Was zu Grönemeyer

Ein Mensch steht vor einer Masse, brüllt, mit nahezu überkippender Stimme, zustimmungsheischend in ein Mikrofon eine politische Botschaft, in der er die Masse auffordert, der Gesellschaft eine bestimmte Ausrichtung zu diktieren, und die Masse jubelt.

Wen das nicht an Herrn Goebbels erinnert, der interessiert sich nicht für Geschichte. Das Problem: Es handelt sich hier um einen Guten, der gegen das Böse agitiert. Namentlich um einen Sänger namens Herbert Grönemeyer, der offensichtlich der Meinung ist, seine durch Musik erlangte Popularität und die auf Konzerten entstehende Stimmung manipulativ zur Förderung seiner politischen Idee nutzen zu müssen. Das gilt allerdings nicht als kritikwürdig, denn entscheidend ist heute nicht mehr, was jemand tut, sondern mit welcher Gesinnung.

Daher kann „Spiegel Online“ dann auch lapidar vermelden, der Auftritt sei eben nur von bösen Rechten kritisiert worden, und der Rest stimme einfach nur zu (weil man auch nichts anderes kann als zuzustimmen).

Was hat er denn gesagt, der Herbert?

„Ich kann mich nicht erinnern in meinen Leben in Zeiten, ich kannte das nur vom Hörensagen, in Zeiten zu leben, die so zerbrechlich, so brüchig und so dünnes Eis sind. Und ich glaube, es muss uns klar sein, auch wenn Politiker schwächeln, das ist glaube ich in Österreich nicht anders, als in Deutschland, dann liegt es an uns (hier lauter werdend hin zu Geschrei) DANN LIEGT ES AN UNS, ZU DIKTIEREN, WIE NE GESELLSCHAFT AUSZUSEHEN HAT. Und wer versucht, so eine Situation der Unsicherheit zu nutzen, wer rechtes Geschwafel für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze, DER IST FEHL AM PLATZE! DIESE GESELLSCHAFT IST OFFEN, (unverständliches Wort) GEBEN DEN MENSCHEN SCHUTZ (unverständliches Wort) und wir müssen diesen Menschen so schnell wie möglich und ganz ruhig (unverständliches Wort) KEIN MILLIMETER NACH RECHTS! KEINEN EINZIGEN MILLIMETER NACH RECHTS! UND DAS IST SO. UND DAS BLEIBT SO!!!“

(zitiert nach Tichys Einblick, Hervorhebung durch WW)

Die Mehrheit der Kritik richtet sich gegen das Wort „diktieren“. Das klingt in der Tat nicht wirklich nach freier Gesellschaft und Demokratie, Begriffen, die z.B. der deutsche Außenminister daraus entnehmen will. Aber es gibt natürlich immer auch eine wohlmeinende Interpretation. Diese argumentiert, der gute Herr Grönemeyer habe sich eben bei diesem einen Wort etwas vergriffen, in der Hitze des Gefechts oder aufgrund einer Überdosis Haltung, und gemeint habe er natürlich etwas anderes, so in der Richtung eines „dafür eintreten“. Und überhaupt habe er sich ja für die richtige und gegen die falsche Sache engagiert, da dürfe man nicht so kleinlich sein und ihm die Wahl der Methode vorwerfen. Und dann sei doch wieder alles genau richtig, denn wer ist schon für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze? Oder, um gleich den natürlich daraufhin weitergesponnenen Faden aufzunehmen: Wer daran Kritik übt, ist für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze! Mit dieser Logik kann man immerhin Redakteur bei „Spiegel Online“ werden. Oder Kabarettist

Der Werwohlf hat mit dieser Interpretation Probleme.

Zum einen ist Grönemeyer ein Mann des Worts. Seine Lieder leben vor allem von seinen Texten. Wenn er „diktieren“ sagt, dann ist die Wahrscheinlichkeit bei ihm höher als bei den meisten anderen, dass er das auch genau so meint. Dafür spricht auch ein anderer Befund. Erstaunlicherweise stört sich kein Mensch, selbst die angeblich bösen Rechten nicht, am Hauptslogan Grönemeyers: „Kein Millimeter nach rechts!“ Mal eine Frage unter uns Betschwestern: Ist das etwa demokratisch? Der Werwohlf ist z.B. der Meinung, die Politik habe in den letzten zehn Jahren einen erheblichen Linksruck hinter sich. Und seiner politischen Präferenz nach hätte er den gerne wieder zurückgenommen, wenigstens ein Stück weit. Gerne auch ein paar Zentimeter. Ginge es nach Herbert Grönemeyer, dürfte das auf keinen Fall sein. Und das wird von Vertretern der deutschen Bundesregierung als Ausdruck einer „freien Gesellschaft“ und ein Plädoyer für „Demokratie“ wahrgenommen?

Hinzu kommt, dass die hehren Begriffe, die Grönemeyer da ins Feld führt, keine ideologiefreien mehr sind. „Ausgrenzung“ z.B. gilt als ehrenwert, wenn sie „Rechte“ betrifft. Als „Rassismus“ verteufeln Linke schon leise Kritik am radikalen Islam oder die Nichtakzeptanz einer „No Borders“-Politik. Und „Hetze“ ist zu einem Oberbegriff geworden für „Kritik der Gegenseite“. Sicher, wenn es um die ursprüngliche Definition von „Rassismus“ geht, kann ein vernünftig denkender Mensch an solchem Gedanken“gut“ keinen Gefallen finden. Und hasserfüllte, pauschalisierende Ausfälle gegen ethnische oder religiöse Minderheiten sind selbstverständlich zu verurteilen. Der Trick ist nun aber, diejenigen, die so denken wie eben erwähnt, mit in das Boot zu holen einer linken „Identitätspolitik“, die nicht weniger ekelhaft ist als ihr rechtes Pendant. Ob Grönemeyer das wirklich beabsichtigt hat, weiß der Werwohlf nicht. 

Aber Im Zusammenklang mit dem Wort „diktieren“ entfaltet all das eben seinen ganz eigenen Charme. 

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4 Gedanken zu „Was zu Grönemeyer

  1. n_s_n

    Mich juckte es auch in den Fingern, etwas dazu zu schreiben. Danke, dass du es getan hast.

    Nach meinem Empfinden leben wir in einer Gesellschaft in der die Wahrnehmung des totalitären Gestus arg gestört ist. Man denkt nicht mehr selbst, sondern fällt moralische Urteile mit Schablonen und stellt den so moralisch ausgeschlossenen außerhalb der sonst für alle geltenden Regeln.

    Das ist was ich bedenklich finde.

    Wenn das jemand heraus schreit und eine Menge dazu ekstatisch jubelt ist das ebenso gruselig wie ein Regierungsmitglied, bei welchem sich anscheinend keinerlei historische Assoziationen dazu einstellen können.

    Das ich mit vielen Wegen (nichtmal unbedingt Zielen) linksgrüner Politik nichts anfangen kann, liegt an der vielerorts offen gelebten, totalitären Attitüde: Vom instrumentalisieren der Kinder, über das einführen absoluter moralischer Maßstäbe, bis hin zur teils weitreichenden Ausgrenzung von Gesellschaftsteilen.

    Ich frage mich immer, wie die offene Gesellschaft wohl aussieht, die solche Menschen verteidigen wollen.

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Ich teile deine Bedenken, was kaum überraschen sollte. In Deutschland hat die Methode Einzug gehalten, Taten nach ihrer Absicht und nicht ihrer Methode zu beurteilen. Ich halte diesen Ansatz für rein ideologisch und einen Türöffner für ein totalitäres Regime.

      Antwort
  2. n_s_n

    Meine kleine Tochter, seit sechs Wochen in der ersten Klasse, lernte bereits dass „Benzin Bäume zerstört“, kleine Eisbären auf schmelzenden Eisschollen sterben, verteilte mit Klassenkameraden voller Eifer Flyer für die Klimademo heute und hat bereits die erste Klimaaktionswoche hinter sich. Sie erklärt zuhause stolz was sie gelernt hat, ohne es zu verstehen und trotzdem wird es ihr wichtig. Alles im Rahmen der Schule.

    Ich kann nichts dagegen tun, ohne sie zum Außenseiter zu machen. Ich muss tatenlos zuschauen, wie meiner Tochter den totalitären Missbrauch von Kindern widerfährt.

    Nicht zuletzt durch dich wurde ich skeptisch, ob ein allzu libertäres Gesellschaftsideal wirklich, suffizient oder sinnvoll ist. Es erhärtet sich dieser Tage allerdings immer mehr der Verdacht, dass große menschliche Gesellschaften allzuleicht gegen Totalitarismus zu konvergieren scheinen und ich kann diesen Widerspruch nicht auflösen. Das Böckenförde Paradoxon wird für mich fast plastisch greifbar.

    Als Mensch mit großem Drang zur „negativen Freiheit“ muss man doch dieser Tage einfach dem Wahnsinn anheim fallen.

    Traurige Grüße

    n_s_n

    Antwort

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