Was zu Adolf und des Werwohlfs Eltern

Auf Twitter erreichte mich die Aufforderung, mit meinen Eltern über die NS-Zeit zu reden und das, was sie damals taten. Dass diese Aufforderung mit der unausgesprochenen Hoffnung verbunden war, man möge ob der Verstrickung der eigenen Vorfahren fortan in Sack und Asche gehen, ist eine Sache. Aber vielleicht verdient sie dennoch eine Beantwortung. Der Werwohlf weiß es nämlich, weil seine inzwischen schon lange verstorbenen Eltern es ihm sagten.

Die Mutter des Werwohlfs war ein totaler Hitler-Fan. Es könnte etwas damit zu tun haben, dass sie zum Zeitpunkt der Machtergreifung gerade mal acht Jahre alt war. Und dass ihr Vater, ein überzeugter Sozi, ihr schon immer das Leben zur Hölle machte (vermutlich wünschte er sich einen Sohn), so dass sie im BDM die Freiheit fand, die sie brauchte. Mehr als begeistertes Zujubeln wird man ihr kaum vorwerfen können.

Des Werwohlfs Vater stammte aus einer Gegend, in der die Nazis nie eine Chance hatten, weil sie tief katholisch geprägt war. Aber den Zwangsmaßnahmen nach der Machtergreifung konnte auch er nicht entgehen, als nach und nach die katholischen Organisationen geschlossen und organisatorisch in die der Nazis überführt wurden. Als der Krieg ausbrach, war er gerade 19 Jahre alt. Er kämpfte nie dort, wo die Judenvernichtung zum Kriegsziel dazu gehörte, also in den skandinavischen Ländern, in der Heimat und an der Westfront. Aber er erzählte dem Werwohlf, wie er von den Untaten der SS gegen die Juden (und andere) erfuhr. Als er bei der Heimfahrt mal auf einem Bahnhof auf einen Anschlusszug wartete, gesellte sich zu ihm ein SSler. Der präsentierte ihm voller Stolz Fotos von seinen Erschießungen. Von diesem Moment an ahnte der Vater des Werwohlfs, was da passierte. In der ganzen Dimension vorstellen konnte er es sich natürlich nicht. Und was hätte er zu diesem Zeitpunkt tun können? Tun sollen? Er musste an seine Familie denken. Und an das, was er bewirken könnte. Er entschloss sich, nicht als Held zu sterben und dann auch seine Familie mit ins Grab zu nehmen. Bewirbt sich deswegen jetzt einer als Steinewerfer?

Nach dem Krieg blieb der Vater des Werwohlfs, durch Gefangenschaft zu einem Fan der USA geworden, immer ein auf Harmonie und Ausgleich bedachter Mensch, dem weiterhin die Familie über alles ging, und der spätestens seit dem Sechstagekrieg voller Hochachtung und Sympathie gegenüber dem Staat Israel war. Man kann diese Leitlinien offensichtlich bis zu seinem Sohn verfolgen. Vielleicht bis auf die Harmonie – sie ist erstrebenswert, aber kein Letztziel…

Des Werwohlfs Mutter wusste ihre jugendliche Verirrung einzuordnen und passte sich politisch den Vorlieben des Werwohlf-Vaters an, was seiner Prägung entsprechend auf CDU forever hinauslief. Politisch diskutierte der Werwohlf zu Hause höchstens ab und an mit seinem Vater, als er seine sozialistische Phase hatte. Und später, als er Sympathien für libertäre Ideen entwickelte. Des Werwohlfs Vater war zeit seines Lebens komplett Mainstream CDU. Zum Glück musste er Merkels radikale Wendungen nicht mehr erleben.

Man mag es dem Werwohlf nachsehen, aber eine besondere Schuld aufgrund der Taten seiner Eltern empfindet er nicht. Es waren andere, die den Aufstieg Hitlers hätten vermeiden können.

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Ein Gedanke zu “Was zu Adolf und des Werwohlfs Eltern

  1. Lieber Werwolf,
    ich bin auch noch wach und wollte eigentlich jetzt schlafen gehen und nicht mehr schreiben.

    Ich beglückwünsche Dich zu Deinen Eltern. Du wurdest ebenso wie ich, durch günstige Umstände vor negativen Erfahrungen bewahrt.
    Meine Eltern waren als Katholiken vor den Versuchungen durch die Nazis immun. Auch nach dem Kriege gab es keine sozialistischen Versuchungen. In der DDR war ich mit meinen Eltern immer im Konsens. Aber auch dafür konnten wir nichts. Die Umstände waren eben so.

    Mein Vater war im Krieg ein „Spätberufener“, weil er als Schlosser in einem kriegswichtigen Betrieb arbeitete. 1942 wurde er eingezogen und hatte wieder Glück. Er kam zur Flak im äußersten Norden Norwegens. „Wir haben kaum geschossen“, sagte er immer.
    Wir hatten eben Glück. Meine Mutter und ich übrigens auch.
    Dafür bin ich heute noch Gott dankbar.

    Herzlich, Paul

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