Was zu Klima und Nährböden

Was dem Einen Instrumentalisierung, ist dem Anderen entschlossene Haltung.

Da können sich die Täterprofile von islamistischen und rechtsextremen Terroristen noch so sehr ähneln, die Reaktionen auf ihre Taten werden wohl immer unterschiedlich ausfallen. Wer die Morde der einen als Menetekel betrachtet, bemüht sich bei denen der anderen um Relativierung. Wer bei den einen mahnt, man solle jetzt zunächst an die Opfer denken, ist bei den anderen schon längst auf der Suche nach Leuten, die man in Mithaftung nehmen kann. Wer bei den einen vor Hysterie und Verallgemeinerung warnt, dem ist bei den anderen keine Warnung zu schrill und kein Urteil zu pauschal. Im Netz geht diese Grenze quer durch die Nutzer, aber in der politischen Öffentlichkeit gibt es eine dominierende und eine ausgegrenzte Gruppe. Alle Parteien außer der AfD und an ihrer Seite sämtliche öffentlich-rechtlichen Medien sowie die weit überwiegende Mehrzahl der übrigen gehören zur Gruppe, für die die „einen“ aus den Islamisten bestehen, die AfD und ein paar wenige Publikationen zu jener, die dazu die Rechtsextremen zählen.

Mancher Politiker nutzt auch die Chance, seine Lieblingsthemen wieder mal in die Nachrichten zu bringen. Wir haben es wohl nur seinem Ausschied aus dem Bundestag und der mittlerweile erfolgten Einführung der Vorratsdatenspeicherung (die im konkreten Fall überraschenderweise gar nichts verhindert hat) zu verdanken, dass CSUler Uhl die Tat von Halle nicht zum Anlass nahm, wieder mal ein entsprechendes Gesetz zu fordern. Aber der niedersächsische Innenminister und SPD-Vorsitzender-Kandidat Pistorius fordert z.B. ein ganz originelles „Vermummungsverbot im Netz“, wobei ihn weder rechtliche Vorgaben noch falsche Analogien schrecken. Auch der berühmte „rechtsfreie Raum“ kommt bei ihm wieder zu Ehren.

Aber gerade sensationell schnell fand man den „wahren“ Schuldigen des Hallenser Anschlags.: die AfD. Die „vergiftet das Klima“, „bereitet“ oder „düngt den Nährboden“ und sorgt für „geistige Brandstiftung“. Nun kann man der AfD tatsächlich vieles vorwerfen, vor allem, dass sie in ihrer Wagenburgmentalität gegen den linksliberalen Mainstream (und schäbigerweise wohl auch, um keine Wählerstimme verloren zu geben) nicht nur rechtsextreme Sprüche einzelner Funktionäre, sondern auch bekennende Antisemiten zumindest zu lange in ihren Reihen duldet. Allerdings ist der Vorwurf, wenn auch nur indirekt mit dem Attentat von Halle in Verbindung zu stehen, nach Meinung des Werwohlfs derart schwerwiegend, dass es hierzu auch konkreter Belege bedürfte. 

Nun werden zwar schön blumige Metaphern verwendet, um den angeblichen Einfluss der AfD auf Stephan B. zu beschreiben, aber das Blumige hat auch den Vorteil, wenig konkret zu sein. Man kann solche Behauptungen weder widerlegen noch beweisen, und damit eignen sie sich perfekt für die politische Schlammschlacht. Wer ganz clever ist, nimmt die eben vorgetragene, unbelegte Behauptung auch noch als Beleg für die nächste Anschuldigung – wie AKK, die in der AfD den „politischen Arm des Rechtsradikalismus“ nennt. Was eine sehr intelligente Anschuldigung ist, denn jeder kennt den Kontext, in dem der Ausdruck „politischer Arm“ sonst vorkommt – allerdings vermied AKK sicher bewusst den Begriff „Rechtsextremismus“.

Zu guter Letzt wird der AfD auch noch unterstellt, ihre gezeigte Betroffenheit über den Terror sei nicht echt. Darin zeigt sich dann doch die wahre Meisterschaft eines Populisten. Sagt die AfD nichts dazu, wirft man ihr das vor. Äußert die AfD Betroffenheit und Abscheu, nimmt man es ihr nicht ab. Zeigt sich auch nur irgendwo ein Ansatz dafür, dass sie nicht auf der allseits als angemessen betrachteten Linie ist, wird triumphierend darauf verwiesen. Kurz gesagt: Die Reaktion der AfD ist völlig egal, das Urteil über sie (und mehr und mehr ihre Wähler – der Ton ihnen gegenüber verschärft sich mit zunehmender Zeit) steht fest. Da ist es schon ehrlicher, wenn Leute fordern, die AfD einfach gar nicht mehr zu Wort kommen zu lassen, selbst dann nicht, wenn man ihren Vorsitzenden mit bisher unbekannten Hitler-Analogien konfrontiert, die der notorische Björn Höcke irgendwo von sich gegeben hat[1]. 

Die Frage ist, ob zur Vergiftung des Klimas nicht vielmehr die allgemeine, gebetsmühlenartige und immer mehr zunehmende Dämonisierung einer nicht verbotenen politischen Partei beiträgt. Sie scheint jedenfalls schon Erfolg zu haben. AfD-Mitglieder müssen um ihre Jobs fürchten, um ihre körperliche Unversehrtheit, um ihr Eigentum und ihr normales gesellschaftliches Leben. Und nicht nur Mitglieder, sondern alle, die in Kontakt zu ihnen stehen. Dem Werwohlf ist keine andere politische Partei bekannt, auf die dies zuträfe. Dass Macht und Einfluss nicht gerade auf der Seite der AfD stehen, sollte damit klar sein. 

Das Problem in der gegenwärtigen Debatte: Nach allem, was man bisher über den Täter weiß, hat er sich über Kanäle radikalisiert, die in der öffentlichen Diskussion in Deutschland gar nicht vorkommen. Die AfD dürfte für ihn so relevant gewesen sein wie die SPD. Er ist nicht engstirniger Nationalist, sondern auf seine Weise weltoffener Globalist – so sehr, dass seine perverse „Live-Berichterstattung“ auf Englisch erfolgte. Seine Welt ist nicht die der Hundekrawattenträger, die über das Dritte Reich als „Vogelschiss“ sinnieren. Seine Welt ist Hardcore: Christchurch, Breivik, „White Supremacy“.

Es gibt dazu noch einen weiteren geistigen Mittäter: die Gamer-Szene oder generell Computerspiele in Richtung „Ego-Shooter“, denn eine Leidenschaft für diese fand man nicht nur bei Stephan B., sondern früher auch bei jugendlichen Amokläufern. Auch da sind die Fronten wieder schwarz-weiß. Für die einen sind die Spiele das Übel schlechthin, für die anderen haben sie rein gar nichts mit späteren Taten zu tun. Dass sie nicht Verursacher sind, dürfte mittlerweile feststehen. Aber Verstärker können sie durchaus sein, zumal, wenn man beim gemeinsamen Zocken auch noch Gesinnungsgenossen kennen lernt. Da ist die Versuchung groß, sich vom echten Leben abzukoppeln und in eine Parallelwelt zu flüchten, in der z.B. Juden nicht mehr als reale Menschen, sondern nur noch als abstrakte Macht vorkommen, gegen die man sich wehren muss. 

Auch die Ideologie wird bei solchen Taten wohl eher selten die Ursache sein – sie bestimmt höchstens, gegen welche Ziele sich die Gewalt letztlich richtet. Man kennt es von islamistischen Attentätern wie von rechtsextremen – in einer labilen Persönlichkeit ist alles schon angelegt, was durch entsprechende Fütterung dann in einer bestimmten Richtung zum Ausbruch kommt. Wenn man das berücksichtigt, ist es weniger eine angeblich von rechtem Gedankengut infiltrierte Gesellschaft, die hier versagt, sondern eine, die kein Auge mehr hat für die Entwicklung von Mitmenschen. Eine, in der nur noch Individuen vor sich hin leben, und jedes Achten auf den Nachbarn bereits als Verletzung der Privatsphäre angesehen wird. Das kann nur von dem Teil der Gesellschaft geleistet werden, in dem sich die jeweilige Person bewegt. Bei Islamisten wären das wohl eher befreundete und verwandte Muslime oder solche aus Moschee und Nachbarschaft, bei Leuten wie Stephan B. ganz allgemein Freunde, Bekannte und Verwandte, und sogar jene, mit denen er in Spieleforen Kontakt hat. 

Es ist heute viel zu leicht. Viel zu leicht, zum radikalen Einzelgänger zu werden. Viel zu leicht, einer tödlichen Ideologie zu verfallen. Und viel zu leicht, sich die Waffen zu besorgen, um den wirren Gedanken verheerende Taten folgen zu lassen. 

[1] Nochmal: Es gibt genug Gründe, sich gegen die AfD zu stellen. Höcke, der seine Vorbilder erkennbar aus der Zeit vor 1945 erwählt hat, und sein zunehmender Einfluss ist sicher einer davon. Aber die Maßlosigkeit, die dabei von den etablierten Parteien in ihrer Hilflosigkeit praktiziert wird, kann nur das Gegenteil von dem erreichen, was beabsichtigt wird und trägt auf jeden Fall zu weiterer Polarisierung bei. Dass das Nazi-Geschrei schon ausgestoßen wird, wenn jemand linken Ideen widerspricht, hat diesen Vorwurf schon so inflationiert, dass er kaum noch eine Wirkung entfaltet und vor allem zur Verortung desjenigen beiträgt, der es anbringt. 

5 Gedanken zu „Was zu Klima und Nährböden

  1. Dr. Caligari

    Zitat aus dem Artikel:
    „Aber der niedersächsische Innenminister und SPD-Vorsitzender-Kandidat Pistorius fordert z.B. ein ganz originelles „Vermummungsverbot im Netz“, wobei ihn weder rechtliche Vorgaben noch falsche Analogien schrecken. Auch der berühmte „rechtsfreie Raum“ kommt bei ihm wieder zu Ehren.“

    Das ist natürlich Schwachsinn, das weiß auch jeder. Jeder weiß auch, worum es wirklich geht. Man will die Überwachung wie in der DDR.

    Die Sache in Paris sollte für den logisch denkenden Menschen in der Tat eine Schulssfolgerung zulassen: Die Polizei selbst ist nicht unbedingt neutral. Da sitzen durchaus Täter.
    Die liberale Maxime, den Staat zu beschränken, bleibt auch im 21. Jahrhundert aktuell.

    Zitat aus dem Artikel:
    „Die Frage ist, ob zur Vergiftung des Klimas nicht vielmehr die allgemeine, gebetsmühlenartige und immer mehr zunehmende Dämonisierung einer nicht verbotenen politischen Partei beiträgt.“

    Nö. Eine Partei, die Rechtsradikale bei sich duldet, muss man auch so benennen können und da hat der Mainstream hinreichende Belege geliefert. Ich bin geneigt, das zu glauben. Die Sprache ist da eindeutig.
    Ich sage nicht, dass diese Partei diese Ideologie offen und direkt vertritt, aber sie bietet diesen Leuten eine politische Heimat an. Genauso wie die Linkspartei ehemalige SEDler beherbergt und einige Leute, die den neuen Weg in den Sozialismus suchen.

    Das Klima wird nicht dadurch vergiftet, dass man diese oder jene Partei ablehnt.
    Das Klima wird vergiftet, indem man eine Sachposition durch systematisches diskreditieren unmöglich machen will.
    Inzwischen ist Kritik an einer gewissen Religion (an anderen nicht), an der Zuwanderungspolitik und am Klimawahn nicht mehr möglich…

    Zitat aus dem Artikel:
    „Aber Verstärker können sie durchaus sein, zumal, wenn man beim gemeinsamen Zocken auch noch Gesinnungsgenossen kennen lernt.“

    Ich kenne jede Menge Leute, die Egoshooter spielen und ich selbst spiele auch schon sehr lange Videospiele und ich habe dabei nie, niemals, irgendwelche politischen Diskussionen geführt. Ich glaube auch nicht, dass dabei irgendwelche Leute radikalisiert werden können. Dazu muss man schon sehr bewusst entsprechende Seiten und Leute aufsuchen.

    Es gibt Millionen von Computerspielern, die sind nicht alle irgendwie Rechts oder glauben an dumme Verschwörungstheorien aus den 1930ern…

    Zitat aus dem Artikel:
    „Eine, in der nur noch Individuen vor sich hin leben, und jedes Achten auf den Nachbarn bereits als Verletzung der Privatsphäre angesehen wird.“

    Hat die Gesellschaft hier versagt? Oder waren es vielleicht die Individuen selbst?

    Wenn ich mir Europa so ansehe, dann sehe ich eine sehr friedliche, sehr unideologische (egal ob Rechts, Links oder „oben“ (Religion)) und sehr tolerante Gesellschaft.
    Ich kann mir morgen die Haare pink färben, zu einer fremden Religion übertreten und meinen Beruf aufgeben, um als Aktmaler reich zu werden.
    Ich würde damit anecken und scheitern, aber ich würde nicht bedroht.

    Zitat aus dem Artikel:
    „Viel zu leicht, zum radikalen Einzelgänger zu werden“

    Ist das so?
    Gab es 1957 keine Einzelgänger oder Leute, die irgendwe nich dazugehören? Früher hatten diese Leute einfach ein sehr einsames Leben oder hätten sich der Religion oder sonstwo hingegeben. Heute verbrauchen sie ihre Zeit mit Spielen.

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Eine Partei, die Rechtsradikale bei sich duldet, muss man auch so benennen können und da hat der Mainstream hinreichende Belege geliefert. Ich bin geneigt, das zu glauben. Die Sprache ist da eindeutig.
      Ich sage nicht, dass diese Partei diese Ideologie offen und direkt vertritt, aber sie bietet diesen Leuten eine politische Heimat an. Genauso wie die Linkspartei ehemalige SEDler beherbergt und einige Leute, die den neuen Weg in den Sozialismus suchen.

      Das ist nicht das, was ich mit „Dämonisieren“ meine. Darunter fällt z.B., dass man die AfD für Dinge verantwortlich macht, bei denen eine Ursache-Wirkungs-Beziehung freundlich ausgedrückt äußerst wacklig ist. Auch die AfDler, selbst einen Höcke, schlicht als Nazi zu bezeichnen, gehört dazu.

      Ich kenne jede Menge Leute, die Egoshooter spielen und ich selbst spiele auch schon sehr lange Videospiele und ich habe dabei nie, niemals, irgendwelche politischen Diskussionen geführt. Ich glaube auch nicht, dass dabei irgendwelche Leute radikalisiert werden können. Dazu muss man schon sehr bewusst entsprechende Seiten und Leute aufsuchen.

      Es gibt Millionen von Computerspielern, die sind nicht alle irgendwie Rechts oder glauben an dumme Verschwörungstheorien aus den 1930ern…

      Das letztere ist jetzt aber ein Strohmann. Und der Teil davor taugt leider nicht als Gegenrede zu meiner Aussage. Ich z.B. bin in meinem ganzen Leben noch keinem Neonazi begegnet. Soll ich deswegen jetzt behaupten, es gäbe keine?
      Siehe hierzu z.B. https://www.tagesschau.de/inland/gamifizierung-101.html

      Hat die Gesellschaft hier versagt? Oder waren es vielleicht die Individuen selbst?

      Ist das ein Gegensatz? Der Punkt ist, dass es früher vielfältige Institutionen gab, in die man eingebettet war. Da wurde dann schon jemand aufmerksam, wenn man sich irgendwie seltsam entwickelte. Heute wird das eher als Einschränkung von Freiheit empfunden und durch Staatsleistungen „ersetzt“ – der Staat aber kümmert sich nicht um die Person, der zahlt meistens nur nach Aktenlage.

      Antwort
      1. n_s_n

        Zitat aus dem Artikel:
        „Aber Verstärker können sie durchaus sein, zumal, wenn man beim gemeinsamen Zocken auch noch Gesinnungsgenossen kennen lernt.“

        Wenn ich was dazu sagen darf.

        Eine Korrelation darf man getrost annehmen, eine Kausalität wohl eher nur vermuten. Ich persönlich vermute sie eher nicht.

        Solche Spiele mögen durchaus eine Anziehung auf Menschen mit diesbezüglichen Gewaltphantasien haben. Und dann ist natürlich auch logisch, dass sie sich dann dort treffen. Die Frage ist nur, ob Spiele zusolcher Entwicklung einen Beitrag liefern, der ohne sie nicht erbracht werden würde. Wenn es keine Spiele gäbe würden sie sich eben woanders treffen, an Orten wo sich dann so Leute alternativ hingezogen fühlen würden.

        Die Gamer Szene und das erschließt sich nach meiner Erfahrung Menschen, die sich darin nie bewegten nicht, ist ein Gemeinschaft wie jeder andere. Virtuell aber mit allen Eigenschaften, die man auch im echten Leben findet.

        Die Frage ist letztendlich: Geht die Sonne unter, weil die Grillen Zirpen oder Zirpen die Grillen, weil die Sonne untergeht?

        Antwort
          1. n_s_n

            Absolut richtig.

            Wir beide sind uns sicher schnell einig, dass das identitäre Gruppieren von Individuen Unsinn ist. Das gilt für Spieler, wie für andere. Ein einziges Merkmal definiert keinen Menschen.

            Ich hatte bei meiner Antwort auch die immer wieder kehrende Forderung nach dem Verbot von bestimmten Spielen im Kopf.

            Bei solchen Spielgemeischaften gibt es gefährliche Subkulturen, ohne Frage. Die Spiele selbst sind aber weder eine notwendige, noch eine hinreichende Bedingung zur Entwicklung solcher Charaktere. Maximal scheinen sie mir Magnet zu sein.

            Antwort

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