Nochmal was zu Anonymität

Auf seinem Blog „culturewars“ ist ein Plädoyer gegen die Anonymität im Netz zu finden. Der Autor argumentiert, dass anonym geäußerte Meinungen nur die eine Seite der Medaille seien, auf deren anderer eine real existierende Personen stünden, die zu feige seien, ihre wahre Meinung öffentlich zu vertreten. Der so offenbarte Mangel an eigener Integrität führe letztlich zu einer korrumpierten Gesellschaft, in der die Wahrheit kaum noch eine Chance hat. Das Doppelleben des im Netz Anonymen entwerte auch seine dort formulierten Positionen, weil man nicht wisse, ob die reale Person im realen Leben auch dazu stehen würde. Hinzu käme, dass der anonyme Schreiber dazu verleitet würde, bei seinen Aussagen über die Stränge zu schlagen, was dann insgesamt die Diskussionskultur beschädige. 

Der Autor betont zwar, dass es ihm auf Freiwilligkeit ankomme, aber letztlich ähneln seine Argumente sehr stark denen derjenigen, die einen Klarnamenzwang im Internet fordern. Die Position ist im Kern: Ein Argument ist nichts wert, wenn man die Person dahinter nicht kennt. 

Dem ist zu widersprechen. Ob ein Argument etwas taugt oder nicht, ist dem Argument selbst zu entnehmen und dem Gegenstand, auf das es angewendet wird. Nur wer ad hominem oder ad verecundiam argumentieren möchte, braucht eine reale Person dazu. Und so scheint es leider sehr vielen Menschen zu gehen, wie man diversen Diskussionen im Netz entnehmen kann. Sogar ganze z.Zt. in gewissen akademischen Kreisen populäre Ideologien beruhen darauf, die Qualität einer Gruppenzugehörigkeit über die Qualität der Aussage selbst zu stellen. Was allerdings die im Netz, also auch hier, veröffentlichten Meinungen des Werwohlfs betrifft, so wünscht er es sich sogar, dass man auch annehmen könne, er vertrete im wirklichen Leben ganz andere. Es ist ja gerade dieser Gewinn an Freiheit im Netz, der es ermöglicht, auch mal spielerisch Positionen auszuprobieren. Gerade für Menschen wie den, der hinter dem Werwohlf steckt, ist eher typisch, dass sie mehr in Frage stellen als Gewissheiten zu vertreten – bis auf die Gewissheit, dass die von anderen im Brustton der Überzeugung und moralischer Überlegenheit vorgetragenen Meinungen in der Regel äußerst dürftig begründet sind und diverse Aspekte simplifizierend ausblenden. Warum sich also nicht auch mal auf den politischen Turing-Test einlassen und im Gewande eines überzeugten Linken, Liberalen oder Konservativen auftreten? Der Qualität der eigenen Meinung dürfte das auch im echten Leben eher förderlich sein.

Vielleicht steckt hinter den unterschiedlichen Positionen zur Anonymität auch ein ganz anderes Motiv, sich im Netz zu artikulieren. Wer sich auf einer Mission befindet, wer der Meinung ist, mit seinen Äußerungen Beiträge zur öffentlichen Debatte liefern zu können (und vielleicht sogar zu müssen), wer wirklich etwas bewirken will, der tritt vielleicht tatsächlich besser als Person in Erscheinung. In der Politik kommt es vielen stark auf Vertrauen an, und Menschen können nur echten Menschen vertrauen, wenn überhaupt. Der Werwohlf kennt aber nur einen einzigen Adressaten seiner Beiträge: sich selbst. Er benutzt Blog und Twitter als öffentliche Bedürfnisanstalten, in denen er sich erleichtert – um Gedanken, die ihn beschäftigen, um Emotionen, die ihn im Zusammenhang mit ihnen vielleicht ergreifen. Wenn es anderen zur Unterhaltung dient, ist das ebenso ein netter Nebeneffekt, wie wenn andere sich in seinen Ideen wiederfinden können. Aber Obacht – vielleicht meint er es ja nicht wirklich so… So ein bisschen Unsicherheit über die eigene Position täte der öffentlichen Debatte sicher auch gut. 

Da ihm der Missionierungsdrang abgeht und er mehr in Frage stellen als überzeugen möchte, fällt es dem Werwohlf auch relativ leicht, dem zumindest bei Twitter mit hohen Rückmeldungen belohnten Drang zum Pöbeln nachzugeben. Jedenfalls bemüht er sich dahingehend. Er möchte auch dort nichts veröffentlichen, was er im echten Leben nie sagen würde. Der Punkt ist nur: Sein echtes Leben ist eines ohne Politik. In seiner Umgebung befindet sich niemand, der über irgendwelche politischen Fragen diskutieren möchte. Partei-Engagements kommen für ihn schon logistisch nicht in Frage, und sein Drang, sich auf den Idiotenseiten der Zeitungen zu verewigen, ist auch nicht sehr ausgeprägt. Er möchte schlicht niemandem aus seinem Umfeld mit den Ergebnissen seines politischen Stoffwechsels ungebeten behelligen. Wenn man ihn um seine Meinung bittet, wird er diese äußern, aber er verspürt keine Lust, von sich aus angenehme soziale Beziehungen mit politischen Differenzen zu belasten. Und er möchte auch, dass dies, wenn es geschieht, in der Reichweite möglichst unter seiner Kontrolle bleibt, was eine öffentlich für jedermann zugängliche Protokollierung aller von ihm je geäußerten Meinungen ausschließt. 

Was der Werwohlf hier schreibt, spielt für die Welt da draußen keine Rolle und soll auch in seinem echten Leben keine spielen. Ja, es ist ein Doppelleben. Und das ist auch gut so.

 

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2 Gedanken zu „Nochmal was zu Anonymität

  1. Dr. Caligari

    Der alte Aristoteles, das habe ich mal gelernt, unterschied drei Faktoren der Rede, Ethos, Pathos und Logos:
    – Pathos, die „leidenschaftliche“ Rede.
    Das ist quasi der Appell an Gefühle, an Leidenschaft, an Emotion. Man kann die Menge aufpeitschen, sie besänftigen oder sie in einen kontemplativen Modus versetzen. Alles durch die wichtigen Worte und das richtige Auftreten.
    – Logos, die sachliche Rede.
    Die streng logische Beweisführung, in der man seine Ansichten anhand von Argumenten und Fakten begründet.
    – Ethos, der Verweis auf den eigenen Charakter.
    Beispielsweise, wenn ein Arzt vor einem Laienpublikum spricht oder ein altgedienter Politiker auftritt und noch einmal von seinen besten Tagen erzählt.
    Hier ergibt sich die Wirkung vor allen Dingen wirklich durch die Person und nicht so sehr durch die Worte.

    Tatsache ist, dass das Internet die dritte Form abschneidet. Hält man am Schema fest, so bleiben nur Pathos und Logos übrig, Appelle an Emotion und an Vernunft. Im Netz kann jeder als jede Person auftreten, weshalb niemand einen Text, der auf die Person bezug nimmt, ernst nimmt.
    Meine These lautet nun: Das hat wesentlich mit der Textform zu tun!
    Sobald man auf andere Seiten wechselt, z. B. Youtube mit seinen Videos oder Podcasts, dann sind diese drei Elemente wieder da. Es ist eher ein Zeichen, dass man A. Schema nicht auf Literatur anwenden kann.

    Insofern kann ich die Kritik, soweit es eben um Youtube usw geht, verstehen.

    Antwort
  2. Eloman

    In einer Zeit, in der von verschiedenen Leuten aus verschiedenen Lagern Listen angelegt werden, bei denen man nicht weiß, was die dann nach dem Endsieg damit anfangen, kann Anonymität nicht verkehrt sein.

    Antwort

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