Was zu Fake Facts

Der Werwohlf ist ja noch mehr als hier auf Twitter unterwegs. Auf Twitter braucht man nichts von dem, was er hier versucht zu machen, also die mehr oder weniger mühsame Herleitung eines Arguments oder die ausführliche Darstellung eines Problems, sondern da sind vor allem ein paar starke Sprüche gefragt. Daran hat auch die Erweiterung auf 280 Zeichen nicht viel geändert, vor allem nicht für in deutscher Sprache verfasste Tweets[1]… Mitunter findet man ein paar Gleichgesinnte, denen es auf Kommunikation ankommt und die tatsächlich an einem Meinungsaustausch interessiert sind, aber die sind die Ausnahme. Darunter sei hier noch nicht einmal die Kritik an blockenden Promis erfasst: Die kriegen so viele Tweets, die müssen einfach filtern. Gut, man kann noch fragen, ob es Blocken sein muss, wo es Muten auch getan hätte, aber das sind Feinheiten. 

Einer, der nicht blockt, wenn man ihn kritisiert, ist anscheinend Richard Grenell, der amerikanische Botschafter in Deutschland. Als er wieder einmal mehr oder weniger bestimmt sein Gastland aufforderte, doch endlich das berühmt-berüchtigte 2%-NATO-Ziel zu erfüllen, haute ihn der Werwohlf von der Seite mit der Frage an, ob er denn nun amerikanischer Botschafter oder Gouverneur sei. Er selbst antwortete damit, dass er Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika sei, was wohl betonen sollte, dass Anwürfe wie die vom Werwohlf kritisierten zu seiner Job-Beschreibung gehörten. Interessanter war darauf aber die Begegnung mit Twitterern aus den USA. Und die lehrte den Werwohlf, dass die Polarisierung in den USA wirklich ein demokratischen Problem darstellt, eins, das sich leider auch in Deutschland abzuzeichnen beginnt. Ein Teil der Antworten, die der Werwohlf erhielt, war schnell dabei, die Trump-Regierung zu verdammen. Ein anderer jedoch versuchte, die Angriffe ihres Botschafters zu verteidigen. Das wäre für sich genommen nicht verwunderlich, aber erschreckend war die dabei auftretende Renitenz gegen Fakten. Offensichtlich hat Trump es mit einer Art „Framing“ geschafft, in einigen Köpfen die Sicht zu verankern, bei diesen 2% handele es sich um eine Art Beitrag, der von den Mitgliedstaaten an die NATO zu entrichten wäre. Dazu tragen dann u.a. Sprüche wie „Pay your bills“ bei.Der Punkt ist natürlich, dass es sich bei den 2% um die Anteile an den nationalen Haushalten handelt, die für die eigenen Streitkräfte aufgewendet werden.  Aber das war diesen Leuten einfach nicht beizubringen[2], obwohl sich sogar unter den US-Twitterern welche fanden, die das klarstellen wollten, und irgendwann lugte dann auch noch Godwin um die Ecke, was für den Werwohlf der Anlass war, die Scheindiskussion durch Muten zu beenden. Zur besonderen Ironie der Geschichte gehört, dass der Werwohlf durchaus ein Freund des 2%-Ziels ist, es nur nicht für besonders hilfreich hält, wenn sich der amerikanische Botschafter im Stil eines Gouverneurs in diese Debatte einmischt.

Dass eine solche Unkenntnis dazu beiträgt, Konflikte zu verstärken, steht wohl außer Frage. Wir wollen das Phänomen auch nicht unbedingt auf amerikanische Twitterer beschränken – ähnliche Erlebnisse kann man auch mit deutschen haben, z.B. wenn es um eins der deutschen Lieblingsthemen, die Besteuerung, geht. 

Und das ist dann die Frage an die Medien: Wie wäre es mit etwas weniger Haltung und etwas mehr Information?

[1] Es ist einfach so: Für dieselbe Äußerung braucht man im Deutschen ca. dreimal so viel wie im Englischen, erst recht, wenn es um politische Themen geht.
[2] Wohl kein Wunder, wenn selbst Herr Grenell ähnliche Ausdrücke bei jüngeren Interviews verwendet.

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6 Gedanken zu „Was zu Fake Facts

  1. Mr. Caligari

    Zitat aus dem Blogpost
    „Auf Twitter braucht man nichts von dem, was er hier versucht zu machen, also die mehr oder weniger mühsame Herleitung eines Arguments oder die ausführliche Darstellung eines Problems, sondern da sind vor allem ein paar starke Sprüche gefragt.“

    Bei dem Zeichenlimit ist das ja auch nur sehr schwer möglich.

    Zitat aus dem Blogpost
    „Mitunter findet man ein paar Gleichgesinnte, denen es auf Kommunikation ankommt und die tatsächlich an einem Meinungsaustausch interessiert sind, aber die sind die Ausnahme“

    Meines Erachtens missverstehst du mit dieser Aussage die Natur von Twitter. Twitter ist kein Diskussionsforum oder ein wissenschaftliches Magazin, sondern so etwas wie ein Nachrichtenticker. Früher gab es so etwas auch, aber da war es nur Journalisten usw. vorbehalten.

    Zitat aus dem Blogpost
    “ … bei diesen 2% handele es sich um eine Art Beitrag, der von den Mitgliedstaaten an die NATO zu entrichten wäre.“

    Aber das ist doch der Fall, oder verstehe ich etwas falsch? Die NATO verteidigt Europa seit Jahrzehnten und die EU fährt die Friedensdividende ein.

    Zitat aus dem Blogpost
    „Und das ist dann die Frage an die Medien: Wie wäre es mit etwas weniger Haltung und etwas mehr Information?“

    Das kannst du gleich wieder vergessen. Im Gegenteil, die Entwicklung läuft seit Jahren in eine andere Richtung. Es gibt selten, aber immerhin, berichte über journalistische Konferenzen, in denen über solche Sprachregelungen und Agenden diskutiert wird.
    Das Volk ist aber insgesamt nicht so dämlich, wie es die Journalisten einschätzen und deshalb ist es selbst in vielen linken Kreisen inzwischen bekannt, dass z. B. „Achim G.“ aus dem Zeitungsbericht auch „Achmed G.“ sein könnte (* und dergleichen mehr.
    Fukushima wurde offiziell zur Nuklearkatastrophe (*², nicht, weil da etwas passiert ist, sondern weil die Journalie sich darauf geeinigt hat.
    Man sehe sich mal an, wie über Großkonzerne usw. berichtet wird. Wer kein Zugriff auf das Internet hat oder dort nicht auch Alternativmedien ansteuert, der hat fast gar keine Chance mehr als einen linken Standpunkt zu vertreten, selbst wenn er eigentlich anders ausgestellt ist. Das ist exakt das, was unsere Freunde erreichen wollten.

    Ein aktuelles Beispiel, die Diskussion um das Bienensterben. Wenn ich gegenüber linken Verwandten argumentiere, dass das Bienensterben schon länger Thema in den Medien war und laut diesen Berichten bisher nicht wissenschaftlich geklärt ist, was die Ursache davon ist, ernte ich blankes Entsetzen. Für die ist absolut klar, dass es Glyphosat liegt. Alte Beiträge, die von Parasiten reden, sind angeblich veraltet; irgendwelche anderslautenden Meldungen sind Fake News. Da ist ein Schild, durch welches man nicht mehr dringen kann. Das sind wohlgemerkt zum Teil relativ bodenständige Menschen, die nicht irgendwelche linken Utopien umsetzen wollen. Aber die sind eben auch rational und halten sich an die Fakten, deshalb hat der Macht, der die „Fakten“ präsentiert.

    P.S.: Nichts für ungut. Rant beendet, sozusagen.

    *: Das ist übrigens teilweise durch den Pressecodex so vorgeschrieben, durch ein Semi-amtliches Dokument. Aber vorsicht! Wer darauf hinweist, kommt schnell in den Verdacht, ein AfD-Verstehen zu sein und das wollen wir ja nicht.
    *²: Erster Suchtreffer bei Google „Nuklearkatastrophe“, der Wikipediaartikel „Nuklearkatastrophe von Fukushima“. Ich will jetzt gar nicht in Frage stellen, ob der Artikel sachlich korrekt informiert. Das Framing aber sitzt perfekt!

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Bei dem Zeichenlimit ist das ja auch nur sehr schwer möglich.

      Schrieb ich ja.

      Twitter ist kein Diskussionsforum oder ein wissenschaftliches Magazin, sondern so etwas wie ein Nachrichtenticker.

      Twitter wird auch als Diskussionsforum verwendet, aber wir sind uns einig, dass es dazu nur wenig taugt.

      Aber das ist doch der Fall, oder verstehe ich etwas falsch? Die NATO verteidigt Europa seit Jahrzehnten und die EU fährt die Friedensdividende ein.

      Die NATO besteht aus nationalen Armeen, auch solchen der EU-Staaten. Wenn Deutschland mehr für seine Verteidigung ausgibt, dann mag bei den Amis auch die Hoffnung auf mehr Aufträge für die eigene Rüstungsindustrie bestehen, aber generell würde das Geld nicht irgendwo anders „eingezahlt“, sondern für Personal und Material in Deutschland ausgegeben.

      Antwort
  2. Eloman

    Wer seine Streitkräfte so verkommen lässt wie Deutschland, wo Übungen mit Besenstielen abgehalten werden, die Hubschrauberpiloten beim ADAC trainieren müssen, die Flugzeuge nur gelegentlich fliegen und die U-Boote nicht tauchen können usw usf sollte sich doch nicht wundern, wenn der Botschafter des Landes, dass seit 70 Jahren die finanzielle Hauptlast der NATO trägt, mal an die Ziele erinnert, zu denen man sich verpflichtet hat, oder sehe ich da was falsch?

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Ich habe nicht den Eindruck, als ob es dieser „Erinnerung“, bei der es sich eher um eine Forderung handelte, wie sie bereits von diversen Regierungsvertretern der USA bis hin zum Präsidenten geäußert wurde, noch bedurft hätte. Zumal er damit den hiesigen Kräften, die eine deutliche Erhöhung der Kampfbereitschaft der Bundeswehr befürworten, einen Bärendienst erwiesen hat. Solche Aufforderungen, die gut und gerne auch als Befehle verstanden werden können, wie auch die Namensgebung „NATO-Beitrag“ für das deutsche Verteidigungsbudget lassen das 2%-Ziel hauptsächlich als etwas erscheinen, das Deutschland zum Wohle und Nutzen Dritter zu leisten habe statt vor allem im eigenen Interesse.

      Antwort
      1. Eloman

        Deutschland hat sich lang genug auf dem Rücken des US-Verteidigungsbudgets ausgeruht und jede Menge leerer Versprechungen abgegeben. Trump und seine Paladine sprechen halt nicht wie Talleyrand, die sind etwas robuster.

        Antwort
      2. n_s_n

        Zitat:
        „…die eine deutliche Erhöhung der Kampfbereitschaft der Bundeswehr befürworten, einen Bärendienst erwiesen hat. Solche Aufforderungen, die gut und gerne auch als Befehle verstanden werden können, […] das Deutschland zum Wohle und Nutzen Dritter zu leisten habe statt vor allem im eigenen Interesse.

        Das verstehe ich nicht.

        In einem Land in dem die institutionalisierte Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Selbstaufgabe zugunsten aderer zur Staatsräson erklärt wurde, sollte das doch von Vorteil sein,

        🙂

        Antwort

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