Was zu Sarrazin

Neues Buch von Sarrazin, und schon werden in den Medien die feuilletonistischen Massenvernichtungswaffen in Stellung gebracht, und die SPD überlegt, einem alten Ritual folgend, ob sie den bei ihr ungeliebten Autor ausschließen soll und kann. Der Werwohlf hat bisher zwei Bücher von Thilo Sarrazin gelesen. Das erste, „Deutschland schafft sich ab“, war sehr interessant, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Man kaufte nur ein Buch, bekam dazu aber auch gleich ein Politik- und Medienecho geliefert, das, weil es mit dem Buch in großen Teilen so gar nichts zu tun hatte, unterhalterisch einen echten Zusatznutzen bot. Es konzentrierte sich zudem auf einen relativ kleinen Abschnitt des Buches, der mit der Zuwanderung zu tun hatte, und die Heerscharen an Strohmännern, die da ins Feld geführt wurden, suchten ihresgleichen. Am Ende dieser Diskussion stand das Verdikt, dass man das Einzige, was man über Intelligenz weiß, das ist, dass sie auf keinen Fall vererbt werden kann. Das war damals. Danach war Ruhe, und allmählich wurden so gut wie alle Analysen von Sarrazin in den späteren Jahren immer wieder bestätigt, aber das dann meist eher verschwiegen auf den Wissenschaftsseiten der Zeitungen und Magazine. 

Man bemühte sich damals, gemäß den üblichen „Diskurs“-Methoden, Sarrazin ein Etikett anzuheften, das ihn in irgendeine unappetitliche rechte Ecke verbannt. Diese Kommunikation baute sehr darauf, dass ihre Empfänger das Buch nicht zu Ende lasen, denn am Ende standen die politischen Empfehlungen Sarrazins, und wenn die nicht, für sich genommen, auf der Linken eher für Begeisterung sorgen, weiß der Werwohlf auch nicht mehr. Ihm selbst behagten sie jedenfalls gar nicht, denn sie bestanden überwiegend aus der Abschaffung individueller Freiheiten zugunsten staatlicher Erziehungsmaßnahmen. Aber andererseits kann man es niemandem verübeln, wenn er wirklich nicht so weit kam, denn Sarrazins Schreibe ist langatmig und redundant, schlicht ermüdend. Mit zehn Seiten plus Statistikanhang wäre wohl die Botschaft auch formuliert gewesen, aber nun gut. 

Das zweite Buch, das der Werwohlf las, „Der neue Tugendterror“, war noch langatmiger, nur dass jetzt noch Wiederholungen aus dem ersten Band dazukamen. Neues erfuhr der Werwohlf daraus jedenfalls nicht. 

Und jetzt die „Feindliche Übernahme“ – nein, die muss der Werwohlf wirklich nicht mehr lesen. Dafür sprechen grundsätzliche Erwägungen. Zum einen hat er sich mit dem Islam schon beschäftigt, als Sarrazin noch Ernährungstipps für ALG-II-Empfänger gab. Zum anderen ist die 483. Stimme, die aus der Lektüre des Korans bahnbrechende Erkenntnisse gewinnen will, alles andere als originell. Der daraus entstehende Konflikt war vorhersehbar. 

Der Werwohlf hat schon an verschiedener Stelle seine Meinung zum Islam in der heutigen Zeit dargelegt. Zusammengefasst lautet sie so:

Selbstverständlich kann man den Koran auf verschiedene Weise auslegen. Eine der Bibelforschung entsprechende historisch-kritische Auslegung könnte zu ganz anderen Aussagen kommen als das, was Sarrazin (jedenfalls lässt sich das aus der Diskussion entnehmen) herauskristallisiert. Es hat in der Geschichte der Islam-Theorie auch schon diverse Versuche von Auslegungen gegeben. Sarrazin wird heute entgegnet, dass die herrschende Islam-Theorie über eine rein wörtliche Auslegung längst hinaus sei, dass diese also nur noch von Islam-Kritikern und Salafisten angewendet wird. Das käme dem Werwohlf immerhin bekannt vor, denn mit Atheisten und christlichen Fundamentalisten verhält es sich ähnlich – beide bevorzugen eine wortwörtliche und weitgehend kontextfreie Interpretation. Das Problem ist nur: Sehr weit scheint der Islam damit noch nicht gekommen zu sein. Denn nach Wissensstand des Werwohlfs gelten für den Koran generell noch die folgenden Aussagen:

  • Es handelt sich um das reine Wort Allahs, und Allah sprach arabisch. 
  • Wenn sich der Inhalt zweier Suren widerspricht, gilt das Abrogationsprinzip, d.h. die Suren aus der späteren, kriegerischen Medina-Zeit ersetzen die Suren aus der früheren, friedlichen Zeit in Mekka. 

Das stellt den friedfertigen Interpretationen des Korans zumindest erhebliche Hürden entgegen. Hürden, von denen fraglich ist, ob der Wille wirklich so groß ist, sie zu überspringen. 

Aber was die islamische Theologie auf die Beine zu stellen vermag, ist ja auch nur das eine. Was Muslime glauben, das andere. Und da zeigen Befragungen, dass unter ihnen die Befürworter einer möglichst aggressiven Auslegung zwar in den meisten Fragen in der Minderheit sind, aber in einer sehr starken. Wenn dann noch dazu kommt, dass deren Stellung innerhalb der Gesamtheit der Muslime nicht die auszugrenzender Extremisten ist, sondern ihnen von der Mehrheit, wenn nicht gar Bewunderung, so zumindest doch solidarisches Verhalten entgegen gebracht wird, sobald dies verlangt wird, darf und muss das den Nicht-Muslim skeṕtisch stimmen. 

Dass diese neue Stimmung eine eher moderne ist und es Phasen der Geschichte gab, in denen der Islam und die Muslime ganz anders agierten, deutet zwar darauf hin, dass der heutige Zustand kein mehr oder weniger zwangsläufiger ist (was wohl Sarrazins Botschaft ist), aber es trägt nicht dazu bei, ihn zu beschönigen. Sarrazin hat definitiv auch einen Punkt, wenn er auf die Staaten verweist, in denen Muslime die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Zumindest die Grünen sehen in ihnen jedenfalls keine sicheren Herkunftsländer… 

Nun ist es mit unserem Wertverständnis schwer vereinbar, Menschen nur nach ihrer Religion zu beurteilen. Und das ist wohl auch gut so. Aber dennoch ist der Islam für unsere Gesellschaft eine Herausforderung, derer man sich auch als solcher anzunehmen hat. Allerdings nicht defensiv, indem ein „Lex Islam“ nach dem anderen kodiert wird, sondern offensiv, indem das, was z.B. diesen deutschen Staat ausmacht, von allen eingefordert wird, die hier leben. Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass Religionen ihre Vorschriften auf den Alltag ausdehnen können[1], sondern dass jeder seinen *Glauben* leben darf – das Missverständnis ist hier programmiert, denn während das Reich Christi „nicht von dieser Welt“ ist, beansprucht der Islam die Regulierung des gesamten Lebens der Gläubigen. Hier sollte der Staat der Übergriffigkeit religiöser Vorschriften keinen Vorschub leisten, jedenfalls dann nicht, wenn er wirklich will, dass Menschen verschiedener Herkunft hier friedlich zusammen leben, denn die brauchen eine feste gemeinsame Basis und eben kein „tägliches Aushandeln“, das die Verfasstheit dieser Gesellschaft von der Zusammensetzung beliebiger Zuwanderung abhängig machen würde. Wenn es hart auf hart käme, bedeutete es mit anderen Worten: Lieber alle christlichen Feiertage abschaffen als einen islamischen einzuführen. Den christlichen Kirchen scheint, wenn man ihren Umgang mit dem Islam betrachtet, ihre eigene Religion sowieso deutlich unwichtiger zu sein als politisch auf der richtigen Seite zu stehen. Wer kein Schweinefleisch essen will, muss sich nach Alternativen umsehen. Nett, wenn diese angeboten werden, aber andererseits sollte das für die Fans von Borstenvieh und Schweinespeck keinen Ausschluss bedeuten. Bekleidungsvorschriften sind staatlicherseits nicht zu tolerieren. Das Kopftuch in der Schule wird man Schülerinnen nur schwer verbieten können, aber wie ein Schwimmanzug auszusehen hat, das lässt sich schon verbindlich definieren. Das alles ist mitunter ein Spagat, und es ist neu. Aber dieser Staat, zu dem es die Muslime ja auch in Scharen zieht, hat jedes Recht, selbstbewusst die eigenen Werte durchzusetzen. Was auch den Vorteil hat, nicht *gegen* irgendjemanden oder irgendetwas zu agieren, sondern *für* etwas, nämlich diesen freiheitlich-demokratischen Staat mit allen seinen Schwächen. Und Stärken.

Alles andere wäre auf Dauer fatal. Wir sind auf diesem falschen Weg schon ein gutes Stück voran gekommen, und die Folgen sehen wir täglich. Aber wenn die Bundesrepublik Deutschland endlich mal genug Selbstbewusstsein entwickeln würde, eigene Interessen zu definieren und dann für sich selbst zu sorgen, wären Salafisten (vielleicht) und AfD (sicher) bald Geschichte. 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Was zu Sarrazin

  1. „… eigene Interessen zu definieren und dann für sich selbst zu sorgen, wären Salafisten (vielleicht) und AfD (sicher) bald Geschichte.“
    Das mag für die Salafisten gelten, allein schon, weil durch konsequente Anwendung geltenden Rechts keiner von denen hier sein dürfte und demzufolge sich in Gewahrsam befände oder expediert würde.
    Für die AfD gilt das genauso sicher gerade nicht, weil die AfD – auch – deswegen da ist, weil die selbsternannten herrschenden Eliten genau das, nämlich EIGENE Interessen (eigene im Sinne der Deutschen, nicht der Kaste) zu definieren und durchzusetzen, konsequent seit vielen Jahren verweigern. Die Aussage ist also ein unauflöslicher Widerspruch. Ich glaube, das, was die AfD verkörpert, wird sich durchsetzen, mehr oder weniger vollständig, oder wir brauchen in einigen Jahren nicht mehr über eine Bundesrepublik Deutschland nachdenken, weil es sie nur noch als Hülle geben wird, deren angeblich geltenden Rechtsvorschriften mindestens faktisch je nach Bedarf gebeugt, gebrochen oder sonst nicht beachtet werden. Irgendein Jurist, der das dann ausführlich begründen kann, findet sich immer.

Platz für Senf.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.