Was zu Herrn Poggenburg und dem General Rommel

Lohnt sich das eigentlich? Warum sollte der Werwohlf hier wieder mal zu einer Berichterstattung Stellung nehmen, die sich gegen einen AfD-Politiker richtet? Noch dazu, wenn es sich bei dem ausgerechnet um Herrn Poggenburg handelt, einen rechten Scharfmacher, dessen politische Ziele mit denen des Werwohlfs kaum etwas gemein haben. 

Nein, es lohnt sich nicht. Und trotzdem: Diese Masche nervt einfach.

Also was ist passiert? Der Herr Poggenburg hat einen Tweet abgesondert, in dem er ein Foto des Wehrmachts-Generals Rommel dem eines Travestie-Künstlers in Bundeswehr-Uniform gegenüberstellt und sich darunter über den Zustand der Bundeswehr beklagt. Wir brauchen nicht lange darüber zu diskutieren, dass dieser Tweet alle Kriterien des Unsinns erfüllt. Weder ließe es die Bundeswehr zu, dass jemand mit dem Äußeren des Travestiekünstlers den Soldatenberuf ausübt (Haarerlass anyone?), noch gibt es selbst angesichts des tatsächlich beklagenswerten Zustands der Bundeswehr einen Anlass, auch nur militärisch zu den Zeiten Rommels zurückzukehren.

Natürlich setzte genau hier die vorhersehbare, nahezu programmierbare Empörungskette ein: Poggenburg rechts + Rommel Wehrmacht und auch rechts = Poggenburg Nazi. Poggenburg selbst versichert, sich den Nationalsozialismus nicht zurückzuwünschen. Aber sowas zählt in den „sozialen“ Medien natürlich nicht.

Der Werwohlf glaubt ihm allerdings. Ja, liebe Freunde und Feinde, diese Welt ist vielschichtiger, als viele denken. Es gibt nicht nur die Guten und die Nazis. Die Guten sind oft gar nicht mal gut, und die Nazis keine eben solchen. Vor allem: Es gibt da zig Schattierungen, und wer nicht nur digital zu urteilen vermag, also in den Kriterien „Freund: super!“ und „Nazi: muss weg!“, wer sich vielleicht sogar auf das Abenteuer einer Diskussion einlassen möchte, der tut ganz gut daran, jede für sich zu betrachten.

Poggenburg hat offenbar ein Idealbild von Deutschland vor Augen, das dem der Nazis gar nicht mal so unähnlich ist: Da muss ein Land „groß“ sein, über militärische Stärke verfügen, Härte zeigen, die eigene Kultur verteidigen etc. Klar, für die simplen Gemüter, die heute Abi machen dürfen, reicht das, um so einen als „Nazi“ einzuordnen. Aber dazu braucht es dann eben doch mehr: z.B. das Einstehen für den Holocaust, entweder direkt bejahend oder als Verleugnung des Massenmords in Methodik und Umfang. Der Werwohlf rechnet damit, dass es in Deutschland, vor allem im Osten des Landes, der hier einige Diskussionen nicht mitgemacht hat bzw. nicht mitmachen durfte, aber nicht nur dort, so ein Bedürfnis nach nationaler Größe und nationalem Stolz gibt. Nicht als Massenphänomen, aber doch viele Menschen ansprechend. Die Bundesrepublik gibt sich alle Mühe, dieses Bedürfnis nicht zu bedienen, weil es eben als kontaminiert gilt. Die Öffnung Europas trug ihren Teil bei, diese Strategie zu sabotieren, denn wenn Deutsche sehen, wie nahezu selbstverständlich dieses Bedürfnis in den Nachbarländern als legitim und bewahrenswert gilt, trägt das nicht gerade dazu bei, diesen Wunsch weniger offensiv zu äußern. Auf dem Fußballplatz hat er sich mittlerweile Bahn gebrochen, vermutlich, weil in der spielerischen und partybetonten Variante nun jeder externer Betrachter wirklich keine Hinkefüße und seltsame Schnurrbärte mehr sehen konnte, aber außerhalb davon ist es noch verpönt. Allenfalls das ökonomisch dämliche „Exportweltmeister“ ließe sich hier vielleicht noch heranziehen. 

Poggenburg, und die Leute, die er anspricht, wünschen sich ein Deutschland, dessen erste Tugend es nicht mehr ist, Buße zu tun, sondern eins, dass selbstbewusst im Kreis der anderen Nationen mitmischt. Eins, dass z.B. auch militärisch nicht mehr als Lachnummer herhalten kann, dessen einziges diplomatisches Instrument nicht nur das Scheckbuch ist und das in der Lage ist, selbst zu bestimmen, wer von seinem Sozialsystem profitiert und wer nicht. Interessant an diesem Wunsch ist jetzt gleich zweierlei. Zum ersten, dass es viele Deutsche gibt, die ihn abscheulich finden, ja geradezu als direkten Weg in den Nationalsozialismus. Zum zweiten, dass es genau das ist, was viele Migranten und ihre Nachkommen an diesem Land vermissen, was sie wiederum veranlasst, sich damit an ihre Herkunftsländer oder die ihrer Eltern zu wenden. Und kein Zweifel: Ein Erdogan, ein Putin, und noch viele andere mehr, die haben das im Angebot. 

Die Flanke, in die die Poggenburgs dieser Welt hineinstechen, ist sperrangelweit offen. Und selbstverständlich darf man sich dann nicht wundern, wenn dann auch einiger Unrat mit hinein getragen wird. Wenn die Bundesregierung nur ihre dringendsten Hausaufgaben erledigen würde, hätten sie keine Chance mehr. Dazu braucht man keine Rommels. Ein Helmut Schmidt würde reichen. 

P.S.: Ob Herr Poggenburg die Verteidigungsbereitschaft der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich erhöhen würde, meldete er sich zum Dienst bei der Bundeswehr, darf man wahrscheinlich mit einigem Recht bezweifeln. Insofern ist die „ad personam“-Spitze am Ende des Artikels auch noch daneben und erzeugt eher eine negative Einstellung zum Text ingesamt. 

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2 Gedanken zu “Was zu Herrn Poggenburg und dem General Rommel

  1. Ontologisch sparsamer ist es aber anzunehmen, dass er einfach mal wieder nicht die Finger aus dem Mustopf der Provokation lassen konnte…

Platz für Senf.

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