Was zur Unmenschlichkeit der öffentlichen Debatte

Es kam „bamm, bamm, bamm“. In kurzer Zeit tobten (mindestens!) drei Empörungswellen durch die öffentlichen Kanäle, die ihre Nähe nicht nur der Zeit verdanken. 

Da war der vom Werwohlf hoch geschätzte, weil stets besonnene, aber dennoch für CDU-Verhältnisse enorm prinzipientreue Carsten Linnemann, der in einem Interview vorschlug, des Deutschen nicht mächtige Kinder zunächst in Vorschulklassen auf das nötige Sprachniveau zu hieven und notfalls zur Einschulung in die Grundschule zunächst zurückzustellen. Das war einigen Journalisten zu langweilig, und so bastelten sie daraus die Forderung nach einem „Grundschulverbot für Migrantenkinder“. Die Empörungsreflexe kamen daraufhin so rasch, dass nicht nur aus ihrem Inhalt geschlossen werden könnte, sie seien ohne Umweg über das Hirn direkt aus dem Rückenmark gekommen. Bei den üblichen Verdächtigen gilt nun allerdings bekanntermaßen die Devise, dass jede Äußerung, die Migration nur in der kleinsten Form mit dem Wort „Problem“ in Zusammenhang bringt, und zwar dergestalt, dass nicht die Einheimischen, sondern die Migranten daraufhin in irgendeiner Form eine besondere Anstrengung unternehmen müssten, grundsätzlich und aufs Schärfste als „menschenverachtender Rassismus“ zu verurteilen ist. Wie gesagt: Das Hirn ist bei sowas wohl eher nicht im Spiel. Neu ist allerdings, dass auch sogenannte Parteifreunde[1], hier ist an vorderster Stelle die kongeniale Gegenspielerin der „Werteunion“, die Schleswig-Holsteiner Ministerin Karin Prien zu nennen, sofort in diesen Chor einzustimmen bereit waren. Offensichtlich liegen in der Union angesichts der Merkeldämmerung die Nerven blank, blank genug, sich mit dem Parteifreund nicht erst mal auszutauschen, sondern eiligst an die Öffentlichkeit zu gehen, um sich als Angehörige der Guten zu positionieren. Denn, auch das gehört zu den längst eingeübten Ritualen, die Guten sind die, die als erste irgendetwas, besser noch irgendwen als rechtsextrem (also Nazi) entlarven. Je später man auf den Zug aufspringt, um so verdächtiger (und für Profis: leider auch ungehörter) macht man sich selbst, bis man, wenn zu viel Zeit verstrichen ist, aufgrund von mangelnder Vehemenz und Schnelligkeit der Empörung letztlich der Komplizenschaft überführt ist. 

Besonders genießen konnte der unbeteiligte Zuschauer dann aber nicht nur das tosende Schweigen, das nach der Richtigstellung der irreführenden dpa-Meldung[1] eintrat, sondern auch allzu peinliche Versuche, sich in die oben beschriebene Empörungskette mit der nötigen Wucht einzureihen. Schönstes Beispiel: der Hamburger Schulsenator Ties Rabe. Der ließ sich wie folgt vernehmen

„Ich finde das furchtbar, denn in Wahrheit stellt sich doch die Frage, wo sie sonst Deutsch lernen sollten, wenn nicht in der Schule“, sagte der SPD-Politiker am Dienstag. Zudem gehe es um Kinder. „Und ich möchte doch alle Politiker bitten, Kinder herauszuhalten aus den ganzen ausländerpolitischen Spielchen, die es da gibt.“

Diese Äußerung kann man erst dann so richtig würdigen, wenn man das Folgende auch kennt (Hervorhebung durch den WW):

Alle Kinder ab sechs Jahren sind schulpflichtig, sofern sie bis zum Stichtag 30. Juni des entsprechenden Jahres geboren worden sind. Zugewanderte Kinder und Jugendliche, deren Deutschkenntnisse für den Besuch einer Regelklasse noch nicht ausreichen, erhalten je nach Kenntnisstand zunächst intensiven Deutschunterricht in Basisklassen (BK) oder Internationalen Vorbereitungsklassen (IVK). Die Einschulung findet dabei durchgehend während des gesamten laufenden Schuljahres statt.

So jedenfalls kann man es auf einer Informationsseite der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration nachlesen. Aber das ist ja wohl ein anderer Senator und Herr Rabe konnte das unmöglich wissen. Er war zu sehr damit beschäftigt, seine Empörung in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

Damit ist jetzt nicht behauptet, dass der Vorschlag Linnemanns der Weisheit letzter Schluss sei. Sogar dann nicht, wenn Medien wie die „Zeit“ sogleich unterrichtsferne „Experten“ heranziehen, die ihn in Bausch und Bogen verdammen. Aber warum wird sowas eigentlich nicht mehr in der Sache diskutiert, sondern sogleich nur danach getrachtet, den Vorschlagenden übler Absichten zu überführen? Kurz: ihn moralisch abzuurteilen?

Und gleich schlug der nächste Fall ein: Der Aufsichtsratsvorsitzende der Profi-Abteilung des Fußballvereins Schalke 04, Clemens Tönnies, wird wie folgt zitiert:

In der Diskussion um Wege, den Klimawandel zu bremsen, kritisierte Tönnies höhere Steuern. Stattdessen solle man lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren. Tönnies Begründung dafür: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“ 

Falls Ihnen bei der Lektüre anderer Quellen auffallen sollte, dass der Teil bis zu den 20 Kraftwerken immer in indirekter Rede zitiert wird: Es schreiben alle von der „Neuen Westfälischen“ ab. Und das steht es eben so. Interessant ist aber noch die Originalüberschrift des Artikels: „Clemens Tönnies sorgt beim Tag des Handwerks für Kopfschütteln“. Fast müsste man den verantwortlichen Redakteur der Komplizenschaft mit einem Rassisten zeihen, so schlapp kommt diese Einstufung angesichts des Furors daher, der daraufhin über Tönnies einfiel. Und als Tönnies sich dann auch noch mit dem Ehrenrat des Vereins darauf verständigte, sein Amt deswegen drei Monate ruhen zu lassen, hatte die Meute einen neuen Anlass zur Empörung, nämlich dass der Mann nicht aus seinem Amt gejagt wurde.

Nun muss man kein besonders sensibler Mensch sein, um die oben zitierte Äußerung von Herrn Tönnies für falsch oder unangebracht zu halten. Dass „den Afrikanern“ dann, „wenn’s dunkel ist“, nichts Besseres einfällt, als Kinder „zu produzieren“, ist schon eine Aussage, die mit „reichlich daneben“ gut beschrieben ist. Und direkt mit dem Klimawandel zu tun hat das Bevölkerungswachstum in Afrika auch nicht, worauf uns diverse Qualitätsmedien gleich beflissen aufmerksam machen. Allerdings gilt diese Feststellung nur unter der Annahme, dass das Lebensniveau in den betroffenen Ländern unbedingt dasselbe zu bleiben hat und sich keinesfalls verbessern darf, weder durch Wachstum im Land selbst, noch durch Migration nach Europa[2]. Für die Armutsbekämpfung ist es also ein Problem. Ob man das allein mit den 20 Kraftwerken des Herrn Tönnies in den Griff bekommt, ist eine andere Frage. Aber der Werwohlf behauptet auch nicht, Tönnies habe eine große Wahrheit gelassen ausgesprochen. Da hat sich schlicht einer in einer Gemengelage aus echten Problemen und Vorurteilen verrannt. Wie geht man nun damit um? Für die – man kann sie wirklich kaum anders bezeichnen – Meute ist die Sache klar: Der muss mindestens zurücktreten oder seines Amtes enthoben werden[3]. Oder wenigstens von jetzt an täglich unter Beweis stellen, dass er nicht der Rassist ist, als den ihn jetzt alle Experten entlarvt haben. Früher, also vor ein paar Wochen, bestanden Linke auf Twitter noch darauf, zwischen rassistischen Äußerungen und der Einstufung eines Menschen als Rassisten zu unterscheiden. Dieser Unterschied ist wohl mittlerweile als zu kompliziert und zu umständlich ad acta gelegt worden.

Und auch der dritte Fall hat mit Fußball zu tun. Wir bleiben im Pott und wechseln zum Erzrivalen. Die Ex-Profis Norbert Dickel und Patrick Owomoyela kommentierten im hauseigenen Kanal ein Testspiel ihres Vereins BVB gegen den italienischen Vertreter Udinese Calcio. Dabei benutzte Herr Dickel den Ausdruck „Itaker“ und Herr Owomoyela nahm eine Assoziation zum Wort „Schlacht“ (es fiel gerade viel Regen, woraufhin laut Kommentatorenhandbuch das Spiel zwingend als „Wasserschlacht“ zu bezeichnen ist, obwohl es nie wieder so sein wird wie damals in den Ardennen, äh, 1974 in Frankfurt[4]) zum Anlass, eine Hitler-Parodie abzuliefern. Auch hier wieder: Wogen der Empörung. Als ob Herr Dickel wirklich ein Problem mit Italienern hätte (wer weiß schon, mit welchen wenig schmeichelhaften Bezeichnungen die sich über Deutsche lustig machen) und die gar einer bedrohten Minderheit angehörten, und als ob Herrn Owomoyela der Sinn danach gestanden hätte, AH und seinesgleichen zu mehr Popularität zu verhelfen. Der Punkt ist nur: Sie haben an Tabus gerührt, und davon scheint es heute immer mehr zu geben. Wer sich nicht einer formelhaften Sprache befleißigt, wie sie von den „Grünen“ und ihnen wohlgesonnenen Qualitätsjournalisten vorgelebt wird, muss so weit ausgegrenzt werden, dass er wenigstens in der Öffentlichkeit nicht mehr wahrnehmbar ist[5], am besten aber auch seiner Existenzgrundlage beraubt wird (trifft auf all die eben genannten Fälle nicht zu, aber um so mehr dort, wo Prominenz nicht schützt). Jedenfalls sollen die beiden Herren bis auf Weiteres keine BVB-Spiele mehr kommentieren dürfen.

In all diesen Fällen trat sogleich ein Scherbengericht zusammen, und es fällte nur vernichtende Urteile. Dabei ist es äußerst schwer, in einem der Fälle einen tatsächlich Geschädigten auszumachen. Gut, im Fall Tönnies äußerte sich der Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah als persönlich Betroffener – was allerdings wiederum nur schwer nachvollziehbar ist, da Tönnies dem Kontext entsprechend nicht von deutschen Fußballmillionären sprach. Aber wirklich einen Nachteil erlitt wer? Die Kinder, die Herr Linnemann im Blick hatte, sollten nach seinem Willen von seinem Vorschlag nur profitieren. Und alle anderen Kinder auch. Die „Itaker“ des Herrn Dickel werden sich maximal auf das nächste Spiel des BVB gegen einen italienischen Verein gefreut haben. Und Herr Owomoyela dürfte reichlich unverdächtig sein, rassistischen Bewegungen zu Popularität verhelfen zu wollen.

Will sagen: Wir sind alle nur Menschen. Wir wissen, was moralisch geboten ist, aber wir scheitern daran täglich. Ein Mann wie Luther ist daran sogar verzweifelt, aber das liegt schon ein paar Jahre zurück. Die Menschen mit den moralisch so hohen Maßstäben, die sie dazu berechtigen, andere zu verurteilen, sind gewöhnlich auch die, die für ihre Befürwortung unbeschränkter Einwanderung christliche Motive heranziehen. Als jemand, der den einen oder anderen Text des Neuen Testaments kennt, kann der Werwohlf dazu nur sagen: Da passt etwas nicht.

Und auch ohne Christentum wäre es doch geradezu menschenverachtend, um mal ein beliebtes Diskussionen abkürzendes Adjektiv zu verwenden, von jedermann zu verlangen, ständig in Wort und Tat einem unfehlbaren Ideal zu folgen, bzw. dann, wenn man an diesem Vorsatz gescheitert ist, einen neuen Anlauf zu unternehmen, der den Ansprüchen eines Gremiums (dann wohl unfehlbarer) Urteilender genügt. Wir scheitern an unseren Vorsätzen, an allen und jeden Tag. 

Wer ohne Sünde ist, der mag getrost den ersten Stein werfen. Davon scheint es ja verblüffend viele zu geben.  

 

[1] Die meisten unionsnahen Stimmen auf Twitter lobten die dpa für ihre spätere Richtigstellung, aber der Werwohlf fragt sich, warum die dpa es überhaupt als ihre Aufgabe ansieht, Meldungen „zuzuspitzen“.
[2] Es ist wiederum interessant, wer alles von dieser Annahme auszugehen scheint, wenn es ihm oder ihr in den Kram passt. 
[3] Auf „Spiegel Online“ wird die Parallele gezogen zu einem Fußballer des FC Chemnitz, der sich wiederholt als Sympathisant der rechtsextremen Szene gezeigt hat. Lasst uns über Maßstäbe reden.
[4] Der Werwohlf hofft, dass seine feine Ironie, die Kritik an einer Hitler-Parodie mit einem Bezug auf den Zweiten Weltkrieg zu illustrieren, nicht unbemerkt bleibt. Er verspricht auch, nie wieder ein Spiel des BVB zu kommentieren.
[5] Was auch wieder exzellent passt, denn als Not gilt in der deutschen Öffentlichkeit auch nur die medial als solche propagierte. Not, die man nicht zu sehen bekommt, ist irrelevant. Deswegen werden auch Menschen, die das Mittelmeer überqueren wollen, anders behandelt als solche, die gar nicht erst soweit kommen.

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2 Gedanken zu „Was zur Unmenschlichkeit der öffentlichen Debatte

  1. n_s_n

    Wenn ich mich kurz zu Tönnies äüssern darf:

    Wenn man an die herrschende Lehre glaubt, hat natürlich Bevölkerungswachstum immer etwas mit dem Klimawandel zu tun, da jeder Mensch mehr zu mehr CO2 Ausstoß führt. Weniger Menschen bedeuten demnach weniger CO2. Das gilt unabhängig davon, dass die CO2 Ersparnis, je nach Stand der Industriealisierug, pro Kopf in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich groß ausfallen kann. Nicht umsonst gibt es ja die extremen Stimmen , welche zum“Kinderverzicht“ aufrufen.

    Weiter ist der Flächenverbrauch durch Bevölkerungswachstum weitaus problematischer als der vorhergesagte Anstieg des Meeresspiegels. Bevölkerungswachstum als Variante des Klimawandels sozusagen.

    Weiter ist es recht unstrittig, das Abholzen von Wäldern zu einer Verschlechterung der CO2 Bilanz führt und solche Abholzung vorzugsweise in niedrig industrialisierten Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum stattfindet. Einzige Ausnahme natürlich: Wenn an Stelle des Waldes Windräder aufgestellt werden.

    Schlussendlich sei auch darauf hingewiesen, dass es empirisch äußerst gut belegt ist, dass Wohlstand und Rückgang des Bevölkerungswachstums, sowie Ausbau einer sicheren Energieversorgung und Wohlstand sehr eng korreliert sind. Mit anderen Worten: Ausbau einer sicheren Energieversorgung impliziert über Rückgang des Bevölkerungswachstums eine Verbesserung der CO2 Bilanz und führt damit, nach gängiger Lehre, zum Schutz des Klimas und zur Schonung der Umwelt.

    Wollte man Herrn Tönnies also maximal wohlwollend auslegen, könnte man seine Rede als Hinweis auf durchaus bekannte Sachverhalte verstehen. Das möchte man offensichtlich nicht. Man möchte etwas anderes. Ob das richtig oder falsch ist, bin ich müde zu beurteilen.

    Davon unbenommen ist die Feststellung seiner ungebührlichen Ausdrucksweise über deren Motivation, Ursache, Intention und Absicht jeder herzlich eingeladen ist zu spekulieren. Ich allerdings bin auch dessen müde.

    Was bei mir hängenbleibt, ist die Unverhältnismäßigkeit der medialen Debatte, zum Beispiel im Vergleich zum Gegenstand deines „Reflex Beitrags“: Während man (in der medialen Diskussion) durchaus Ansätze von Empathie mit Mördern empfinden kann und in diesen Fällen streng an Recht und Gesetz argumentiert, scheint dies bei den Urhebern unpassender Wortmeldungen weniger adäquat zu sein.

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
  2. Eloman

    Gab es nicht nach dem Blackout von New York in den 70ern 9 Monate später nen Babyboom? Ich meine, mich an sowas erinnern zu können.

    Antwort

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