Was zu Liberalismus

Zur Web-Existenz des Werwohlfs gehört seine Vergangenheit. Er trieb sich, unter anderem Namen natürlich, einige Zeit in Blogs herum (und füllte auch zusammen mit anderen Autoren einen solchen), die sich dem Liberalismus verpflichtet fühlten. Aus Sicht des Werwohlfs ist der Liberalismus das perfekte Spiegelbild des Sozialismus, und seine extreme Variante, der Libertarismus das des Kommunismus. 

Zu den üblichen rhetorischen Mitteln sozialistischer oder kommunistischer Ideologen gehört es ja, die Gegenwart an den von ihnen propagierten Idealen zu messen, woran die Gegenwart natürlich immer scheitern muss, aus kommunistischer Sicht sogar jämmerlich. Als Liberaler oder Libertärer kann man aber problemlos dasselbe Mittel einsetzen, zeichnet sich unsere Gegenwart doch gerade durch einen (grob gesagt) 50/50-Mix aus staatlichen Eingriffen und privater Initiative aus. So kann jede Seite das Verschwinden der einen 50% fordern und die anderen 50% als Lösung für alle Probleme hoch halten. Wobei, wie gesagt, Sozialisten[1] und Liberale sich da deutlich kompromissbereiter zu zeigen pflegen als ihre extremeren Vettern. 

Kurz gesagt: Es hat eine Weile Spaß gemacht, sich als Vertreter eines mehr oder weniger reinen Liberalismus (manchmal, je nach „Gefechtslage“ auch Libertarismus) mit Linken zu zoffen, die es nicht gewohnt waren, ihrerseits auf Vertreter einer Ideologie zu treffen, die aus ihrer eigenen Motivation keine Ziele vertritt, die sich leicht als verabscheuungswürdig denunzieren lassen – wie z.B. die der Rechten, die Menschen in Rassen oder Klassen einteilen und ihnen damit unveränderliche Schicksale auferlegen. 

Aber zugleich entbrannten innerhalb und außerhalb der „liberalen Blogosphäre“ immer wieder Auseinandersetzungen darüber, wie „liberal“ der jeweils andere denn wirklich sei. Offensichtlich ist der Begriff „liberal“ in der politischen Diskussion weitgehend positiv besetzt, so dass sich z.B. Linke bemüßigt fühlten, ihre eigenen Liberalismus-Definitionen gegen die liberalen Blogger in Stellung zu bringen. Aber auch innerhalb der Szene konnte man die typischen Auseinandersetzungen von Sekten beobachten, in denen die gänzlich Erleuchteten den Abweichlern ihre Verfehlungen vorwerfen. 

Nun war der Werwohlf nie wirklich ein Liberaler, auch wenn er keine Probleme hat, in die Rolle eines solchen zu schlüpfen. Allerdings ist seine Weltsicht tatsächlich in vielen Dingen liberal ausgerichtet – nur eben nicht in allen, was ihm dann letztlich das Etikett verwehrt.

An die alten Diskussionen fühlte er sich jetzt aber erinnert, als er erstens bei den „Salonkolumnisten“ die Beiträge von Jan Schnellenbach und Paul Hünermund las, und dann weiter eine Diskussion (Thread) auf Twitter, an der die beiden Genannten und ihre Professoren-Kollegen Rudi Bachmann und Christian Hoffmann beteiligt waren.

Kommen wir zunächst zu dem Beitrag von Jan Schnellenbach. Er er bezieht sich zu Beginn auf eine Kritik von Paul Hünermund, der in einem Tweet der FDP vorwirft, „rechts von der CDU“ zu sein. Leider erfahren wir nicht genau, worauf Herr Hünermund seinen Vorwurf stützt, aber irgendwie scheint er „weiße Männer über 50“ damit in Verbindung zu bringen. Schnellenbach geht darauf nicht direkt ein, sondern entwirft sozusagen die Ideenwelt des Liberalismus „in a nutshell“, wobei er vor allem die von Isaiah Berlin in die Diskussion eingeführten Konzepte der „negativen“ und der „positiven“ Freiheit ins Spiel bringt. Der Werwohlf erspart sich hier nähere Erläuterungen dazu – man möge das in Schnellenbachs Beitrag oder woanders im Netz nachlesen. Der Punkt ist aber, dass Schnellenbach trotz wohlwollender Erwähnung von Amartya Sen und der Umverteilungsvorschläge von Hayek oder Friedman zum Schluss kommt, dass Liberale sich im Wesentlichen am Prinzip der „negativen“ Freiheit zu orientieren hätten.

Der angesprochene Paul Hünermund antwortete am gleichen Ort. Er wendet sich in seinem Beitrag gegen ein „Laissez-faire“ und führt Beispiele an, aufgrund derer aus seiner Sicht staatliches Eingreifen zum Wohle höherer Effizienz und gesellschaftlicher Ziele gerechtfertigt ist. Er beklagt, dass die FDP sich vor allem gegen solche Maßnahmen ausspricht. Seiner Meinung nach bringe das die FDP in Richtung Libertarismus – der von ihm überraschenderweise und leider nur mit der Begründung, dass ihm „gewisse Fraktionen der Republikaner in den USA“ folgten, als schlichtweg „rechts“ eingestuft wird.

Die Quintessenz von Hünermunds Beitrag enthält dieser Absatz:

Dem liberalen Lager in Deutschland wäre grundsätzlich zu etwas weniger Dogmatik und einer größeren Offenheit gegenüber nutzenstiftenden Politikmaßnahmen geraten. Vielleicht würde man so auch wieder mehr Rückhalt unter den Ökonomen gewinnen.

Was der Rückhalt unter Ökonomen mit Liberalismus zu tun hat, ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Auch nicht auf den zweiten, wenn man weiß, dass auch die Ökonomie Moden nicht abhold ist. Wenn die moderne Ökonomik sich dem Utalitarismus verpflichtet sieht, mag das so sein. Ideologieferne und Abwesenheit von Dogmatik belegt das aber leider nicht, im Gegenteil: Man wechselt nur die Bewertungsmaßstäbe. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang nur, warum man sich dann trotzdem auf den Liberalismus berufen möchte. 

Ist der Begriff wirklich SO positiv besetzt?

Hünermund:

Ich wünsche mir die FDP als starke Kraft der politischen Mitte, selbst wenn das bedeutet, dass sie mehr nach links rückt.

Also reden wir über Parteitaktik in dieser deutschen Demokratie. Der Werwohlf fragt sich angesichts dieses Zitats unwillkürlich, ob diese Republik unter zu wenig linken Parteien oder Positionen leidet, und er vermag diese Frage wirklich  nicht mit „ja“ zu beantworten. Was soll für die FDP gewonnen sein, wenn sie Positionen vertritt, die woanders schon lange hochgehalten werden? Wäre es nicht viel mehr die Aufgabe einer liberalen Partei, auch wirklich gerne aus dogmatischen, aus ideologischen Gründen, sich gegen Vorschläge zu stellen, die den Geist des Sozialismus oder des Utilitarismus atmen? Wenn woanders dieser Widerspruch eben nicht stattfindet?

Der Werwohlf vermag den Wunsch von Ökonomen nachzuvollziehen, sich eine Partei vorzustellen, die jeweils das vertritt, was bei ihnen herrschende Meinung ist. Aber er versteht nicht, warum dazu der Liberalismus umdefiniert werden soll. 

 

[1] Der Werwohlf subsumiert der Einfachheit halber hier Sozialdemokraten unter Sozialisten. Die Unterschiede sind da regional größer als zwischen den Begriffen selbst.

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Ein Gedanke zu „Was zu Liberalismus

  1. Dr. Caligari

    Dazu zwei kleine Anmerkungen:
    I.
    Ich habe mich eine Zeit in meinem Leben wirklich als Liberaler gefühlt – ich beschreibe den Zustand bewusst so, weil ich Auseinandersetzungen darüber, was ein wirklicher Liberaler ist, aus dem Weg gehen will.
    Inzwischen, nicht zuletzt auch wegen ’15, bemerke ich, wie meine Ansichten sich langsam in Richtung des konservativen Spektrums bewegen. Ich sehe plötzliche eine bestimmte Form des Zusammenlebens, die ich als erhaltenswert ansehe. Das mag man mir als „Kulturalismus“ oder als Borniertheit auslegen, aber ich missioniere mit meinen Ansichten auch nicht mehr.

    Wenn ich mir eine Selbstbezeichnung aussuchen müsste, dann würde wahrscheinlich sowas wie „rechtsliberal“ oder „Whing“ oder sowas rauskommen. Ich will eine gewisse Kultur erhalten, aber nicht mit Mitteln des Zwanges. Für mich wäre es politisch zunächst einmal wichtig, dass die linke Seite aufhören würde, diese Kultur bewusst in Frage zu stellen, beispielsweise das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, die Freiheit des Gedankenaustausches usw.
    Früher hatte ich die Vorstellung, dass der Staat weltanschaulich möglichst neutral sein soll. Ein unabhängiger Schichtsrichter über verschiedene Auffassungen von der Welt. Inzwischen denke ich, dass dieses Ideal nicht aufrecht erhalten werden kann in einer Welt, in der über Enteignung diskutiert wird und, nun, gewisse religiöse Bewegungen unsere Werte radikal in Frage stellen.

    Ich würde den Standpunkt so zusammenfassen: Meinungspluralist + Gewerbefreiheit + gewisse gesellschaftliche Moralvorstellungen als Obligatorisch. Minus sexuelle Prüderie, Minus allen Pathos und vor allen Dingen Minus große, verbindliche Begründungen. Meine Position sieht eher Leute vor, die am Schreibtisch sitzen und philosophieren als Leute, die vor Flaggen weinen, wenn die Hymne gespielt wird. Wahrscheinlich wäre es für die große Bevölkerungsmehrheit sogar richtig, wenn die altmodischen religiösen Vorstellungen wieder aufkämen. Überspitzt formuliert: Osteuropa oder Japan als gesellschaftspolitisches Vorbild.

    Bin ich überhaupt noch liberal? Oder bin ich schon bei den Konservativen angekommen?

    II.
    Bei den Linken finde ich folgendes immer wieder aufs Neue lustig. Ständig behaupten sie, wir wären ein neoliberales Land, das ist schon so ein Gemeinplatz, dass selbst konservative es nicht mehr in Frage stellen wollen.
    Sobald die linken aber wirklichen Liberalen begegnen, wissen die gar nicht mehr, wen sie da vor sich haben. Schon lustig.

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