Was vom Kriege

Zum Jahrestag des Waffenstillstands, der den 1. Weltkrieg beendete, überboten sich die herrschenden Politiker mal wieder mit Mahnungen und Warnungen vor neuer Kriegsgefahr. Sie sahen, man ahnt es schon, den nächsten Krieg bereits ausbrechen, wenn das Gebilde EU (oder vielleicht nur der Euro) auseinander fiele. Auch wurde intensiv das Schreckensbild eines aufkeimenden Nationalismus beschworen.

Dem Werwohlf entgehen diese Logiken.

Die EU wurde 1992 mit dem Vertrag von Maastricht ins Leben gerufen. Bereits vorher gab es sog. Europäische Gemeinschaften, z.B. die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Kernzelle all dieser Gemeinschaften war die Montanunion, die die Kohle- und Stahlproduktion zunächst Frankreichs und (West-)Deutschlands einer gemeinsamen Instanz unterstellte. Erkennbar wurde hier die Absicht, die für die Produktion von Kriegsmaterial wichtige Industrie dem nationalen Zugriff zu entziehen. Allerdings stammt diese Idee aus dem Jahr 1950, in dem wohl niemand, zuallerletzt Frankreich, absehen konnte, wohin sich Deutschland entwickeln würde. Dennoch können wir hier schon das Fazit ziehen: Es hat gereicht, um auch vor 1992 keinen Krieg zwischen zwei europäischen Staaten ausbrechen zu lassen (wenn wir von den 1991 einsetzenden Kriegen im Zusammenhang mit der Aufspaltung Jugoslawiens absehen – was aber Gebiete betraf, die auch heute nicht komplett zur EU zählen). 

Was mit Nationalismus gemeint ist, scheint sowieso arg interpretationsgetrieben. Manchmal ist damit allein schon die Überzeugung gemeint, dass der Nationalstaat eine sinnvolle politische Einheit darstellt, die derzeit am geeignetsten erscheint, die politische Willensbildung zu organisieren und z.B. einen Sozialstaat zu etablieren. Andere würden diesen Begriff gerne mit einer Überhöhung der eigenen Nation und einer Herabsetzung anderer verbinden, die dann z.B. in Ansprüchen gipfeln, die von anderen Nationalstaaten zu erfüllen wären. Aber schon, ob Nationalismus als Ursache des 1. Weltkriegs gelten kann, darf man bezweifeln. Einer der Hauptaggressoren damals war das Vielvölkerreich Österreich-Ungarn, das im Gegenteil alles tat, um aufkeimenden Nationalismus zu verhindern. Allerdings war es ein serbischer Nationalist, der mit dem Attentat von Sarajevo einen Vorwand für die Forderungen Österreich-Ungarns lieferte. Nationalismus mag dann, insbesondere im quasi noch vorpubertären Deutschen Reich, dazu beigetragen haben, die für eine reibungslose Mobilisierung hilfreiche Hurra-Stimmung zu entfachen. Ursache des Kriegs aber war er eher nicht. 

Die beiden hier genannten angeblichen Gefahren übersehen nach Meinung des Werwohlfs den entscheidenden Punkt: Wann führten zuletzt zwei Demokratien gegeneinander Krieg? Kann sich z.B. ernsthaft jemand vorstellen, die Deutschen ließen sich mit dem Hinweis auf die Bedeutung ihrer Nation zu einem Einmarsch beispielsweise in Frankreich bewegen[1]? Und der Bundestag würde sowas beschließen? Der Gedanke wird noch absurder, wenn man sich vor Augen hält, dass die Mehrheit der EU-Staaten einem gemeinsamen Militärbündnis, nämlich der NATO, angehört und ihre Armeen auf die Integration in dieses Bündnis hin ausgerichtet sind. Außerdem: Was wäre mit einem Krieg zu gewinnen? Früher hätte man gesagt: Land. Aber die Zeiten der Agrargesellschaft sind vorbei. Ödes, leerstehendes Land haben wir in Deutschland mittlerweile genug, während die Städte aus den Nähten platzen. Und wer würde sich im Zeitalter der Demokratie und des Rechtsstaats freuen, wenn irgendeine Fügung das Elsass der Bundesrepublik zuschlagen würde? Was hätte man als Deutscher davon außer Ärger mit den dortigen Einwohnern? Dass die Nachkommen ehemaliger Landbesitzer gerne ihre(!) ehemaligen deutschen Ostgebiete wieder zurück haben würden, kann man verstehen, aber für die Bundesrepublik bedeutete das vor allem die Aufnahme vieler zusätzlicher ALG-II-Bezieher. Also selbst wenn wir mal for the sake of the argument einen Krieg zur Gewinnung neuer Gebiete für möglich halten würden – er hätte auch für den Sieger keinen Nutzen. Mourir pour rien? Es gibt natürlich ein Szenario, in dem Krieg als Mittel zur Verfügung stehen muss: wenn das Recht und die Freiheit unserer Demokratie von außen bedroht werden. Aber der Werwohlf hat so seine Zweifel, ob Frankreich, die Niederlande, Belgien, Dänemark, Polen, Tschechien oder Österreich sowas vorhaben. Allerdings gibt es da noch die, weil nicht EU-Mitglied, offensichtlich hochgefährliche Schweiz… Und auf Luxemburg sollte man vielleicht besonders aufpassen.

Etwas ernsthafter: Man mag tausende von angeblichen Kriegsgefahren beschwören, aber das, was gegen alle düsteren Prognosen Krieg wirksam verhindert, ist vor allem die moderne Demokratie. Statt aus innenpolitischen Gründen andere der Propagierung kriegstreibender Ideen zu bezichtigen, sollten wir lieber darauf achten, Institutionen wie Meinungsfreiheit, freie Wahlen und die Rechte des Einzelnen zu bewahren. Und da haben sogar die, die gerne ihre Gegner mit der Gefahr von Kriegen in Verbindung bringen wollen, genug Anlass, sich an die virtuelle eigene Nase zu fassen.

P.S.: Die Anspielung auf Clausewitz im Titel erfolgte allein ihrer selbst willen. Nicht, dass hier noch jemand tiefe militärstrategische Gedanken erwartet.

 

[1] Vorhandensein des nötigen Kriegsgeräts vorausgesetzt…

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2 Gedanken zu “Was vom Kriege

  1. Zitat:
    „Auch wurde intensiv das Schreckensbild eines aufkeimenden Nationalismus beschworen.“

    Der einzige Weg, die Leute, die so argumentieren, noch zu erreichen ist es, vor den neuen EU-Chauvinismus zu warnen. Manche erreicht man damit noch, bei den anderen ist es schon verloren.

    Zitat:
    „Es hat gereicht, um auch vor 1992 keinen Krieg zwischen zwei europäischen Staaten ausbrechen zu lassen“

    Diese Hypothesen ist nur unter Ignoranz einer ganzen Reihe von Fakten haltbar.
    Zunächst einmal hat die „rote Armee“ (Sowjetunion) in dieser Zeit mehrfach im Ostblock eingegriffen. Dann ist anzuerkennen, dass Europa von 1950 bis 1992 einen gewaltigen, weltweiten Bedeutungsverlust hinnehmen musste. Entkolonialisierung, Kalter Krieg zwischen Sowjetunion und USA (beide europäisch geprägt, aber eben nicht die EU), nicht zuletzt die Atombombe. Hätte es einen Krieg zwischen zwei Atommächtigen gegeben, dann müssten wir das, bzw. wir wüssten es schon nicht mehr, weil nichts mehr da wäre. Ich bin deshalb dankbar, dass bisher alle Beteiligten so intelligent waren, exakt den Scheiß zu verhindern.

    Zitat:
    „Es gibt natürlich ein Szenario, in dem Krieg als Mittel zur Verfügung stehen muss: wenn das Recht und die Freiheit unserer Demokratie von außen bedroht werden.“

    Krieg dient, zumindest solange die Gesellschaft nicht komplett zerstört wurde, meistens politischen Zwecken. (Wenn der Krieg schon nicht mehr politisch geführt wird, weil das Militär schon die Herrschaft übernommen hat und die Herrscher sich ergo gar nichts mehr anderes vorstellen können, wie z. T. in Deutschland in Weltkrieg I oder in Japan während des 2. Weltkrieges, ist die Gesellschaft effektiv am Ende…) Allein diese Feststellung mag heute polit-inkorrekt sein, auch wenn sich da niemand ernsthaft beleidigt fühlen kann…
    Früher wurden auch Kriege geführt, um anderen Nationen z. B. „ungleiche Verträge“ (einfach mal googlen) oder Handelsabkommen aufzunötigen. DAS kann meines Erachtens durchaus wieder passieren. Stimmt, Demokratien führen keinen oder selten Krieg miteinander. Das lassen wir mal außen vor.

  2. Zunächst einmal hat die „rote Armee“ (Sowjetunion) in dieser Zeit mehrfach im Ostblock eingegriffen.

    Da die Sowjetunion für diese Länder längst Quasi-Besatzungsmacht war, können wir das kaum als „Kriege“ bezeichnen. Diese Aufstände gingen ja auch schnell zu Ende, weil nur eine richtige Armee im Spiel war. Und im Kontext meines Beitrags spielen die schon daher keine Rolle, weil sie mit der EU nichts zu tun haben.

    Dann ist anzuerkennen, dass Europa von 1950 bis 1992 einen gewaltigen, weltweiten Bedeutungsverlust hinnehmen musste.

    So what. Auch auf Kontinenten ohne große Bedeutung schlägt man sich die Köpfe ein. Und für die Europäer hatte Europa weiterhin große Bedeutung.

    Früher wurden auch Kriege geführt, um anderen Nationen z. B. „ungleiche Verträge“ (einfach mal googlen) oder Handelsabkommen aufzunötigen. DAS kann meines Erachtens durchaus wieder passieren. Stimmt, Demokratien führen keinen oder selten Krieg miteinander. Das lassen wir mal außen vor.

    Aber auf Letzteres kommt es mir an. Natürlich wird es weiter Kriege geben auf der Welt. Dazu gibt es viel zu viele Möglichkeiten. Aber in entwickelten Demokratien ist das so gut wie ein Ding der Unmöglichkeit, da braucht es keine EU-Bürokratie oben drüber. In Deutschland würden wir ja noch nicht mal zu den Waffen greifen, um uns selbst zu verteidigen. Also vielleicht Zusatzthese: Je dekadenter eine Demokratie, um so friedlicher ist sie, auch auf Kosten von Freiheit und Leben.

Platz für Senf.

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