Was zu qualitätsjournalistischen Ferndiagnosen

Für eins muss der Werwohlf dem Herrn Pergande, seines Zeichens „politischer Korrespondent der FAS in Berlin“, danken: Musste er wegen des medialen Unsinns, der gerne über die AfD und Aussagen ihrer Protagonisten verzapft wurde, als Verteidiger dieser auch von ihm nicht besonders geliebten Partei auftreten[1], darf er sich heute für die FDP und ihren Vorsitzenden in die Bresche werfen, obwohl der Herr Lindner ja mal klarstellte, dass er jemanden wie den Werwohlf nicht in seiner Partei haben möchte (keine Sorge, die Gefahr eines Versuchs ist gering). Der Grund ist ein in den müden Augen des Werwohlfs armseliger Kommentar von Herrn Pergande, der heute online veröffentlicht wurde: „DIE FDP UND JAMAIKA : Lindner auf der Couch“.

Was ist darin armselig? Offensichtlich hat Herr Pergande mit Herrn Lindner ein Problem, seitdem letzterer die FDP nicht in die von vielen (und offensichtlich auch von Herrn Pergande) erhoffte „Jamaika“-Koalition eintreten lassen wollte. Nicht nur das: Für Herrn Pergande war das offenbar so sehr ein Sakrileg, dass er deshalb Herrn Lindner jeden weiteren Kommentar über Regierungsmehrheiten übel nimmt nach dem Motto: „Du hast meine Wunsch-Regierung verhindert, deswegen sollst du nie wieder für Regierungen in Frage kommen!“

Dabei war es Lindner, der die Verhandlungen über Jamaika in letzter Minute abgebrochen hat. Was genau ihn damals dazu brachte, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Wirklich die Kanzlerin? Die Grünen? Ein schwarz-grüner Hinterhalt, in den die FDP zum Glück nicht getappt ist? Oder war es vielleicht doch nur Erschöpfung? Vielleicht weiß Lindner es ein knappes Jahr danach selbst nicht mehr so genau. Er klingt jedenfalls so, immer ein bisschen ärgerlich und eingeschnappt.

Gut, es ist ein Kommentar. Aber es ist ja nicht so, dass der Herr Lindner nicht an vielen Stellen Auskunft zu den Gründen gegeben hätte, die ihn damals bewogen, die Gespräche abzusagen. Um es hier zusammenzufassen: Er fühlte sich von der Union, insbesondere der Kanzlerin, bestenfalls hintergangen, schlimmstenfalls verhinterteilt. Das Fass zum überlaufen brachte, als ihm als angeblicher Kompromissvorschlag in Sachen Soli das CDU-Wahlprogramm offeriert wurde. Auch sonst erweckten für ihn die Verhandlungen den Eindruck, als einigten sich hier Union und Grüne auf ihr Wunsch-Bündnis, während der FDP die Rolle des Mehrheitsbeschaffers zugedacht wurde, erkauft durch Pöstchen für die Führungsclique, die, wenn die Partei darauf eingegangen wäre, man dann hinterher wieder von den schon entsprechend vorkonditionierten Hilfstruppen in den Medien verächtlich machen lassen würde. Es ist das gute Recht des Herrn Pergande, Herrn Lindner das nicht zu glauben. Aber es ist alles andere als fair,  so zu tun, als gäbe es diese Erklärungen nicht und dann wild drauf los zu spekulieren – und am Ende einfach mal ein paar Behauptungen und Werturteile über Herrn Lindner aufzustellen.

Wieso soll es auf einmal mit den Grünen gehen, die inzwischen noch viel selbstbewusster sind und an alle möglichen Bündnisse denken, nur nicht an die FDP, die sie in Stimmenzahl und Ansehen weit hinter sich gelassen haben?

Hier bezieht sich Herr Pergande darauf, dass Herr Lindner „Jamaika“ trotz der damaligen Absage nicht grundsätzlich ausschließen will. Das allerdings galt auch schon damals. Die Behauptung Herrn Pergandes, die „Grünen“ hätten die FDP an Stimmenzahl und Ansehen „weit hinter sich“ gelassen, muss man wohl ebenfalls als Musterbeispiel journalistischer Manipulation einordnen. Anhand welcher Messungen von „Ansehen“ will Herr Pergande seine Behauptung begründen? Und was die Stimmenzahl angeht: Bei der letzten Bundestagswahl blieben die „Grünen“ hinter der FDP. Gut möglich, dass sie bei der nächsten vor ihr landen werden, insbesondere, weil die SPD zerbröselt. Aber auch nicht sicher – wie die Entwicklungen gerade zeigen. Herr Pergande macht daraus ein Gesetz für die Ewigkeit. Dabei kommt es nicht darauf an, an welche Bündnisse die „Grünen“ vielleicht denken, sondern vor allem darauf, welche realisierbar sind. Und da kann die FDP durchaus ins Spiel kommen. Nicht, dass der Werwohlf das bevorzöge: Er würde jeder Partei abraten, den „Grünen“ Regierungsverantwortung zu verschaffen. 

Und dann wird es besonders schön:

Regierungsverantwortung auch in schwieriger Lage zu übernehmen, Kompromisse zu schließen, Mehrheiten zu akzeptieren, hart zu arbeiten. Eher klingt es so, als läge Lindner auf der Couch und erzählte dem Therapeuten immerzu, was ihn quält. Ein Mutterkomplex offenbar, wenn er sich immer wieder an der Kanzlerin abarbeitet und Freiheit erst fühlen kann, wenn sie fort ist, ja, dann überhaupt erst wieder zu denken vermag. Oder ist es die Wunde des Ungeliebten, weil sich kaum noch jemand für ihn und die Partei interessiert? Wo gerade Lindner der Berliner Medienstar war, als es mit den Jamaika-Verhandlungen losging, bewundert und bestaunt für die Leistung, die FDP wieder in den Bundestag und sogleich in Koalitionsverhandlungen geführt zu haben. Aus der Beletage in den Keller, noch dazu im freien Fall, wen würde das nicht traumatisieren.

„Couch“, „Therapeut“, „Mutterkomplex“, „Ungeliebter“, „Medienstar“, „freier Fall“, „traumatisieren“ – da balgen sich die Strohmänner geradezu um den Platz auf der Bühne. Kann der Werwohlf auch:

Lieber Herr Pergande, sagen Sie es doch ehrlich: Die FDP hat Ihnen den Gefallen nicht getan, die gewünschte schwarz-grüne Regierung möglich zu machen, und ihren Frust müssen Sie jetzt wohl dadurch abbauen, dass Sie dem Vorsitzenden der Partei frei fantasierend Motivlagen unterstellen, die ihn in ein schlechtes Licht rücken. Wenn wir hier schon von einem Trauma reden, wäre es nicht der Herr Lindner, der dem Werwohlf zuerst als Betroffener einfiele. Als jemand, der bei der letzten Bundestagswahl tatsächlich FDP gewählt hat, möchte Ihnen, Herr Pergande, der Werwohlf gerne bestätigen, dass er es gut fand, wie seine inhaltlichen Gründe, sich für diese Partei zu entscheiden, von deren Führung auch respektiert und nicht zugunsten des Eintritts in eine „Beletage“ geopfert wurden, die nach dem Geschmack Fremder gestaltet worden wäre. Geben Sie es zu: Sie hätten doch als einer der ersten einen Kübel von Häme darüber ausgeschüttet, dass die FDP sich in dieser Ménage à trois nicht gegen das schwarz-grüne Liebespaar durchsetzen konnte oder bei fast allen wichtigen Fragen mit dem Ende der Koalition hätte drohen müssen. Sie hätten doch am Ende konstatiert, dass die FDP wieder mal jeden inhaltlichen Gestaltungsanspruch hätte vermissen lassen und deswegen im politischen System nicht mehr gebraucht würde.

In einem haben Sie, Herr Pergande, allerdings ganz und gar Recht: Gute Ratschläge nerven. Übles Nachtreten allerdings kotzt an.

P.S.: Und wenn der Werwohlf noch irgendwelche Fragen gehabt hätte: Das schwärmerische Porträt der neuen SPD-Spitzenkandidaten für die Europawahl hätte sie beseitigt. 

 

[1] Das Traurige ist ja, dass die Protagonisten der AfD immer wieder zu echter , auch heftiger Kritik Anlass geben. Dennoch ist es richtig, über die „falsche Kritik“ zu sprechen, wenn man auf sie trifft, weil deren Ziel in der Regel nicht nur die AfD ist, sondern die Diskreditierung von unliebsamen Meinungen.

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