Was zu Broder und der AfD

Auf Twitter gab es einen Shitstorm. Eine Loriot-Figur würde darauf zu Recht antworten: „Ach. Ach was.“ Aber diesmal traf es jemanden, der im Leben des Werwohlfs eine nicht allzu unwichtige Rolle spielte, nämlich den Journalisten Henryk M. Broder. Grund war dessen Besuch bei der AfD-Fraktion im Bundestag und ein dabei entstandenes Foto.

Fangen wir erstmal mit der Geschichte des Werwohlfs und dem Protagonisten, in Folge zärtlich „Broder“ genannt, an. Er kennt den Werwohlf natürlich nicht. Die beiden sind sich nie begegnet. Auch nicht auf dem legendären Nockherberger Bloggertreffen zu Zeiten, als der Werwohlf noch unter einem anderen Nick in der Szene aktiv war. Jeglicher Rudelbildung war der Werwohlf nämlich schon damals artuntypisch abhold. Aber er kennt Broder schon länger, noch aus Zeiten, als er in Bremer Talkshows den Gastgeber gab. Damals war Broder unschwer links einzuordnen und seine ironisch bis sarkastische Art traf nur allzu oft die damaligen Lieblinge des Werwohlfs (der war da noch jung und brauchte die Orientierung). Kurz, der Werwohlf hatte vor dem Mann und seiner scharfen Zunge zwar Respekt, aber sympathisch war er ihm nicht [1]. Wenn man heutige Kommentare von links liest, erinnern sich manche noch allzu gerne an diese harmonische Zeit. Doch dann zog es Broder für ein paar Jahre nach Israel, und als er zurück kam, sah er einige Dinge anders. Insbesondere der scharfe Kontrast bei seinen einstigen Buddys zwischen der demonstrativ-rituellen Beschwörung der toten Juden des Holocaust und der Nonchalance gegenüber den Drohungen, den leider einzigen Staat auf der Welt, auf dem Juden nicht von innen verfolgt werden, also Israel, von der Landkarte zu tilgen. Oder polemischer: Man betrauert öffentlich die Toten des alten Holocaust[2], während man dem neuen schulterzuckend bis beifallklatschend zuschaut oder ihm sogar öffentliches Geleit gibt[3]. Das war eine Argumentation, der sich der Werwohlf nur schwer entziehen konnte. Er hatte schon immer Sympathien für Israel (wohl geerbt von seinem Vater, der immer voller Bewunderung von den Leistungen der Israelis sprach, sowohl militärisch als auch was die Urbarmachung des Landes anging), und der Umstand, dass es sich in der Gegend bald um die einzige Demokratie handelte, konnte diese nur festigen. Jetzt kam aber durch Broder noch die Erkenntnis hinzu, dass „Israel-Kritik“ auch ganz einfach und schnöde auf antisemitische Ressentiments zurückzuführen sein könnte statt nur auf das übliche linke Eintreten gegen alles, was irgendwie „westlich“ daherkam und mit den USA in Verbindung stand. Irgendwie begannen die beiden Seelen, die Brodersche und die des Werwohlfs, danach ziemlich gleich zu ticken[4], so dass die Schnittmenge der Ziele beider Kritik mittlerweile erheblich ist.

Das betrifft auch die AfD. Der Werwohlf sieht sich ständig bemüßigt, diese Partei gegen ungerechtfertigte Angriffe in Schutz zu nehmen, aber das weniger aus Rücksicht auf die Partei, sondern weil er die Gefahr sieht, dass hier Verhaltensmuster eingeübt werden, die in ihrer Willkür morgen auch andere von links ungeliebte Parteien treffen könnte, sobald diese es wagen, vom links-liberalen Konsens der labernden Klasse abzuweichen. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass es nicht auch gerechtfertigte Angriffe gegen die AfD gibt, vor allem auch gegen einzelne ihrer Vertreter wegen allzu erinnerungsschwangerer Aussagen. Broder ging es offensichtlich ähnlich. Auf „Meedia“ sagte er auf die Frage, warum er überhaupt zur AfD-Fraktion gegangen sei:

Ein Grund war der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs, der im Bundestag den AfD-Leuten zurief: Schaut in den Spiegel, wie hässlich ihr seid. So einen Satz würde ich mir dreimal überlegen. Diese Form der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner ist einfach gruselig. Ich kann dazu nur eins sagen: Wenn mich morgen eine fanatische, islamistische, homo- und judenfeindliche Moschee zu einem Vortrag oder einem Gespräch einladen würde, würde ich auch hingehen.

In den demokratie-naiven Kreisen, in denen der Werwohlf groß wurde, würde so etwas als nachzuahmendes Beispiel durchgehen. Nicht aber heutzutage natürlich, wo das „De-Platforming“ zur Norm erhoben wurde. Man verübelt es Broder also schon mal, dass er der AfD eine Plattform geboten hat. Äh – Moment… Hat nicht umgekehrt die AfD Broder eine Plattform gegeben? Hilfe, wo ist die Gebrauchsanweisung für diese Fälle? Aber wir befreien uns aus diesem Dilemma mit der Chuck-Norris-Feststellung, dass wo immer Broder auftritt, er allen anderen eine Plattform bietet. Auf jeden Fall wurde es ihm verübelt. Noch mehr verübelt wurde ihm, dass er seinen Intelligenz-Quotienten nicht um 100 reduzierte, was es ihm ermöglicht hätte, mit den üblichen platten Nazi-Sprüchen und einer die übelsten Stunden deutscher Geschichte auferstehen lassender Schimpftirade die eingeforderte Haltung zu zeigen. Statt dessen musste sich der haltungshungrige Leser der aus Sicht des Werwohlfs wirklich exzellenten Broderschen Rede durch eine Reihe von Sottisen quälen, die, statt auf Anhieb tiefe Wunden zu schlagen, ihr Gift erst nach und nach wirken lassen würden. Dem eher schlichten Twitterer und Kommentator ist das nicht genug, der will die Streitaxt statt des Giftpfeils – ungeachtet der Wirkung, aber das Schwingen schwerer Gegenstände ist eben männlich und Gift eher eine Sache der Frauen. Nicht gut für Rum und Ähre.

Und da wir es gerade mit schlichten Geistern hatten: Auf die wirkt ein Bild gewöhnlich ja mehr als tausend Worte. Also wurde es Broder massiv angekreidet, sich von Frau Weidel nicht nur umarmen, sondern davon auch noch ein Foto machen zu lassen. Es spielte für die Schlichten natürlich keine Rolle, von wem Umarmung und Foto ausgingen, und dass man als Mann, für den AfDler Menschen wie alle anderen auch sind, gegen die Umarmung einer bekanntermaßen sexuell nicht interessierter Frau keine unmittelbaren Abwehrreflexe entwickelt – das Beweisfoto lag vor, die Rede entsprach nicht dem verlangten Gepöbel, die Sache war klar. Für den Schlichten.

Leider haben sich zu dieser Gruppe auch Kommentatoren gesellt, denen man bislang das unbetreute Denken durchaus zugetraut hätte. Nehmen wir diesen als Beweismittel für die These des Beitrags präsentierten Passus:

Anstatt sich aber dieser Usurpation entgegenzustellen, hat ein geschmeichelter Broder offenbar lieber beschlossen, mit den Wölfen zu heulen. Aus dem Broder, der zusammen mit Eike Geisel die Missverständnisse einer selbstgerechten deutschen „Vergangenheitsbewältigung“ aufspießte, wurde der Broder, der Kriegsflüchtlinge mit Ungeziefer in Verbindung brachte* und sich vor laufender Kamera von der Vorsitzenden der wichtigsten NS-Relativierungspartei in Deutschland umarmen ließ. Damit heulte er nicht länger nur mit den Wölfen, er biederte sich ihnen an. Lauwarme Semi-Entschuldigungen, die pflichtschuldig nachgeschoben werden, machen daran nichts besser.

Aus der überraschenden Umarmung einer PR-affinen Politikerin wird hier eine Anbiederung konstruiert. Das ist schon großes Tennis. Grand-Slam-Niveau hat dann der Nachsatz, dass die Anerkenntnis, hier einem PR-Gig aufgesessen zu sein, dem man sich besser entzogen hätte, als „lauwarm“ und „Semi-“ abqualifiziert wird – so, als wenn dem Autor das für sein feststehendes Urteil nicht in den Kram passte, es es aber – jetzt wirklich – pflichtschuldig doch noch erwähnen musste[5].

Im Netz tauchen jetzt übrigens diverse Fotos auf, die Journalisten und Politiker beim liebevollen Tête-á-Tête zeigen. Aber eben die falschen Journalisten und die falschen Politiker.

Wir halten also fest: Broder spaltet. Ins Positive gewendet: Er ist niemandem egal. Weder alten Feinden, noch alten Freunden, denen seine migrationskritische Einstellung nicht passt. Noch alten Freunden, die seinen Weg mitgingen, und neuen Freunden, die er sich leider nicht aussuchen kann. 

 

[1] Wobei der Werwohlf bei der Beurteilung von Personen Respekt immer vor Sympathie setzt…
[2] Und instrumentalisiert ihn mitunter allzu beliebig.
[3] Beispiel BDS.
[4] Ticken Seelen überhaupt? Sie wissen aber hoffentlich, was gemeint ist…
[5] Das Sternchen in dem Zitat müsste noch erklärt werden: Eigentlich wollte der Autor Broder unterstellen, dass er Flüchtlinge mit Ungeziefer verglichen habe. Dieser Vorwurf lässt sich mit weniger böswilliger Lektüre (Autor: „Text lässt unterschiedliche Interpretationen zu.“) nicht aufrechterhalten. Daher dieses juristisch unangreifbare Surrogat, dessen Inhalt man aber nicht allzu ernst nehmen muss.

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Ein Gedanke zu „Was zu Broder und der AfD

  1. Eloman

    Eigentlich ne Reaktion wie im Kindergarten. „Der ist doof und darum will ich nicht mehr mit ihm spielen!“ Die Infantilisierung der Gesellschaft scheint zumindest auf der Linken weit fortgeschritten.

    Antwort

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