Eine Liste

Auf Twitter herrscht ein gewisser Aufruhr, seitdem Herr Böhmermann und seine Produktionsfirma im Netz Listen von Twitter-Accounts veröffentlichten, die sie des Vergehens bezichtigten, „rechte Trolle“ zu sein. Es gibt da wohl zwei Listen, eine kürzere und eine längere. Die kürzere soll aus Accounts bestehen, die sich in einer geschlossenen Chat-Gruppe tummelten, von der aus Aktionen mit einer rechten Agenda im Netz initiiert und gesteuert wurden. Der Werwohlf hat beim kurzen Überfliegen dieser Liste einige Accounts wiedererkannt, denen er auch mal folgte. Die längere Liste soll anhand von Beziehungen (folgen plus gefolgt werden) zur kürzeren Liste erstellt worden sein und enthält prominente Namen wie Frauke Petry oder Roland Tichy. In ihr finden sich diverse Accounts, denen der Werwohlf auch heute noch folgt.

Was aus wöhlfischer Sicht dann gleich entsprechende Fragen aufwirft. Der Werwohlf folgt Accounts, deren Meinung ihn interessiert. Nicht unbedingt solchen, deren Meinung er teilt. In seiner Timeline finden sich z.B. sowohl Frauke Petry als auch Sahra Wagenknecht, und er hat bisher noch keinen Tweet von einer von beiden gefunden, den er hätte „liken“ können… Dennoch würde er gerne wissen, was die beiden so von sich geben. Die beiden Politikerinnen folgen ihm natürlich nicht zurück, da für sie dieses Netzwerk eher als Einbahnstraße funktioniert, und auch die meisten der eher linken Accounts, denen der Werwohlf folgt, folgen ihm nicht zurück – das gehört eben zur „Haltung“. Aber ein paar davon gibt es dennoch. Reicht es also aus, bei 10 Accounts, denen man selbst folgt und die auch einem selbst folgen, von der Zugehörigkeit zu einem Netzwerk zu sprechen? Je höher die Zahl der Follower und der Accounts in der Timeline eines Twitterers ist, um so fraglicher wird dieses Kriterium.

Auf der anderen Seite: Sicher, Frauke Petry, Roland Tichy, Dushan Wegner oder die „Junge Freiheit“ sind alles andere als links. Um des Arguments willen auch „rechts“. Aber Trolle? Die Definition eines Trolls lautet wie folgt:

Als Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen.

Das kann man von den o.g. Personen und das Presseorgan, die hier nur exemplarisch für einige andere aus der längeren Liste stehen, nun wirklich nicht behaupten. Egal, wie man zu ihren Positionen steht, man kann diesen Accounts nicht absprechen, das sie mit in Diskussionen allgemein anerkannten Mitteln für ihre Meinung streiten, statt sich bewusst nur an negativen Reaktionen der anderen zu erfreuen.

Man wird also den Verdacht nur schwer los, dass es hier gar nicht um „Trolle“, sondern allgemein um Nutzer gehen soll, die nach Meinung der Macher der Böhmermann-Sendung die falschen Auffassungen vertreten, und dass aus diesem Grund auch Vertreter extremistischer Positionen mit solchen der ganz und gar demokratischen Rechten in einen Topf geworfen werden. Wenn zu so einem Zweck Listen angefertigt und veröffentlicht werden, sollte das bei allen, die sich auch nur einen Rest demokratischen Denkens bewahrt haben, für Befremden sorgen.

Auch wenn die Auswirkungen natürlich lächerlich sein werden. Wer solche Listen nutzt, um andere zu blocken, hat vermutlich sowieso keine eigene Meinung, die es lohnt, gehört zu werden. Die meisten Accounts auf der Liste werden es in ihrem Alltag gar nicht merken. Die einen, weil sie eh nur in ihrer eigenen Filterblase unterwegs sind, die anderen, weil sie nur den Andersdenkenden folgen, die tatsächlich etwas zu sagen haben.

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4 Gedanken zu “Eine Liste

  1. Was mich so ein bisschen entsetzt, ist, wie schrecklich undifferenziert jetzt ALLES in eine Topf geworfen wird:
    – Politisch Konservative oder Bürgerlich-Liberale.
    – Trolle
    – Rechtextremisten jeder Art
    – Leute, die im Internet Meinung schüren.
    – Haßkommentare.

    Das ist für die Macher alles irgendwie das selbe.

    Ich persönlich glaube, dass es sich hierbei um eine sehr gut ausgearbeitete und logische Strategie handelt. Denen ist klar, dass sie auf dem Gebiet der Auseinandersetzung keinen Blumentopf gewinnen können, dafür sind die Fronten zu verhärtet und die Leute zu irrational eingestellt.
    Was bleibt als Ausweichstrategie? Das Schlachtfeld verlagern.

    Im „realen Leben“ kann ma sehr schön Druck aufbauen, da kann man unbequeme Leute beim Arbeitgeber anschwärzen, sie mehr oder weniger subtiel bedrohen, Rufmord begehen usw. Und darin sind sie stark. Das wissen sie…

    • Ja, das sieht ganz so aus. Es ist aber nicht nur eine Folge der Taktik, sondern diese Leute sind ganz in ihrem Gut-Böse-Schema gefangen, und gegen das Böse ist ja bekanntlich nicht nur alles erlaubt, sondern sogar geboten. Wenn man einige Stimmen aus diesem Lager hört, glauben die ernsthaft, eine neue Machtergreifung von Nazis drohe. Mir sind zwar die meisten Argumente der Rechten zu dämlich, aber an diesem „Schuldkomplex“ muss etwas dran sein. Die versuchen wohl krampfhaft das nachzuholen, was ihre Väter und Großväter ihrer Meinung nach in den 20er und 30er Jahren hätten tun sollen, und sie wollen sich und der Welt beweisen, dass sie selbst es besser machen. Das Dumme ist nur, dass heute eben heute ist und dass man so viele unterschiedliche Richtungen alle in einen „Böse-„Topf werfen muss, um den Riesenpopanz zu erhalten, die die eigenen Untaten dann rechtfertigt. In Wirklichkeit schaffen sie sehr aktiv die Bedrohung erst, gegen die sie angehen, denn entgegen dem bekannten Spruch ist es nicht die Meinung, die Nazis zu Verbrechern machte, sondern es waren die Taten, und die hatten z.T. und gerade am Beginn (Wehret den Anfängen!) verblüffend viel Ähnlichkeit mit dem, was die heute angeblich „Guten“ so praktizieren.

      • Es sind die Kinder ihrer Eltern.

        In der Passivform ist Erziehung – das erscheint mir evident – die Adaption der elterlichen Verhaltensweisen durch die Kinder.

        Geschmack ist den Moden unterworfen. Das Verhalten dagegen ist eine nur äußerst schwierig zu ändernde Prägung, um nicht zu sagen eine Konstante.

        Herzlich

        n_s_n

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