It’s the despair, stupid!

Warum steht die AfD eigentlich in den Umfragen immer noch so gut da? Diverse Linke bieten dafür jetzt eine Erklärung: Weil in Talkshows „die Themen der AfD“ aufgegriffen werden. Es ist also so einfach: Wenn Anne Will, Hart aber fair, Maischberger & Co. nicht mehr über Migration oder Islam diskutieren, und wenn am besten noch alle „Nazis“ (also Personen, denen diese Themen am Herzen liegen) aus diesen Talkshows verschwinden, dann werden diese Themen keine Rolle mehr spielen und die AfD wird auf den üblichen Stimmenanteil rechter Splitterparteien zurückfallen. 

Nun, die Älteren werden sich vielleicht noch erinnern, sangen aber unisono alle öffentlich-rechtlichen Medien, die Regierung, alle im Bundestag vertretenen Parteien und auch die Chefs der großen Konzerne zur Zeit der großen Migrationswelle Ende 2015 das hohe Lied von den jungen, dynamischen Fachkräften und Medizinern, von den Menschen, die uns geschenkt wurden und die unser Land bunter machen werden. Als das losging, lag die AfD in den Umfragen bei ungefähr 3%. Und noch, als ihr Anteil längst die 10%-Marke überschritten hatte, regierte allerorten die Willkommenskultur – nur sächsisches Pack war noch dagegen, aber diese „besorgten Bürger“ waren schnell öffentlich als tumbe Deppen entlarvt, wie es sich gehört. Die Medienwelt war also noch in Ordnung, die des Wahlvolks allerdings schon weniger.

Und jetzt, wo die AfD sich wirklich alle Mühe gibt, als unwählbare, rechtsextreme Partei von lauter Radikalinskis und Sonderlingen zu erscheinen, die geradezu zwanghaft ein bundesrepublikanisches Tabu nach dem anderen brechen… wirkt sich auch das nicht aus. Den Linken mögen zwar die Themen der Talkshows nicht gefallen, dafür sind sie in deren Runden aber stets gut vertreten – im Gegensatz zur AfD, die als größte Oppositionspartei in den Medien personell eher ein Schattendasein fristet. Man redet vorzugsweise über sie, nicht mit ihr. Doch gerade das nutzt dieser Partei, denn es passt zu der Rolle des von den Herrschenden verachteten Paria, der ausgegrenzt und verfolgt wird, weil er die Dinge beim Namen nennt. 

Nun muss der Werwohlf zugeben, dass er sich Fernseh-Talkshows schon lange nicht mehr anschaut. Er begnügt sich in der Regel mit den Zusammenfassungen, die am nächsten Tag verbreitet werden. Leider eignen sich die Formate für wirklich originelle Ideen oder konstruktive Debatten überhaupt nicht. Jeder bespielt die eigene Galerie oder versucht, der Marke gerecht zu werden, die er oder sie für sich aufgebaut hat. Erste Voraussetzung eines echten Gedankenaustausches wäre die Abwesenheit von Studiopublikum, aber der dann geringere Emotionalisierungsgrad verdirbt den Machern dann doch zu sehr die Show. Für diese prominenten Talkshows gilt auch der Grundsatz: Je mehr politische „Schwergewichte“ vertreten sind, um so besser für die Sendung. Das Gegenteil dürfte allerdings der Fall sein. Gerade die Vorturner dürfen sich durch alles mögliche auszeichnen, nur nicht durch Abweichen von den in ihrer Partei mühsam durchgesetzten Linien, was bei der Äußerung wirklich eigener Gedanken unvermeidlich sein dürfte. Es erscheinen auch meist immer dieselben „Experten“, deren Statements dann ebenso vorhersehbar sind wie die der Politiker. Das ist natürlich dann ein Problem, wenn solche Gäste auf Teilnehmer treffen, die sich dem gewohnten Schema entziehen, sei es durch ihre persönliche Erfahrung, sei es durch die Art ihres Auftretens und ihre unverblümten Ansagen. Die Fans der AfD sind, da muss man sich nur mal anschauen, was sie auf Twitter während der Sendungen zum Besten geben, durch das Absondern der üblichen Floskeln jedenfalls nicht zu beeindrucken.

Im Prinzip, und das könnte das größte Problem der etablierten Parteien sein, sind sie durch gar keine Worte mehr zu beeindrucken. Da können bürgerliche Politiker noch so sehr als Hardliner gegenüber Abzuschiebenden und Islamisten auftreten – es nimmt ihnen keiner mehr ab, so lange entsprechende Taten ausbleiben. Es ist die déformation professionnelle der labernden Klasse, nur noch auf gesprochene Worte zu achten, die Realität aber nicht nur im Wahlvolk, sondern auch bei den für den Staat im Einsatz befindlichen Menschen praktisch zu vernachlässigen. Ein „Wir schaffen das“, ohne auch nur ansatzweise die dafür nötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Mit großen Versprechungen über die Segnungen von Migration zu glänzen, ohne für die Rahmenbedingungen zu sorgen, die da im Kleingedruckten immer mitgedacht werden mussten. Den Anteil junger muslimischer Männer abwiegelnd zur Gesamtbevölkerung in Relation zu setzen statt zur passenden Alterskohorte. Die Bedeutung von Bildung in jeder Rede hochhalten, aber durch ideologische Experimente dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche immer weniger lernen. Auf angenehme Zahlen in der Kriminalstatistik verweisen, aber dabei ignorieren, wie sehr schon die Vermeidung von Zusammenstößen im Alltag das Sicherheitsempfinden und das Vertrauen in den Staat beeinträchtigt. Eine große Abschiebungsinitiative ankündigen, aber nichts an den Rahmenbedingungen ändern wollen, die Abschiebungen effektiv verhindern. All das sind nur Beispiele, aber es ließen sich noch viel mehr finden. 

Um diese AfD zu wählen, muss man schon sehr verzweifelt sein. Das Problem: Viele Menschen sind es mittlerweile. Wer meint, sich des Problems entledigen zu können, indem er diese zu „Nazis“ erklärt, sollte sich schon mal auf eine lange und erfolgreiche Zukunft dieser Partei einrichten.

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3 Gedanken zu “It’s the despair, stupid!

  1. Lieber Wehrwolf,

    um mit AFD zu symphatisieren muss man nicht verzweifelt sein. Man sollte sich nur nicht durch die lauten Mitglieder abschrecken lassen. Die Mitglieder, denen ich persönlich begegnete (es waren einige Bundestagsabgeordnete) haben mich überzeugt, diese zu unterstützen.

    Aber das muß jeder für sich selbst entscheiden.

    Wenn ich mir die anderen Partein von FDP bis Linke anschaue, so haben diese bewiesen, dass sie nicht verantwortliche Politik betreiben. Bei der AFD steht der Beweis noch aus.

    Das gute am heute ist, dass die Probleme nicht mehr zu verschleiern sind. Immer mehr Menschen wachen auf.

    Ich bin gespannt wie die Mitglieder der etablierten Partein mit den von dir sehr anschaulich beschrieben Problemen umgehen.

    Wird es in Zukunft, innerparteiliche Revolutionen geben? Wird die Basis der Parteien ihre Führungseben kollektiv in die Wüste schicken?

    Ich sehe kaum einen anderen Weg. Das Vertauen der Bürger schwindet immer mehr und die Fahrt beschleunigt sich. Spannende Zeiten kommen auf uns zu.

    • Lieber Rapsack,

      niemand wird es mehr schaffen, mir die AfD schön zu reden ;-). Ich hatte mein Damaskus-Erlebnis in Essen. Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es da auch noch einige vernünftige Mitglieder gibt, wohl auch einzelne Bundestagsabgeordnete, aber auch die müssen wohl verzweifelt sein, dass sie den Zirkus, den die Vorturner veranstalten, noch mitmachen.
      Nicht, dass ich diese Verzweiflung nicht verstehen könnte. Wie oben schon angedeutet, haben sich alle anderen Alternativen, wenn sie denn je dafür in Frage kamen, als Hoffnungsträger inzwischen mehr oder weniger desavouiert. Da klammert man sich eben schon mal an den einzigen Strohhalm, der einem hingehalten wird (so lange der noch nicht von der EU verboten wurde…). Aber für haben an dem schon zu viele unappetitliche Mäuler gelutscht.

  2. Die AFD braucht man nicht schön reden. Und ich kann sehr nachvoll ziehen, wenn jemand diese ablehnt.

    Dennoch ist Verzweiflung ein schlechtes Motiv, eine Partei zu wählen. Man kann auch einen konstruktiven Weg wählen.

    Was in der AFD selber passiert, ist wichtig für die BRD. In der AFD wird viel offen diskutiert. Machen ist das zu ehrlich. Aber genau darum geht es. Wenn Ansichten tabuisiert werden, wenn Ansichten perse ohne Argumente durch die Moralkeule tot gemacht werden, so wird die Demokratie ausgehölt. Man muss JEDE Meinung haben dürfen ohne aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

    Eine Gesellschaft kann nur dann sich als EINE Gemeinschaft, eine Solidargemeinschaft sehen, wenn jeder einzelne sich mit seinen Problemen beachtet fühlt. Es braucht keine Einigkeit. Was es braucht, ist dass jeder sich aber in einer offenen Diskussion widerfindet mit seinen Problemen. was am Ende für ein Weg eingeschlagen wird, muss sich durch Argumente erschließen.

    Eine extreme Position wird erst dann zu einem Problem, wenn derjenige der diese Ansicht hat diese nicht mehr Äußern darf, weil er damit ein Tabu bricht und sich dann dem vermeintlich legirimen Bann ausgesetzt sieht. Dann ist er kein Teil der Gemeinschaft mehr, dann spaltet man ihn ab von der Gesellschaft und und hat keien Probleme mehr sich gegen diese zu stellen, unter Umständen mit allen Mitteln.
    So lange er und seine Mitstreiter aber sehen sie finden Gehör, man beschäftigt sich mit seinen Problemen, dann bleibt er Teil der Geselschaft, auch wenn am Ende sich seine Wünsche nicht erfüllen.

    Die AFD ist nun diese Bewegung, die Ansichten aus der Tabuzone raus holt und in einen echten Diskurs bringt.

    Viele insbesondere die Linkenbewegungen, versuchen sich einer argumentativen Auseinandersetzung durch Tabubildung zu entziehen. Sie gehen den Weg des „Liebes-Entzug“. Wer nicht mit macht ist ein Feind! Das spaltet die Geselschaft und läßt die Solidarität mit einander erodieren.

    Dieser Prozess muss aufgehalten werden sonst driften wir immer mehr in Richtung einer in viele Stücke zersplitterten Gesellschaft. Das war mAn. eine der Voraussetzungen für das Scheitern der Weimarer Republik. Das „Wir“ wurde zu einem feindlichen „Wir und Die“.

    Mit der AFD haben wir die Chance vielen Menschen das Gefühl zu geben sie werden wahrgenommen. Dadurch haben wir die Chance zu verhindern, dass Menschen mit vieleicht extremen Meinungen keine Extremisten werden, die nichts mehr zu verlieren haben, und dadurch extrem gefährlich werden.

    Man muss die Menschen einbinden statt aussperren

Platz für Senf.

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