Was zu Chemnitz

Der Werwohlf gibt zu: Es ist schwer, etwas zu „Chemnitz“ zu schreiben. Man möchte eigentlich gleichzeitig zu viel sagen, und alles hängt da mit allem zusammen. Versuchen wir es mit einer Aufzählung.

1. Der Hype

Am Sonntag erschienen plötzlich die ersten Meldungen, ein „rechter Mob“ von über 1000 Menschen habe in Chemnitz „Jagd auf Ausländer“ gemacht. Manche sprachen gar von einem Pogrom, und wiederum andere unterstellten der Polizei, dem Treiben billigend zuzuschauen. Bei genauerem Hinsehen musste man aber erkennen, dass die dramatischsten Berichte nicht gerade von neutralen Quellen stammten, sondern von solchen, die keine Gelegenheit auslassen, die Gefahr von Rechts als beherrschendes Thema zu etablieren. Stutzig machte schon mal, dass die angebliche „Hetzjagd“ offensichtlich so völlig folgenlos geblieben war, und dass außer einem kurzen Video eines Antifa-Mitglieds[1], das einzelne Rechtsextreme dabei zeigt, wie sie ein paar Meter auf ausländisch aussehende Menschen zurennen, dann aber stehenbleiben, sobald diese sich zurückzogen, keine weiteren Bilddokumente vorliegen – und das in Smartphone-Zeiten, wo jeder, der auch nur etwas halbwegs Interessantes meint auszumachen, sofort in die Tasche greift und aufzunehmen beginnt. In dem Ausmaß, in dem es behauptet wurde, kann eine „Jagd“, eine „Hetzjagd“ oder gar ein „Pogrom“ gar nicht vorgelegen haben. 

2. Der Hype, Teil II

Am Montag ging es dann mit den Demonstrationen weiter. Im Unterschied zum Vortag hatte sich diesmal auch ein Häufchen Gegendemonstranten versammelt. Die Polizei schien den Umfang der Kundgebungen wieder einmal sträflich unterschätzt zu haben und hatte wohl auch Mühe, die beiden Gruppen voneinander zu trennen. Zwar war die Gruppe der Rechtsextremen größer, Gewaltbereitschaft wurde aber auf beiden Seiten registriert. Ein Privileg der Rechtsextremen in Deutschland ist, eigene Straftaten zu haben. Alle Symbole der NS-Zeit sind verboten – etwas Vergleichbares gibt es auf linksextremer Seite nicht, und daher haben auch nur die rechten Deppen eine Chance, allein mit Handbewegungen Straftaten zu begehen, in diesem Fall dem Zeigen des sogenannten „Hitler-Grußes“. Man kann sich zwar kaum etwas Dämlicheres vorstellen als eine Reanimation dieses Relikts zu Ehren eines toten Völkermörders, zur Provokation taugt es jedoch allemal, und jede Kamera wird jede solcher Regungen sofort begeistert einfangen – es gruselt den Zuschauer dann so schön.

Dennoch – wie auch eher links Gesinnte nicht umhin kamen letztlich festzustellen, blieb auch dieser angeblich beeindruckende Nazi-Aufmarsch in der Stadt eher folgenlos. Nichts ging zu Bruch, es gab noch nicht mal eine Handvoll leicht Verletzte. 

Zu 1. und 2.: Damit soll jetzt nicht gesagt sein, dass „nichts“ passierte. Aber der Werwohlf hat den Eindruck, als errege sich vor allem die Medienwelt, also die offizielle und die „soziale“, in erster Linie über Prinzipien als über konkretes Geschehen. Nicht, dass da zum Glück so gut wie niemandem etwas passiert ist, spielt eine Rolle, sondern dass dort überhaupt bestimmte Dinge passierten. Wenn auch nur ein paar Idioten drohend einige Meter auf fremd aussehende Menschen zustürzen, reicht das für einen dramatischen Aufschrei. Wenn auch nur ein paar Hanseln den Hitlergruß zeigen, ohne gleich von einer Polizeimacht niedergeknüppelt zu werden, ist das ein Anschlag auf alles Heilige. Und dass die Rechtsextremen mehr Leute zusammentrommeln konnten als ihr linkes Kontrapart, kommt zumindest für die im Westen aufgewachsenen Mitglieder der labernden Klasse einer Invasion von der Vega gleich: So etwas ist man in den „alten Bundesländern“ nicht gewohnt, und zwar derart gründlich nicht, dass allein die Möglichkeit dazu ganze Weltbilder umwirft. Nichts von „in Perspektive setzen“. Keiner ruft zur Besonnenheit auf, sondern alle zur Panik. Man muss sich nur mal die Tweets deutscher Feuilletonrecken anschauen: Wenn Höcke heute mit einer Hundertschaft das Kanzleramt besetzt und die völkische Republik verkündet hätte, die Aufrufe hätten nicht dramatischer ausfallen können. 

3. Die Rechtfertigung

Nun ist den Demonstrationen von Chemnitz ja etwas vorausgegangen. Es wurde ein Mensch totgestochen[2]. Über den Tathergang gibt es gar keine bis unterschiedliche Schilderungen. Am wahrscheinlichsten erscheint dem Werwohlf noch die Version, die drei Opfer (zwei davon „nur“ schwer verletzt) seien Ziel eines Raubüberfalls am Geldautomaten geworden. Bei den beiden bisher festgenommenen Tätern handelt es sich um Migranten. Das reicht, um das Auftreten der Rechtsextremen zu einem Akt der „Trauer“ und der „Notwehr“ zu veredeln. Und zwar nicht nur einigen Verblendeten in der Twitter-Timeline des Werwohlfs, sondern vor allem auch den führenden Köpfen der AfD. Sicher, man darf den Impuls vieler Chemnitzer Bürger, ihre Abscheu vor dieser Tat zu bekunden, nicht automatisch auf das Konto der Rechtsextremen buchen. Diese Motivation gab es auch, und auch sie statt der Lust am „Ausländerklatschen“ führte viele auf die Demonstration am Sonntag. Aber wenn es dann losgeht mit der Gewalt, so ergebnislos sie dann auch letztlich ist, dann sollte man sich als trauernder oder protestierender Bürger von diesem Ort verabschieden und sich angemessenere suchen. Auch, wenn Linke das regelmäßig nicht zu tun pflegen, wenn der „Schwarze Block“ in Aktion tritt. Whataboutism ist für den Moment immer ganz nett, aber man muss sich gegenüber ehrlich bleiben. 

Der Punkt ist aber, dass weder Hitlergrüße noch Angriffe auf Andersaussehende irgendetwas mit „Notwehr“ zu tun haben. Höchstens mit Rache. Natürlich ist es verführerisch, für sich quasi den Staatsnotstand zu erklären, um damit jedem Racheakt eine Legitimation zu verschaffen, aber dieser Staat kann, wenn er will. Dass er zu wollen anfängt, befördert man aber nicht damit, dass man den Gegnern dieses Wollens die Argumente frei Haus liefert, nach dem Motto, nur solche Nazis könnten doch dafür sein. Friedliche Demos sind okay, und auch die Wahlurne ist ein geeigneter Ort, für bessere Verhältnisse zu sorgen. Irgendwo gewählt wird immer, und dass es Wirkung hat, konnten wir in den letzten Jahren sehen. 

Es ist nur übel, dass die einzige Partei, die in der Lage wäre, aufkeimenden Protest zu bündeln, eher den Eindruck erweckt, als erhoffe sie sich die Gewalt von der Straße, um in dem dann entstehenden Chaos als Ordnungsmacht gerufen zu werden. Das erinnerte dann tatsächlich fatal an bereits erprobte Strategien in Deutschland. Vielleicht greift mal die Lafo/Wagenknecht-Bewegung diesen Protest ab, aber sowas ist noch nicht erkennbar. Zu wünschen wäre ohnehin, der deutsche Staat, und damit ist nicht nur die Politik gemeint, sondern z.B. auch die Rechtsprechung, entdeckte die Instrumente, die bereits bereitliegen, und wendete sie konsequent an. Wie viele solcher Aufregungen wie in Chemnitz wären uns erspart geblieben, wenn notorische Straftäter a) schneller im Knast landen und b) auch mal abgeschoben werden könnten. Wer den wirklich „Schutzsuchenden“ helfen will, muss jene wieder loswerden, die unter diesem Deckmantel ein eigenes Süppchen kochen. 

Zu 1. und 2. und 3.: Packen wir all das zusammen, erkennen wir eine perfekte Ausgangslage für Rechtsextreme und AfD. Während durch das zur Quasi-Machtergreifung Aufgebauschte praktisch niemand zu Schaden kam, sorgte die Straftat an drei Deutschen[3] für einen Toten und zwei Schwerverletzte, die aber irgendwie niemanden zu kümmern schienen. Politiker entblödeten sich sogar nicht, in diesem Zusammenhang Ausdrücke wie „zu Tode gekommen“ zu verwenden, als handele es sich bei der Tat, die, machen wir uns nichts vor, ohne Merkels 2015 nicht passiert wäre[4], um einen, wenn auch bedauerlichen, Unglücksfall. So wird die Extremisten-Demo von „Pro Chemnitz“ im Nachhinein noch zum Akt gegen das bundesdeutsche Schweigekartell erhoben. Wenn „Chemnitz“ zu etwas geführt hat, dann dazu, dass sich die Reihen in des Werwohlfs Twitter-Timeline noch enger schlossen, links wie rechts. Für die nötige Differenzierung reichen dann auch 280 Zeichen nicht mehr, zumal die Vernünftigen Recht damit hatten, sich nicht vorschnell und auf Basis gefärbter Informationen von Links und Rechts äußern zu wollen. Damit überließen sie die Spielwiese aber auch allen anderen. 

4. Die schnöde Instrumentalisierung

Eigentlich glaubt der Werwohlf ja nicht an Verschwörungstheorien. Und so richtig tut er es auch hier nicht, aber er ist schwer loszuwerden, dieser Eindruck, als solle Sachsen medial sturmreif geschossen werden. Jeder auch noch so nichtige Anlass wird herangezogen, um eine Staatskrise in Sachsen auszurufen, an der – wir ahnen es – allein die CDU schuld sei. Sachsen sei ein Hort Rechtsradikaler, und die Regierung (sprich: die CDU) verharmlose dies – so der allgemeine mediale Tenor. Inzwischen rufen die üblichen Verdächtigen dazu auf, auch in Sachsen mehr „gegen Rechts“ vorzugehen. Und sei es nur, dass ein modisch und physiognomisch nicht der idealen Linie entsprechender Angestellter des Landes eine andere Arbeit zugewiesen bekommt, weil er es wagte, ein Team des ZDF verbal anzugehen. 

Der Werwohlf als Wessi ist nun wirklich nicht der Sachsen-Experte schlechthin, aber ihm scheint, dass die Sachsen vor allem einen Fehler begangen haben: Sie haben das mit der Demokratie zu ernst genommen. Zu DDR-Zeiten haben sie ihre Identifikation aus dem Widerstand gegen das Regime bezogen, während der (dank Gorbatschow) friedlichen Revolution aus ihrem Mut, Gesicht zu zeigen (wo man wirklich noch Repressalien hätte befürchten müssen). Sie dachten, nach der Wende könne man endlich ungehindert gegen alles Stellung beziehen, was einem nicht passt. Das ist erkennbar ein Irrtum, denn im Westen hatte sich schon lange in der labernden Klasse ein Konsens herausgebildet über das, was geht, und das, was nicht geht. Diese Erziehung fehlt den Sachsen wie allen Ostdeutschen, aber nur sie scheinen gedacht zu haben, dass sie irrelevant sei. Und jetzt stellt sich an diesem störrischen Volk die Frage: Was macht die Politik in einer Demokratie, wenn der Demos nicht so tut, wie er soll? Einen neuen wählen geht nicht, das wissen wir spätestens seit Brecht. Bleiben Umerziehung und Gewalt. Zu beidem vermag sich, und das macht ihn sympathisch, dieser Staat nicht so recht durchzuringen. Deswegen werden wir wohl weiter damit leben müssen, dass die Sachsen nur das tun, was die Sachsen tun wollen. Horrible dictu.

Fazit: In „Chemnitz“ werden die Konflikte dieser Gesellschaft sichtbar. Nicht in dem, was vor Ort geschah, aber in dem, wie es rezipiert wird. Ausnahmslos alle fühlen sich bestätigt. Dem Werwohlf ist kein Verfechter einer klaren Meinung begegnet, den die Geschehnisse dazu veranlasst hätten, seine Meinung auch nur eine Sekunde lang zu überprüfen. Die geistigen Barrikaden wurden nur noch etwas aufgestockt. Wäre Deutschland eine Fußball-Mannschaft, würde man den Trainer dafür zur Verantwortung ziehen. Auch im Ausland würde man so reagieren – sowohl der französische als auch der amerikanische Präsident haben traditionell die Aufgabe, das Land zu vereinen (wovon der aktuelle US-Präsident aber vermutlich nichts weiß). Warum das in Deutschland nicht funktioniert, dafür gibt es mehrere Gründe. Die einen eigenen Blogpost  verdient hätten.

 

[1] Antje Hermenau, ehemalige Grünen-Politikern aus Sachsen, berichtet davon, dass dieses Video ein gekonnt selektierter Ausschnitt aus dem tatsächlichen Geschehen sei. Vorher hätten z.B. die dann Verfolgten die Gruppe provoziert. Woher sie das ganze Video kennt, wollte sie aber nicht verraten, um ihre Quelle zu schützen.
[2] Journalisten, die bei sowas von „Messerstecherei“ schreiben, als sei dies ein Kampf unter Gleichen gewesen mit dem unglücklicheren Ende für einen davon, sollte man Berufsverbot erteilen. Lebenslang. (Ja, das geht nicht. Und ist vermutlich auch gut so. Trotzdem sollte man.)
[3] Alle drei haben Migrationshintergrund. Interessant, dass es dann trotzdem den Rechten ins Narrativ passt, den Linken aber eher nicht. 
[4] Ist nun mal so. Auch wenn ein Kubicki dafür gesteinigt werden soll, dass er es wagt, diesen Umstand zu erwähnen. Wenn eine Entscheidung nicht die unvermeidlich negativen Aspekte aushält, die mit ihr einhergehen, taugt sie nichts.

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5 Gedanken zu “Was zu Chemnitz

  1. Zitat:
    „Man möchte eigentlich gleichzeitig zu viel sagen, und alles hängt da mit allem zusammen.“

    Ich halte deine Ausführungen für klug.

    Aus Erfahrungen in der Kindererziehung heraus kann ich vielleicht etwas ergänzen: Um Verhalten zu beeinflussen ist Reden völlig gleichgültig. Vorleben wirkt.

    Das Dilemma ist daher in meinen Augen, dass diejenigen, welche in der Position sind unsere repräsentative Demokratie und unsere Verfassung zu verteidigen, selbst nicht das besser Vorleben, was sie an den Gegnern zurecht kritisieren. Über das „Bessere“ wird nur geredet.

    Der Rede davon, man solle nicht pauschalisieren, nicht Hetzen, nicht verallgemeinern und anderen respektvoll begegnen, folgen nämlich eigene Pauschalisierungen, eigene Hetze, eigene Verallgemeinerungen und eigene Respektlosigkeiten.

    Wahrgenommene Doppelstandards taugen weder in der Erziehung, noch in der gesellschaftlichen Organisation irgendetwas, sondern sind kontraproduktiv. Ideale setzt man durch Vorleben um, nicht durch reden.

    Du schreibst immer von der labernden Klasse und machst damit einen wichtigen Punkt. Würden die Repräsentanten unser Gesellschaftsordnung nicht labern, sondern vorleben, wären sie erfolgreicher darin, sie vor Angriffen zu bewahren. Davon sind sie aber Äonen entfernt. Sie nehmen sich selbst zu wichtig, sind so fern ab jeglichen Reflektionsvermögens, dass sich dieser Mißstand wohl nicht mehr in den bestehenden Strukturen des (westdeutschen) Politikverständnisses auflösen lässt.

    Und auch hier ist die Frage, ob diese ganze Hysterie um Chemitz einem bewußten Doppelstandard oder einem Knick in der Optik entspringt. Ich tendiere zu knick in der Optik, wenn man seinen eigenen Standpunkt betrachtet. Ich kenne auch viele Psychiater, die hervorragend analysieren, aber bei sich selbst versagen. Das scheint mir dem Menschen inhärent zu sein.

    Zitat:
    „sowohl der französische als auch der amerikanische Präsident haben traditionell die Aufgabe, das Land zu vereinen“

    Ein anderes Thema, welches mich seit einiger Zeit beschäftigt und das mir immer klarer wird:

    Diese Aufgabe der Einigung hatten Deutschland betreffend immer die Volksparteien, in dem sie ihre Ränder zur bürgerlichen Mitte hin integrierten. Diese Aufgabe fand Niederschlag in Straus‘ Diktum, es dürfe keine Partei „rechts der Union“ geben und es galt spiegelverkehrt -wenn auch nie formuliert- natürlich auch für die SPD.

    Die SPD hat diese Aufgabe etwa ab 1990ff aus den Augen verloren. Schuld daran ist wohl eine mit den Grünen (welche starke kommunistische und totalitäre Einflüsse hatten und haben) gemeinsam sozialisierte Funktionärsschicht, die sowohl den Grünen wie auch den Kommunisten gegenüber nicht genügend Integrationsleistung zu bürgerlichen Mitte hin entgegen setzen konnten und wollten.

    Die CDU gab diese Aufgabe unter Merkel und ihrer Politik auf und das war ihr zentraler Sündenfall. Die Migrationskrise kumuliert ihn lediglich.

    In der Folge entstanden zwei Lager, welche die Volksparteien bisher lange Zeit in Schach gehalten hatten. Zunächst die Linksextremen und jetzt folgen die Rechtsextremen.

    Das alles fing an beobachtbar zu werden mit dem Abspalten der Linkspartei von der SPD und nun scheinen wir vor einer Spaltung der Union zu stehen und danach ist alles finalisiert: Die Integrationsleistung der Volksparteien kann nicht mehr erbracht werden, denn sie existieren nicht mehr. Die Parteien sind zersplittert, das Land bleibt unvereint, ohne eine breite, ausgedehnte, inkludierende, bürgerliche Mitte.

    Chemitz wirft ein Schlaglicht darauf. Damit scheint es mir hinreichend erklärt.

    Herzlich

    n_s_n

    • Der Rede davon, man solle nicht pauschalisieren, nicht Hetzen, nicht verallgemeinern und anderen respektvoll begegnen, folgen nämlich eigene Pauschalisierungen, eigene Hetze, eigene Verallgemeinerungen und eigene Respektlosigkeiten.

      Bis hin zu eigener Gewalt. Es beginnt eigentlich schon weit früher beim Populismus-Vorwurf. Man zeige mir ein Wahlprogramm, das nicht überwiegend aus Populismus bestünde.

      Du schreibst immer von der labernden Klasse und machst damit einen wichtigen Punkt. Würden die Repräsentanten unser Gesellschaftsordnung nicht labern, sondern vorleben, wären sie erfolgreicher darin, sie vor Angriffen zu bewahren. Davon sind sie aber Äonen entfernt. Sie nehmen sich selbst zu wichtig, sind so fern ab jeglichen Reflektionsvermögens, dass sich dieser Mißstand wohl nicht mehr in den bestehenden Strukturen des (westdeutschen) Politikverständnisses auflösen lässt.

      Das Problem der labernden Klasse ist, dass sie, wie andere Eliten-Klassen in einer reifen Gesellschaft auch (z.B. die der Manager, wobei es da auch Schnittmengen gibt…), jeden Tag nur sich selbst reproduziert und sich dabei aus einem mittlerweile vorgegebenen Set an Meinungen, Floskeln und Verhaltensweisen bedient. Die können da gar nicht mehr raus. Und wenn es dann einer doch irgendwie schafft – es sind ja keine Dummen, nur eben, wie wir in der Regel alle, Angepasste -, droht die sofortige Ächtung. Von dann an ist das Bestreben der anderen, ihn aus der labernden Klasse zu verstoßen und ihm damit im Idealfall die Existenzgrundlage zu nehmen, wenigstens aber mundtot zu machen, denn dort gilt das Wort mehr als die Tat. Für die Angehörigen der labernden Klasse ist ein Raubmord an einem Deutschen durch einen Asylbewerber tatsächlich eine eher lässliche Sünde im Vergleich zu Drohgebärden deutscher Rechtsextremer gegen andere Migranten oder dem Zeigen des Hitlergrußes. Für die beiden letzteren Dinge haben sie einen Trigger eingebaut, der höchste Gefahr signalisiert, während sie ersteres jederzeit in einen vulgärmarxistischen Kontext einzuordnen vermögen – die sozialen Verhältnisse machen eben jeden kriminell, dazu müsste man die ändern, aber dazu bräuchte man eine Revolution, und die ist nicht in Sicht, und außerdem haben eh überall die Neoliberalen das Sagen. Andere Baustelle. Witzigerweise sind es ja mittlerweile andere, radikale Linke, die der labernden Klasse genau das vorwerfen, nämlich dass sie Umwälzung der Produktionsverhältnisse, den marxistischen Deus Ex Machina, aus den Augen verloren haben, und stattdessen auf die neoliberale (man sieht, die raffinierten Neoliberalen haben auf beiden Seiten ihre Finger drin) Verblendung der Identitätspolitik hereinfallen. Klassenkampf statt Rassenkampf, könnte man das platt zusammenfassen.

      Die CDU gab diese Aufgabe unter Merkel und ihrer Politik auf und das war ihr zentraler Sündenfall. Die Migrationskrise kumuliert ihn lediglich.

      Ich glaube sogar, dass ohne 2015 die Merkelsche Taktik der asymmetrischen Mobilisierung noch lange weiter gutgegangen wäre, jedenfalls unter der Bedingung einer halbwegs stabilen Wirtschaftslage. Natürlich ist unter Merkel die CDU nach links gerückt, aber machen wir uns nichts vor: das ist die ganze deutsche Gesellschaft. Für alle, die in der Geschichte einen Zielpfad auszumachen vermögen, also alle außer den Konservativen, heißt das: Sie ist „moderner“ geworden. Dass dies geschah, dafür sind sicher mehrere, sich wahrscheinlich wie üblich auch wieder gegenseitig verstärkende Effekte verantwortlich: zunehmender materieller Wohlstand, nahezu gesetzmäßig weiter ausgreifende Staatstätigkeit mit der entsprechenden Schaffung von Unterordnungs- und Abhängigkeitsverhältnissen, das Verschwinden des real existierenden Sozialismus als abschreckendes Beispiel, der erfolgreiche Marsch der 68er durch die Institutionen etc. Insofern hätte Merkel das Absprengen konservativer Restelemente durchaus verknusern können. Die Strategie lief aber auf Grund, als mit der per ordre de mufti hereinbrechenden Massenmigration sich auch Menschen unangenehm berührt fühlten, die ansonsten umstandslos dem linken Spektrum zuzuordnen gewesen wären, und dass diese dann plötzlich zu den enttäuschten Konservativen fanden. Deswegen vermeidet die AfD immer noch möglichst Konkretisierungen in der Sozialpolitik, immerhin sind noch ein paar Leute dabei, die unter Lucke beigetreten waren und eine eher liberale Sicht auf Wirtschaft und Soziales hatten, aber wenn sie doch mal konkret werden sollte, dann sicher auch eher auf dem linken Ticket. Die Auseinandersetzung mit den „Aufstehen“-Leuten wird spannend. Die AfD aber hat nichts Konservatives mehr an sich, nicht mehr viel von alter CDU. Das haben nicht zuletzt deren Reaktionen auf „Chemnitz“ bewiesen. Somit sind die Konservativen erneut heimatlos im deutschen Parteienspektrum. Ich würde ja die LKR empfehlen, aber deren Schicksal scheint mir leider auch besiegelt. Und auf eine bundesweite CSU kann man lange warten – an deren bayerischer Exklusivität hängen zu viele Existenzen.

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  4. @n_s_n: Wow! Das war mit Abstand der beste Kommentar zu einem Artikel, den ich seit langer, langer Zeit gelesen habe (inklusive meiner eigenen *ggg*). Danke.

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