Was zum neuen Medien-Darling

Es war zu erwarten. Spätestens, als in Deutschland die „Grünen“ zu Siegern der Europawahl erklärt wurden, setzte sich eine Eigendynamik in Gang, die diese Partei auf Augenhöhe mit der bislang einsam führenden Union katapultierte. Übrigens so ziemlich gegen den sonstigen europäischen Trend – deutscher Sonderweg galore, sozusagen[1]. Jetzt hat natürlich die Stunde der spin doctors geschlagen, und ihr Urteil steht fest: Der deutsche Wähler wollte mehr Klimaschutz, die Grünen stehen für Klimaschutz, und deswegen müssen alle anderen Parteien jetzt auch „was mit mehr Klimaschutz“ machen. Was sich, nebenbei bemerkt, signifikant von den Ratschlägen zum Umgang mit AfD-Wahlerfolgen unterscheidet, wo dieselben spin doctors nicht müde wurden zu warnen, dass Anpassung an die Positionen des Bösen den Wähler nur dazu verführen würde, eben diesem seine Stimme zu geben. Quod licet iovi („Grüne“), non licet bovi (AfD) – die ollen Römer wussten eben Bescheid[2].

Für die FAS, das Sonntagsblatt der einstmals konservativen FAZ, schreibt Volker Zastrow apodiktisch: „Die CDU zerstört sich selbst“. Und natürlich kennt er auch den Grund: 

Annegret Kramp-Karrenbauer hat nach ihrem knappen Sieg über Merz versucht, die Partei wieder zu einen, indem sie auf den rechten Parteiflügel zuging. Sie muss das tun, denn sie kann ohne die Unterstützung der Konservativen nicht Kanzlerin werden; selbst Angela Merkel mit ihrem gewichtigen Amtsbonus konnte es zuletzt ja kaum bleiben. Aber die Wähler laufen weg. Sie fühlen sich durch diese Politik nicht angesprochen, sogar abgestoßen.

Wobei besagte Wähler enorme Schwierigkeiten haben könnten, genau aufzuzeigen, welche Politik sie da so abstößt. Sollten es allein die vagen Aussagen Kramp-Karrenbauers gewesen sein, die eine Distanz zu Merkels Migrationspolitik erkennen ließen? Sollten wesentliche Stimmenanteile der Union einer tendenziell „grünen“ Politik zu verdanken gewesen sein? 2005 erzielte die Union mit einem Wahlprogramm 35%, das in der Regel als „neoliberal“ bezeichnet wird. 2009 reichte es mit 34% zur Koalition mit der FDP, deren Absturz der Union dann 42% einbrachte, trotz der erstmalig mit knapp unter 5% auftretenden AfD. 2017 fuhren die Parteien der Willkommenskultur-Kanzlerin dann, nach Wiedergenesung der FDP,  sagenhafte 33% ein. Wenn an letzterem Ergebnis also vor allem „grün“ eingestellte Wähler beteiligt gewesen sein sollen, müsste es von 2009 an da irgendwo einen Austausch gegeben haben – über den war aber nichts zu lesen. Und wenn man dann noch berücksichtigt, was Merkel früher in Sachen Migration zu sagen hatte, stellt sich automatisch die Frage, warum die Wähler sich heute von vagen AKK-Äußerungen abschrecken lassen, von eindeutigeren der damaligen Parteichefin aber offensichtlich nicht.nDieses Dilemma lässt sich nur dadurch auflösen, wenn man zum Schluss kommt, dass sich die Präferenzen der Wähler in massiv verschoben haben. Und zwar nicht in den letzten 14 Jahren, in denen die Ergebnisse der Union trotz leichtem Abwärtstrend relativ stabil blieben, sondern in den letzten zwei Jahren, parallel zum Aufstieg der „Grünen“, die bei der Bundestagswahl 2017 noch unter 9% blieben. 

Bei solch massiven und kurzfristigen Veränderungen verbitten sich Analysen, die auf lange gesellschaftliche Trends hinweisen. Hier geht es um eindeutig um Mode. Vielleicht sollten politische Analysten ihren üblichen Werkzeugkasten mal beiseite stellen und bei ihren Kollegen vom „Leben“- oder „Mode“-Ressort nachfragen, wie da Veränderungen inszeniert werden. Aber vielleicht haben sie das ja schon, denn Veränderungen sind das Beste, was einem Journalisten passieren kann, denn dann, und nur dann, gibt es auch etwas zu berichten und zu bewerten. 

Und wie entstehen solche Veränderungen? Für die Politik hätte der Werwohlf da eine Vermutung. Die setzt an dem Umstand an, dass man vor zwei Jahren auf die Frage nach den wichtigsten politischen Aufgaben „Klimaschutz“ nur sehr selten genannt bekommen hätte. Heute soll er die wichtigste Aufgabe sein. Wie kommt das? Haben die Wähler einschneidende persönliche Erfahrungen gesammelt, die zu so einem Wandel führten? Wohl kaum, da die apokalyptischen Szenarien, mit denen seit einiger Zeit jeder Widerspruch gegen jede klimapolitische Maßnahme unterbunden werden soll, erst die Zukunft betreffen und sich daher persönlichen Erlebnissen entziehen. Woher haben die Bürger also dieses neue Problembewusstsein? Wahrscheinlich doch transportiert von den Medien, insbesondere den öffentlich-rechtlichen mit ihren „halbamtlichen“ Nachrichten und Nachrichtenjournalen. Wenn an „Fridays for Future“ ein bestimmter Prozentsatz von Schülern teilnimmt, wird dann ausführlich berichtet oder nicht? Von Lehrern und Eltern erfährt der Werwohlf, dass die Prozentsätze, bezogen auf die Schülerschar insgesamt, eher sehr gering sind, und dass ohne die paar „Aktivisten“, die eh schon dem linken Spektrum zuzurechnen waren, der Unterricht wie gewohnt weiter läuft. Ja, das ist anekdotische Evidenz, aber gibt es sonst Zahlen dazu? Berichtet wird aber, als hätten diese Zustimmungsraten von 80%+ ergeben, so dass sich junge Parteifunktionäre der „Grünen“ oder der umbenannten SED als Sprecher „der Jugend“ ausgeben können. 

Wer erscheint auf dem Bildschirm, wenn es darum geht, dass „die Opposition“ eine Maßnahme der Bundesregierung kritisiert? So gut wie nie ein Vertreter der größten Oppositionspartei, der AfD, sondern bevorzugt einer der kleinsten, der „Grünen“. Das hat eine Studie der, horrible dictu, AfD ergeben.

Worüber wird berichtet? Über „Fridays for Future“, über „Scientists for Future“, aber eine Einordnung der deutschen Klimapolitik in die weltweiten Beschlüsse findet nicht statt, so dass man zum Schluss kommen kann, dass an deutschen Kohleausstiegsbeschlüssen das Überleben der Menschen auf diesem Planeten abhängt. Kein Wort davon, dass dazu die extremsten Szenarien Wirklichkeit werden müssten, kein Wort davon, dass sich Deutschland zwar zu Zielen verpflichtet hat, diese aber auf das Weltklima, und nur das spielt hier eine Rolle, so gut wie keine Auswirkungen haben. 

Darüber hinaus haben Talkshows längst die Übertragungen aus dem Bundestag ersetzt, wenn es um die Vermittlung von politischen Inhalten durch die Parteien geht. Und wer sitzt da? Im Zweifel Robert Habeck. Was den Medien hinterher noch Gelegenheit gibt, ganz erstaunt die Beliebtheit dieses Mannes hervorzuheben, der selbst mangels Amt keine unpopulären Entscheidungen mehr treffen muss. Der sieht so erotisch wuschelig aus, ganz das Gegenteil von diesem Spießer Amthor. So geht Politik heute. Es hat eben nur relativ lange gedauert, bis sich die Präferenzen der Berichterstatter auch in der Berichterstattung niederschlugen. 

Gibt es noch Hoffnung, vor allem für die SPD? Aber klar. Jeder Aufschwung hat mal sein Ende, und die grüne Verbotspolitik wird für genug ökonomische Verlierer sorgen. Wenn es darum geht, wer in der Krise für die kleinen Leute einstehen soll – will sich da wirklich jemand auf die „Grünen“ verlassen?

Was nicht heißt, dass die „Grünen“ keine linke Partei sind. Da sind sie natürlich, wie auch ihre eindeutige Präferenz nach der Landtagswahl in Bremen zeigt[3]. Ihre Kompetenzen betreffen aber ausschließlich Luxusprobleme. Es geht  ihnen um materiellen Verzicht, um Gender als universelles Instrument für alles, um unbegrenzte Migration. Wenn sich die Leute aber fragen, warum sie auf Dinge verzichten sollen, die für sie aufgrund „grüner“ Politik unerschwinglich sind, dann hat es sich mit dem „Post“, dann steht das Materielle wieder im Vordergrund, und das ist dann wieder, auf die kleinen Leute bezogen, das Thema, das die SPD ins Spiel bringt[4].

Auffällig ist, dass die „Grünen“ selten angegriffen werden. Das hat viele Gründe, auch viele der bereits erwähnten, aber es hängt mit der Überzeugung der labernden Klasse zusammen, die u.a. auch die Mehrheit in den Führungsgremien der Union stellt, dass die „Grünen“ eigentlich die einzig wahre Politik vertreten. Unangreifbar sozusagen, wenn man in den Himmel kommen will. Die Großkirchen sekundieren da auch bereitwillig. 

Also bleiben wir weiter unter uns. Wir, die wir instinktiv riechen, dass etwas faul ist, wenn viele derselben Fahne folgen. Egal, welche Farben sie zeigt. 

[1] Man merkt: Der Werwohlf bemüht sich um Anschluss an jüngere Lesergruppen. Es wird im Verlauf dieses Beitrags nicht mehr besser…
[2] Der Werwohlf entschuldigt sich für diesen Ausflug in die klassische Bildung und er ist sich bewusst, dass er damit die Lesergruppen wieder verliert, der mit galore gerade noch gewann. Und das mit nur kleinem Latinum.
[3] Das von manchen CDUlern erwünschte Bündnis von Schwarz und Grün ist für die „Grünen“ nur Notbehelf. Sie streben anderes an. Sollte die CDU wissen.
[4] Die Partei der Mauermörder wird auf diesem Blog niemals als ernsthafte Alternative gelten.

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2 Gedanken zu „Was zum neuen Medien-Darling

  1. Mr. Caligari

    Spätestens, als in Deutschland die „Grünen“ zu Siegern der Europawahl erklärt wurden, setzte sich eine Eigendynamik in Gang, die diese Partei auf Augenhöhe mit der bislang einsam führenden Union katapultierte.

    Das Wahlergebnis der Grünen in Deutschland lässt schon eine andere Gewichtung zu. Die Ökopartei liegt weit vor Liberalen, vor den einzelnen Sozialisten usw.

    Der deutsche Wähler wollte mehr Klimaschutz, die Grünen stehen für Klimaschutz

    Vielleicht waren die Grünen ja auch im Wesentlichen einen Anti-AfD-Wahl der europabesoffenen Deutschen?
    Die Grünen sind in vielen gesellschaftlichen Fragen das Gegenteil der AfD, sie sind für „Gender“, für Multikulti und damit für Einwanderung, gegen die Großindustrie und für Gängelung des Bürgers durch den Staat. Wobei letzteres die einzige Gemeinsamkeit zur AfD sein dürfte.

    Was anderes sind natürlich die Jugendlichen, die Freitags für den Change protestieren. Die glauben wahrscheinlich an das, was sie tun. Aber die hätte auch niemals CDU oder so gewählt.

    Wie kommt das?

    Die deutschen Medien haben den Wählern das immer wieder vorgebetet, bis es zur selbstverständlichen Wahrheit geworden war.

    o gut wie nie ein Vertreter der größten Oppositionspartei, der AfD, sondern bevorzugt einer der kleinsten, der „Grünen“.

    Die Grünen sind Opposition? Ich hätte geglaubt, dass sie inoffiziell schon mitregieren, jedenfalls durch Merkel.

    Das hat viele Gründe, auch viele der bereits erwähnten, aber es hängt mit der Überzeugung der labernden Klasse zusammen, die u.a. auch die Mehrheit in den Führungsgremien der Union stellt, dass die „Grünen“ eigentlich die einzig wahre Politik vertreten.

    Weil die deutsche Journalie zu 90% gewisse Sympathien mit ihnen hat und, das zeigen jetzt empirische Studien, im Schnitt eher links sind und 30% sogar offen die Grünen präferieren.

    Das ist ja auch klar, wer da Nachmittags im Cafe sitzt und seinen Latte schlüft, während er auf seinen Laptop einen Artikel über den neusten Klatsch aus der Hauptstadt schreibt, der versteht die Sorgen und Nöte eines Industriearbeiters vielleicht weniger. Letzterer will keine Deindustrialisierung Deutschlands, für einen Journalisten dagegen ist das Thema erst mal irreal… Was droht ihn denn? Papier und Schreibmaschine gibt es doch weiterhin.
    Genauso auch Lehrer usw.

    Der Höhepunkt sind dann solche „Visionen“, in denen die Arbeiter, die in der Autoindustrie ihre Jobs verlieren, anschließend in die Pflege oder so gehen. Denen ist überhaupt nicht klar, dass das zwei völlig verschiedene Welten sind. By the way, es ist auch keine Überraschung, warum Arzthelfer, Krankenschwester, Altenpfleger usw. überwiegend weiblich sind, während das Arbeiten in Handwerk oder Industrie eher eine Männerdomäne ist.
    (Für die Grünen liegt es natürlich an Gender…)

    Wir, die wir instinktiv riechen, dass etwas faul ist, wenn viele derselben Fahne folgen. Egal, welche Farben sie zeigt.

    Nö. Wäre das eine normale Linke Bewegung oder Liberalismus würde ich mich ein wenig entspannen, das gibt es in anderen Ländern auch. Aber Gründe als ernsthafte politische Bewegung? Das ist neu.

    Antwort
  2. n_s_n

    Zitat:
    „Also bleiben wir weiter unter uns. Wir, die wir instinktiv riechen, dass etwas faul ist, wenn viele derselben Fahne folgen. Egal, welche Farben sie zeigt. “

    Ach, das hättest du schöner nicht von mir abschreiben können. 🙂

    Was mich dabei immer mehr beunruhigt, auch wenn deine anekdotische Evidenz dies in Frage stellt, ist der Umstand, dass es immer mehr eine unreflektierte, „revolutionäre“ Jugendbewegung zu werden scheint, welche wenig bis keinerlei Widerstand in den Institutionen des Staates und der Familie zu erfahren scheint. Das zumindest ist meine anekdotische Evidenz.

    …. und die letzten großen revolutionären Jugendbewegungen, mit Anspruch auf Systemwechsel, auf Deutschem Boden, fanden weniger mein Gefallen.

    Herzlich

    n_s_n

    ps:
    Gibt es denn einen Zitierbefehl für den Antwortbereich hier?

    Antwort

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