Was zu Reflexen

Leider ist wohl die politische Diskussion in Deutschland zu vertwittert. Auf ähnliche Reize folgt bei den üblichen Verdächtigen die immer gleiche Leier. Kurz hintereinander bewegten zwei Mordtaten die Republik: die von Frankfurt, wo ein Mann ein kleines Kind vor einen Zug schubste[1], und die von Stuttgart, wo ein Mann einen anderen mit einer großen Hieb- und Stichwaffe abschlachtete. Die letztere Tat gewann an Prominenz noch dadurch, dass sie z.T. auf Video festgehalten wurde – da nutzte auch die gelangweilte Ignoranz des Deutschlandsfunks wenig. Beide Taten haben gemein, dass sie nicht von Deutschen begangen wurden. Diese Zutaten reichen, um das gewohnte Programm abzuspulen. Die einen verfluchen die Politik, insbesondere Kanzlerin Merkel, wegen der Flüchtlings- bzw. Migrationspolitik und machen sie für die Morde mitverantwortlich. Sie fordern mindestens Grenzkontrollen und Abschiebungen, und die, die bei der Gelegenheit am liebsten alle Ausländer oder mindestens alle Muslime aus dem Land jagen möchten, gibt es da bestimmt auch noch – nur zum Glück nicht in der Filterblase des Werwohlfs. Die anderen bemühen sich, die Taten mit allen zur Verfügung stehenden rhetorischen Mitteln zu relativieren, möchten aus von Menschen begangenen Taten am liebsten irgendwie eingetretene Ereignisse machen und sehen die Reaktionen der Gegenseite als das viel größere Problem an, weil sie den populistischen Dreikampf auslösten: schüren, in die Hände spielen und Wasser auf die Mühlen lenken. 

Der Zwang zur Instrumentalisierung von Einzeltaten ist groß. Und er befällt nicht alle gleichmäßig. Denn quasi umgekehrt verliefen die Empörungslinien z.B. nach dem Mord am Kasseler Politiker Walter Lübcke. Da waren die „Einzelfall“-Rufer und die Relativierer nämlich plötzlich die Anderen, während denjenigen, die sich jetzt dieser Instrumente befleißigen, die Tat nicht bedeutend genug sein konnte und geradezu nach politischen Maßnahmen zu schreien schien. Die „Mitverantwortlichen“ waren da mit der AfD auch schnell gefunden. 

Um es an dieser Stelle mal klipp und klar zu sagen: All das ist im Großen und Ganzen Bullshit.

Der Eritreer, der die unvorstellbar grausame Tat im Frankfurter Hauptbahnhof beging, galt in der Schweiz als gut integriert und lebte dort schon seit 2006. Von der seit dem Jahr 2015 kritisierten Flüchtlingspolitik Deutschlands war er gar nicht betroffen. Er reiste vom Schengenland Schweiz ins Schengenland Deutschland, und wenn er schon früher in die Schweiz eingewandert wäre, hätte er dies vom Oktober 2004, dem Beitritt der Schweiz zum Schengener Abkommen, jederzeit tun können. Da hieß der Kanzler noch Schröder. Jetzt werden hier strenge Grenzkontrollen gefordert, als sei deren Abwesenheit ein übles Versäumnis – aber dem ist natürlich nicht so. Aus deutscher Sicht können gar nicht genug Schweizer möglichst unproblematisch in die Bundesrepublik einreisen, denn sie bringen Kaufkraft. Man bereise mal die Grenzregionen und werfe am Wochenende einen Blick in die Parkhäuser. Umgekehrt befinden sich in der Schweiz wichtige Arbeitgeber für Deutsche, was wiederum beiden Seiten zugute kommt (auch wenn die SVP das anders sieht…). Die langen Schlangen an der Zollgrenze, die durch diesen wechselseitigen Verkehr entstehen, will in Wirklichkeit niemand verlängern. Der Schutz wäre auch nur ein eingebildeter. Die deutschen Behörden hätten den Eritreer rechtlich gar nicht an der Einreise hindern dürfen, da sie von ihren Schweizer Kollegen nicht informiert wurden, dass der Mann bereits gesucht wurde. Das stört die Fans des „Racial Profiling“ zwar nicht, aber für uns in dieser Republik mittlerweile exotischen Freunde des Rechtsstaats ist das ein wichtiges Argument.

Hinzu kommt, dass der Mann wohl auch psychisch gestört war. Was kein Privileg von Ausländern, noch nicht mal von Afrikanern, ist und auch erst jüngst offenbar wurde. Klar, schreien die Empörten, das sei natürlich die übliche Ausrede. Immer, wenn ein Täter in unser Lieblingsschema passt, kommt ihr mit der psychischen Störung und macht uns unsere Argumentation kaputt. Dabei müsste man doch in der Regel sogar davon ausgehen. Der Werwohlf kann sich keinen Menschen vorstellen, der noch voll Herr seiner Sinne und erst recht seines Verstandes ist, der eine solche Tat begehen möchte. Es gibt auch keine Religion, die dafür eine Belohnung im Jenseits verspräche[2]. Eine solche Untat kann ihren Sinn nur in einem kranken Hirn erlangen, für alle anderen ist sie ein Musterbeispiel der Sinnlosigkeit.

Über den Mord von Stuttgart ist im Detail noch nicht so viel bekannt. Und ja, den müsste man in mancherlei Hinsicht tatsächlich anders einordnen. Der Täter ist ein „Merkel-Syrer“, wie er im Buche steht. Inklusive seiner anscheinend tatsächlich unklaren Herkunft taugt er weit mehr als der Schweizer Eritreer als Ausschnitt aus den vielen Einzelschicksalen der Einwanderer, die sich insbesondere in den Jahren 2015/2016 in Deutschland niederließen. Und auch, wenn man konstatieren muss, der er damit keinesfalls typisch für diese Migranten ist, ist er typisch für Probleme, die erst mit diesen Migranten gekommen sind.

Wenn so viele Menschen nicht nur mit einem für moderne Industriestaaten völlig unzureichenden Humankapital, sonder vor allem auch aus anderen Kulturen, also mit anderem Rechtsverständnis, mit anderen Institutionen, mit anderen Wegen der Konfliktlösung und mit anderen Idealen in dieses keinesfalls normale Land einwandern, muss das für heftige Probleme sorgen, die sich dann auf verschiedene Art und Weise zeigen und entladen. Man kann das machen. Man kann sich als Regierung dazu aus humanitären Gründen entscheiden. Aber eins ist unverständlich: In diesem Staat wird jede Winzbaumaßnahme jahrelang beplant und diskutiert, aber ein so gewaltiges Humanexperiment quasi per ordre de Mutti durchgeführt? Liebe Politik: Man kann das „Mitnehmen“ der Menschen und der Kritiker nicht erst jahrelang einüben und dann wieder nach Belieben für anstößig erklären – der „besorgte Bürger“ gegen eine Startbahn wird zum Musterbeispiel der Demokratie, aber seine Entsprechung bei der Einwanderungspolitik zum Nazi? Aber gestehen wir ein, dass dies am Anfang wegen der Dringlichkeit der Lage nicht möglich war: Dann bleibt es das aus Sicht des Werwohlfs große Versagen der Kanzlerin, und zwar sowohl in politischer als auch moralischer Hinsicht, das „Wir schaffen das!“ lediglich als Forderung gegenüber allen anderen zu verstehen, sich aber selbst mit moralischen Appellen aus der Affäre zu ziehen. Angesichts der großen Einwanderung von 2015-2016 und ihrer seitdem zwar kleineren, aber stetigen Fortsetzung hätte es zu einer großen staatlichen Offensive kommen müssen, deren kurzfristiger Ressourcenbedarf auf die 2% deutschen CO2-Beitrag keine Rücksicht genommen hätte. Man kann sich nicht den Pelz waschen, ohne sich nass zu machen. Lehrer, Kita-Mitarbeiter, Sozialarbeiter, Polizei – überall da hätte das Personal in großem Ausmaß aufgestockt werden müssen. Die Wohnungsknappheit in den Städten war zu diesem Zeitpunkt schon vorherzusehen, aber die große Wohnungsbau-Initiative blieb aus. 

Weil all das ausblieb, haben wir jetzt viele Männer im Land, die schwer damit zu kämpfen haben, sich in dieser Gesellschaft und diesem seltsamen Staat, der einem alles durchgehen lässt und weiter fleißig Geld überweist, zurecht zu finden. Arbeit bekommen sie nur schwer, weil ihre Qualifikation und auch ihre Arbeitsgewohnheiten oft nicht kompatibel mit den Erwartungen der Arbeitgeber sind, und diese wiederum nicht mit den eigenen Ansprüchen und Vorstellungen. Jetzt mixen wir da noch – ja! – psychische Probleme dazu[3], und schon bekommen wir Straftaten, die einem pazifizierten Deutschen das Blut in den Adern gefrieren lassen. Und selbst wenn es nicht ausgeblieben wäre, wäre es dennoch dazu gekommen, wenn auch hoffentlich in weit geringerem Ausmaß.

Um auf oben zurückzukommen: Es ist Bullshit, all diese Probleme zu verschweigen, und alles, was ihr Vorhandensein manifestiert, mit Gewalt zu negieren, und sei es auf Kosten des demokratischen Umgangs, weil man notfalls den Andersdenkenden als Nazi diffamieren und – ja, wir sind eben in Deutschland, wo Traditionen gepflegt werden – auch denunzieren[4] muss.

Es ist aber auch Bullshit, die Tatsache, dass es zu Gewalttaten kommt, an die wir nicht gewohnt sind, zu benutzen, um erstens rechtlich nicht durchsetzbare und zweitens auch letztlich nicht wünschenswerte Maßnahmen zu propagieren, nur weil man mit der Komplexität der heutigen Welt nicht mehr zurecht kommt. Es ist noch größerer Bullshit, wenn man versucht, Fälle, die sich nach genauer Betrachtung gar nicht dafür eignen, für seine populistische Polemik zu missbrauchen. Man kann und – nach des Werwohlfs Meinung – sollte auch die unverantwortliche Migrationspolitik, die nicht nur von der Bundesregierung, sondern noch mehr von den linken Oppositionsparteien und den Medien bevorzugt wird, heftig kritisieren. Aber die Alternativen sind nicht so simpel gestrickt und nicht einfach umzusetzen. Wer hier meint, mit einem Fingerschnippen der Regierung seien die Probleme einfach abzustellen, ist entweder dumm oder unredlich.

Über die schäbigen Versuche, den Mord an Lübcke der AfD anzulasten, muss hier hoffentlich kein Wort mehr verloren werden. Wer anderer Meinung ist, möge dem Werwohlf schlüssig darlegen, wie die AfD den Täter hätte beeinflussen sollen. Von dem übrigens auch psychische Probleme berichtet werden, was nur den stört, der für seine Agenda zwingend eine rechte Verschwörung braucht.

Leute, bleibt bitte aufrichtig. Vor allem gegenüber euch selbst.

 

[1] Gibt es ein anderes Verb, um die konkrete Aktion zu beschreiben? Schubsen kann tödlich sein
[2] Das würde zur Dimension „psychisch krank“ noch „radikalisiert und dumm gehalten“ hinzufügen.
[3] Seien wir ehrlich: Welcher hinreichend normal tickende Mensch macht sowas? Die Syrer, die in der Region des Werwohlfs leben, jedenfalls nicht.
[4] Traurig, dass Arbeitgeber hier fast automatisch panisch nachzugeben scheinen, ohne ihre Mitarbeiter in Schutz zu nehmen.

 

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4 Gedanken zu “Was zu Reflexen

  1. Wir stoßen bei solchen Einzelfällen sehr schnell an die Grenzen, wenn wir das vernünftig diskutieren wollen. Es heißt z. B. der Eritreer sei gut integriert, sei Christ, sei schon in der Schweiz gesucht gewesen usw.usf.
    Alles das mag stimmen, es mag auch nicht stimmen oder verzerrt dargestellt sein. Ein einfacher Internetnutzer kann das kaum prüfen, er muss sich auf die Berichterstattung in den Medien verlassen.

    Besonders das mit der Geisteskrankheit halte ich für relativ perfide, weil es sehr viele Geisteskranke gibt, die solche Taten nicht begehen. Indem man diesen Aspekt in den Vordergrund spielt, löst man willentlich Angst in der Bevölkerung aus.

    Leider wird die Debatte extrem ideologisch geführt. Vielleicht gehört das sogar zu den Themen, über die die Öffentlichkeit lieber schweigen sollte. Dennoch scheinen mir manche andere Länder mit der Einwanderung wesentlich besser umzugehen als Deutschland.

  2. „Galt als gut integriert“ – Allein dies wäre ein riesiges Thema, bei all den Illusionen und Schönfärbereien in diesen Bereich. Und wahrscheinlich auch in diesem konkreten Einzelfall, da liest man, dass der Täter 2017 an einem Integrationsprogramm teilnahm, das dann zum Job bei Verkehrsbetrieb mündete. Welchen er ca. 1,5 Jahre durchhielt. Wie die Erwerbsbiografie zwischen 2006 und 2017 aussah, kann ich nur spekulieren.

    Ob der Täter psychisch krank ist kann ich nicht beurteilen. Aber dies ist alles andere als evident. Meine Vermutung: ungeliebter Job, wahrscheinlich Schichtarbeit, Kollegen und Vorgesetzte, die trotz aller Begeisterung für Diversität, bestimmte Vorstellungen haben bzgl.. Soft Skills und Sekundärtugenden, und zuhause ein Neugeborenes und eventuell eine mit der Situation unzufriedene Ehefrau, dann der Vorfall mit der Nachbarin und das dauergestresste Hirn sieht kein Ausweg mehr…

  3. Das richtige Verb heißt „stoßen“, nicht schubsen. Vom Schubsen fällt man nicht unbedingt direkt aufs Gleis.

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