Was zu Lucke – und etwas Resignation

Man kann den Mob, der sich da in Hamburg auf Kosten von Bernd Lucke (und der Studenten, die bei ihm etwas lernen wollten[1]) austobte, als singuläres Ereignis betrachten, oder vielleicht als Zeichen für untragbare Zustände an Hochschulen. Man kann ihn aber auch als Exempel nehmen für eine Geisteshaltung, die sich immer Bahn bricht und die letzten Endes auf die Abschaffung der Demokratie zielt, wie wir sie bisher kannten. Die Methoden erinnerten manchen an ähnliche Aktionen der Nazis in den 20er und frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts – in Anlehnung an den früheren SPD-Chef Kurt Schumacher[2] schrieben einige auch von „rot-lackierten Faschisten“ -, aber auch wenn man mit solchen Zuschreibungen vorsichtig umgeht (im starken Kontrast zur Gegenseite), muss man konstatieren, dass es sich nicht um demokratische handelt. 

Es ist nur auf den ersten Blick schwer zu entscheiden, ob der Herr nun mehr Hirn oder mehr politische und geschichtliche Bildung vom Himmel werfen sollte, denn für letzteres sind wir Menschen nun mal selbst zuständig, während uns der Einfluss auf ersteres leider weitgehend abgeht. Nimmt man die Ausschreitungen zum Maßstab, die da statt Luckes beabsichtigter Vorlesung stattfanden, scheint es um die Bildung in Hamburg nicht allzu gut zu stehen.

Um mit dem eigentlich Selbstverständlichen anzufangen: Man schreit niemanden nieder, der sich äußern will. Und wenn es sich bei dieser Person um einen Nazi / Faschisten / Rechtsextremen handelt? Ja, einverstanden. Dann geht es. Sobald uns einer eine Methode darlegt, mit der zweifelsfrei und objektiv eine dieser Eigenschaften bei der Person nachgewiesen werden kann. Einfach das Etikett selbst jemandem zu verleihen, um dann nach Herzenslust die argumentative Auseinandersetzung, die Grundlage einer lebendigen Demokratie, zu verhindern – wäre das nicht eine viel zu billige Methode für Demokratiefeinde? Aber anscheinend ist auch das kein Maßstab mehr: Die Anforderungen der Linken an ihren eigenen intellektuellen Gehalt scheinen in den letzten Jahrzehnten stark gesunken zu sein. 

Was hat Bernd Lucke getan, dass sich die linken „Aktivisten“ selbst ermächtigten, ihn an der Ausübung seines Berufes zu hindern? Vorgeworfen werden ihm verschiedene Dinge.

Da wäre erstens das, womit er bekannt wurde: die Gründung der AfD. Die einen machen Lucke dafür verantwortlich, dass aus der AfD das wurde, was sie heute ist. Aber selbst wenn er das durch falsches Handeln wäre, was man vielleicht durchaus diskutieren könnte, so muss man ihm auch zugestehen, dass es nicht in seiner Absicht lag. Wieder andere sagen, dass die AfD von Anfang an auf eine Wählerschaft rechts der CDU gesetzt habe, qualifiziere Lucke selbstverständlich als Nazi. Man möge es entschuldigen, wenn der Werwohlf eine so dämliche Behauptung nicht auch noch dadurch adelt, indem er näher auf sie eingeht. Kurzum: Lucke hat mehrfach seine politischen Positionen dokumentiert, und darunter ist nichts, was ihn auch nur ansatzweise als außerhalb des demokratischen Spektrums ansiedeln würde. 

Der Hamburger AStA wirft Lucke laut „bento“ vor, er vertrete „das Wirtschaftsmodell der Neoklassik, das einen schlanken Staat und den weiteren Abbau der Sozialsysteme fordere“. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass eine solche Forderung keinesfalls die vom linken Mob angewendeten Methoden rechtfertigen würde – die Ausgestaltung des Staates und der Sozialsysteme müssen in einer Demokratie diskutiert werden -, belegen solche Aussagen auch, dass die Lucke-Kritiker von der Materie, die der Professor da zu lehren beabsichtigt, nichts verstehen. Die Neoklassik bezeichnet eine Methodik und kein politisches Programm. Neoklassiker können hinsichtlich der Rolle des Staates und der der Sozialsystem zu durchaus gegensätzlichen Auffassungen gelangen, wie übrigens auch (Neo)-Keynesianer. Schon der Gottseibeiuns der Linken, Milton Friedman, stellte mal fest: „We are all Keynesians now.“

Somit erweisen sich die Vorwürfe gegen Lucke entweder als Ergebnis wahnwitziger Ableitungen oder einfach nur mangelnder Bildung. 

Was jetzt eigentlich erforderlich wäre, wäre ein starkes Eintreten der so hochgerühmten „Zivilgesellschaft“ für Wissenschaftsfreiheit und für Meinungsfreiheit. Und zwar insbesondere des Teils, der mit Lucke politisch nicht übereinstimmt. Das allerdings gestaltet sich ziemlich schwierig. Dank Twitter können wir Reaktionen diverser Funktionsträger unmittelbar erfahren, und vom Medienreferenten des Außenministers bis zum FR-Redakteur trifft man nur auf Häme und den gleichen Hass, der in den Fratzen des Hamburger Mobs zum Ausdruck kam. Die Wissenschaftssenatorin der Freien und Hansestadt Hamburg veröffentlichte gar eine Pressemitteilung, die bestenfalls als lauwarm und schlimmstenfalls als indirekte Parteinahme für die Störer empfunden werden muss. 

Der demokratische Konsens bröckelt. Er droht zu einem Konsens des etablierten Links-Liberalismus zu werden, der alles, was über dessen immer enger werdende Grenzen hinaus ragt, dem Antifa-Mob zum Fraß vorwirft. Wir erleben das schon im Zusammenhang mit der Diskussion um die globale Erwärmung, und jetzt werden diejenigen abgestraft, die durch Gründung neuer Parteien dazu beitragen, dass Meinungen jenseits der herrschenden eine Stimme bekommen. Erst wird die Artikulation dieser Meinungen zum Verursacher von antisemitischen Attentaten erklärt, dann geht es dem Gründer der Partei an den Kragen, in der sie zum Ausdruck kommen, selbst wenn sich dieser inzwischen von der Partei losgesagt hat und sie scharf kritisiert. 

Der wegen seiner Lästereien über Greta Thunberg ins Visier allzeit Empörter geratende Dieter Nuhr hat das lakonisch so zusammengefasst

Der Andersdenkende gilt heute als moralisch minderwertig und wird niedergekämpft. Das macht mir genauso große Sorgen wie der Klimawandel. Das Denken wird totalitär. 

Es ist keine gute Entwicklung. Vor dem allseitigen Freund-Feind-Denken bewahrt uns vielleicht nur noch die Illusion etablierter Liberaler und Konservativer, sie könnten sich durch Wohlverhalten und „Haltung gegen Rechts“ den antidemokratischen Attacken dauerhaft entziehen. Sie bemerken nicht, dass lediglich andere in der Prioritätenliste noch vor ihnen stehen. Die Hamburger „Aktivisten“ öffneten die Tür zu der Gesellschaft, die sie wollen, jetzt für alle erkennbar einen Spalt weit. Wenn die Gegenreaktion ausbleibt oder so erbärmlich schwach ausfällt, wie sich gerade abzeichnet, dürfen wir mit weiteren Einblicken rechnen und vielleicht sogar auch mal eintreten. Wer auf Freiheit keinen Wert legt, den wird das vielleicht zunächst nicht schrecken. Aber auch da ist geschichtliche Bildung zu empfehlen – Stichwort „Prioritätenliste“. Revolutionen fressen irgendwann immer auch ihre Kinder.

[1] Eine Welt, die manchen „Aktivisten“ wohl ewig fremd bleiben wird.
[2] Der sich beim Tweet eines der SPD angehörenden „Social-Media-Managers in der Spitzenpolitik“ vermutlich im Grab umgedreht haben dürfte.

8 Gedanken zu „Was zu Lucke – und etwas Resignation

  1. Dr. Caligari

    Ich werde meinen Kommentar mal in drei Punkte gliedern.
    I.
    Das ist kein Einzelfall und das ist auch nichts außergewöhnliches. Es ist ein Symptom dafür, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt und es ist ein – von den Absender wissentlich geschicktes – Symbol. Die Botschaft lautet: Wenn du einmal auf der falschen Seite stehst, dann gibt es kein zurück mehr.
    Unsere zunehmend hysterischer und aufgereter werdende Kultur macht es möglich, Andersdenkende um ihrer Ideen willen zu verfolgen.

    Ich unterstelle Lucke, dass er mit beiden Beinen fest auf der „FDGO“ steht und im Herzen ein demokratischer Republikaner ist, der sich nur eine etwas andere Politik wünscht.
    Den „Lynsextremisten“ unterstelle ich umgekehrt, dass sie nur gute Absichten verfolgen.

    II.
    Es gibt in Deutschland diverse Ansichten, die inzwischen de facto mundtot gemacht wurden. Dazu zählen insbesondere: Anhänger von konservativen Auslegungen z. B. des katholischen Christentums.
    – Einwanderskritiker, egal wo sie politisch stehen.
    – Islamkritiker, sofern sie das nicht als Humor oder allgemeine Religionskritik verpacken können
    – Eurokritier, solange sie liberal oder rechts argumentieren und nicht mit Marx und Utopien.
    – Konservative, sofern sie nicht vorher ihre Schuld bekennen und nur ein bisschen spielen wollen.

    Lucke ist nur ein willkürliches Beispiel für einen wirtschaftsliberalen Konservativen, der mundtot gemacht wurde. Alle diese Positionen finden in der Öffentlichkeit NICHT mehr statt. Wohlgemerkt, ich kritisiere hier nicht, dass diese Leute Gegenstand von Satire und Kritik werden, das akzeptiere ich, sondern das ihre Position außerhalb der Karrikatur gar nicht mehr zu Wort kommt.
    Die Linken verstehen inzwischen gar nicht mehr, wie konservative oder liberale wirklich denken und können daher rechtsextremismus von gemäßigten Demokraten gar nicht mehr unterscheiden.

    III.
    „Meiner Meinung nach, aber das lässt sich nicht beweisen, nur anhand von Indizien plausbiel machen, bricht sich hier etwas Bahn, das viel, viel tiefer liegt. Eine Sehnsucht nach einer kollektiven Aufgabe, jenseits des Erschaffens und Anhäufens von materiallen Wohlstands – die gute alte Suche nach dem Sinn hinter dem ganzen Kram.“

    Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Deutschland hat fertig.

    Antwort
  2. Rainer Seidel

    Hier passt das Martin Niemöller zugeschriebene Zitat:
    „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
    Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

    Mehr kann man dazu nicht sagen.

    Antwort
      1. Rainer Seidel

        Nein, natürlich ist das NOCH nicht so schlimm, und als notorischer Optimist sage ich, das wird so auch nicht kommen. Aber Ihr letzter Absatz im Text hat dieses Zitat geradezu herausgefordert (Wohlverhalten, „Haltung“, Prioritätenliste). Dazu die Weltuntergangsstimmung des Dr. Caligari-Kommentars.

        Antwort
        1. Dr. Caligari

          Weltuntergangsstimmung wollte ich nicht verbreiten.

          Die Welt wird nicht untergehen. Ich sehe nur schwarz für Deutschland und Co.

          Antwort
  3. Rainer Seidel

    Tja, vielleicht hätte ich „Weltuntergangsstimmung“ in Anführungszeichen setzen müssen. Für mich beschrieb es das schon gut genug. Meine Welt und die meiner Freunde und Verwandten ist halt Deutschland. Und ich komme hier leider nicht mehr weg.

    Antwort

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