Was zur Lust an der Diskussion

Ja, der Werwohlf hat jetzt und hier sein Coming Out als Nostalgiker.

Er findet, dass früher mehr diskutiert wurde, und er vermisst es. Mancher wird es ihm nicht glauben, aber kritiklose Zustimmung ist nichts, was er intellektuell besonders attraktiv finden würde (so souverän, dass er sich darüber nicht freuen würde, ist er allerdings auch nicht). Erstens, weil sie ihm natürlich vorkommt, und zweitens, weil sie ihm keinen neuen Input liefert. Genau so übel findet er Gesprächsverweigerung. Aber genau diese beiden Reaktionen gelten wohl inzwischen als die üblichen. Das war in den 70ern in der Bundesrepublik Deutschland noch anders. Die mag zwar ethnisch nicht divers genug für heutige Ansprüche gewesen sein, aber inhaltlich war sie es. Da standen sich sozialistische und marktwirtschaftliche, staatsautoritäre und liberale Konzepte noch in relativ reiner Form gegenüber. Man stritt sich, durchaus auch gerne mal polemisch, aber nie wäre man auf die Idee gekommen, der anderen Seite die Konfrontation zu versagen. Im Gegenteil: Es galt als Tugend, die eigenen Ideen in einer Diskussion zur Probe zu stellen, sie von wem auch immer angreifen zu lassen, um dann am Ende mit dem guten Gefühl heraus zu gehen, die eigenen Argumente geschärft zu haben[1]. Aber der Andere wurde als Gegenspieler ernst genommen, ja, diese Rolle war sogar zwingend erforderlich – wie sonst hätte man den eigenen Anhängern zeigen können, wie sehr sie selbst auf der richtigen und die „anderen“ auf der falschen Seite der Auseinandersetzung stehen. Aber beide Rollen gehörten zum selben Stück – nie wäre man auf die Idee gekommen, den Widerpart in irgendeiner Form auszuschließen.[2] 

Wobei – das stimmt nicht zu 100%. Der sogenannte „Radikalenerlass“ sollte zumindest dafür sorgen, dass linke[3] Systemveränderer nicht vom Staat bezahlt würden – was ihnen dann je nach persönlicher Lage auch die Existenzgrundlage hätte nehmen können. Er wurde nach langer und intensiver Kritik, vor allem von links, je nach Bundesland zwischen 1985 und 1991 abgeschafft. Dass solche Ideen inzwischen wieder dankbar aufgegriffen werden, nur eben mit anderem Spin und unter linkem Beifall, zeigt die gesellschaftliche Veränderung seitdem. Die auch gerne mal als Ministerin ins Spiel gebrachte SPD-Politikerin Eva Högl fordert z.B. “ eine konzertierte Aktion zur Entfernung von Rechtsextremen aus dem öffentlichen Dienst“. Interessant, wie sich Zeiten und Fronten ändern.

Heute passt es jedenfalls ins Bild. Der heutige Linke giert nicht mehr danach, seinen Gegner in der Diskussion zu stellen, sondern er verlangt, ihm nie mehr irgendwo zu begegnen. Schließlich ist er es ja, der für die letztgültig reinen und hehren Dinge eintritt, und jeder, der auch nur ein Jota Abweichung für denkbar erklärt, erweist sich damit als „Menschenfeind“, den man dann gerne auch als Faschist oder Nazi hinstellen darf – wer will sich um kleinliche Differenzierungen sorgen, wenn der große Unterschied, nämlich die einem selbst widersprechende Position, genug Anlass für solche Einstufungen liefert. Und aus denen kann man dann alles an Forderungen ableiten, was den Idealen des Grundgesetzes widerspricht. Haltung muss vor Recht gehen. Das werden Sie heute von der labernden Klasse, also Politikern, Journalisten, geisteswissenschaftlichen Professoren und allen zu hören bekommen, die sich diesem Milieu angehörig fühlen. Dass die Rechtsstaatlichkeit des Grundgesetzes eben eine Konsequenz aus ideologischer Vorherrschaft war, spielt heute keine Rolle mehr. Man ist ja auf der diametral anderen Seite des Links-Rechts-Spektrums als die bösen Nazis, und damit auf der richtigen. Selbst wenn man sich ungeniert der Methoden der Nazis bedient – es ist ja die gute Sache, die zählt, und die, an denen man diese Methoden anwendet, haben es selbstverständlich verdient. Eben weil sie nicht für die gute Sache eintreten. Nur das lässt dieses Milieu heute als Konsequenz aus der NS-Zeit gelten. Die Ideologie der Nazis war falsch, nicht etwa ihre Methoden. Die haben natürlich ihre Berechtigung, wenn sie zur Bekämpfung der Gegner der einzig richtigen Ideologie dienen – schließlich geht es hier ums Überleben. Mindestens. 

Natürlich provozieren solche absolutistischen Bewegungen auch Gegenbewegungen. Die im Zweifel ihrerseits auch nicht das hehre Lied des zivilisierten Diskurses singen werden, sondern auf den einen Schelmen anderthalbe zu setzen versuchen. Zur Freude der Linken selbstverständlich, denn derart tumb haben sie sich ihre Gegner immer vorgestellt, was sie aller Versuchungen enthebt, womöglich irgendwelche Gegenargumente zur Kenntnis nehmen zu müssen. Das Abziehbild des Andersdenkenden wird bereitwillig serviert, also besteht nur noch ein wenig Transferaufwand darin, es auf alle Einwände zu beziehen. Was um so leichter fällt, je verbohrter man selbst ist.

Jetzt hat es der Kabarettist Dieter Nuhr gewagt, Kritik am Greta-Kult der Klima-Aktivisten zu üben. Auch, indem er einige Gedanken überspitzt formuliert und in einen anderen Kontext gebracht hat, was als Handwerkszeug der Satire jetzt so außergewöhnlich nicht ist. Aber das „How dare you!“ ist wohl inzwischen zum Leitspruch dieser Aktivisten geworden. Plötzlich entdecken Linke, dass sie mit ihren Gebührengeldern auch andere Meinungen finanzieren könnten – ein Gefühl, das wirklich neu für sie sein muss. Und dass zu ertragen sie schon gar nicht bereit sind. Zwar wird dann auch mal alibimäßig Stilkritik ins Feld geführt, aber jedem Leser solcher „Debatten“ ist schnell klar, dass das Defizit der kritischen Meinung vor allem in der Kritik besteht. Es gibt eben Punkte, die jeder Diskussion enthoben sind, und es werden immer mehr. Der Werwohlf kennt das Konzept schon aus der „wissenschaftlich begründeten Weltanschauung“, und tatsächlich sollen Wissenschaftler als letzte Referenz gelten – für politische Maßnahmen wohlgemerkt. Das darf, das muss man als Demokrat für bedenklich halten. Wissenschaftler können aufzeigen, welche Folgen nach ihrer Meinung aus welchen Maßnahmen entstehen, aber sie können nicht die Bewertung für den demokratischen Souverän übernehmen, so sehr das auch eine Enttäuschung für alle Hobby-Systemveränderer sein mag. 

Doch solche Ideen sind aus der Zeit gefallen. Wir leben mehr und mehr in vordemokratischen Zeiten. Wer die Macht hat, bestimmt, wie sehr die Macht in Frage gestellt werden kann. Nicht sehr, scheint es, und am Vorbild China fehlt nicht mehr viel.

 

[1] Machen wir uns nichts vor: Eine Anpassung der eigenen Ideen an die des Anderen stand nie zur Debatte. Jedenfalls nicht in der Diskussion selbst. Aber Folgewirkungen konnte es haben.
[2] Man glaubt es kaum, aber die Lust an der Diskussion war damals ein linkes Konzept.

[2] Andere waren damals schlicht nicht relevant.

12 Gedanken zu „Was zur Lust an der Diskussion

  1. n_s_n

    Meines Ermessens könnte man noch eine weitere Auswirkung identitätslinker Diskursverweigerung nennen, als nur das entstehen einer Gegenbewegung unter umgekehrten Vorzeichen, welche zur Polarisierung führt:

    Es vergeht die Lust am Gegenargument, selbst bei denen, die diskutieren wollen.

    Wenn jeder Ansatz zur Diskussion die Seelenhygiene in Schieflage bringt, weil der eigene „Wert als Mensch“ zur Disposition steht oder deine Zurechnungsfähigkeit in Frage gestellt wird, verschwindet Diskussionsbereitschaft aufgrund sozialen Drucks. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen.

    Ich kann da ein Lied von singen. Mehr Bedürfnis, als das, sich ab und an von Gleichgesinnten bestätigt zu sehen, hat man dann nicht mehr. Diskussion dient nicht mehr der Erkenntnisgewinnung, sondern zur Vergewisserung des eigenen selbst.

    Es ist nicht nur die Polarisierung einiger Teile, es ist die Apathie noch größerer Teile, welche zum Hemmschuh für gesellschaftlichen Diskurs wird.

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Lieber n_s_n, ich muss sagen, dass ich das nicht richtig verstanden habe. Wenn die andere Seite tatsächlich „diskutieren will“, warum verwendet sie dann Totschlagargumente?

      Die große Masse war schon immer relativ desinteressiert („apathisch“). Allerhöchstens bezieht sie ihre Infos aus dem (öffentlich-rechtlichen) Fernsehen, was leider mittlerweile nicht mehr vor verzerrter Wahrnehmung bewahrt. Erst wenn die erlebte Realität drastisch dem vermittelten Bild widerspricht, besteht eine Chance auf kritischere Rezeption. Mit anderen Worten: Die Kacke muss schon mächtig am Dampfen sein, damit sich dort etwas bewegt.

      Antwort
  2. n_s_n

    Zitat:
    „Lieber n_s_n, ich muss sagen, dass ich das nicht richtig verstanden habe.“

    Ich war wohl mißverständlich, weil ich unzulässigerweise einfach von mir auf andere geschlossen habe.

    Ich hatte früher immer große Lust am diskutieren. Gerade am dazulernen, nicht am rechtbehalten. Die zuhnemende moralische Wertung meiner Argumente durch die Diskussionspartner, die mich wahlweise als „dumm“, „verblendet“, „unmenschlich“, „radikal“, „assozial“, „unchristlich“, „schmarotzerhaft“ oder ähnliches hinstellt, hat mir diese Lust fast gänzlich vergällt.

    MIr ist der Spaß daran vergangen, durch das Ausführen von Argumenten, die man nicht einmal bereit ist,sich bis zum Ende anzuhören, geschweige denn zu reflektieren, sofort in eine Ecke geschoben zu werden, die in irgendeiner Art und Weise mit sozialer Ächtung einhergeht oder meinen Verstand in Frage stellt. Letzten Endes mein Selbstverständnis als Mensch angreift. Ich habe das so satt.

    Es geht nicht um Argumente und nicht um Verstehen. Es geht um Bequemlichkeit zum Preis moralischer Vorurteile.

    Kürzlich laß ich einen Kommentar, der bezüglich der Klimadiskussion seinen Ärger darüber zum Ausdruck brachte, dass es nur Extreme Spinner auf der einen, wie auf der anderen Seite gäbe. Das einzige was mir dazu einfiel war, dass Menschen, welche seit Ewigkeiten versuchen rationale Argumente der Hysterie entgegen zu stellen, von Anfang an als Spinner hingestellt werden. Man denke mal an die glorreiche Broschüre des Wahrheitsminist.. äh Bundesumweltamtes „Und sie erwärmt sich doch.“

    Wer den rationalen Diksurs über Jahre mit moralischem und ideologischem Dünnpfiff torpediert, sollte sich nicht wundern, wenn er entgleist. Sollte sich nicht wundern, dass rationale Diskursteilnehmer die Lust verlieren zu versuchen ebendiesen zu führen. Das ist mein persönliches Empfinden und gilt natürlich nicht für jeden. In meinem persönlichen Umfeld denken die meisten ich habe 2nicht mehr alle Latten am Zaun“ und bevorzugen, wenn ich meine Sicht auf die Welt für mich behalte. Soziale Isolation ist eine komponente schlecht geführter Diksurse und vielleicht auch eine Komponente der Entwicklung von Filterblasen im Internet, mit der man soziale Isolation in der Realität umgehen kann.

    In meiner Schule war das noch anders. Da waren es vor allem linke Lehrer, die meine Meinung völlig falsch fanden, meine Argumente und die Diskussion mit mir aber sehr schäzten. Sie mochten mich und meine Art trotz (und vielleicht auch gerade in Verbindung mit) meiner „Verblendung“ in ihren Augen. Sowas kann ich mir heute überhaupt nicht mehr vorstellen.

    Zitat
    „Die große Masse war schon immer relativ desinteressiert („apathisch“). “

    Ziemlich sicher hast du da Recht. Meine These wäre eben die gewesen, dass auch die, welche gerne diskutieren, so wie ich, immer mehr die Lust verlieren. Sie mag aber falsch und eine unzulässige Verallgemeinerung persönlicher Erfahrungen sein.

    Zitat
    „Allerhöchstens bezieht sie ihre Infos aus dem (öffentlich-rechtlichen) Fernsehen, was leider mittlerweile nicht mehr vor verzerrter Wahrnehmung bewahrt. “

    Der ÖRR hat einen maßgeblichen Anteil an der von mir beschriebenen Entwicklung. Die Grüne Diskursführeung, die im wesentlichen die Moralisierung der Sachdebatte einführte ist das Drama. Der ÖRR hat dieses Drama institutionalisiert.

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Ah, so hast du es gemeint!

      Das ist klar: Eine Diskussion, in der die andere Seite aufgrund einer selbstattestierten moralischen Überlegenheit die Motive ihres Gegenüber in Frage stellt (oder mangels Argumenten vielleicht auch in Frage stellen muss…), ist keine. Das ist nur die verzögerte Variante der Verweigerung. Mit solchen Leuten zu reden macht keinen Sinn.

      Wenn du dann noch von Berufs wegen oder wegen anderer Bindungen in ein entsprechendes grün-linkes Biotop geraten bist, kann das dann schon frustrieren. Allerdings ist meine Erfahrung, wenn ich mich denn mal auf Diskussionen mit solchen Leuten einlasse, dass als Reaktion vorwiegend Staunen folgt, weil meine Gegenüber das, was sie von mir zu hören bekommen, so vorher nie gehört haben (z.T. auch, weil sie sich als Gegenpart nur den Strohmann vorgestellt haben, der da üblicherweise bereit steht). Allerdings wirkt auch das anscheinend nur im persönlichen Gegenüber, weil ich da meine ganzen manipulativen Fähigkeiten ausspielen kann 😉

      Antwort
      1. n_s_n

        Zitat:
        “ … was sie von mir zu hören bekommen, so vorher nie gehört haben.“

        Meine persönliche Erfahrung ist, dass ich (im RL) ausschließlich als genau der Strohmann wahrgenommen werde, den man erwarten darf, wenn man den eigenen bemüht, sobald ich meine Argumente ausführe. Keine Ahnung woran das liegt.

        Von rhetorischem Ungeschick, bis hin zu mangeldener Argumentationsfertigkeit mag da alles möglich sein. Komisch vor allem, dass mich die Leute meist mögen, solange ich über Weltanschauliches den Mund halte.

        Worum es mir in meinen Anmerkungen ging, ist vor allem die soziale Ächtung, die für Leute, welche sich mit ihrem sozialen Umfeld arrangieren wollen (müssen), maximal Diskussionshemmend wirkt. Kaum ein Mensch hält auf Dauer aus, in seinem Umfeld nicht sozial akzeptiert zu sein. Dazu braucht es sehr besondere Eigenschaften.

        Herzlich

        n_s_n

        Antwort
        1. Werwohlf Autor

          Keine Ahnung woran das liegt.
          Komisch vor allem, dass mich die Leute meist mögen, solange ich über Weltanschauliches den Mund halte.

          Ja, das ist eigenartig. Kann gut sein, dass das von dir Angeführte eine Rolle spielt. Aber vielleicht veränderst du dich auch, wenn du politisch wirst? Wir sollten uns mal treffen…

          Kaum ein Mensch hält auf Dauer aus, in seinem Umfeld nicht sozial akzeptiert zu sein. Dazu braucht es sehr besondere Eigenschaften.

          Das hält keiner aus. Meine Erfahrung ist nur, dass das trotz abweichender Meinungen meistens doch funktioniert, wenn der „Rest“ passt. Da hieße das vielleicht „Jaja, der Werwohlf wieder…“, aber ohne auf die Person zielende Angriffe.

          Antwort
  3. Dr. Caligari

    Hallo Werwohlf,

    keine Ahnung, aber ich muss dir zustimmen. Die Sache ist für mich relativ simpel: Ich habe mal versucht, die heilige Greta und die Klimabewegung zu kritisieren – anschließend hat man nicht mehr mit mir über dieses Thema gesprochen, aber hintenrum höre ich, dass ich als eine Art Fake News-Jünger betrachtet werde.
    Für mich bleibt angesichts dessen nur die Schlussfolgerung übrig, dass wir in Deutschland wieder bestimmte „Glaubenssätze“ (ein Glaube muss ja nicht pauschal falsch sein!) haben, die man mit rationalen Mitteln nicht mehr in Frage stellen darf. Dazu gehört nicht nur der Klimawandel, sondern auch die richtigen Aktionen dagegen.

    Meine eigene Strategie in dieser Situation besteht darin, dass ich das Thema selbst nicht anschneide und wenn es besonders aggressiv herausgekramt wird, ein paar gezielte, sarkastische Bemerkungen mache. Von einigen Leuten kommt dann nichts, andere zeigen sich überraschend zustimmend.

    Meiner Meinung nach, aber das lässt sich nicht beweisen, nur anhand von Indizien plausbiel machen, bricht sich hier etwas Bahn, das viel, viel tiefer liegt. Eine Sehnsucht nach einer kollektiven Aufgabe, jenseits des Erschaffens und Anhäufens von materiallen Wohlstands – die gute alte Suche nach dem Sinn hinter dem ganzen Kram.
    Das hat man anno 2015 bei den Flüchtlingen gesehen, im Kampf gegen die AfD und jetzt eben im Klimawahn. Dass es größtenteils Frauen und Mädchen sind, die vorne weggehen, scheint mir kein Zufall.

    Es gibt jetzt naturgemäß drei Gruppen von Leuten, die diesen Kram nicht mitmachen können oder wollen, weil sie diese Sehnsucht nicht spüren:
    1.) Leute, die glauben ihren Lebenssinn schon gefunden zu haben. Sei es durch Familie, durch Religion oder sonst wie.
    2.) Menschen, deren materielle Situation das Streben nach materiellen Gütern doch erstrebenswert macht. Das betrifft dann prekär beschäftigte, Kleinunternehmer, Mittelstand mit Abstiegsängsten usw.
    3.) Ist die Gruppe derjenigen, die sich von Klima-AntiAfD-Flüchtling eher abgestoßen fühlen. Die Skeptiker, die Leute, die immer noch auf der Suche sind. Vor allen Dingen auch Leute, die zuerst nach der Berechtigung einer Ansicht fragen usw.

    Zur Gruppe nummer 1 noch ein Nachtrag: Hat jemand schon mal einen Klimabewegten aus der Gruppe der Russlanddeutschen oder türkischen Minderheit gesehen? Zufall? Ich glaube nicht.
    Ich denke vielmehr, dass da einfach keine Sinnleere wahrgenommen wird, die dann durch gute Taten ausgefüllt werden muss..

    Antwort
    1. n_s_n

      Danke für diesen Kommentar, bei dem ich so ziemlich jeden Gedanken nachvollziehen oder bestätigen kann.

      Ihre Einteilung in die drei Gruppen und der Verweis auf die feminine Seite der Klimabewegung erscheinen mir dabei als besonders erwähnenswerte Gedanken.

      Zu 1) möchte ich aus eigener Empirie beisteuern, dass gerade im grünen Milieu ein überdurchschnittliches hohes Streben nach transzendentem Sinn besteht.

      Bei 2) würde ich derweil nicht nur die prekär Beschäftigten sehen. Als Eltern kann man durchaus materielle Absicherung für seine Kinder als sinnhaftes Ziel sehen. Vor allem wenn man noch eine Erziehung erfahren hat, welche noch von den Entbehrungen des Krieges geprägt war und als Ziel hatte, es den Kindern einmal besser gehen zui lassen, als man es selbst erfuhr.

      Mein Großvater war Tagelöhner und sein Enkel besitzt einen Universitätsabschluß. Wohl keine seltene Entwicklung im Nachkriegsdeutschland. Die Möglichkeit solcher Entwicklungen zu schätzen haben nicht alle aber doch viele verlernt. Vor allem verlernt hat man auch die Eigenschaften, die zu solcher Entwicklung gehören. Zum Beispiel Fleis, Wertschätzung von Eigentum oder auch Höflichkeit.

      Ich selbst finde mich in Ihren Gruppen 2 und 3 wieder.

      Auch wenn ich solche Gedanken, wie die von Ihnen, nur im Netz finde und nicht im realen Leben, durchbrechen sie mein Gefühl der sozialen Isolation. Dankeschön dafür.

      Herzlich

      n_s_n

      Antwort
    2. Werwohlf Autor

      Meine eigene Strategie in dieser Situation besteht darin, dass ich das Thema selbst nicht anschneide und wenn es besonders aggressiv herausgekramt wird, ein paar gezielte, sarkastische Bemerkungen mache. Von einigen Leuten kommt dann nichts, andere zeigen sich überraschend zustimmend.

      Das ist eine gute Strategie, die ich auch gerne mal anwende.

      Eine Sehnsucht nach einer kollektiven Aufgabe, jenseits des Erschaffens und Anhäufens von materiallen Wohlstands – die gute alte Suche nach dem Sinn hinter dem ganzen Kram.
      Das hat man anno 2015 bei den Flüchtlingen gesehen, im Kampf gegen die AfD und jetzt eben im Klimawahn. Dass es größtenteils Frauen und Mädchen sind, die vorne weggehen, scheint mir kein Zufall.

      Sinn – ja, sicherlich auch. Vordergründig wird Deutschland immer areligiöser, aber Sinnsuche und Spiritualität sind menschliche Grundbedürfnisse, die dann eben von anderen Anbietern befriedigt werden. Was ich aber auch sehe ist, dass viele Menschen in einer liberalen Gesellschaft nicht zurechtkommen. Wir kennen die Klagen, dass ein zu großes Angebot an Waren und Unterhaltung als Problem empfunden wird, aber das betrifft auch die bei einigen einsetzende Unsicherheit, mit einer Pluralität von Meinungen zurechtzukommen. Es gibt diesen Wunsch nach Gewissheit, bei den Deutschen wohl auch nach Heilsgewissheit, scheint doch ein Haupterfolg des Christentums in Deutschland in einem weitverbreiteten Schuldgefühl zu bestehen. Okay, ökonomische Ahnungslosigkeit, die sich die Welt nur als Kuchenmodell vorstellen kann, indem das, was der eine gewinnt, ein anderer verloren haben muss, kommt auch noch hinzu.
      Ich würde mich eher zu deiner Gruppe zählen, aber mit Anklängen an die erste. Ich verfüge (auch im RL ;-)) über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, was bitte wörtlich zu verstehen ist als Bewusstsein dessen, was ich bin, mit allen Stärken und Schwächen. Da ist auch keine Suche mehr, weder nach innen noch nach außen, z.B. in Form von Anerkennung. Ich weiß, dass mich von den meisten Leuten viel unterscheidet, einerseits, was Tiefe und Breite der Gedanken angeht, andererseits, was ihre werturteilsgesteuerte Richtung betrifft. (Einschub: Das klingt jetzt z.T. arrogant und selbstherrlich. Aber was soll ich machen, wenn das von Schulzeiten an bis heute im Beruf meine Erfahrung ist?) Wenn es also so aussieht, als gehe die große Masse der Menschen in eine bestimmte Richtung, gehe ich automatisch erstmal in eine andere (nicht die entgegengesetzte, denn in der ist meistens auch schon eine gehörige Anzahl unterwegs). Nach einer reflektierten Korrektur stellt sich das meistens auch als sinnvoller heraus, als der Masse gefolgt zu sein. Bei den Denkern, die ich als anregend empfinde, war oder ist das übrigens in der Regel auch so.

      Antwort
  4. n_s_n

    Übrigens hier ein Tweet von Oliver Gorus, der eine Erfahrung aus einem Gespräch von 20 Bürgern mit dem Wahlkreisabgeordeneten im Bundestag beschreibt:

    Die These eines Bürgers, wenn alles nichts hilft gegen die Klimabedrohung, dann eben Kommunismus, bleibt von allen bis auf Herrn Gorus unwidersprochen.

    Ich kenne die Hintergründe der schweigenden Mehrheit nicht und weiß nicht, ob es das Gefühl ist, welches ich in meinen Beiträgen hier zu beschreiben suchte. Es erscheint mir aber nicht unmöglich, dass einige vom Gefühl getrieben sind, nicht auffallen zu wollen.

    Wenn man der täglichen medialen Beschallung, vor allem der ÖRR ausgesetzt ist, erscheint Widerspruch hier schon als gewisses soziales Risiko.

    Antwort
    1. Dr. Caligari

      Ohne Hintergründe ist der Tweet fast bedeutungslos.

      Der wesentliche Punkt ist für mich: Bei den Adressaten ist sehr gut angekommen, dass diese Klimageschichte ein guter Vorwand ist, um wieder über den Sozialismus zu reden.

      Antwort
      1. n_s_n

        Das Wesentliche ist in meinen Augen, dass in einer Runde in welcher, glaubt man Herrn Gorus, mittelständisches Bürgertum sitzt, dem Kommunismus als Option nicht (offen) widersprochen wird. Der Punkt wäre damit also mehr, wo man wieder über Sozialismus spricht, nicht dass man es tut.

        Nicht mehr sagt der Tweet aber das alleine ist erschreckend genug. Zumindest nach meinem Empfinden.

        Gleich was man den Schweigern unterstellt, Zustimmung, Angst vor Widerspruch, Desinteresse: Aus Ideologen und einer schweigende Mehrheit, erwuchs noch nie Gutes.

        Antwort

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