Was zu Shareholder Value

Heute ging es durch die Presse, und wo der Werwohlf hinschaut, sind die Leute zwar manchmal skeptisch, aber mindestens zur Begeisterung bereit, wenn nicht gar vollends aus dem Häuschen: US-Bosse entsagen dem Shareholder Value:

Stattdessen sollen alle Seiten profitieren: Kunden, Beschäftigte, Zulieferer, das lokale Umfeld und, als eine Interessengruppe unter mehreren, auch die Anteilseigner. „Die Amerikaner haben eine Wirtschaft verdient, die es jeder Person erlaubt, mit harter Arbeit und Kreativität erfolgreich zu sein und ein bedeutungs- und würdevolles Leben zu führen.“ Unternehmen sollten die Umwelt schützen, ihre Arbeitnehmer mit Respekt behandeln und so langfristige Gewinne für die Aktionäre erzielen.

Nun, das mit den langfristigen Gewinnen für die Aktionäre ist nichts anderes als – Shareholder Value. Dass Shareholder Value etwas mit der Maximierung von Quartalsgewinnen zu tun haben könnte, dürfte eher eine Pervertierung des ursprünglichen Gedankens von Milton Friedman sein. Jeder, der sich ein wenig mit Unternehmenssteuerung auskennt, weiß, dass man buchhalterisch in einem begrenzten Ausmaß Gewinne zwischen Perioden verschieben kann (Allerdings nie, wirklich nie, insgesamt dauerhaft – dank der uralten Erfindung der doppelten Buchführung[1]). Insbesondere die (im Gegensatz zum „altmodischen“ deutschen HGB von früher) „moderne“ Rechnungslegung vorwiegend angelsächsischer Prägung (US-GAAP, IFRS) bietet gute Möglichkeiten, Gewinne möglichst früh auszuweisen. Auch kann man durch auf lange Sicht unsinnige Maßnahmen natürlich kurzfristig die Unternehmensergebnisse verbessern – man denke nur an das Unterlassen von Aufwendungen für Instandhaltung, Forschung und Entwicklung oder auch Marketing[2]. Im Sinn des Shareholder Value ist dies nicht, aber vielleicht im Sinn eines Speculator Value, also eines Aktionärs, der in schnellem Rhythmus kauft und verkauft. Beim Shareholder aber wäre der Schwerpunkt auf „holder“ zu legen, also auf jemanden, der seine Beteiligungen hält und nicht darauf erpicht ist, von kurzfristigen Kursschwankungen zu profitieren. 

Und da muss man sich schon fragen, wie man dessen Anteilswerte maximieren will, wenn man die Bedürfnisse von Kunden, Mitarbeitern oder Lieferanten ignoriert. Die bisherigen Versuche in dieser Richtung sind, soweit dem Werwohlf bekannt, in der Regel in die Hose gegangen. Denn all die Genannten sollten in einer Marktwirtschaft die Wahl haben, ob die weiterhin mit dem ihnen übel wollenden Unternehmen zu tun haben wollen oder eben nicht. Wenn nicht auf kurze Sicht (aber meistens eben doch), dann auf lange. Kurzum: Ein Unternehmen, das auf Dauer seinen Wert maximieren will, wird versuchen, insbesondere die Wünsche seiner Kunden zu erfüllen, dabei aber für ein Arbeitsklima sorgen, das es für fähige Kräfte attraktiv macht, und solche Beziehungen zu seinen Lieferanten aufbauen, die eine dauerhafte Versorgung mit geeigneten Waren und Dienstleistungen sicherstellt.

Dies als gegeben voraussetzend, sollte man sich dann auch noch fragen, worum es bei diesem Appell der CEOs eigentlich gehen mag. 

Hier ist vielleicht eine Entwicklung relevant, die dem Gedanken des Shareholder Value nicht gut tat. Rationale Erwägungen[3] bewegen Aktionärsvertreter dazu, insbesondere den CEO bzw. den Vorstandsvorsitzenden (rechtlich ist ein US-CEO in der Regel in einer stärkeren Position als ein deutscher Vorstandsvorsitzender) sozusagen zum Komplizen der Aktionäre zu machen, damit er vor allem in deren Sinn handelt. Dies schlägt sich dann – CEOs und Aktionärsvertreter verstehen meist nur eine Sprache – in besonderen Vergütungsregeln nieder. Und die Aktionäre können da großzügig sein, denn die Milliönchen, die sie einem CEO für seine Dienste womöglich dankbar über den Tisch schieben, sind dann meist tatsächlich „Peanuts“ im Vergleich zu dem Geld, das sie dabei (in Summe) verdient haben. Als Ergebnis dieser Gedankengänge (und ihrer Ausnutzung durch die CEOs selbst, die ja nicht auf der Nudelsupp‘ dahergeschwommen sind) ist die Entlohnung der obersten Bosse durch die Decke geschossen. Was im Lauf der Zeit immer kritischer gesehen wurde. 

Außerdem beginnt sich die Wirtschaft gerade ein wenig abzukühlen. Trumps erratische Dealsucht verunsichert dazu alle Beteiligten und führt jetzt schon zu Belastungen in einzelnen Branchen. Da sehen die Chefs womöglich die Gefahr, dass die Basis ihrer üppigen Entlohnungen so ein wenig wegbrechen könnte. Aktienkurse und Gewinne, so sehr man letztere auch in Grenzen beeinflussen kann, sind irgendwann sich tatsächlich manifestierende Zahlen, die gut als Messgrößen herangezogen werden können. Aber wie messen Sie Kunden- oder Mitarbeiterzufriedenheit als davon losgelöste Teilgrößen? Die Gefahr ist groß, dass CEOs hier ein Mittel in die Hand gegeben bekommen wollen, mit bislang völlig ungeregelten Kenngrößen operieren zu können, die sie nach ihrem Gusto so manipulieren können, dass sich ihr Salär wieder als äußerst gerechtfertigt erweist, selbst wenn die im Gegensatz zu ihnen gierigen Aktionäre niedrige Kurse und schwache Gewinne beklagen sollten. Dass dieser Wunsch nicht aus der Luft gegriffen ist, dürfte fast jedem beliebigen Geschäftsbericht zu entnehmen sein – die protzen in der Regel nur so von „angepassten“ Gewinngrößen, also solchen Gewinnen, die übrig bleiben, wenn alles eliminiert wurde, was sie lästigerweise besonders nach unten zog.

Man mag den Werwohlf für einen Zyniker halten, aber er ist nach wie vor im Team Friedman. Und befürchtet, dass er hier gegen das Team CEO antritt, und nicht etwa gegen Team Gutmensch.

 

[1] Dolose Handlungen außen vor.
[2] Also die Hälfte des Marketings, die nicht zum Fenster hinausgeworfen ist.
[3] Stichwort: Principal-Agent-Theorie

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