Was zu IWF-Analysen

Es gibt ungeheuer wichtige Organisationen in dieser Welt. Da wäre natürlich die Europäische Union. Die ist so wichtig, dass um die dort zu verteilenden Pöstchen wochenlang gerungen wird. Und es gibt den IWF. Der ist wohl nicht ganz so wichtig, denn dessen Präsidentin möchte gerne Vorsitzende der Europäischen Zentralbank werden. Aber bei Linken hatte er lange Zeit den Ruf des Gottseibeiuns, weil er Staaten zu marktwirtschaftlichen Reformen anzuhalten pflegte und dies an Kreditzusagen koppelte. Ob es etwas genutzt hat, darüber kann man sich streiten. Immerhin konnten die betroffenen Staaten den Unmut, der sich verständlicherweise entzündet, wenn irgendwo Pfründe abgegeben werden sollen, auf den IWF lenken und dann selbst mit Unschuldsmiene tätig werden. Aber das war wohl nur eine Episode. Ob es nun an der neuen Leitung oder an veränderten Moden in der Ökonomie in  Folge der Finanzkrise liegt, jedenfalls sind die Keynesianer zurück beim IWF und mit ihnen ihre Analysen. 

Der „Süddeutschen“ ist es zu verdanken, dass die gespannte deutsche Öffentlichkeit über eine weitere davon informiert wird.

Die Kurzfassung ist einfach: Exportboom begünstigt Reiche und ist daher schlecht. Als Lösung sollten Löhne erhöht und Erbschaften und Immobilien höher besteuert werden. Sollte sich ein Linker auf dieses Blog verirrt haben (die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null), kann er hier aufhören zu lesen und sich befriedigt zurücklehnen. Vielleicht zieht er sich nochmal genussvoll den Artikel der „Süddeutschen“ rein. Zu gönnen wäre es ihm[1]. 

Ansonsten wird jetzt nämlich gemosert. Aber der Reihe nach. 

„Steigende Gewinne, verstärkt in Firmen angespart, die den Reichsten gehören, unterstützten den Anstieg der Ungleichheit“, schreibt der lange als marktliberal geltende IWF. Der Firmenbesitz sei in der Bundesrepublik sehr stark in den wohlhabendsten Haushalten konzentriert. „Den zehn Prozent Reichsten gehört 60 Prozent des Nettovermögens in Deutschland – das ist der höchste Wert in der Euro-Zone“. So vergrößerten die sprudelnden Firmengewinne und ihr Einbehalten die Einkommen und Vermögen der Reichen überproportional. Damit lasse sich die Hälfte des Anstiegs der Einkommensungleichheit seit der Jahrtausendwende erklären.

You can’t have the Mittelstand and eat it. Oder anders gesagt: Wenn die Deutschen schon anonymen Aktiengesellschaften misstrauisch gegenüberstehen und selbst nichts in Aktien investieren wollen, weil ja so unsicher und überhaupt[2], dann muss eben der Mittelstand die Kartoffeln aus dem Feuer holen, und der ist nun mal: Ja, überwiegend im Besitz von Familien. Und wird immer wieder gelobt für seine soziale Verantwortung, die ja so anders sei als die bei diesen bösen Aktiengesellschaften mit ihren geldgierigen, nur auf Quartalsgewinne fixierten und den schellen Euro aus seienden Managern. Tja, und so sieht es dann eben aus, wenn der Mittelstand Erfolg hat. Nicht die Masse profitiert, auch nicht über Fonds, sondern die paar Eigentümer. Man hätte es anders haben können, z.B. beim Aufbau des Rentensystems, aber da waren wohl andere Dinge wichtiger. Wie gewählt werden zum Beispiel.

Normal- und Geringverdiener geben fast alles von ihrem Einkommen aus, Reiche dagegen sparen einen großen Teil. Deshalb führe die Stagnation in der Mitte und unten dazu, dass die Konsumquote gedrückt werde. Für die Binnennachfrage ist das nicht gut. Das Plus der Topverdiener erhöht die Sparquote und die Leistungsbilanzüberschüsse zum Ausland.

Für die Binnennachfrage ist das nicht gut. Aber trotzdem brummt die. Die hohe Sparquote wäre auch kein so großes Problem, wenn – ja wenn entsprechend im Inland investiert werden würde. Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem in der deutschen Volkswirtschaft: Die Investitionen schwächeln. Die Keynesianer, die ich von früher kenne, hätten das sofort in den Mittelpunkt gestellt. Aber das war ja früher.

„Die deutschen Firmen sind sehr profitabel. Auch die Konzentration des Firmenbesitzes bei den Reichen ist ein typisch deutsches Phänomen“, bestätigt Moritz Schularick von der Uni Bonn, der sich seit Langem mit der Globalisierung beschäftigt. Er sorgte kürzlich mit einer Studie für Aufsehen, wonach der deutsche Immobilienboom der vergangenen Jahre das private Vermögen um drei Billionen Euro erhöhte – wovon mehr als die Hälfte in den Taschen der reichsten zehn Prozent landete.

Es ist ja bekannt, dass die Deutschen ein Volk von Mietern sind. Deswegen schneiden sie bei europäischen Vermögensvergleichen auch immer so schlecht ab. Hierzulande konsumiert man lieber[2], weil ja die Rente sischer ist. Oder besser: Man konsumiert fröhlich, und beschwert sich hinterher, weil die Rente zwar sischer, aber überraschend niedrig ist. Also kein Wunder, dass ein Immobilienboom solche Effekte hat. 

Der IWF diskutiert seit Längerem intern, wie sich die Früchte des Booms in Deutschland stärker verteilen ließen, damit der Exporterfolg die sozialen Unterschiede nicht noch verstärkt. Eine Überlegung: ein höheres Wachstum der Löhne. Und niedrigere Steuern für Gering- und Normalverdiener, damit die mehr von ihrem Lohn übrig behalten. Um die fehlenden Einnahmen für den Staat auszugleichen, ließen sich die Steuern auf Immobilien und Erbschaften erhöhen.

Moritz Schularick hat für manches davon Sympathie. „Wir haben ab Anfang der Nullerjahre eine Dekade lang relativ geringe Lohnzuwächse gesehen. Es wäre an der Zeit, die Gewinne breiter zu verteilen. Wir sind auf dem Weg, aber es reicht noch nicht.“ Auch höhere Freibeträge bei der Steuer für Geringverdiener hält er für bedenkenswert. „Und tendenziell ist die Besteuerung von Immobilienvermögen, das nicht weglaufen kann, eine gute Idee“.

Hier wird es interessant. Diskutiert der IWF eigentlich auch intern, wie Löhne in Deutschland zustande kommen? Ist man dort unter den Experten der Meinung, in den deutschen Gewerkschaften säßen nur Deppen, die stets zu wenig forderten? Oder will man Unternehmen dazu anhalten, die Personalkosten auf Kosten der Gewinne zu erhöhen, weil das irgendwie gut für die Volkswirtschaft sei? Natürlich darf dann nicht Arbeit durch Kapital ersetzt werden, das wäre ja unfair. Und Standortverlagerungen – pfui! Die standen im Modell nicht drin! Den stetigen Anstieg des (außerdeutschen) europäischen Wertschöpfungsanteils an den deutschen Exporten haben die Experten wohl glatt übersehen, als sie zu der frohen Kunde für die deutschen Arbeitnehmer gelangten.

„Niedrigere Steuern für Gering- und Normalverdiener“ – also was die Geringverdiener angeht, geht niedriger eigentlich kaum noch. Jedenfalls, wenn wir über die Einkommensteuer sprechen, denn nur dort kann man effektiv nach Verdienern unterscheiden (Inzidenzen außen vor). Die deutsche Besteuerung verteilt schon mehr um als in den meisten anderen Industriestaaten. Wollen die schlauen IWF-Experten diesen Effekt noch vergrößern? Bekannt ist im Gegenteil, dass vor allem die Sozialabgaben in den unteren Einkommensgruppen besonders stark wirken, so stark, dass sie sogar als echte Hemmnisse bei der Beschäftigungsaufnahme angesehen werden müssen. Da besteht tatsächlich Handlungsbedarf.

Was die Idee, Steuerausfälle durch eine höhere Besteuerung von Immobilien aufzufangen, weil diese ja schließlich nicht „weglaufen“ können, anbelangt, drängt sich ja unmittelbar die Frage auf, ob dieser Vorschlag wirklich von denen kommt, die eben noch eine unzureichende Verteilung des Immobilienvermögens beklagt haben. Daran will man wohl nichts ändern und lieber besteuern. Mit einer alle Gerechtigkeitsüberlegungen eindeutig schlagenden Begründung: Ergiebigkeit. Der Fiskus hat eben viele Freunde. Und Erbschaften: Klar, wer nichts von Familie hält, kann vielleicht auch die Motivation deutscher Mittelständler nicht nachvollziehen. Wenn die wissen, wie sehr sich  der Staat beim Übergang auf ihre Liebsten bedienen will, werden sie genau so erfinderisch wie bei der Führung ihrer Unternehmen. Notfalls folgen sie dem berühmten Rezept von George Best:

„Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.“

Genug genörgelt. Nur, weil man von der Analyse im Detail nichts hält, muss sie nicht völlig falsch sein. Sie kann auch aus anderen Gründen stimmen. Denn der exorbitante deutsche Leistungsbilanzüberschuss[3] ist tatsächlich ein Problem, denn er wird nicht mit Waren bezahlt, von denen die Deutschen dann etwas hätten, sondern mit Vermögensanlagen im Ausland. Und da haben sich die Deutschen als deutlich weniger clever erwiesen als bei der Entwicklung von am Weltmarkt gefragten Produkten. Die Problematik trifft nur andere. Während wir öffentlich sehen, wie gut es den Mitarbeitern und Eigentümern der Exportbetriebe geht, wandert die Vermögensanlage durch so viele Hände, dass ein Zusammenhang kaum noch herstellbar ist, außer eben auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. „Stupid German money“ war vor der Finanzkrise nicht umsonst ein geflügeltes Wort an der Wall Street. Es würde den Werwohlf sehr wundern, wenn man da heute anders dächte. 

[1] Der Werwohlf schätzt jeden Leser. Auch den sich zufällig hierher verirrt habenden. 
[2] Oder man wird vom Sozialsystem gezwungen, den Konsum anderer zu bezahlen.
[3] Beim Exportüberschuss sind die Dienstleistungen außen vor. Aus volkswirtschaftlicher Sicht kein Grund, da halt zu machen.

Platz für Senf.

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