Was zur Nation

Bundespräsident Steinmeier war in Fivizzano. Er wählte diesen italienischen Ort, weil dort ein Massaker von deutschen Soldaten an italienischer Zivilbevölkerung stattfand, das aber kaum bekannt ist. Bei seinem Besuch wird er wie folgt zitiert:

Ich bitte Sie um Vergebung für die Verbrechen, die Deutsche hier verübt haben.

Ich stehe heute vor Ihnen als deutscher Bundespräsident und empfinde ausschließlich Scham über das, was Deutsche Ihnen angetan haben.

Wir Deutsche wissen, welche Verantwortung wir für diese Verbrechen tragen. Es ist eine Verantwortung, die keinen Schlussstrich kennt.

Dazu ein paar wenig staatstragende Gedanken. 

Warum sollte ausgerechnet ein Präsident der 70 Jahre alten Bundesrepublik Deutschland, eines demokratischen Staats, Mitglied von EU und UNO, um Vergebung bitten für etwas, das SS-Leute im Dienste eines Unrechtsregimes verübten? Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es ist eine gute Idee, mit dem Besuch diesen Ort in Erinnerung zu rufen. Denn wichtiger als alles andere ist es, solche Geschehnisse vor dem Vergessen zu bewahren, wachzuhalten, was zu ihnen geführt hat, und sich dazu zu bekennen, was sie hoffentlich künftig verhindert. Aber welchen Bezug hat das heutige Deutschland zu seinen alten Kriegsverbrechen? Den Namen sicher. Sicher auch manche familiäre Kontinuität, aber wer will die Söhne und Töchter, gar die Enkel der damaligen Täter heute zu Schuldigen erklären? Ist es nicht eine Form von Identitätspolitik, die heutigen Generationen mitverantwortlich zu machen für die Greueltaten ihrer Vorfahren? Und was für ein Angebot an Zuwanderer soll das eigentlich sein: „Werdet Deutsche, damit ihr Scham und Verantwortung für Verbrechen empfinden könnt!“?

Dass dem Bundespräsidenten der Besuch schwer gefallen ist, kann der Werwohlf ganz und gar nachvollziehen. Neue Republik hin oder her, das Massaker war ein Teil der deutschen Geschichte. Aber wer das annimmt, muss auch in der Lage sein zu benennen, was diese Geschichte zur deutschen Geschichte macht. Wenn Nation nur ein beliebiges soziales Konstrukt ist, das sich auch schnell wieder beseitigen lässt, was bleibt dann von dieser besonderen Verantwortung? Geht sie nach Auflösung des deutschen Nationalstaats auf die EU über? Die Griechen und Polen werden sich freuen. Verschwindet sie gänzlich[1]? Oder lastet sie nur auf jenen, die genetisch (entsprechende Tests vorausgesetzt) als Nachfahren ausgemacht werden können?

Lassen wir uns die Argumentation des Bundespräsidenten auf der Zunge zergehen:

„Unser gemeinsames Europa“ gründe „auf einem Versprechen: Nie wieder entfesselter Nationalismus, nie wieder Krieg auf unserem Kontinent, nie wieder Rassismus, Hetze und Gewalt!“, sagte Steinmeier bei einer Gedenkfeier für die Opfer von SS-Massakern in der Gemeinde vor 75 Jahren.

An diese Lehre müssten sich die Menschen heute wieder erinnern, „gerade in Zeiten, in denen das Gift des Nationalismus wieder einsickert in Europa“, sagte Steinmeier. 

Steinmeier kritisiert hier vor allem den Nationalismus. Aber was er unbedingt braucht, ist die Nation, denn was sonst sollte Grund für seine Scham und Basis für die Verantwortung sein? Dieser Nuancen sollte man sich bei der nächsten politischen Diskussion um den Begriff „Nation“ besser wieder bewusst werden, denn nur allzu oft folgt auf das Bekenntnis zur Nation, manchmal auch Patriotismus genannt, die Gleichsetzung mit dem Nationalismus – dieser Vorwurf sitzt so locker, dass er schon innerhalb der FDP den Kritikern der Euro-„Rettungsschirme“ angeheftet wurde.

Nation überwinden, heißt Scham, Gedenken und Verantwortung überwinden.

[1] Vermutlich dürfte das die insgeheime Hoffnung vieler deutscher EU-Fans sein.

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