Was zum „Manual“

Zu dem seltsamen „Framing Manual“, mit dem eine Sprachwissenschaftlerin die ARD beglückte, wurden schon von vielen schlauen Bloggern schlaue Dinge gesagt. Da kann der Werwohlf auch nichts Schlaueres hinzufügen. Aber an dieser Stelle seien einige Punkte angesprochen, die er bemerkenswert findet.

Da wäre erstens natürlich das seltsame „Berkeley International Framing Institute“. Der angesichts der Namensgebung nahe liegende Eindruck, dieses „Institut“ habe etwas mit der renommierten Universität Berkeley zu tun, ist wohl durchaus beabsichtigt, aber nicht zutreffend, wenn man davon absieht, dass die besagte Sprachwissenschaftlerin einen Abschluss dieser Hochschule vorweisen kann. In einigen Medien wurde berichtet, der Sitz dieses „Instituts“ liege in Berlin, was sich der Werwohlf aber kaum vorstellen kann, denn welcher leicht identifizierbare und im Fokus der Öffentlichkeit deutsche Anbieter würde es in Zeiten der DSGVO wagen, eine Website[1] ohne Impressum und Datenschutzerklärung aufzusetzen? Von anderen Beteiligten als besagter Linguistin erwähnt die „Instituts“-Website übrigens nichts, so dass sie wohl mangels Alternativen als alleinige Verantwortliche angesehen werden muss. Wäre der Werwohlf ein böser Wohlf, würde er sagen: Da macht sich jemand größer, als sie ist. 

Da wäre zweitens die plötzliche Allgegenwart des Begriffs „Framing“. Der Werwohlf kennt diesen aus der Ökonomie. Wenn z.B. beim Kauf eines Autos der Verkäufer als Konkurrenzprodukte vor allem Premiummarken aufzählt, oder wenn bei Preisverhandlungen der Betrag eines angeblich vorher erfolgten Abschlusses genannt wird, wird das Gegenüber schon mal auf eine Ebene eingestimmt, auf die der Verkäufer es gerne hinführen möchte. Oder man stellt eine Chancen-Risiko-Situation dar, in dem man die Höhe des Risikos betont statt die eines erfolgreichen Ausgangs. Folgt man der besagten Sprachwissenschaftlerin, wird auch das, was früher schlicht „Überspitzung“, „Polemik“ oder „Einseitigkeit“ genannt wurde, ebenfalls in diesen Begriff gezwängt, so dass sich der Verdacht aufdrängt, hier renne jemand mit einem Hammer durch die Gegend und sähe deshalb nur noch eine Welt voller Nägel. Als der Werwohlf noch zur Schule ging (in einem anderen Jahrtausend, zugegeben), wurde von seinem Deutschlehrer der Begriff „Manipulation“ für praktisch genau dieselben Fälle herangezogen, bis das Ganze im resignierenden Fazit gipfeln musste, dass man nicht nur überall manipuliert werde, sondern sich sogar selbst daran eifrig beteilige. Die Folge: Solche Inflationierungen entwerten die Begriffe, und das gilt bekanntermaßen nicht nur für Moden wie „Framing“ oder „Manipulation“, sondern sogar für Evergreens wie „Nazi“ oder „Rassismus“. 

Und da wäre drittens das ungläubige Staunen, das wohl jeden unvoreingenommenen Leser dieses „Manuals“ befallen muss, weil die vorgeschlagenen „Gegenframings“ derart grotesk sind bzw. übertrieben erscheinen, dass es nicht nur difficile est, satiram non scribere, sondern eine solche nicht auch von vornherein anzunehmen. Dazu passte, dass der Brüller, Autonome trügen Abgase durch die Gegend, um sie vor Messgeräten wirksam werden zu lassen, als Hoax der „Titanic“ entpuppte – wäre es mit dem „Manual“ genau so gekommen, hätte das wohl kaum große Verwunderung ausgelöst. Das dürfte auch erklären, warum trotz dieser Beispiele und einer intensiven Schulung („Workshops“) bisher noch keine ARD-Mitarbeiter in der Öffentlichkeit beim Gebrauch dieser tollen Tipps ertappt werden konnten. Somit bliebe die Erkenntnis, dass als Haupteffekt der niedrige sechsstellige Betrag übrig bleibt, den der Gebührenzahler dafür berappen durfte. Vielleicht kann sich das „Institut“ deswegen jetzt einen Rechtsanwalt leisten, der es über die Pflichten eines gewerblichen Internet-Auftritts aufklärt[2]…

Viertens wäre da der Eifer, mit der eine bestimmte politische Richtung sich bemüßigt fühlte, dieses „Manual“ für etwas Vernünftiges zu halten. Vom sich um Kopf und Kragen twitternden Ralf Stegner bis zur Alpen-Prawda erstreckte sich der Schützengraben, und routiniert wurden dort Argumente durch Kraftausdrücke ersetzt. Anscheinend traf das „Manual“ genau die Erwartungen dieser Freunde der ARD, indem es als Kritiker der öffentlich-rechtlichen Medien, wie sie aktuell in der Bundesrepublik Deutschland institutionalisiert sind, nur „Rechte“ erkennen will. Dabei geht der Werwohlf jede Wette ein, dass deren ARD-Kritik mit dem Moment aufhörte, wo deren Sendungen ihre politische Meinung statt die der anderen Seite propagierten. Bei den Fundi-Kritikern dürfte es sich hingegen eher um Liberale bis Libertäre handeln, denen vor allem der Zwangscharakter der zur Finanzierung dienenden Abgabe ein Dorn im Auge ist – und für jeden halbwegs freiheitsliebenden Menschen auch sein müsste. Nicht umsonst wehren sich Mitarbeiter und Fans der öffentlich-rechtlichen Medien gegen den Begriff „Zwangsabgabe“, der zwar tatsächlich ein Framing enthält, weil er nur einen Aspekt dieses Beitrags benennt, nichtsdestotrotz aber sachlich völlig korrekt ist. Diese Protagonisten scheinen von den positiven Aspekten aber nicht sehr überzeugt zu sein, wenn sie die negativen nicht ertragen können. Aber vielleicht ist das auch der politische Zeitgeist, der für dieselbe Sache keine Pros und Cons mehr zulässt, sondern nur noch eins von beiden. Moral und Haltung taugen nicht für Abwägungen.

Wenn wir gnädig sind, gönnen wir der Linguistin unsere Gebühreneuros, freuen uns mit den ARD-Mitarbeitern, dass die Sache bald vorbei sein wird und loben diese, daraus nichts mitgenommen zu haben. Wenn wir weniger gnädig sind, ärgern uns nicht nur Zweck und Höhe der Geldausgabe, sondern sind wir auch erschüttert darüber, mit welch schlichten Gedankengängen man bei der ARD meint, eine Diskussionshoheit erringen zu müssen. Es ist fast schon eine Beleidigung. 

[1] Übrigens anonym registriert. Seriosität geht anders.
[2] Für Freunde des Whataboutisms: Der Werwohlf verdient mit diesem Blog kein Geld. Es wirbt auch für keine von ihm erbrachten Dienstleistungen. Die Einbuße an Freizeit und das Vergnügen, gegen irgendeinen Unsinn angeschrieben zu haben, halten sich hier im Regelfall die Waage. Einen Gesetzgeber, der sowas als „gewerblich“ ansieht, kann er nur bemitleiden. 

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