Die Weisheit der Vielen

Was machen Sie als Journalist mit Haltung, der gerne seine unbelegten Bewertungen in einem Bericht unterbringen möchte, ohne dass es auffällt? Natürlich: Sie erfinden neutrale Zeugen. Ein gewisser Reportage-Spezialist R. wandte dafür viel Fantasie auf und wurde daher zu Recht mit Preisen überhäuft. Aber auch den weniger literarisch begabten Jüngern der Zunft bleibt immer noch ein Kniff. Nehmen wir z.B. das hier (nur im Bezahlabo F+ abrufbar):

Die Zeitschrift „Tichys Einblick“, die sich selbst als „liberal-konservatives Meinungsmagazin“ bezeichnet, jedoch von vielen als rechtspopulistisch eingestuft wird..

Hier tauchen plötzlich „viele“ als Leumundszeugen auf, ohne dass wir erfahren, wie viele es sind und vor allem, um wen es sich dabei handelt. Dass z.B. viele(!) Anhänger der SED „Tichys Einblick“ mit „rechtspopulistisch“ noch als eher harmlos eingeordnet ansehen würden, darf man ebenso annnehmen, wie dass dies bei AfD-Anhängern ganz anders gesehen wird. Die zitierte Aussage dient also wohl vor allem dem Zweck, das (hier nicht wiedergegebende, weil ein anderes Thema betreffend) im Text folgende Zitat aus der Publikation mit den nötigen „Weihen“ zu versehen: „Achtung – unglaubwürdig!“.

Ein gewisser Herr Decker von der Madsack-Gruppe (mit der SPD als größter Kommanditistin) reizte dieses Mittel noch aus, indem er in seinem Text, der den Auftritt Broders vor der AfD in einen einer Verschwörungstheorie würdigen Kontext rücken sollte, dieses schrieb:

Als Medien in der Grauzone zum Rechtspopulismus gelten Kritikern schließlich „Tichys Einblick“, verantwortet von dem früheren „Wirtschaftswoche“-Chefredakteur Roland Tichy, das Magazin „Cicero“ und die „Neue Züricher Zeitung“. Die „Achse des Guten“ und die „Junge Freiheit“ haben die Grenze nach allgemeiner Einschätzung überschritten.

An die Stelle der „vielen“ treten jetzt zunächst „Kritiker“ und dann auch noch die „allgemeine Einschätzung“. Man tut dem Autor des Textes vermutlich kein Unrecht, wenn man ihm unterstellt, dass er hier die Gelegenheit nutzte, seinen danach dürstenden Lesern endlich ein für allemal mitzuteilen, was sie von diversen Publikationen zu halten haben, die ihm regelmäßig auf die Nerven gehen. Die einen sind ziemlich „bäh“, die anderen richtig. Oder, um eine bekannte kritische Analyse zu zitieren: „Wer das liest, ist dof“[1]. Gut, Kleinkrämer würden jetzt noch monieren, dass ein Hinweis auf die zwar ideologisch gefestigte, aber nicht zwingend durch eigene Lektüre gewonnene Meinung des Autors sein könnte, das renommierte Schweizer Blatt als „Neue Züricher Zeitung“ verunglimpft zu haben, wo doch ein Mindestmaß an kultureller Sensibilität jeden Anständigen belehrt haben müsste, dass das richtige Adjektiv ohne das „i“ auskommt – und wie man auch jeden Tag auf dem Titelblatt lesen könnte. 

Aber noch interessanter sind die Meinungsbildungsprozesse dieser „Kritiker“-Kollektive. Nachdem Herrn Deckers Beitrag eine Weile online war, erschien unter ihm plötzlich ein Text:

Hinweis der Redaktion: Der vorliegende Text wurde nach der Erstveröffentlichung redaktionell bearbeitet.

Nach der „redaktionellen Bearbeitung“ hatten die „Kritiker“ ihre Meinung anscheinend geändert. „Cicero“ und die „Neue Zürcher(!) Zeitung“ tauchten in der „Grauzone“ plötzlich nicht mehr auf. Einzig die „allgemeine Einschätzung“ war bei ihrer Meinung geblieben. Wir treten wiederum den Recherchemethoden der Redaktion[2] vermutlich nicht zu nahe, wenn wir ihr unterstellen, dass sie die Einschätzung ihres werten Mitarbeiters durch ihre eigene ersetzte und sich bei der Gelegenheit aussichtslosen Stress mit etablierten Publikationen ersparen wollte. 

Ob das den zitierten Leumündern „Kritiker“ oder „allgemeine Einschätzung“ gut tat, lassen wir mal die Leser entscheiden. Wie fanden es denn viele?

 

[1] Das Zitat ist nur echt mit einem „o“. Bei allen anderen umlaufenden Zitaten ähnlichen Inhalts, aber mit zwei „o“, handelt es sich um plumpe Fälschungen von Akademikern, die ihre Stichproben schönen wollen.
[2] Zunächst nahm der Werwohlf an, dass die Veränderung eine koordinierte in allen Madsack-Publikationen sei, aber dem ist wohl nicht so, wie Blognachbar stefanolix dem Werwohlf auf Twitter zeigte. Es gibt noch diverse Publikationen mit dem Originaltext, unter anderem die „Dresdner Neue Nachrichten“ , die „Ostsee-Zeitung“ oder die „Kieler Nachrichten“ (Stand 04.02.19 00:11).

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6 Gedanken zu “Die Weisheit der Vielen

  1. Ohh, der Herr Broder hat mit seiner Rede wohl sehr viel Spaß 🙂

    Alle schreiben darüber und ereifern sich.
    Entweder nur über den Text selber oder über die Umarmung einer Frau oder nur über die, die sich ereifern. Egal! Broder schlägt Wellen, so wie er es liebt.

    Es ist schon echt erstaunlich, was er hervor zu zaubern vermag. Die Schreiberlinge meinen über ihn zu schreiben, aber dabei schreiben sie nur über sich selber. Wievielen dürfte dies bewußt sein?

    • Das ist zudem so eine Art Eiertanz. Broder kann man schlecht in Nazi-Nähe rücken, aber die Standard-Anwendung für Ansichten wie die seine ist nun mal die dementsprechende Entlarvung. Es ist sehr erbaulich, die Verrenkungen zu betrachten, die daraus resultieren.

  2. Ich hab‘ mir ja auch schon die ein oder andere NZZ gekauft und meistens gern gelesen. Aber dass da ein „i“ „fehlt“ hätte ich wohl nie bemerkt.

    • Das „i“ fehlt ja auch nicht. Es kommt einfach nicht hinein. Auch ein Bürger Zürichs ist ein Zürcher. Das sollte eigentlich auch bei der Lektüre der Zeitung auffallen, wenn es um Beiträge aus dieser Stadt geht, was da eigentlich ab und zu mal vorkommen müsste…

  3. Wenn man ganz links an der Wand steht, dann sind alle anderen rechts. Da feiern doch Neues Deutschland und der Schwarzen Kanal fröhliche Urständ.

Platz für Senf.

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