Was zur Mitte

Es gibt in diesem Staat, in dieser Gesellschaft Themen, die sich dem entziehen, was man noch vor einigen Jahrzehnten als Politik verstanden hätte. Politik im Sinn der Tatsache, dass der Souverän unseres Staates, also das Volk, aus den vielfältigsten Interessen besteht, die zu einem nicht zu kleinen Teil einander widersprechen, und im Sinn der daraus geschlossenen Folgerung, dass diese Interessen von politischen Parteien aufzugreifen, zu formulieren und in den zivilisierten Streit, vorzugsweise im Parlament, einzubringen sind. Je nach Mehrheitsverhältnissen entwickelt sich aus diesem Streit dann Politik, wobei die Bürger jederzeit in die Lage versetzt werden, die Argumente beider Seiten zur Kenntnis zu nehmen, so dass sich Mehrheiten auch mal ändern können, wenn die Argumente der früher Unterlegenen später attraktiver erscheinen. In diesen Kontext passt dann auch der Kompromiss, zu dem dann zu greifen ist, wenn entweder die Mehrheiten unsicher sind oder eine grundlegende Entscheidung nicht wegen einer Änderung der Mehrheitsverhältnisse gleich in Frage gestellt werden soll. 

Verfolgt man die Medien heutzutage, muss einem das wie eine Botschaft aus entweder verschollenen Zeiten (also Fraktion „Fantasy“) oder der Zukunft (also Fraktion „Science Fiction“) vorkommen, denn heute sieht es anders aus. Heute sind die Fronten klar, und wer sich der Klarheit der Fronten aufmüpfig verweigert, gehört wieder in diese einsortiert. Denn zwischen Schwarz und Weiß kann es keinen Kompromiss geben. Grau ist nur die Farbe der heimlichen Kollaborateure mit entweder Schwarz oder Weiß.

Der Werwohlf hat da einen Bias, eine Verzerrung. Als Kritiker der seit 2015 geübten Einwanderungspraxis und der politischen Reaktionen darauf fallen ihm natürlich in erster Linie die maßlosen Übertreibungen derer auf, die eine andere Politik vertreten. Allerdings ist er trotzdem auch in der Lage, die Schwarz-Weiß-Anwürfe von Rechts einzuordnen, wenn vielleicht auch nicht so sensibel, wie ihm das bei den Linken gelingen mag. 

Von „Rechts“ kommen z.B. die „Umvolkungs“-Vorwürfe, bei denen, abgesehen von ihrem empirischen Gehalt, schon einmal unklar ist, warum jemand solche Forderungen vertreten sollte. Und sobald man versucht, diese Unklarheit zu beseitigen, landet man bei Verschwörungstheorien, denen, wenn sie sich nicht schon längst dort befinden, der Schritt zum „Weltjuden“ nicht mehr allzu fern ist. Die Vorstellung, die bösen Kapitalisten wollten vor allem billige Arbeiter ins Land holen, widerspricht jetzt nicht gerade zwingend den Träumen von hiesigen Unternehmenslenkern, selbst wenn die Ausbeute der am deutschen Arbeitsmarkt Erfolgreichen überschaubar bleiben sollte, aber dann müsste eben noch der Transfer geleistet werden, der die Wünsche dieser Herrren (beim DAX nur solche, oder?) unmittelbar in Politik umzusetzen vermag. Sowas kann man glauben. Sollte man aber nicht, wenn man noch Ansprüche ans eigene Denken hat.

Es bleibt als realistischer Ansatz, dass dieses Land sich um Migranten bewirbt, die keine Chance haben, in anderen Ländern wirtschaftlich erfolgreich tätig zu werden (denn sonst wären sie es), die trotzdem hohe Erwartungen an pekuniäre Rückflüsse haben (von heimischer Familie und bezahlten Schleusern manifestiert), und die ungeachtet alles anderen ihr Lebensumfeld gerne so gestalten möchten, wie sie es von zu Hause gewohnt sind. Vor dem sie mehr oder weniger flohen.

Allein aus dieser nach Ansicht des Werwohlfs reichlich nüchternen Gegenüberstellung lässt sich Konfliktpotenzial erkennen. Die Erwartungen vieler Migranten dürften mit dem, was sie als Ungelernte, der Sprache nicht Mächtige hierzulande zu erwarten haben, drastisch nicht übereinstimmen. Die Geldforderungen aber bleiben. Last Exit Drogendealer. Im extremsten Fall. Aber dass es ein Problem darstellen könnte, einfach nur die Feelgood-Forderung zu erheben, ohne mit den sich daraus ergebenden Konflikten zu rechnen, ist nicht gerade populär heutzutage. Stattdessen wird, wer dem allgemeinen „Alles wird gut“-Konsens zu widersprechen wagt, sofort in das extremste Lager eingeordnet, das gerade griffbereit war, mit dem dankbaren Nebeneffekt, sich mit den Argumenten oder Sorgen oder Ängsten oder wasauchimmer dieser Person nicht mehr beschäftigen zu müssen. Kann man machen, darf sich aber nicht wundern, wenn andere dann die Wählerstimmen abgreifen.

Dabei ist der Einkommenserwerb nur einer der möglichen Konfliktpunkte. Als gelernte Materialisten natürlich auch unser liebster. Aber dass uns „Menschen geschenkt“ wurden, kann nur der rückhaltlos bejubeln, der mit Menschen noch nicht viel zu tun hatte. Die können nämlich ziemlich ätzend sein. Oft kommen sie aus Ländern, in denen ein Menschenleben nicht viel wert ist. Das erhöht ihre Chancen hierzulande auf ein Bleiberecht, aber das, was sie gelernt haben, bringen sie natürlich mit. Wir tun hier immer nur so, als ob ausschließlich Opfer zu uns kämen, dabei dürfte die Realität eher in die Richtung gehen, dass viele der hiesigen „Opfer“ nur allzu gerne „Täter“ wären, sobald man ihnen die Chance dazu gibt. Wozu dieser Staat meistens gerne bereit ist. Hier muss man schon eine Latte von Opfern vorweisen, bevor man mit den „schwedischen Gardinen“ Bekanntschaft macht. Man tut so, als habe auf einen ebenso armen wie hartgesottenen Marokkaner eine Bewährungsstrafe denselben Effekt wie auf einen im Leben stehenden Bundesbürger (egal welcher Herkunft). Das aber wäre mehr Glaubensfestigkeit als der Werwohlf imstande ist, an die Wiederauferstehung Christi zu glauben… Um nur ein Beispiel zu nennen. Ja, „wir“ bekommen „Menschen geschenkt“. Aber Mensch ist nicht gleich Mensch. Weder innerhalb Deutschlands noch außerhalb. Was jeder ist, richtet sich nach Vererbung und Erziehung. Welcher Teil welchen Anteil woran hat, ist sicher ein Teil der Debatte, aber wenn beide Teile in dieselbe Richtung wirken, kann man sich die auch sparen. Es gibt Konflikte, es wird weitere Konflikte geben, und selbst für diejenigen, die eine eher offensive Migrationspolitik befürworten, sollte es zum Konsens dazu gehören, dass der Staat, hier also: die Polizei,  in die Lage versetzt wird, diese Konflikte bereits an der Wurzel zu bekämpfen. Dass es sich bei der Wurzel schon um die Einreise handeln könnte, ist in linken Kreisen verpönt. Um so eher sollten „Rechte“, also Konservative und auch Liberale, darauf achten, was man ihnen da vorsetzt. 

Egal, wie man zur Migration steht, egal sogar, wie man zu der Migration von 2015ff. steht: Sie hat positive und negative Folgen. Wer nur positive sieht, ist ebenso sehr ein verblendeter Ideologe wie der, der nur negative sieht. Es hilft auch nicht, dass die erstere Position zur moralisch Guten erklärt wurde, so dass allen Gegenmeinungen nicht mehr argumentativ zu begegnen wäre, sondern allein durch Ausgrenzung, Verhinderung, oder Abschaffung. Natürlich ist in der „rechten“ Kritik an der aktuellen Migrationspolitik immer auch ein gutes Stück Nazi enthalten. Schon deswegen, weil das Angebot an Parteien, die diesen Wünschen entsprechen könnten, so umfangreich jetzt auch wieder nicht ist. Aber sie erschöpft sich nicht darin – was nun anscheinend mit dem Wunschbild der Linken nicht mehr übereinstimmt. 

Wenn diese Demokratie sich nicht daran gewöhnen kann, dass es auch andere Meinungen gibt, und zwar auch solche, die den Moralvorstellungen der labernden Klasse widersprechen, und dass man mit diesen Meinungen zivilisiert und rechtsstaatlich-demokratisch umzugehen hat, dann ist sie keinen Pfifferling wert. Im Moment bemüht sie sich redlich, alle diese Bedingungen zu erfüllen.

Aber das lässt sich alles generalisieren. Äußerst du Kritik an der aktuellen Migrationspolitik und ihren Folgen, darfst du nur ein Nazi sein. Alle sich den Zielen andersdenkender Parteien verpflichtet fühlenden Journalisten besorgen den Rest. Und wenn sie ein Problem haben, dich selbst als Nazi hinzustellen, dann unterstellt du ihnen einfach, das Geschäft der Nazis zu betreiben.

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2 Gedanken zu “Was zur Mitte

  1. Danke für diesen Artikel, wie so häufig kann ich fast jedem Aspekt uneingeschränkt zu stimmen.

    Allein was die „Umvolkung“ (furchtbares Wort) anbelangt, so gibt es Anhaltspunkte, was gegen eine Verschwörungstheorie spricht. DIe UNO fordert zur Ansiedlung von Menschen aus Nahost und Afrika in großem Stil auf. Zudem ist in der linke Politik die Schaffung eines Weltvolkes immer noch ein Ziel. Was Stalin schon verucht hat, ist unverständlicher weise noch in den Köpfen. Mit den Folgen wird sich nicht auseinandergesetzt.

  2. Zu böse Kapitalisten und billigen Arbeitskräften: Ich sehe da eine Parallele zu der Situation Ende der 50er und Anfang der 60er. Durch das deutsche „Wirtschaftswunder“ wurden Arbeiter knapper und die Löhne stiegen deutlich, genau wie in den letzten Jahren (im Niedriglohnbereich). Die Lösung damals hieß „Gastarbeiter“ und heute, so behaupte ich, „Flüchtling“. Das dieses Kalkül sich für die Kapitalisten rechnet muss die „Ausbeute“ gar nicht so groß sein.

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