Was zu Vogelschiss

Alle paar Wochen ist die deutsche Politik bei einem Ritual zu beobachten, und das geht ungefähr so:

  1. Ein Spitzenpolitiker der AfD lässt einen Satz vom Stapel, den man unschwer als rechtsextreme Aussage verstehen kann.
  2. Die restlichen Parteien überschlagen sich im Rennen darum, wer diesem Satz die übelste Konnotation und die schändlichste Absicht verleihen kann.
  3. Der Spitzenpolitiker und seine Fans weisen ihrerseits die Empörung als typisch ausgrenzende Reaktion der etablierten Parteien zurück und servieren stattdessen eine andere, dem Wortlaut nach aber auch zulässige Interpretation des fraglichen Satzes als Beweis dafür.

Wenn Höcke dieser Spitzenpolitiker ist, muss man davon ausgehen, es mit einem Überzeugungstäter zu tun zu haben. Höcke ist zwar kein Nazi, aber von da, wo er steht, kann man die schon verdammt gut sehen, und diese Nähe ist ihm derart lästig, dass er alles tut, um den Gedanken an die Braunen und ihre Untaten zu verdrängen. 

Wenn aber Gauland sowas sagt, dürfte eher Taktik im Spiel sein. In einem Fernsehinterview äußerte er sich einmal sinngemäß, dass die Radikalen in seiner Partei die eifrigsten Wahlkämpfer und auch sonst Aktiven seien, und dass man diese deswegen ab und zu durch ein paar knackige Aussagen bei Laune halten müsse. Mittlerweile kommt wohl noch etwas anderes hinzu: Gauland hat entdeckt, dass das Ritual auch sonst bestens geeignet ist, nicht nur seine Partei wieder ins Gespräch zu bringen, sondern ihr und ihren Wählern wieder das Gefühl zu vermitteln, von der etablierten Parteienlandschaft verachtet und ausgegrenzt zu werden. Das schweißt zusammen, und es bekräftigt die bei den AfD-Sympathisanten sowieso schon stark ausgeprägte Abneigung gegen das (west-)deutsche Parteiensystem. 

So auch jetzt wieder. Aus Sicht des Werwohlfs hätten Reaktionen gereicht, die sich ungefähr wie folgt anhören würden: 

Hat der Typ im Geschichtsunterricht gepennt? Sind der schlimmste Krieg auf diesem Planeten und der erstmalig industriell betriebene Massenmord an Millionen Menschen etwa eine Lappalie? Weiß er, dass das Ganze erst gerade 80 Jahre her ist und uns und den Opfern bzw. ihren Nachkommen damit schon noch näher liegt als vielleicht die Schlacht auf dem Lechfeld? Hat er nicht mitbekommen, dass die Folgen immer noch zu spüren sind – wenn nicht in seinem nach deutscher Größe lechzenden Hirn, aber sicher in den Köpfen der Menschen, deren Eltern und Großeltern in dieser Zeit verfolgt, gefoltert und ermordet wurden? Halt in Zukunft besser das Maul, alter Sack, und lass die Erwachsenen sprechen.

So ungefähr. Aber nein. Die üblichen Verdächtigen haben sich natürlich wieder nicht entblödet, diese vermeintliche Vorlage für ihre eigene billige Stimmungsmache zu nutzen, indem sie mit Gaulands Provokation die Gründe erledigen wollen, wegen denen die AfD sich in den Umfragen weiterhin um die 15% bewegt, nach dem Motto: „Weil der AfD-Vorturner rechtsextreme Sprüche vom Stapel lässt, sind die Beweggründe der Wähler seiner Partei politisch als irrelevant zu betrachten.“ Der Werwohlf vermag zwar den Wunsch dieser Politiker zu verstehen, sich einen beträchtlichen Teil der Wählerschaft einfach wegdefinieren zu können, sich wenigstens, wenn sich schon kein neues wählen lässt, ein um unliebsame Personen reduziertes Volk herbeizusehnen – aber das ist nicht nur demokratisch zweifelhaft, es ist auch dumm, denn genau mit diesen Reaktionen dürfte Gauland rechnen. Es kommt nicht nur bei AfD-Wählern nicht gut an, wenn Politiker auf Themen, die viele Menschen bewegen, derart ignorant reagieren, bzw. nicht nur ignorant, sondern geradezu aggressiv-ablehnend. Genau das rückt die AfD wieder als die einzige Alternative für diese Menschen in den Fokus. 

Mal abgesehen davon: Menschen, die sich von solchen Sätzen wie dem hier diskutierten angezogen fühlen, dürften auch überwiegend keine Nazis sein. Aber es sind Menschen, die eine Sehnsucht haben, durch Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft Akzeptanz und Größe zu erlangen. Wer sonst nichts hat, auf das er stolz sein kann, dem kann man immerhin noch Glanz und Gloria seiner Nation als Krücke reichen. Das funktioniert mit anderen Ideologen und anderen Gemeinschaften auch immer ganz gut (Fußballfans anyone?). Im Grunde sind solche Menschen wohl ziemlich arme Tropfe mit einem zu geringen Selbstbewusstsein. Nun kann man lange darüber debattieren, ob sich das am sozialen Reißbrett irgendwie ändern ließe, aber kurzfristig hielte es der Werwohlf immer noch für die bessere Idee, diesen Menschen eine Identifikation anzubieten, die nicht darauf basiert, als Schuldige an allen Weltübeln durch die Gegend zu laufen – es muss ja nicht gerade der Rückgriff auf 1000 Jahre sein, und mit der Größe muss man es auch nicht übertreiben. Aber genau daran scheint diese Gesellschaft zu scheitern, und das ist nicht zuletzt auch ein gehöriges Integrationshindernis, denn wer integriert sich schon gern in eine Schuldgemeinschaft?

Zurück zur AfD: Viele verkennen wohl Gaulands Absichten. Der Mann träumt nicht davon, dass er vor dem Elefantenklo Fackelzüge vordefilieren sieht. Er will auch nicht die AfD als Koalitionspartner in die Regierungsverantwortung führen. Der Werwohlf mutmaßt sogar, Gauland verachtet insgeheim das Parteivolk der AfD. Er nutzt diese Partei als Vehikel, damit sich die Politik der Etablierten ändern muss. Und wie die letzte Bundestagswahl gezeigt hat, reichen dafür die Regionen, in denen die AfD sich im Anteil an den Wählerstimmen bewegt. Beinahe wurde zusammen gezwungen, was nie und nimmer zusammen gehört, also „Jamaika“, und die einzige Alternative dazu war die nur von der CDU halbwegs geliebte, ehemals „große“ Koalition von Union und SPD. Die AfD wirkt jetzt schon indirekt im Parteiengefüge, und bevor Gauland die Spannbreite seiner Partei überdehnt, festigt er sie lieber. Mit Hilfe der Anderen. 

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