Was zu Hysterie

Die Hysterie im Netz geht dem Werwohlf zunehmend auf die Nerven. Jetzt wollte sich wohl die Website netzpolitik.org mit einem aufgebauschten Nichts zurück in die Öffentlichkeit katapultieren, und diese hat dann auch brav mitgespielt[1]. Und das ging so: Jemand hat sich den Twitter-Account von Ex-Verfassungsschutzpräsident Maaßen geschnappt und analysiert, wessen Tweets von denen, die seine Tweets „retweeteten“ (also weiterverbreiteten), sonst noch so „retweetet“ wurden. Diese Accounts wurden dann auf einer Liste zusammengefasst und feinsinnig differenziert („oft“) in die Nähe des Rechtsradikalismus gerückt. Man schaue sich, sollte man diese brillante Analyse noch nicht gelesen haben, sie ruhig mal im Original an, und dazu eine der Zusammenfassungen des späteren Geschehens, z.B. von Alexander Wendt.

Diverse Nutzer, deren Accounts sich auf dieser Liste fanden, staunten nicht schlecht, als man sie so mehr oder weniger direkt mit Rechtsradikalismus in Verbindung brachte, und einige darunter reagierten nachvollziehbarerweise mit Empörung. Sie verlangten eine Klarstellung, aber um diese drückte sich netzpolitik.org lange herum, bis dann doch sowas Ähnliches erschien. Vorher versuchte man allerdings noch, in auf der Linken gewohnter Manier die Kritik, die sich vor allem an der Methodik entzündete, als „Shitstorm von rechts“ zu verunglimpfen und dadurch für ungültig zu erklären. Dabei blieb insbesondere die Methodik der auf die rein quantitative Analyse des Retweet-Verhaltens folgende Klassifizierung der gefundenen Accounts im Unklaren. Was ist „AfD-nah“? Was zeichnet einen „offen rassistischen Influencer“ aus?

Netzpolitik.org war dennoch nicht sehr zimperlich mit dem Selbstlob. Man habe „rechte Milieus und ihre Verbindungen offengelegt“, jubelte man auf Twitter. Das ist kompletter Unsinn, wie der Werwohlf gleich zeigen wird, aber es erklärt, warum man so lange nicht einräumen wollte, wie hoch der Anteil der des Rechtsextremismus völlig unverdächtigen Accounts auf der Liste ist. Denn wenn der nicht gerade zu vernachlässigen wäre, müsste man den so vollmundig erhobenen eigenen Anspruch hinsichtlich der Bedeutung der Analyse wieder begraben.

Wollen wir das mal mit dem Beispiel eines anderen Twitterers genauer betrachten. Nehmen wir den Account des @werwohlf. Der Werwohlf ist auf Twitter mediumsgemäß deutlich weniger abwägend mit seinen Worten und haut dort auch mal rein aus Daffke den einen oder anderen Spruch heraus, den er selbst nicht so richtig ernst nimmt. Aber man muss ihm zu Gute halten, dass er zwar den Mechanismus erkannt hat, wonach man viele Follower dann gewinnt, wenn man möglichst undifferenziert irgendwelche Parolen in die Welt setzt oder auf andere einprügelt, er sich dessen aber nicht bedienen möchte, schon weil ihm das zu dämlich wäre. Dennoch: Er hat eine politische Meinung, und auch wenn es etwas schwieriger ist, die eindeutig zu etikettieren, kann man eins festhalten: Sie hat nichts Linkes an sich. Das führt in diesen Zeiten dazu, dass er in den vieldiskutierten Politikfeldern der Migrations- und der Klimapolitik eine Meinung vertritt, die meist nicht der entspricht, wie sie von den meisten Medien geäußert wird und auch nicht der, die mit der Politik der Bundesregierung in Einklang zu bringen wäre. Das Spektrum derer, die seine Kritik teilen, reicht hier von der Mitte bis ganz rechts außen. Obwohl der Werwohlf auf Twitter auch ein kleines Licht ist, wird er bei Tweets, die sich mit den beiden genannten Politikfeldern auseinandersetzen, sehr oft aus diesem ganzen Spektrum „retweetet“. Das ist wohl auch völlig normal – im Objekt der Kritik ist man sich dann eben einig. Das heißt aber keinesfalls, dass dies auch im Detail so wäre, und das heißt noch weniger, dass man sich über die stattdessen anzuwendenden Maßnahmen einig sein müsste. Beispiel: Der Werwohlf äußert in einem Tweet, dass er eine Politik der für alle offenen Grenzen für falsch hält. Dies wird auch jemand gut finden, der irgendwelche Ideen von „ethnischer Reinheit“ vertritt, Ausländer pauschal für irgendwie minderwertig hält oder am liebsten alle Muslime des Landes verweisen würde. Mit der Meinung des Werwohlfs hätte das zwar nichts mehr zu tun, aber derjenige hätte keine Probleme damit, die Werwohlf-Tweets zu verbreiten (es sei denn, er kennte ihn besser und hielte ihn deswegen für eine linke Bazille). Will sagen: Wer immer auch aus einem gemäßigt demokratischen Spektrum bestimmte linke Ideale für falsch hält[2], wird naturgemäß auch den Beifall aus der extremen Rechten erhalten. Also wäre Beifall aus der rechtsextremen Seite für Maaßen nicht verwunderlich – sagt aber nichts wirklich Relevantes über politische Nähe aus. Das gilt auch für die anderen Accounts auf der ominösen Liste: Auch die äußern sich gerne kritisch gegenüber linken Positionen – einige dann eben von weiter rechts als die anderen.

Machen wir den Gegencheck: Der Werwohlf kann auch dem rechten Rand nichts abgewinnen – da versteht er meistens schon das Problem nicht, das diese Leute haben. Und er ist allergisch gegen plumpe Demagogik. Von daher kritisiert er in einigen Tweets auch die AfD – nur bleibt das dann meist ohne großen Widerhall. Was auch nicht verwunderlich ist – die linken Follower, die das gut fänden, hat der Werwohlf als Typ, der ihnen auf die Nerven geht, natürlich nicht, und die rechten finden es nicht gut. Auf Retweets wirken sich solche Tweets also gar nicht aus.

Von Retweets auf „Milieus“ oder „Verbindungen“ zu schließen, ist geradezu lächerlich. Erstens müsste man dazu auch das Gegen-Retweet-Verhalten verfolgen. Zweitens dürfte es in der Regel so sein, dass man mit der Mehrzahl der eigenen Retweeter praktisch keinen Kontakt hat. Der Werwohlf kennt, soweit er das weiß, genau eine Person seiner Follower aus dem RL, zwei andere sehr gut aus gemeinsamen, früheren Online-Aktivitäten – und das war’s. Dennoch gibt es unter denen, die ihn ab und an retweeten, eine Handvoll „üblicher Verdächtiger“, von denen er auch hin und wieder einen Tweet weiterverbreitet (aber einige schreiben selbst nicht so sehr viel und beschränken sich sogar weitgehend aufs Verbreiten). Ein „Milieu“ konstituiert das allerdings noch lange nicht – außerhalb von Twitter hat er mit diesen Accounts rein gar nichts zu tun, und selbst im Medium gibt es keinen regen Austausch untereinander.

Die Wahrheit ist viel simpler: Man findet eben schnell Gemeinsamkeiten in twitter-typischen Zuspitzungen, und man hat schnell mal eine Schnittmenge der politischen Gegner. Das reicht für manchen Retweet, aber auch nicht viel mehr.

Ein Twitterer aus dem rechten Spektrum hat mal den Account von Ruprecht Polenz, Ex-Generalsekretär der CDU und neuer Liebling der labernden Klasse, einer ähnlichen Analyse unterzogen.

Der Vorwurf, den netzpolitik.org gegenüber Herrn Maaßen erhebt, trifft auch auf Herrn Polenz zu: CDU-Politiker finden sich unter denen, die von seinen Retweetern retweetet werden, keine, dafür ein breites Spektrum an Accounts aus dem linken Lager. Nun will der Werwohlf hier Herrn Polenz nicht die Zugehörigkeit zu einem bestimmten „Milieu“ unterstellen, vielmehr sieht er hier dieselben Mechanismen am Wert. Polenz hat als seinen Hauptgegner alles ausgemacht, was politisch rechts von der Bundeskanzlerin steht. So twittert er auch, und entsprechend bekommt er so auch üppigen Beifall aus der linken Ecke, so dass nicht verwunderlich ist, dass die, die ihn retweeten, auch oft die Tweets von Accounts weiterverbreiten, die wohl deutlich weiter links von ihm eingestellt sind.

Das ist alles zu erwarten, und es bedeutet über das hinaus, was man aus den Tweets der untersuchten Accounts sowieso erfährt, rein gar nichts. Es zeigt nur, dass Hysterie auf Twitter und in den anderen sozialen Medien eher die Regel als die Ausnahme ist, und es zeigt, wie sehr manche ehemaligen Qualitätsmedien sich leider inzwischen diesem Niveau angepasst haben.

[1] Insbesondere die FAZ warf hier ein Schlaglicht auf ebenso unrühmliche wie gängige „journalistische“ Praxis: Man verbreitet erst unkritisch woanders gelesene Meldungen und stellt Fragen dazu erst nach der Veröffentlichung. Wenn überhaupt. Ob das im Überlebenskampf der herkömmlichen Medien die richtige Strategie ist, darf man bezweifeln. Niemand kauft ein FAZ-Abo, weil man online bei der FAZ die Meldungen liest, die man gleichzeitig von zig anderen Kanälen in eine seiner zahlreichen Inboxen hinein gespült bekommt. Lesenswert wäre hingegen der erste Beitrag, die sich kritisch mit dem Gemeldeten auseinandersetzt. Aber dazu braucht es auch Gespür dafür, was u.U. auf wackligen Beinen stehen könnte. Dieses Gespür leidet bekanntermaßen unter ideologischer Nähe.
[2] Aus linker Sicht kann es das natürlich nicht geben. Da sind die hier als „links“ identifizierten Ideale die moralisch einzig zulässigen, und Kritik daran wäre automatisch „menschenfeindlich“ und damit ebenso automatisch „Nazi“. 

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Ein Gedanke zu „Was zu Hysterie

  1. Dr. Caligari

    Dazu zwei kleine Notizen:
    1. Was Hrn. Maaßen angeht, ob er „im rechten Mileu angekommen“ ist oder nicht oder ob er vielleicht doch einer von den Illuminaten, Echsenmenschen oder Aliens ist, ist vollkommen egal. Es handelt sich um einen ehm. Bundesbeamten und Ex-Politiker, der jetzt nur und ausschließlich Publizistisch aktiv ist.
    Sein Einfluss auf die Bundesrepublik dürfte geringer sein als die von Augstein.
    2. Netzpolitik hat sich ein ziemliches Ei ins Nest gelegt. Ich würde an Stelle von Maaßen jetzt eine Kampagne starten und jeden Twitter-User, der als Rechtsradikal dargestellt wurde, dazu aufforder eine rechtliche Gegendarstellung zu verlangen. Das Recht haben sie, einfach so.
    Das kann sehr wehtun. Zudem man sich Unterlassungserklärungen und/oder Richtigstellungen per Zivilgericht vorbehält. Wenn eine Seite, die früher mal für Meinungsfreiheit eintrat, die Seiten wechselt und das passiert hier offenbar, muss man sie die eigene Medizin schmecken lassen. Punkt.
    Mir fallen jetzt spontan viele andere lustige Gegenmanöver ein, z. B. dass diese Leute ganz bewusst nur noch Netzpolitik retweeten und dann feststellen, dass „NP nun im rechten Spektrum“ angekommen sei.

    Natürlich muss man sich fragen, auf welchen Niveau man antworten will. Wäre ich an der Stelle von Maaß, ich würde wahrscheinlich beide Kampagnen starten und dann meinen Twitteraccount löschen lassen – „bis auf Weiteres“ versteht sich. Stattdessen ein kleiner Blog oder eine Kolumne im Qualitätsmedien „der sicherheitspolitische Blick nach Berlin“ oder so. Ja.

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