Der Elefant im Raum

Es gibt vor allem zwei Gründe, die Weihnachtsgeschichte nicht mehr hören zu wollen.

Da wäre zum einen dieses kalorienreiche Gebäck, dass Medien und Einzelhändler alle Jahre wieder daraus machen, mit immer denselben, überzuckerten Zutaten, sei es nun in der altdeutschen Variante mit Knabenchören und Posaunen, die immer wieder dieselben Lieder erklingen lassen (und das in der Regel schon Monate vorher), und mit diesem allgemeinen Befehl zu Besinnlichkeit und Familienwärme, oder sei es in der happy American version, mit klingelnden Glöckchen, Mithüpfliedern, rotnasigen Rentieren und hollywoodesker Wunscherfüllung (den Familienwärmebefehl haben die Amis schon zu Thanksgiving befolgt). Ist alles ganz nett beim ersten Mal, aber wenn man so wie der Werwohlf schon das Alter erreicht hat, das in seiner Teenagerzeit einen Menschen automatisch aus seiner Wahrnehmung katapultiert hätte, dann hat man eben schon so viele Wiederholungen davon hinter sich, dass es einem zum Hals heraus hängen kann. Von „Last Christmas“ wollen wir dabei gar nicht erst reden…

Der zweite Grund sind die Weihnachtspredigten. Noch nicht mal die in der Kirche, wiewohl „Welt“-Chefredakteure auch davon ein Weihnachtslied zu twittern vermögen, sondern vor allem die aus der labernden Klasse allgemein, also allen, die jederzeit in der Lage sind, sich ein Mikrofon oder eine Tastatur zu schnappen, um damit gleichzeitig Millionen Menschen ihre Botschaft zu vermitteln. Und die ist dann keine frohe, sondern eher eine mit bitterer Miene vorgetragene schuldbeladene, in der eine Welt voller Übel gezeichnet wird, oder besser: der Dinge, die der oder die Vortragende gerne allen als Übel vermittelnwürde, und in der dann an der Weihnachtsgeschichte so lange herumgezerrt wird, bis sie am Ende genau zur politischen Botschaft des Predigers passt. Sozusagen die etwas armseligere Variante von „Deus lo vult“.

Zum Glück gibt es Gegenmittel. Wer kleine Kinder hat, muss nicht lange danach suchen. Weihnachten aus Kindersicht zu erleben, kann, wenn man in der Erziehung nicht allzu viel falsch macht, ein immer wieder neues und wunderbares Geschenk sein, mit dessen Hilfe man auch selbst wieder ein Stück des Zaubers verspürt, der auf dem Heiligabend liegt.

Dem Diabetesschock der medialen und kommerziellen Zuckerbäcker kann man sich entziehen, wenn man will. Am besten, man schaltet alles aus, was einen mit Werbung zupflastert, und den Fernseher sowieso[1]. Zur Christmette gehen kann helfen – dort hört man zwar dieselben Melodien, aber weniger glatt und mit ganz anderem Gefühl vorgetragen, und wenn man Glück hat, packt einen so ein richtiger Weihnachtszauber auch da. Vielleicht hat man auch die Gelegenheit, Menschen ein wenig Weihnachten zu schenken, die sonst nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Das kostet dann meist weniger Geld als Zeit und Zuwendung, aber auch da gilt: Weihnachten sieht man am besten durch die Augen anderer.

Und die oben genannten Predigten? Auch da wäre des Werwohlfs Vorschlag: ignorieren. Schnappen Sie sich doch einfach eine Bibel, die hoffentlich noch irgendwo in ihrem Bücherschrank zu finden ist, und blättern Sie ein wenig in den Evangelien. Lukas 2, 1-20 z.B. ist da einschlägig (weiterlesen ist nicht verboten…). Und dann machen Sie sich doch einfach ihre eigenen Gedanken dazu. Was da gesagt wird, ist nicht schwer zu verstehen. Der Werwohlf würde da gerne vor allem auf den letzten Vers verweisen:

Die Hirten kehrten zu ihren Herden zurück und priesen Gott und dankten ihm für das, was sie gehört und gesehen hatten.

Unsere modernen Prediger machen aus der Weihnachtsgeschichte gerne so eine Reportage von der Art, die gerade zweifelhaften Ruhm erntete. An das Gefühl appellierend, Schuldgefühle weckend und zur Akzeptanz der moralisch einzig richtigen Haltung mahnend. Aber selbst wenn man an dieser Stelle das Kind ignorieren kann, das zwar die eigentliche Hauptperson darstellt, aber nicht aktiv in Erscheinung tritt, so ist die Reaktion der Hirten in dieser doch sehr komprimierten Erzählung des Lukas kein Zufall. Wie sagt man so schön: Da ist ein Elefant im Raum. Und zwar ein sehr, sehr großer. Ohne den ist nämlich die ganze Geschichte nichts wert. Und wer sie nur dazu benutzt, um damit in seinem rein menschlichen Geschäft Punkte zu sammeln, dem ist sie dann wohl doch leider fremd geblieben. Auf dessen Predigten können Sie also gut und gerne verzichten.

Lesen Sie, öffnen Sie ihr Herz UND ihren Verstand, und dann schau’n mer mal.

In diesem Sinn wünscht der Mensch hinter dem Werwohlf seinen mittlerweile wohl sechs Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest!

[1] Etwas andere Weihnachtslieder gibt es z.B. auch im neuen Album von Mindi Abair And The Boneshakers „All I Got For Christmas Is The Blues“ – der Titel gibt einen leichten Hinweis zur Musik…

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3 Gedanken zu “Der Elefant im Raum

  1. Hallo, werter Wertwolf,
    jeder macht aus jedem Fest was er für richtig hält.
    Manche Feste wurden erfunden, um Blumenläden Umsätze zu verschaffen.
    Auch andere Feste wurden sehr stark kommerzialisiert und damit Ihres Sinns beraubt. Wer feiert zu Weihnachten noch die Geburt des HERRN oder zu Ostern seine Auferstehung? Der Weihnachtsmann und der Osterhase haben die Festanlässe abgeschafft. Warum Pfingsten gefeiert wird weiß schon fast niemand mehr. Warum feiern Atheisten diese Feste?
    Die Chinesin vom Textilladen nebenan feiert weder Weihnachten noch Neujahr, weil sie eine andere Kultur hat.
    Ich z.B. feiere meinen Geburtstag nicht. Warum soll ich ihn feiern? Es war ein Feiertag für meine Eltern? Aber für mich?

    Wenn sich jemand zum feiern verführen lässt, durch z.B. die Fremdbestimmung der Werbung, dann ist das seine Sache. Damit habe ich nichts am Hut.

    Soll jeder seine Feste feiern, wann und wie er will. Ich mache das auch.

    Herzlich, Paul

    • Lieber Paul, allein lässt sich schlecht feiern. Deswegen gibt es dafür konkrete Tage, zu denen nicht extra individuell eingeladen werden muss, so dass sich jeder darauf einstellen und mitmachen kann.

      • Lieber Werwolf,
        in meiner Erinnerung hatte der Geburtstag diesen Ruf. Zu mir kommt keiner mehr, nachdem das „Nest“ mehrmals, schon vor Jahren, leer war.
        Wenn ich etwas feiern will, lade ich ein oder verabrede mich entsprechend.

        Allerdings war ich beim Geburtstag nicht ganz konsequent. Den 40. habe ich als die Mitte des Lebens ganz groß gefeiert. Den 80. als das „Ende“ auch. Alle anderen Jahre sind jetzt die „Kür“. Ob ich noch einen Geburtstag feiern werde weiß ich nicht. (Noch feiern kann?)

        Übrigens, zum 80. sind meine Scholafreunde als „Mönche“ mit dem Choral „Requiem…“ eingezogen. Das fand ich sehr passend. (Andere haben sich darüber aufgeregt. „Wie kann man nur…?“)

        Eine gute Weihnachtszeit und ein weiter so, für 2019,
        wünscht herzlich, Paul

Platz für Senf.

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