genau dieser Unterschied ist in meinen Augen ursächlich für den schlechten Zustand des Diskurses hierzulande, den Leute wie die Herren Reisin oder Restle der bloßen Existenz der AfD zuschreiben.

    Ich landete gestern übrigens seit Ewigkeiten mal wieder bei Maischberger. Georg Restle hat dort so ziemlich 1:1 die Argumentation von Reisin aufgefahren. Er scheint diesen Artikel als Vorbereitung studiert zu haben. Selbst die Vorwürfe mit „Bodensatz“ um „Entartung“ brachte er vor. Oder ist es gar so, dass die politischen Feinde Luckes wirklich nicht mehr für die Stützung ihrer Argumente vorbringen können, als zwei aus dem Zusammenhang gerissene Formulierungen, welche dann unglücklich klingen?

    In dieser Causa wird aber noch etwas deutlich, was viele vergessen zu haben scheinen und was die Scheinheiligkeit des „Anstandsargumentes“ für Diskurse (das man auch gestern bei Maischberger mehrfach hörte) entlarvt. Kürzlich las ich dergleichen sogar in der FAZ: Die AfD war in der Darstellung des öffentlichen Diskurses schon immer, auch unter Lucke, eine populistische, rechtsextreme Partei.

    Diese Ansicht ist so weit weg von einem intersubjektiv überprüfbaren Urteil, dass ich provokativ die Behauptung wagen würde, dass Menschen, welche eine solche Ansicht mit Verve vertreten, für einen sachbezogenen Diskurs ohnehin verloren sind. Bei Maischberger gestern wurde diese Ansicht übrigens -vorgetragen von Restle- mit am lautesten beklatscht. Dieses Vorgehen (zum Beispiel Restles gestern) bestätigt implizit den abgestrittenen Befund, der Meinungskorridor sei verengt: Wenn man den sachlichen Diskurs, durch persönliche, moralische Wertung ersetzt, ist das nichts anderes als die Verengung des Meinungskorridors.

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
  3. Rainer Seidel

    Vorab: den Artikel in Übermedien habe ich nicht gelesen, werde ich auch nicht tun. Mir reichen die Auszüge bzw. Anmerkungen hier im Text, den ganzen Tag will ich mir nicht versauen.

    Interessant ist der selbstbezügliche Rückschluss der Kommentatoren bzgl. der Ansicht, Herr Lucke wolle im Hörsaal Politik betreiben. Das scheinen ja alles Leute aus Laberfächern wie Soziologie, Journalistik, Politikwissenschaften o.ä. zu sein, wo das wohl tatsächlich so passiert. Nun gut, VWL bzw. Makroökonomie ist jetzt auch nicht die reine Wissenschaft, aber wie Sie schon beschrieben haben, lässt sich Ideologie / Parteipolitik dort schon erkennen.

    Etwas vom Thema weg – obwohl oben erwähnt – ist die offensichtliche Zurschaustellung der eigenen Dummheit oder Unbildung. Immer wenn von „entartet“ die Rede ist, ticken einige / alle Linke aus. Der Begriff „Entartung“ ist ein in vielen Wissenschaften verwendeter Fachbegriff. Als Beispiele: entartetes Gewebe -> Krebs (Medizin), entartetes Elektronengas / Eigenwerte usw. in der Quantenmechanik, entartete Reaktionen in der Chemie, auch in der Informatik verwendet. Hier immer nur den Nazibegriff zu sehen, zeigt eher die eigene Beschränktheit. Andererseits sagt man die Verwendung von Gewalt statt Argumenten ja auch eher den dummen Leuten nach.

    Antwort

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