Was zur CO2-Steuer und einem Twitter-Disput

Eins vorweg: Der Werwohlf ist kein Ökonom. Er hat zwar ein Diplom, das ihm dies bescheinigt, aber der volkswirtschaftliche Anteil war da eher gering. Zudem war er für den keynesianischen Mainstream der Uni durch die Lektüre von Libertären wie Henry Hazlitt und die Public-Choice-Analyse[1] reichlich verdorben. Aber das Interesse blieb, und so ein wenig mitreden kann er dann schon, wohl auch mehr, als es der durchschnittliche(!)[2] Journalist oder Politiker kann.

Nun entspann sich auf Twitter eine Debatte zwischen zwei Accounts, denen der Werwohlf folgt. Der eine Account wird von einem Ökonomen gefüllt, der in den USA lehrt, der andere von einem in Deutschland tätigen Journalisten. Das Streitthema war die CO2-Steuer. Der Journalist war dieser gegenüber skeptisch eingestellt, während der Ökonom vor allem Vorteile sah. Um seinen Standpunkt deutlich zu machen, skizzierte der Journalist den Fall, dass ein Geringverdiener, dankbar überhaupt eine Wohnung gefunden zu haben, in einem schlecht isolierten Haus wohnt, und nun wegen der Steuer viel mehr für Heizung ausgeben muss. Der Ökonom stellte dem diverse Handlungsalternativen gegenüber, die aus Sicht des Journalisten im konkreten Fall eher unrealistisch schienen. In Folge attestierte der Ökonom dem Journalisten „ökonomischen Analphabetismus“ und eine miese Diskussionskultur. Inwieweit der letztere Punkt zutrifft, mag jeder für sich entscheiden – entweder anhand dieser Zusammenfassung oder durch Aufspüren des Threads. Spoiler aus Sicht des Werwohlfs: Das Ergebnis wäre dasselbe. 

Aber warum entzündete sich der Streit so sehr? Wenn wir dies ergründet haben, können wir vielleicht mehr darüber sagen, warum ökonomische Erkenntnisse in der Öffentlichkeit kein Gehör finden. Sind sie nur schlecht verpackt oder verfehlen sie vielleicht sogar das Thema?

Es fängt damit an, dass der Ökonom in diesem Fall in Aggregaten denkt. Er kennt keine einzelnen Verlieren oder Gewinner, sondern nur einen gesamtwirtschaftlichen Effekt. Sollte es doch zu Verlierern kommen, zieht er den Staat als Deus-Ex-Machina aus der Tasche, der schon für den richtigen Ausgleich sorgen würden. Ähnlich in seiner Argumentation in Sachen Wohnungsnot: Die sei durch Maßnahme XY behebbar, in Folge kein Problem der CO2-Steuer und somit jeder Einwand in dieser Hinsicht ein Ausweis des Versagens. Dass Maßnahme XY nirgendwo in Sicht ist, ficht den Ökonomen nicht an. 

„Angenommen, wir hätten einen Dosenöffner…“[3]

Nun wäre es mit der CO2-Steuer so, dass es gerade ihre Absicht ist, Menschen gegenüber ihrem bisherigen Status schlechter zu stellen. Denn der bisherige Status sagte (lassen wir mal alle auf CO2-Emittenten bereits entfallenden Steuern außen vor): CO2-Emission ist gratis. Und wenn ich etwas bepreise, was bisher gratis war, stelle ich die Nutzer davon schlechter als vorher. Und zwar ganz konkret, und das heißt: Cash Flow. Geld wandert vom Nutzer zum Staat. Der Nutzer hat weniger als vorher. Jetzt heißt es aber, hallo, ihr habt den Disnutzen (=Schaden) der Co2-Emissionen bisher ja gar nicht berücksichtigt, ihr unterliegt nur einem Irrtum, was euren Nutzen angeht. Denn wenn ihr weiter so viel CO2 verbrauchen würdet, würde euch in der Zukunft ein Schaden entstehen. 

Eins der Probleme ist nun, dass es eine solche Berechnung, wie hoch der Schaden einer Klimaerwärmung von x Grad auf den einzelnen Bundesbürger nicht gibt. Oder wenn es ihn gibt, wird er nicht transparent kommuniziert. Er soll sich nach dem Willen der Politik indirekt aus der Festsetzung der Steuer ergeben, die wiederum idealerweise von zig Modellannahmen der Klimaforscher abhängt. Und wenn es ihn gäbe, wäre er zu grob. Da würde der Küstenfischer in den selben Topf wie der Almbauer geworfen, der Städter in denselben wie das Landei. Aber für alle soll dieselbe Steuer gelten. 

Selbst, wenn wir annähmen, dass der Staat seine Einnahmen aus der CO2-Steuer weitgehend zugunsten der Bezieher niedriger Einkommen verteilte (z.B, durch einen Pro-Kopf-Bonus), was im deutschen Umfeld, wo sich stets neuer Bedarf staatlicher Finanzierung auftut, auch mal bezweifelt werden darf, wäre dies nicht treffgenau, was die Auswirkung der Steuer angeht. Es gibt Untersuchungen dazu, und die sagen, dass Städter prinzipiell gewinnen und Landeier, die pendeln müssen und für diverse andere Besorgungen aufs Auto angewiesen sind, prinzipiell verlieren. Ebenso gewinnen die Gutbetuchten, die gerade in die hochpreisige Niedrigenergiewohnung eingezogen sind, während die arme Sau im nicht-renovierten Altbau (alles andere wäre verwerfliche Gentrifizierung) einfach mal mehr berappen muss und für andere Dinge weniger übrig hat. Wenn er überhaupt etwas übrig hat. Das sind nun mal Dinge, die Wähler beschäftigen, und dass sie auch Journalisten beschäftigen, ist eigentlich eine gute Sache. 

Nur, warum Ökonomen sich stattdessen in Modelle flüchten, die womöglich Anpassungszeiten nur unzureichend abbilden und politische Prozesse komplett ignorieren, erklärt das nicht. Waren wir da nicht schon mal weiter?

[1] Danke, Prof. Klaus-Dirk Henke, dass Sie uns damals auf diesen Zweig hinwiesen.
[2] Journalisten wie Gerald Braunberger (FAZ) dagegen sind Leuchttürme.
[3] Insider-Witz, den hoffentlich jeder Volkswirt sofort versteht.

Ein Gedanke zu „Was zur CO2-Steuer und einem Twitter-Disput

  1. Dr. Caligari

    Aber das Interesse blieb, und so ein wenig mitreden kann er dann schon, wohl auch mehr, als es der durchschnittliche(!)[2] Journalist oder Politiker kann.

    Das ist ja keine Herausforderung, wie wir beide wissen.
    Journalist wird man in der Regel, wenn einem die Wirtschaft sowieos immer schon suspekt war.

    Er kennt keine einzelnen Verlieren oder Gewinner, sondern nur einen gesamtwirtschaftlichen Effekt.

    Naja gut, das tut der Utilitarist und vergleichbare ethische Auffassungen beispielsweise auch.

    Jetzt heißt es aber, hallo, ihr habt den Disnutzen (=Schaden) der Co2-Emissionen bisher ja gar nicht berücksichtigt, ihr unterliegt nur einem Irrtum, was euren Nutzen angeht.

    Das Problem ist eigentlich viel simpler:
    CO2-Ausstoß erzeugt einen massiven lokalen Nutzen (Industrie!), aber eine eher geringen globalen Schaden. Es ist durchaus rational, das zumindest anfangs in Kauf zu nehmen.
    Damit die Reduktion des CO2-Ausstoßenes einen Sinn ergibt, müssen nun ALLE aus dem CO2 aussteigen.
    Eine Form des Trittberettfahrerproblems!

    Wenn ich nämlich aussteige und mein nachbar tut es nicht, dann verliere ich den Nutzen, bekomme aber meinen Anteil am Schaden. Dagegen lässt sich auch nicht protestieren, denn als Nicht-Industrienation hat man in der Regel gar nicht mehr die Macht, da groß mitzureden.
    Das nehmen die Deutschen überhaupt nicht mehr wahr. Sobald Deutschland keine Industrienation mehr ist, ist unsere Meinung dem Rest der Welt piep-Egal.

    Nur, warum Ökonomen sich stattdessen in Modelle flüchten, die womöglich Anpassungszeiten nur unzureichend abbilden und politische Prozesse komplett ignorieren, erklärt das nicht.

    Ich glaube ja, das hat was mit linkem Denken zu tun…

    Antwort

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