Was zu Parolen

Die letzten Tage haben sich zwei Ereignisse auf wundersame Weise zusammengefügt.

Da entdeckte u.a. die „tagesschau“ mit einiger Verzögerung, dass die Journalistin Nicole Diekmann einen „Shitstorm“ überstehen musste, was wiederum vorhersehbar Solidaritätsadressen der Anständigen auslöste, die anscheinend vorher nichts davon mitbekamen. Unter den unerfreulichen Botschaften, die Frau Diekmann erreichten, sollen sich auch Drohungen aller Art befunden haben, also die übliche Netzausstattung[1]. Das ist alles andere als verwunderlich: Unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Anonymität (@_0rbit lässt grüßen) gedeihen niedere Instinkte leider besonders gut – natürlich nicht zwangsläufig, wie man am Werwohlf sehen kann ;-).

Was den Anlass dieses „Blitz“ (wie man als gebildeter Anglophiler sagt) bildete, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander. Die Online-„tagesschau“ und alle, die von ihr abschrieben, behaupten, es sei ein Tweet gewesen, in dem Frau Diekmann lapidar „#Nazisraus“ twitterte[2]. Alle anderen, die den Verlauf auf Twitter live mitbekamen, sind sich aber sicher, dass es erst losging, als Frau Diekmann auf die Frage eines anderen Users, wer aus ihrer Sicht denn ein „Nazi“ sei, antwortete, dass darunter natürlich alle rechts von „Grünen“ fielen. Ironie ohne Smiley, selbst wenn sie einem derart ins Gesicht springt, geht im Netz immer schief. Ausnahmslos. Wenn es eine rechte Variante des SJW gibt, so wurde diese daraufhin hochaktiv. Was überhaupt des Werwohlfs Meinung bestätigte, dass man Extremisten jeder Couleur vor allem an ihrer Spaßbefreiung erkennt. Aus der Sicht Linker und aller, die um Aufnahme in den Kreis der Gerechten buhlen, war natürlich die Erzählung der „tagesschau“ die bessere, so dass der Hashtag „#Nazisraus“ binnen kurzem trendete und zu einer Art Schibboleth mutierte. Wer sich anschloss, gehört zu den Guten, wer nicht, zu den Bösen. 

Abgesehen von seinem generellen Widerwillen, sich an solchen Und-alle-machen-mit-Aktionen zu beteiligen, wäre es für den Werwohlf nie in Frage gekommen, seine Meinung auf solche Sprüche zu reduzieren. Die beiden Worte „Nazis“ („Nazi“ wird inzwischen tatsächlich alles rechts von den „Grünen“ geschimpft – natürlich mit abnehmender Entfernung von immer wenigeren) und „raus“ (Wohin denn?) sind derart unbestimmt, dass ihre Verwendung kaum mehr darstellen kann als das, wofür sie tatsächlich eingesetzt wurden: als reines „virtue signalling“ – Seht her, ich gehöre zur Gemeinschaft der Guten, nehmt mich auf in eure Mitte! So stammt der Slogan auch aus Auseinandersetzungen auf Demonstrationen, wo für differenzierte Argumentation ungefähr so viel Platz ist wie im Fanblock eines Bundesliga-Vereins. 

Nun sind Etikettierungen durchaus in Mode, vor allem als Diskussionsersatz. Habe ich den Anderen als „Neoliberalen“ oder „Nazi“ entlarvt[3], bin ich geradezu moralisch verpflichtet, die inhaltliche Debatte mit ihm einzustellen und zu anderen Methoden der Auseinandersetzung (oder zum Mittel der Flucht – auf Twitter nennt sich das „Blocken“, bei akademischen Snowflakes „safe spaces“) zu greifen. „Zu dumm, gerne hätte ich ihn oder sie mit meinen unwiderlegbaren Argumenten in die Enge getrieben, aber leider macht man das mit solchen Leuten nicht…“ Das ist das eine. Die Etikettierung als „Nazi“ geht aber darüber hinaus. Mittlerweile haben sich einige Leute eine Privatdefinition von „Nazi“ zurecht gelegt, in der sie diese feinsinnig von „Nationalsozialist“ oder „Rechtsextremer“ unterscheiden, aber die allgemeine Bedeutung ist eben doch weiterhin „Nazi = Nationalsozialist“. Und das bedeutet nicht nur die Shoa, also den Willen, den eigenen Antisemitismus durch Auslöschen seines Objekts zu „überwinden“, sondern ganz allgemein auch Konzentrationslager, politische Morde, Angriffskriege und Kriegsverbrechen, Rassenideologie, totalitäre Gleichschaltung, SS, Führerprinzip und viele andere Dinge mehr. Das kann man eben nicht mal eben auf Betonung ethnischer Unterschiede, ein einfaches Freund-Feind-Schema und verbale Rohheit eindampfen – so falsch solche Haltungen auch sein mögen, als „Nazi“ können allein sie niemanden qualifizieren. Wenn man es dennoch täte, fielen darunter große Teile des politischen Spektrums weltweit, selbst wenn man die ebenso fadenscheinige wie platte Selbstimmunisierung der Intersektionalen akzeptierte, dass es „umgekehrten Rassismus“ nicht geben könne. 

Und eben weil man „Nazi“ mit all dem verbindet, was im letzten Absatz als „historisches Erbe“ so zusammenkam, erscheint es auch geboten, mit dieser Ausgeburt alles Bösen anders umzugehen als mit anderen, ja, Menschen. Da muss man nicht nur nicht mehr diskutieren, da kann man auch alle Grenzen des Anstands und des geltenden Rechts ignorieren und all das tun, was man wahrscheinlich am liebsten mit allen tun würde, die anderer Meinung sind als man selbst, nur dann eben nicht mehr unter allgemeinem Beifall. Einige Kommentatoren machen eine Art rückwirkenden Widerstand für eine solche Haltung verantwortlich, dass also die Enkel zeigen wollen, welche Helden sie anstelle ihrer Großeltern gewesen wären, aber der Werwohlf ist der Meinung, dass es um reine Zweckmäßigkeit geht. Der „Nazi“ als Feind legitimiert auch noch die übelsten Arten der Auseinandersetzung. Es fängt harmlos an mit Gegendemonstrationen, steigert sich über den Versuch, anderen das Demonstrations- und überhaupt das Versammlungsrecht zu versagen, sie am Reden zu hindern, Menschen, die ihnen Räume oder andere Ressourcen zur Verfügung stellen mit Gewalt nicht nur zu bedrohen, und geht dann bis hin zu Sprengstoffanschlägen und Angriffen auf Leib und Leben, und das alles zum Teil unter wohlwollender Begleitung, von offenem Beifall bis kräftiger Beteiligung von Medien und Politik. Als es bei der NPD eingeübt wurde, zuckten alle mit den Schultern. Es betraf ja nur „Nazis“. Jetzt, wo es mit der AfD weitergeht, soll genau dieselbe Reaktion hervorgerufen werden. Nicht, dass man sich wundert, wenn die CSU als nächste an der Reihe ist. Die „taz“ lässt schon mal feststellen, dass „Rassismus die einzige Basis [ist], auf der Seehofer Politik betreibt“. 

Ist es ein Zufall, dass die echten Nazis genau so anfingen? Mit Gewalt als Mittel des politischen Kampfes, Stichwort „Saalschlachten“ und auch mit direkten Anschläge auf Vertreter missliebiger Parteien? Oder gilt da auch die faule Formel „Meine eigenen Maßstäbe auf meine heroischen und moralisch unfehlbaren Taten anzuwenden, ist nicht zulässig! Wegen strukturell und so.“?

Jedenfalls passiert zur Zeit genau das, und damit kommen wir zum zweiten Ereignis. In Bremen wurde jetzt ein AfD-Politiker, Mitglied des Deutschen Bundestags, niedergeschlagen. Er ist nicht das erste Opfer gewalttätiger Übergriffe auf AfDler, aber der erste MdB. Und vor allem musste das von der AfD sofort über alle Kanäle verbreitete Bild des verletzten Politikers bei allen normal fühlenden Menschen Entsetzen hervorrufen. Die dort gezeigten Verletzungen sehen so übel aus, dass die inzwischen von der Polizei verbreiteten Informationen zum Tathergang kaum zu glauben sind, so relativ harmlos erscheinen letztere dazu. Aber Mediziner können dazu sicherlich qualifizierter Stellung nehmen. Es kann nach Meinung des Werwohlfs kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die Täter von ähnlichen Überlegungen geleitet wurden, wie wir sie in den Absätzen oben skizziert finden. Das heißt natürlich nicht, dass das „#Nazisraus“-Getwittere der Anlass war – das ist für solche Leute eher Pipifax, die waren schon vorher fest drauf eingeschworen. Aber das Getwittere trägt eben dazu bei, dieses Gedanken“gut“ weiter in die Öffentlichkeit zu tragen, auch noch als untadelige, gebotene Haltung, und – man mag es kaum aussprechen – spielt damit den vermutlich linksextremen Tätern in die Hände. Welche Früchte das trägt, hat Alexander Wendt auf „Publico“ anschaulich zusammengetragen.

Es geht dabei weniger darum, ob die AfD rechtsextrem ist (WW: ist sie mittlerweile) und ob es in ihren Reihen Anknüpfungen an Nazi-Ideologie gibt (WW: gibt es)[4]. Das alles kann, darf und soll man aufzeigen und aufdecken. Was aber nicht geht, ist den Wählern und den Protagonisten dieser Partei das Menschsein abzusprechen. Wer das tut, erklärt zur Tugend, was er den anderen als Verbrechen vorwirft. Sicher, man muss nicht mit jedem Deppen diskutieren. Aber manchmal ist man vielleicht selbst der Depp. Allein schon diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, würde vielen Debatten gut tun. Es ist allzu oft nur eine Form von Feigheit und Unsicherheit, bereitwillig Argumentation einzustellen, weil man endlich im Anderen einen Grund dazu gefunden hat, ihn mit einem der vernichtenden Etiketten zu versehen. 

Lasst doch den „Nazi“ stecken. Ihr solltet in der Lage sein, euer unverzichtbares Wertgerüst so zu formulieren, dass alle anderen selbst merken, was damit kompatibel ist und was nicht. Und ihr solltet wenn nicht bereits die Erfahrung, so zumindest doch die Erwartung haben, dass andere von einer anderen Basis her kommen können, ohne dass es sich deswegen gleich um Unmenschen handeln muss, auch wenn die Strohmänner dazu in eurer Schublade schon griffbereit bereitliegen. Es hat schon so viele Wendungen und Bekehrungen in der Geschichte gegeben – haltet da einfach nichts für unmöglich und vertraut der Kraft eurer Ideale und Argumente. Wenn ihr das nicht könnt, haltet einfach die Klappe. Okay?

[1] Es soll auch zu Morddrohungen gekommen sein, laut „tagesschau“ per „DN“ (gemeint ist vermutlich Direct Messaging, also „DM“), denn öffentlich einsehbar sind diese nicht. Das geht aber nur, wenn entweder Frau Diekmann diesen Leuten folgt (warum sollte sie?) oder sie in ihren Einstellungen festgelegt hat, dass ihr jeder eine solche schicken kann (auch wieder: warum sollte sie?).
[2] Die objektive Wahrheitsfindung scheint nicht die erste Priorität der Leitung der Online-„tagesschau“ zu sein, wie DonAlphonso („Welt“-Bezahlschranke) schon bemerkt hat.

[3] Um Ausgleich bemüht, suchte der Werwohlf nach entsprechenden Etiketten auf der rechten Seite des Spektrums. Ihm fielen keine ein. Woran liegt das? Sicherlich nicht an einer feineren Klinge der Rechten.
[4] Die Frage ist trotzdem, ob man in Stellungnahmen zur Verletzung des Abgeordneten unbedingt wieder Angriffe auf die AfD unterbringen muss. Diverse Politiker konnten hier nicht an sich halten.

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4 Gedanken zu “Was zu Parolen

  1. Das mit den Rechtsextremen bei der AfD ist mMn vergleichbar mit den Maoisten, die vor über 30 Jahren die Grünen gekapert haben. Endlich hatten sie mal die Aussicht auf ein bisschen Erfolg. Ist aber alles ursächlich Muttis Schuld. Wenn sie die CDU so weit nach links rückt, ergibt sich zwangsläufig rechts ein Vakuum, das nach Ausfüllung strebt.

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