Was zu Seenotrettung – eine Moralpredigt

Über die zweifelhafte Moral der „Seenotrettung“ wurde schon an anderer Stelle geschrieben. Dass es nicht nur darum geht, Ertrinkende zu retten, wurde von „Sea Watch“ selbst deutlich gemacht:

Es gebe in Tunesien kein nationales Asylverfahren. „Unsere Kapitänin würde folglich gegen die Flüchtlingskonvention verstoßen, wenn sie Gerettete an ein Land ausliefert, in dem ihr Grundrecht auf ein Asylverfahren nicht gewährleistet wird.“ Zudem sei es immer möglich, das sich unter den Menschen Gruppen befinden, „die einem besonderen Verfolgungsrisiko ausgesetzt sind“, zum Beispiel oppositionelle Tunesier oder Homosexuelle. Ihnen drohten „Misshandlungen und Folterungen durch staatliche Behörden“, so der Sprecher. Eine Einschätzung, die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in ihrem Jahresbericht teilt.

Mit der Aufnahme derer, die zu ertrinken drohen, wollen die Retter gleichzeitig auch deren Asylgesuche sicherstellen. Und weil letzteres politisch umstritten ist, soll es zwingend mit ersterem verknüpft werden. Und umgekehrt, aus Sicht der Migranten: Um letzteres zu erreichen, muss zwingend ersteres herbeigeführt werden. So funktioniert das „Spiel“. Hinzu kommt wohl noch der Versuch, das sich so störrisch gebende Italien mit den richtigen Fernsehbildern zu disziplinieren, aber den Innenminister Salvini interessiert seltsamerweise deutsche Empörung weniger als italienische Wählerstimmen.

Jedenfalls gelten in Deutschland die Lebensretter als Helden, und sie sehen sich selbst auch so.

Weil sie den Gewinnern eines nicht anders als darwinistisch zu nennenden Auswahlprozesses zu Hilfe eilen. Die Migranten, die da im Mittelmeer aufgefischt werden, kommen aus allen möglichen Teilen Afrikas und aus fast allen Teilen Asiens bis auf den Fernen Osten. Sie haben z.T. abenteuerliche Wege hinter sich, durch viele Staaten, wo sie viele Grenzen überqueren mussten. Wie sie das geschafft haben, mit welchen Verkehrsmitteln sie da wahrscheinlich unterwegs fahren, teilen uns investigative Journalisten leider nicht mit. Sollten diese Menschen aber jemals vor etwas geflüchtet sein, dürften sie es spätestens mit der zweiten oder dritten Grenzüberquerung hinter sich gelassen haben. Wer sich so auf den Weg nach Europa macht, der flüchtet nicht, der will dorthin auswandern in der Hoffnung, dort Geld zu verdienen. Ja, auch auf ein besseres Leben, aber die jungen Kerls, die da den Löwenanteil derer ausmachen, die solche Strapazen auf sich nehmen, haben nicht die Aufgabe, es sich gut gehen zu lassen. Sie sollen für die daheim gebliebene Familie Geld verdienen (nachdem die Forderungen der Schlepper befriedigt wurden). 

Ja, heißt es dann gerne, diese Leute flüchten doch trotzdem, und wenn es nur vor einem Leben in Armut ist. Wenn man es so sehen will. Aber warum setzen die Lebensretter denn keine Ressourcen ein für alle die, die zu alt, zu jung oder zu schwach sind, um sich auf die lange Reise zu begeben? Warum nimmt man ungeheuer viel auf sich, um die wenigen, die sich mit Erfolg durchschlugen, in das Umfeld hochproduktiver Industriestaaten zu verpflanzen, und ignoriert die Armut der Massen in den Herkunftsländern? Warum müssen diese Menschen sich erst zum Mittelmeer aufmachen und dann in Seenot begeben, um in Europa einwandern zu können? Warum sind sie wertvoller als die, die es nicht schafften?  Und wenn die Lage in Libyen so grausam und unmenschlich ist, warum fordert niemand der hehren NGOs den Westen zum Eingreifen auf? Warum müssen die Migranten erst da durch?

Vergessen wir dabei mal ganz schnell die kolonialistische Attitüde, die den Migranten immer gerne entgegen gebracht wird, als handele es sich bei ihnen um dumme, naive kleine Kinder, die völlig ahnungslos in ihr Unglück rennen. Das hätte man vielleicht noch von den Allerersten sagen können, die diese Route einschlugen, aber in Afrika kommt man mit Handy z.T. besser zurecht als in Deutschland, und auch, wenn Pässe verlustig gehen – das Smartphone ist immer dabei. Selbstverständlich wird dann berichtet, wie es war, und selbstverständlich werden dann Tipps verbreitetet, wie es die Nächsten vielleicht besser anstellen können. Auch sich mutwillig in Seenot begebende Menschen müssen gerettet werden, aber es ist für die hehre Moral der neu erwachten Freunde der „Seenotrettung“ natürlich enorm wichtig, weiter auf dem kindlichen Status der Geretteten zu bestehen, denn wer lässt sich schon gerne bewusst zum Deppen machen? Mag sein, dass der Eindruck nicht täuscht, und der Anteil unter den „Seenotrettern“, der sowieso für vollkommen offene Grenzen und beliebige Einwanderung ist, dürfte nicht weit von 100% entfernt liegen, aber auch dann darf und muss gefragt werden, ob das wirklich die Lösung sein kann – für die Menschen in den Aufnahmeländern und für die in den Herkunftsländern. Doch wenn das der Wunsch ist, dann müsste doch dieses absurde Theater mit z.T. tödlichem Ausgang schnell beendet werden. Dann müsste eine Luftbrücke her für alle auswanderungswilligen Menschen weltweit, und die moralisch den anderen europäischen Staaten so sehr überlegenen Deutschen nähmen erstmal alle auf. Stattdessen feiert man das eigene Gutsein bei einigen Wenigen, die man auch noch den Italienern aufzuzwingen gedenkt. Zynisch sind offensichtlich nicht nur die, die die Lebensretter als Schlepper bezeichnen.

Denn der Wunsch nach schneller Teilhabe am Erwerbsleben in den Industriestaaten dürfte an enormen Qualifikationshürden scheitern. Sprache, Ausbildung, Arbeitskultur, zunehmende Verdrängung vieler vor allem einfacherer Arbeiten durch die Digitalisierung – da sind selbst junge Männer in den 20ern mitunter schon zu alt, um diesen Kraftakt auf einmal zu stemmen.  Hinzu kommen die in den Aufnahmeländern künstlich errichteten Hemmnisse, wie der Zwang zu bestimmten Abschlüssen oder hohe Mindestlöhne. Das sorgt bei den einen für Frust, der sich in unerfreulichen Dingen Bahn bricht, und bei anderen dafür, die einschlägig bekannten Wege einzuschlagen, das schnelle Geld zu verdienen. Und es gestaltet das Zusammenleben für alle Beteiligten sehr unerfreulich – zwar bunt und abwechslungsreich, aber nicht angenehm. Und die, die sich doch erfolgreich irgendwie durchschlagen und einen Job ergattern, von dem nicht nur sie leben können, die lösen das Problem der Armut in ihren Heimatländern sicher nicht. Im Gegenteil, denn vermutlich wären es auch gerade diese Menschen gewesen, die diese Länder gebraucht hätten. Wenn denn dort institutionelle Bedingungen vorherrschten, die Wachstum ermöglichen. Auch da könnte Europa etwas tun.

Aber schon der Gedanke daran gilt hierzulande wohl schon als Frevel: Da sei Greta vor! Bei uns gilt der Verzicht als der Königsweg, und er passt auch wunderbar in die weitverbreitete vulgärsozialistische Sichtweise, dass Reichtum und Armut sich gegenseitig bedingen, der Reiche also dem Armen etwas „weggenommen“ haben muss, um reich zu werden. Das mag in der heißgeliebten „Postwachstums“-Wirtschaft so sein, aber ob eine schrumpfende Wirtschaft Armut zu beseitigen in der Lage ist? 

Was hier so „harmlos“ mit der Rettung vor dem Ertrinken begann, endet somit in dem Willen einiger Menschen und Organisationen, für ihren Wohlstand und vielleicht auch für die Verbrechen ihrer Großeltern Buße zu tun – und ihre Mitmenschen dafür gleich in Mithaftung zu nehmen.

5 Gedanken zu „Was zu Seenotrettung – eine Moralpredigt

  1. Dr. Caligari

    Zitat aus dem Artikel:
    „Mit der Aufnahme derer, die zu ertrinken drohen, wollen die Retter gleichzeitig auch deren Asylgesuche sicherstellen.“

    Wobei, streng genommen, eine Asylsuche nur bei politischer Verfolgung gilt. Der Oppositionelle hat in diesem Fall bessere Karten als der Homosexuelle. Ob das gerecht ist… lassen wir mal außen vor.
    Wenn ich das richtig verstehe, dann ist das Problem eben auch die Latenz der Verfolgung. Asyl sichert gegen tatsächliche Verfolgung durch einen Staat, nicht gegen solche, die möglicherweise durchgeführt wird.

    Zitat aus dem Artikel:
    „Und weil letzteres politisch umstritten ist, soll es zwingend mit ersterem verknüpft werden.“

    Sehe ich ähnlich: Das „Problem“ ergibt sich erst mit dem, was nach der Seenotrettung passiert. Dass man Menschen nicht ertrinken lässt, halte ich für unumstritten.

    Zitat aus dem Artikel:
    „Ja, heißt es dann gerne, diese Leute flüchten doch trotzdem, und wenn es nur vor einem Leben in Armut ist.“

    Ausschlielich junge Männer?
    Wirklich? Kennen Frauen in Afrika oder den Nahen Osten keine Armut?
    90%+ nur junge Männer. Ich glaube, daraus wird jeder seine eigene Schlussfolgerung ziehen können.

    Zitat aus dem Artikel:
    „Und wenn die Lage in Libyen so grausam und unmenschlich ist, warum fordert niemand der hehren NGOs den Westen zum Eingreifen auf? Warum müssen die Migranten erst da durch?“

    Was soll das bringen? Die Weltpolizei kommt und rettet den Tag? Wie realisisch ist dieses Szenario?
    Wir beide dürften wissen, dass es nicht sehr realistisch ist.

    Zitat aus dem Artikel:
    „Mag sein, dass der Eindruck nicht täuscht, und der Anteil unter den ‚Seenotrettern‘, der sowieso für vollkommen offene Grenzen und beliebige Einwanderung ist, dürfte nicht weit von 100% entfernt liegen, aber auch dann darf und muss gefragt werden, ob das wirklich die Lösung sein kann“

    Das eigentliche Probleme liegt doch im Zusammenhang:
    1. Sozialstaat, der rechtlich quasi verpflichtet ist, jedem Menschen zu helfen, unabhängig von Alter, Geschlecht usw.
    2.Gewaltige Massen an Menschen, für die dieses Versprechen noch das Beste ist, was sie in Zukunft absehbar erreichen können.
    3. Leuten, die ihnen dabei helfen.

    Erst danach ergeben sich dann zusätzliche Probleme wie eben die Tatsache, dass es nur junge Männer sind und die Probleme im Zusammenhang mit einer islamischen Lebenseinstellung.

    Wenn man Handlungen nicht nach der edlen Gesinnung, sondern nach den Konsequenzen im realen Leben beurteilt, dann kommt man schnell zu der Schlussfolgerun, dass diese Politik in der Form falsch ist.
    Das lässt sich nur retten, indem man entweder zugibt, dass man die Gesellschaft an den Rand der Belastbarkeit führen will, oder indem man sie in der Form beendet.

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  2. Eloman

    Da gab es letztens bei Tichy einen Gastbeitrag von einer ich glaube Soziologin, die eine man gute Erklärung für das Verhalten der „Retter“ hatte. Es ging da um Schuld- und Opferkollektive. Wir Weißen, egal ob Deutsche wegen den Nazis, weiße Amerikaner wegen der Sklaverei oder Briten und Franzosen wegen des Kolonialismus gehören grundsätzlich dem Schuldkollektiv an, die „People of Color“ dem Opferkollektiv. Indem die „Retter“ gegen jeden Verstand jeden „Fliehenden (neue Bezeichnung, vorhin in der Rheinischen Post gelesen)“ nach Europa bringen, „entschuldigen“ sie zuerst mal sich selbst, im Endeffekt aber ihrer Ansicht nach uns alle. Das Ganze hat sowas von Ersatzreligion an sich.

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  3. hubersn

    Neulich habe ich einen sehr einfachen Merksatz gelesen, auf englisch, aber ich übersetze mal ins Deutsche: „Man kann entweder offene Grenzen haben, oder einen Sozialstaat.“ Sehr weise wie ich finde.

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      1. hubersn

        Ah, für einen alten, weisen und belesenen Liberalen wie den Werwohlf war das natürlich altbekannt. Für mich als Spätberufenen hingegen neu, und natürlich in einem Forum aufgeschnappt, wo der Autor sich nicht bequemte, den Urheber des Zitats mit anzugeben. Vermutlich, weil es eh jeder wusste – außer mir 🙂

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