Was zum Umgang mit der AfD

Twitter ist ja üblich gnadenlos. Jedenfalls nutzen viele Teilnehmer den Dienst, ihre Gnadenlosigkeit unter Beweis zu stellen.

Zum Beispiel gegenüber der AfD. Da ist eben jeder, der die wählt, ihr Mitglied ist oder für sie kandidiert, ein Faschist, ein Nazi, wenigstens ein Rassist. Und mit Faschisten, Nazis oder Rassisten hat man als untadeliger deutscher Demokrat eben nichts zu tun. Man verachtet sie. Aber man pflegt keinen Umgang mit ihnen. Im Gegenteil: Wer auch immer so jemanden aus einem üblichen sozialen Vorgang ausschließt, erheischt und bekommt den Beifall derer, die ohne Fehl sind. 

Es gibt sogar Geistesgrößen, die sowas als besonders christlich preisen.

Aber traditionell existiert dazu ein Gegenentwurf. Er nennt sich „Kommunalpolitik“. Es ist eben besonders schwierig, sich auf der kommunalen Ebene von ideologischen Vorgaben leiten zu lassen. Dazu sind die Entscheidungen, die da anstehen, einfach nicht gewaltig genug. Deswegen zählt auf kommunaler Ebene schon immer vor allem die Person. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich die stadtbekannte Größe von einem niedrigen Listenplatz zu den höchsten Höhen des Gemeinderats aufschwingt, einfach, weil er oder sie von den Leuten, die ihn oder sie kennen, dahin gewählt wird.

Wer aber in den grobschlächtigen Kategorien der bundesweiten veröffentlichten Meinung bestehen will, kann sich solche ideologische Unzuverlässigkeit nicht leisten. Da hat das Wahlvolk vor Ort eben streng entlang der Linien zu wählen, die vielleicht bei einer Bundestagswahl relevant wären. Und wenn nicht das Wahlvolk, dann haben eben die örtlichen Parteimitglieder so zu handeln. 

Das funktioniert nicht.

Der Shitstorm setzte schon ein, als ein Ehepaar, dessen Präferenzen sich zwischen AfD und CDU verteilten, beschloss, zusammen zu arbeiten. Was zum Geier haben die Reinen und Hehren erwartet? Dass eine funktionierende Ehe an parteipolitischen Vorlieben scheitert? So tickt man vielleicht in den Kreisen der Berliner labernden Klasse, aber nicht konkret in der Gemeinde vor Ort. Gut, da traf es noch die CDU. Da konnte man als Linker bedrohlich warnen vor einer Zusammenarbeit der „Bürgerlichen“ mit der „Schwefelpartei“ (Klonovsky).

Aber jetzt? Da zeigen auch Sozis keine Scheu vor der Kooperation! Und sich völlig uneinsichtig gegenüber allem, was da aus Zentralen über sie herein bricht. Da geht es mehr um die Typen, mit denen man zu tun hat, als über das, was Berufslabernde zu deren Parteien sagen. Die Kriterien sind eben andere.

Sind es wirklich schlechtere?

Der Werwohlf ist der Meinung, dass der wichtigste Gegenentwurf zu Ideologien und Ideologen der einzelne Mensch ist. Als Christ weiß er: Jeder Mensch ist fehlbar, und jeder Mensch sündigt. Aber wenn Gott in der Lage ist, Sünden zu vergeben, warum sollen andere Menschen so tun, als sei dies für sie nicht möglich? Betrachten sie sich als höhere Instanz?

Ja, auch aus der Sicht des Werwohlfs ist die Mitgliedschaft in der AfD kein Ruhmesblatt. Er selbst trat aus, als es für ihn unzumutbar wurde. Aber er kennt genug andere Menschen, die andere Motive haben, die sie dazu bewegen, weiter in dieser Partei zu blieben, und er kann deren Motive wenigstens verstehen, wenn er er sie schon nicht zu teilen im Stande ist. Über sie so zu urteilen, als handele es sich um Menschen, die morgen am liebsten Minderheiten ermorden möchten, ist er nicht in der Lage. 

Wer den Menschen sieht und nicht die Art von Schablone, die uns medial vermittelt wird, kommt unweigerlich zu anderen Schlüssen und Handlungen als die, die allein aus dem Schema F des Grobschnitts als richtig erscheinen.

Zum Glück.

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4 Gedanken zu „Was zum Umgang mit der AfD

  1. n_s_n

    Es gibt Tage, da wird es in meinen Gedanken so dunkel, dass ich darüber nachdenke diesen gärigen Haufen beim nächsten mal zu wählen. Aus Notwehr. Auch wenn mich diese Hoeckes und seinesgleichen zutiefst anwidern.

    Es gibt Tage, da wird aus Ohnmacht Wut. Ganz gleich, wie friedliebend man auch sein mag.

    Kissler hat auf Cicero, leider hinter der Paywall, den Grund des AfD Erfolgs auf den Punkt gebracht: Es sind die programmatischen Leerstellen der restlichen Parteien, für deren Inhalt es eine stabile Nachfrage gibt und welche die AfD besetzt. Und der Umstand, dass die AfD nichts liefern muss.

    Wut und Ohnmacht von Wählern könnten dabei auch zum AfD Erfolg beitragen.

    Dem christlichen Menschenbild, welches ich nach wie vor für ein liberales halte, zu folgen, finde ich eine gute Idee. Leider halten sich heutzutage ja nicht mal die Kirchen daran.

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Mein Bestreben ist es ja zu zeigen, dass man mit einzelnen Anhängern, Wählern oder auch Mitgliedern der AfD einen normalen Umgang pflegen kann, auch wenn man ihre Partei politisch bekämpft. Das gilt übrigens nicht nur für die AfD.

      Klar, wenn einer unerträgliche Parolen absondert, dann wird das mit dem normalen Umgang schwieriger. Ist ja auch kein Muss…

      Wie du richtig bemerkst, werden die anderen Parteien schon dafür sorgen, dass die AfD weiter ihre Nischen findet. Man nähme ihr aber viel von dem Nimbus, den sie gerne für sich reklamiert, wenn man die Menschen, die bei ihr landen, nicht dämonisierte.

      Antwort
      1. n_s_b

        Das nicht dämonisieren funktioniert nur nicht, wenn Politik immer mehr zur Abfolge quasireligiöser Erweckungserlebnisse wird.

        Wo es Heretiker gibt ist Politik unmöglich.

        Heretiker werden bekämpft weil sie keinen Platz in der Religionsgemeinschaft haben. Wenn ich ganz böse wäre, hätte ich Volksgemeinschaft geschrieben.

        Ich gebe dir Recht in deiner Analyse, nur ist sie in der politischen Hysterie in der wir leben, „Perlen vor die Säue“…..und gestern Abend musste mal der Frust raus. Verzeih, dass es bei dir geschah.

        Antwort

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