Kreuze für Kreuze

Der neue bayerische Ministerpräsident ist auf eine geniale Idee gekommen, um – so meint er wohl – der CSU ein wenig den Glanz der Verteidigerin des Abendlands zukommen zu lassen: In bayerischen Ämtern soll zukünftig das Kreuz prangen. Dazu meint der Politiker, bei dem Kreuz handele es sich nicht etwa um ein religiöses Symbol, sondern um eins „der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung“ und um ein „Bekenntnis zu zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland“.

Dem Werwohlf wäre das neu. Er kennt das Kreuz tatsächlich ausschließlich als christliches, also religiöses Symbol. Ihm ist nicht bekannt, dass sich irgendwo Nichtchristen des Kreuzes je identitätsstiftend bedient hätten, und überall da, wo dieser Staat sich zu seinen Grundwerten äußert, fehlt das Kreuz. Es sei dahingestellt, dass man das Gefühl haben könnte, das Kreuz sei mehr als ein Symbol für den christlichen Glauben, aber dann eben nur, weil dieser Glaube früher im Land allgegenwärtig war. Dennoch handelt es sich um eine Religion, und auch wenn diese Teil einer identitären Prägung war oder noch sein kann, sie ist nicht mit dieser identisch, und die Grundwerte der deutschen Staatlichkeit existieren heute völlig unabhängig davon. Man kann zwar natürlich nur schwer leugnen, dass die Entstehungsgeschichte auf christliche Wurzeln verweist, aber heute haben diese Werte eine eigenständige Bedeutung. 

Nun hat der Werwohlf es schon immer für Quatsch gehalten, wenn gegen seit Urzeiten irgendwo hängende Kreuze Sturm gelaufen wurde. Waren es früher vor allem Atheisten, die sich als Prinzessin auf der Erbse gerierten und dem Symbol anscheinend übermenschliche Kräfte zuschrieben, weswegen es in die Verbannung geschickt gehöre, treten heute auch mehr und mehr Muslime auf den Plan, denen es darum geht, einen aus ihrer Sicht falschen Glauben zurückzudrängen und damit dem „wahren“, also ihrem, Platz zu machen – letzteres wenn nicht gleich, so doch perspektivisch, sowie in deren Gefolge Deutsche, ihrer Lieblingsdisziplin des vorauseilenden Gehorsams frönend, die mit ihrer gewohnten Gründlichkeit auch christliche Symbole ausmachen, die bislang dem gemeinen Islamisten entgangen waren.  Warum hier nicht der Tradition zuliebe diese Erinnerung an geschichtliche Prägungen präsent bleiben darf, hat der Werwohlf nie verstanden. Er versteht auch nicht die Mobilisierung antireligiöser Reflexe bei Teilen seiner aus liberalen Zeiten herübergeretteten Twitter-Timeline, die in Söders Aktion den Beginn eines christlich-fundamentalistischen Gottesstaats wittert, statt das Ganze als das einzuordnen, das es nunmal ist: einen billigen Wahlkampftrick. Das Aufhängen der christlichen Kreuze soll für möglichst viele Kreuze hinter der CSU und ihren Kandidaten bei der anstehenden Landtagswahl sorgen.

Aus Sicht des CSU-Parteipolitikers liegen solche nun ihrerseits symbolhaften Handlungen nahe. Einerseits hat der Drang der Politik, alle verfügbaren Staatseinnahmen und mehr sofort in Umverteilung zu stecken, um sich dankbare Wähler zu verschaffen, dafür gesorgt, dass für alles andere kein Geld mehr da ist. Das heißt, egal, wofür oder wogegen man gerne etwas unternehmen möchte: Da muss auch der Bayer zum schwäbischen Prinzip greifen, dass es „nix koschte“ darf. Somit bleibt es bei Symbolhandlungen. Andererseits will man zwar der AfD Wähler abjagen, dies aber nicht auf die Gefahr hin tun müssen, irgendwie selbst in die rechte Ecke gestellt zu werden – diese Nummer kann sich die CSU nur auf Bundesebene leisten, in Bayern aber muss sie als quasi richtungslose, natürliche bayerische Ausdrucksform der Parteipolitik wahrgenommen werden. Da bietet sich die Rekursion aufs Christentum geradezu an, zumal ja eben noch die politischen Gegner der CSU rosinenpickend auf dem „C“ im Namen der Partei herumritten, um die von ihnen gewünschte Form der Einwanderungspolitik durchzusetzen. 

Als Christ, der sich der Mensch hinter dem Werwohlf redlich bemüht zu sein, sollte man sich sowohl gegen den Missbrauch als auch gegen den Hass des Kreuzes wenden. Lasst die Kreuze da hängen, wo schon welche sind, und hängt da neue auf, wo wirklich Bezug auf den Erlöser genommen werden soll und auch sinnvoll genommen werden kann. Und das ist noch die tolerante Variante. Man denke nur mal an Matth 6,1:

„Hütet euch, eure Frömmigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen! Denn dann habt ihr keinen Lohn mehr von eurem Vater im Himmel zu erwarten.“

 

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16 Gedanken zu “Kreuze für Kreuze

  1. Ist irgendjemand mal auf die Idee gekommen, dass wenn as Södala damit durchkommt, das nix anderes heißt als „Freie Bahn für das Kopftuch“? Wenn die Beschränkung durch die Neutralität gegenüber religiösen Symbolen wegfällt, ist es damit Essig. Und die Argumentation, das Kopftuch sei ein Unterdrückungssymbol und müsse deshalb ferngehalten werden? Kann man machen, aber in der Richtung kann es mit einem Hinrichtungswerkzeug einer Besatzungsmacht auch nicht wirklich mithalten?

    Hoffentlich fällt dieser Groschen bald bei den Abendlandsrettern..ich kann kaum erwarten, dass die alle nach Altötting wallfahren und Kerzen dafür anzünden, dass irgendein Verwaltungsrichter verfügt, die Kreuze wieder WEGZUMACHEN 😀

    • Zitat:
      Ist irgendjemand mal auf die Idee gekommen, dass […] das nix anderes heißt als „Freie Bahn für das Kopftuch“? Wenn die Beschränkung durch die Neutralität gegenüber religiösen Symbolen wegfällt, ist es damit Essig.

      Diese Argumentation passt nur dann, wenn man das Kopftuch als ein rein religiöses Symbol versteht. Es sprechen allerdings auch ein paar Argumente dagegen, dass die Natur des religiösen Symbols diesbezüglich das eigentliche Problem darstellt. Kein normaler Mensch hat ein Problem mit religiösen Symbolen, von Kippas bis Buddah Statuen. Die interessieren keinen. Mit Ausnahme von wirklich totalitär eingestellten Menschen. Auch das Kopftuch hat hier eine sehr lange Zeit übrigens kaum einen Menschen interessiert. Ich kann mich an diese Zeit, in der ich aufgewachsen bin, noch sehr gut erinnern.

      Ich persönlich glaube auch nicht, dass die Sicht als Unterdrückungssymbol der Kern des Ungemachs ist, welches das Kopftuch als Symbol hervorruft. Es ist vielmehr der Umstand – so meine ich zumindest -, dass viele Menschen darin ein Symbol einer totalitären Ideologie (die des politischen Islams) sehen, welche sie ängstigt. Nicht ganz unberechtigt, wie ich meine, da seit der iranischen Revolution in den späten 70ern, der Islam einen immer stärker werdenden fundamentalistischen Spin, mit weltlichem Anspruch bekam, welchen wir mittlerweile auch in Europa spüren und bei dem das Kopftuch nicht völlig bedeutungslos ist.

      Das heißt natürlich nicht gleichzeitig, dass jeder der ein Kopftuch trägt, ein Totalitärer ist oder es als Zeichen einer Ideologie trägt. Ich halte auch nicht jeden, der ein Che T Shirt trägt für einen Linksradikalen. Aber wir haben einige Leute im Land, welche mit dieser totalitären Ideologie des politischen Islams mehr oder weniger sympathisieren und man kann nicht in die Köpfe der Leute schauen. Daher ist das Unbehagen gegen das Kopftuch als politisches (nicht religiöses) Symbol nicht völlig abwegig.

      Kreuz und Kopftuch erscheinen mir also, und das war der Ausgangspunkt, in ihrer Symbolkraft nicht exakt die gleichen Dimensionen zu bedienen und aus der Handlung gegenüber dem einen folgt damit nicht zwangsläufig und stringent die Handlung gegenüber dem anderen. Mann kann politische Symbole durchaus verbieten, ohne daraus notwendige Folgen für religiöse Symbole abzuleiten.

      Ansonsten kann ich mit des Werwohlfs Text viel anfangen.

      Staat und Kirche gehört getrennt. Einfach ist das nie, weil Kirche im Zweifel auch ein Stück kulturelle Heimat prägt, welche für Menschen sehr wichtig ist. Das kann für Kreuz wie Kopftuch gelten, soweit es rein religiöse Symbole sind. Problematisch wird das aber, wo solche Symbole weltlichen Anspruch anmelden, die entgegen unserer Verfassung stehen. Dass diesen Anspruch zu ergründen keine exakte Wissenschaft ist, schenken ich mir. Tendenzen kann man aber in der Realität durchaus erkennen. Wie man damit umgeht, muß man dann beantworten. Die Antwort kann und muß unter Umständen differenziert ausfallen.

      Herzlich

      n_s_n

  2. Ich glaube halt, dass es viel schwerer ist, das Kopftuch als Symbol des totalitären Islams zu verargumentieren. Natürlich stimmt es, dass es im Iran und in Saudi-Arabien eine Kopftuchpflicht gibt, und das sind totalitär regierte Länder. Allerdings sieht in Deutschland die Sache anders aus. Mir ist offen gestanden in Deutschland noch nie eine Perserin begegnet, die ein Kopftuch getragen hat, weil die nach Deutschland kommenden Ex-Iraner meistens eher prowestlich sind. Kopftuchträgerinnen in D haben anatolische, afghanische, pakistanische, syrische, somalische, irakische Hintergründe und tragen es meistens tatsächlich aus einer konservativ-traditionalistischen Motivation heraus. Umgekehrt ist Nigeria eine Hochburg des Islamismus, und es gibt dort ein Kopftuchverbot in öffentlichen Gebäuden. Ois niad so einfach…

    • Umgekehrt ist Nigeria eine Hochburg des Islamismus, und es gibt dort ein Kopftuchverbot in öffentlichen Gebäuden.

      Es ist doch stark anzunehmen, dass es nicht die Islamisten sind, die dieses Verbot verhängt haben…

      Das Kreuz ist ein Bekenntnis zu einer Religion, stimmt. Das Kopftuch ist auch ein Bekenntnis zu einer Religion. Insofern Gleichrangigkeit. Aber das Kopftuch ist noch mehr. Es ist formal ein Bekenntnis zu einer Religion, die Anspruch darauf erhebt, mit konkreten Regeln in den Alltag einzugreifen, also die Regeln aufstellt, wie man sich anzuziehen hat, was man zu essen hat, mit wem man Kontakt haben darf etc. Zu einer Religion, deren Gläubige aufgefordert sind, die Angehörigen bestimmter anderer Religionen als Menschen geringerer Güte anzusehen und die Angehörigen noch anderer oder gar keiner Religion noch nicht mal als Menschen. Und ganz konkret ist es auch noch ein Bekenntnis zur Ungleichheit von Mann und Frau.

      Wenn ein Kreuz im Eingang eines Amtsgebäudes hängt, braucht niemand Bedenken zu haben, dass er anders behandelt wird, nur weil er nicht der Religion angehört, die dieses Kreuz symbolisiert. Es steht noch nicht einmal fest, ob die Mitarbeiter dieses Amtes dieser Religion überhaupt angehören. Aber wer einer Frau mit Kopftuch gegenüber sitzt, kann von einem starken Einfluss der Religion auf ihr Leben ausgehen und muss leider befürchten, dass dieser Einfluss sich auch in seinem Fall zeigen wird.

      • Zitat (1)
        „Wenn ein Kreuz im Eingang eines Amtsgebäudes hängt, braucht niemand Bedenken zu haben, dass er anders behandelt wird, nur weil er nicht der Religion angehört, die dieses Kreuz symbolisiert. Es steht noch nicht einmal fest, ob die Mitarbeiter dieses Amtes dieser Religion überhaupt angehören.“

        Bravo. Mit dieser Einsicht sind alle Gegenargumente im Hinblick auf die Forderung, dass dergleichen Schmuck zu beseitigen ist, hinfällig. Warum soll man an etwas völlig Sinnlosem festhalten?

        Zitat (2)
        “ Aber wer einer Frau mit Kopftuch gegenüber sitzt, kann von einem starken Einfluss der Religion auf ihr Leben ausgehen und muss leider befürchten, dass dieser Einfluss sich auch in seinem Fall zeigen wird.“

        Klar, wer verdächtig ist und wer nicht, versteht sich ja von selbst. Es isch halt so: Beide Behauptungen sind sachlich unbegründbar und nichts anderes als Wunschdenken, was nicht heißt, dass das nicht fallweise tatsächlich zutreffen könnte. Wünsche gehen ja mitunter in Erfüllung.

        Die richtige Lösung: Auf beides verzichten, dann sind alle Risiken vom Tisch 🙂

        Zitat:
        „Das Kreuz ist ein Bekenntnis zu einer Religion, stimmt. Das Kopftuch ist auch ein Bekenntnis zu einer Religion. Insofern Gleichrangigkeit. Aber das Kopftuch ist noch mehr. Es ist formal ein Bekenntnis zu einer Religion, die Anspruch darauf erhebt, mit konkreten Regeln in den Alltag einzugreifen, also die Regeln aufstellt, wie man sich anzuziehen hat, was man zu essen hat, mit wem man Kontakt haben darf etc.“

        Der Unterschied zwischen Islam und Christentum besteht bezüglich solcher „Alltagsregeln“ allerdings nicht darin, dass es die im Christentum nicht gäbe, sondern darin, dass es die da zwar gibt und auch autoritativ eingefordert, aber i.d.R. dennoch nicht ernst genommen werden und das ist durchaus etwas gaaaanz anneres.

        Pillen-Paul zum Beispiel, also Papst Paul VI., hatte nicht die ABSICHT, dass seine Enzyklika zur Empfängnisverhütung bestenfalls belächelt und ansonsten ignoriert wird. Man kann ausschließen, dass diese Wirkung auch die Intention war. Ein einzige Fall, wo alle jubeln und mitmachen, sind die „christlichen“ Feiertage, nur leider halt aus den falschen Gründen 😦 Klar, Kirchens besitzt hierzulande keine Machtmittel mehr, um weiterhin gesellschaftlich Wesentliches für den „Alltag“ durchzupuschen (abgesehen von Dingen mit Bonbon-Charakter), das wiederum erklärt sich aber nicht aus dem Christentum, vielmehr – namentlich historisch – aus der Gegnerschaft. Ob das jetzt „gut“ oder „schlecht“ ist, wäre wiederum ’ne ganz andere Frage, respektive ’ne Geschmacksfrage.

         

        • Zitat:
          „Mit dieser Einsicht sind alle Gegenargumente im Hinblick auf die Forderung, dass dergleichen Schmuck zu beseitigen ist, hinfällig.“

          Lieber Dennis.

          Mich beschleicht bei solchen Argumentationsverläufen…. tja wie soll ich sagen. Ein Befremden? Ein Unbehagen? Verwunderung? Und das, obwohl ich das Florett in einer Diskussion zur Erkenntnis sehr schätze.

          Ich frage mich warum und finde darauf zwei Antworten.

          Die erste wäre, dass meine Sensoren für Ausgleich äußerst sensibel sind. Die zweite wäre, dass meine Sensoren für Ausgleich defekt sind oder aufkommenden totalitären Neigungen anheimfallen.

          Es gibt Diskussionen zum Erkenntnisgewinn und es gibt Diskussionen zu Marketingzwecken (positiv formuliert – negativ würde man sagen, um einen Gegner verbal nieder zu ringen – diese Festellung, ohne Ihnen das hier vorwerfen zu wollen, lieber Dennis -.) Die Fragen, welche im Zusammenhang mit dem Islam im öffentlichen Diskurs erörtert werden, scheinen mir nicht solche mit dem Ziel des Erkenntnisgewinns zu sein.

          Was nun meine Sensoren betrifft und ihre Ausschläge, werden sie durch Umständen ausgelöst wie zum Beispiel die, dass Bischöfe ihre Kreuze ablegen, um nicht zu verärgern (Matthäus 26.34 anyone?) oder dass Bischöfe mit zu denen gehören, welche das Aufhängen von Kreuzen (die aktuellen Söderpläne) massiv kritisieren.

          Äquidistante Diskussionen sind eine tolle Sache. Die Äquidistanz in dieser Frage ist aber schon lange verloren und es erscheint mir fraglich, ob in der öffentlichen Diskussion mit dem zwanghaften Einhalten von Äquidistanz noch viel Positives bewirkt werden kann. Mir scheint das nicht so und ich denke, dass hängt damit zusammen, dass unsere Gesellschaft sich in einer Identitätskrise befindet. Diese Krise zeigt sich auch in der Ambivalenz zu ihren Religiösen Symbolen (einer durch und durch säkularisierten Religion).

          Wie der Wehrwolf und ich in dieser Diskussion hier mehrfach erwähnten, ist das Kopftuch dabei mehr als ein religiöses Symbol. Es ist auch das einer totalitären, politischen Ideologie und zwar im Verständnis nicht weniger, welche es tragen. Das kann man vom Kreuz in unseren Tagen schwerlich behaupten. Auch nicht, wenn man das neue Testament liest und als Maßstab des Christentums nimmt.

          Wenn man nun den Umstand von kultureller Prägung einer Gesellschaft zugesteht und das Kreuz als Ausdruck einer solchen sieht, erscheint es mir (aus dem Blick unserer freiheitlichen Verfassung) unbedenklich. Beim Kopftuch wäre ich da anderer Meinung. Wie gesagt: Es gibt politische Symbole in Deutschland, welche bereits verboten sind und die mögen in ihrer (aktuellen) gesellschaftlichen Rezeption zur Identitätsstiftung deutlich unbedeutender sein, als das Kopftuch.

          Ich persönlich kann es mir nur mit einer schweren Identitätskrise unserer Gesellschaft erklären, wo diese aktuell Gefahren wittert und nicht wittert. Aber wie gesagt: Meine Sensoren mögen defekt sein.

          Herzlich

          n_s_n

          • Zitat:

            „Es gibt Diskussionen zum Erkenntnisgewinn und es gibt Diskussionen zu Marketingzwecken (positiv formuliert – negativ würde man sagen, um einen Gegner verbal nieder zu ringen – diese Festellung, ohne Ihnen das hier vorwerfen zu wollen, lieber Dennis -.)“

            Ich seh da eh keinen Vorwurf, lieber n_s_n. Sie formulieren das etwas martialisch, geschenkt, aber im Kern isses natürlich richtig: Am Ende des Tages geht es – übertrieben philosophisch formuliert – um Sinnstiftung, also um eine AGENDA und Marketing ist ein durchaus passender Begriff. Es geht NICHT um nackte Logik oder Erkenntnisse im naturwissenschaftlichen Sinn sondern darum, wie die Dinge sein SOLLEN und da hat halt jeder so seinen Plan, wobei der große Schlamassel der ist, dass die Pläne von Mayer und Müller nicht übereinstimmen müssen, was auch häufig der Fall ist, obwohl man genau diese Übereinstimmung doch so gerne hätte; sehr unangenehm.

            Häufig mag die Agenda auch noch „hidden“ sein, wie das auf plain German so schön heißt, gerne auch so versteckt, dass man sie selber nicht erkennt.

            Zitat:
            „wie zum Beispiel die, dass Bischöfe ihre Kreuze ablegen, um nicht zu verärgern (Matthäus 26.34 anyone?) oder dass Bischöfe mit zu denen gehören, welche das Aufhängen von Kreuzen (die aktuellen Söderpläne) massiv kritisieren.“

            Die Auffassungen von Bischöfen wiegen bei mir nicht schwerer als die von Lieschen Müller. Auch Gott soll da ja keine Unterschiede machen, hab ich gehört. Die haben halt Meinungsfreiheit wie du und ich, that’s it.

            Dass der Vorgang, auf den Sie anspielen (ABLEGEN des Kreuzes bei der bekannten gegebenen Gelegenheit), extrem fragwürdig ist, sehe ich auch so. Das ist, nebenbei bemerkt, eine Situation, bei der ich dergleichen ausdrücklich NICHT fordere, falls mich jemand fragen sollte. Das ist doch schon mal was, oder?

            Denn gleichzeitig würde ich darauf hinweisen wollen, dass Situationen und Umstände NICHT ganz egal sind. Die Söder-Situation, um das mal vereinfacht so zu nennen, ist eine ganz andere, namentlich auch die Örtlichkeiten, an denen das stattfindet, denn darauf kommt es m.E. wesentlich an.

            Zitat:
            „Äquidistante Diskussionen sind eine tolle Sache.“

            Geht ja gar nitt^^, jedenfalls nicht in umfänglicher Konsequenz „zu allem“. Auch der Äquidistante steht irgendwo und nicht im Nirgendwo. Auch die Äquidistanz bezüglich gewisser Dinge erfordert einen Standpunkt, der nicht aus nichts bestehen kann.

            Zitat:
            „dass hängt damit zusammen, dass unsere Gesellschaft sich in einer Identitätskrise befindet“

            Das kann gut sein, lieber n_s_n, sehe ich aber ganz entspannt: Supraindividuelle Identitäten sind eigentlich immer in der Krise, weil generell eine wackelige Angelegenheit, das haben Identitäten, die sozusagen durch ein gemeinsames metaphysisches Dach oberhalb von Individuen gekennzeichnet sind, so an sich. Das sieht man u.a. auch daran, dass es weltweit keine Religion gibt, die nicht von einer signifikanten Streitkultur geprägt wäre. Abspaltungen und Subkonfessionen sind Legion. Nichts als Krise da draußen – oder (positiv gedreht): Panta rhei.

            Zitat:
            „Wenn man nun den Umstand von kultureller Prägung einer Gesellschaft zugesteht und das Kreuz als Ausdruck einer solchen sieht, erscheint es mir (aus dem Blick unserer freiheitlichen Verfassung) unbedenklich.“

            Da heult der Wolf mit verdrehtem H aber ganz anders, wenn ich das richtig hab heulen hören, nämlich so:

            Zitat Werwohlf:
            „Dem Werwohlf wäre das neu. Er kennt das Kreuz tatsächlich ausschließlich als christliches, also religiöses Symbol.“

            Ausschließlich heißt halt ausschließlich.

            Das mit der Prägung erinnert im Übrigen ’n bissl an die Gehört-zu-Argumentation, die dadurch gekennzeichnet sein kann, dass deskriptiv und normativ womöglich zu einem Brei verrührt werden. Ferner ist mein Thema hier: Religiöse Symbole in der Sphäre des Staates (z.B. Behörden) nicht nicht irgendwo. Deskriptiv haben wir Religionsfreiheit (GG); daraus folgt m.E. normativ, dass der Staat religiöse Appellationen zu unterlassen hat. Über die Ausführungsbestimmungen reden wir dann noch. Ein Beipackzettel mit den Hinweis: Das ist nur ein Placebo und Trallala und bedeutet nichts, könnte durchaus ein Lösung sein.

            Zitat:
            „Wie der Wehrwolf und ich in dieser Diskussion hier mehrfach erwähnten, ist das Kopftuch dabei mehr als ein religiöses Symbol.“

            Indem Sie, lieber n_s_n, im Hinblick auf das Kreuz von „kultureller Prägung“ sprechen gibt’s da ja auch ein MEHR, so wie angeblich auch beim Kopftuch, nämlich genau jene „kulturelle Prägung“. Was mit diesem ominösen Begriff allerdings gemeint ist, müsste dann noch geklärt werden. Falls „kulturelle Prägung“ nur so etwas wie „bedeutungslose Erinnerung an nunmehr wirkungslose Zustände von vorgestern“, also Folklore, heißen sollte, ohne jeden faktischen Charakter heutzutage, dann allerdings könnte man wiederum eher nicht von PRÄGUNG sprechen. Ferner würd‘ ich ganz gern als Individuum wahrgenommen werden und nicht lediglich als Teil der Gesellschaft, der Prägungen passiv hinzunehmen hat. Soviel Liberalismus muss sein.

            Herzlich
            Dennis

        • Bravo. Mit dieser Einsicht sind alle Gegenargumente im Hinblick auf die Forderung, dass dergleichen Schmuck zu beseitigen ist, hinfällig. Warum soll man an etwas völlig Sinnlosem festhalten?

          Aus meinem Text oben sollte man unschwer ablesen können, dass ich der Aufhängaktion nichts abgewinnen kann. Es sei denn, man sieht ihn vor lauter Strohmännern nicht.

          Klar, wer verdächtig ist und wer nicht, versteht sich ja von selbst. Es isch halt so: Beide Behauptungen sind sachlich unbegründbar und nichts anderes als Wunschdenken, was nicht heißt, dass das nicht fallweise tatsächlich zutreffen könnte. Wünsche gehen ja mitunter in Erfüllung.

          Wenn für dich schon von vornherein feststeht, was begründbar ist und was nicht, kann ich dir zu dieser diskussionsökonomischen Einstellung nur gratulieren. Es ist aber nun mal so, dass nicht jede Muslimin Kopftuch trägt. Wer sich aber derart freiheitseinschränkenden Bekleidungsvorschriften unterwirft (es ist ja wenn, dann nie nur das Kopftuch, dazu gehören dann auch lange Kleider oder Mäntel, sowie im Schwimmbad der Burkini), beweist schon allein damit, dass er (also sie) der Religion eine erhebliche Bedeutung zumisst. Damit ist die zweifelnde Frage berechtigt, warum dieser Einfluss bei der Kleidung Halt machen sollte. Von küchenpsychologischen Versuchen, bei anderslautender Meinung die Intention von Kommentatoren hier (inklusive des Bloggers selbst) zu deuten, bitte ich im Übrigen Abstand zu nehmen – sowas ist auch dann bescheuert, wenn es nicht als Unterstellung geschieht.

          Pillen-Paul zum Beispiel, also Papst Paul VI., hatte nicht die ABSICHT, dass seine Enzyklika zur Empfängnisverhütung bestenfalls belächelt und ansonsten ignoriert wird. Man kann ausschließen, dass diese Wirkung auch die Intention war.

          Würde mir auf dem Amt mein Gesprächspartner lang und breit erklären, wie verwerflich doch Pille und Kondom sind, bestünden dieselben Bedenken wie beim Tragen eines Kopftuchs. Wer beim Strohmann-Basteln mal Pause macht, würde vielleicht merken, dass ich nicht auf prinzipielle Unterschiede zwischen „dem Islam“ und „dem Christentum“ abstelle, sondern wie wahrscheinlich der Einfluss zweier bestimmter Symbole auf Entscheidungen ist, die in Ämtern getroffen werden. Das Aufhängen irgendwelcher Symbole von Amts wegen hat, soweit mir bekannt ist, keine magischen Auswirkungen auf die Gedanken von Beamten. Die werden aber von der Religion beeinflusst, der sie selbst anhängen, ganz egal, welcher Schmuck da draußen prangt.

          Klar, Kirchens besitzt hierzulande keine Machtmittel mehr, um weiterhin gesellschaftlich Wesentliches für den „Alltag“ durchzupuschen (abgesehen von Dingen mit Bonbon-Charakter), das wiederum erklärt sich aber nicht aus dem Christentum, vielmehr – namentlich historisch – aus der Gegnerschaft.

          Wenn das so einfach wäre, gäbe es keinen Aufschwung radikaler Islamideen in der modernen Welt. Nein, es ist schon so, dass sich ein Machtanspruch der Kirche aus der für Christen vor allem maßgeblichen Quelle – Jesus – nicht rechtfertigen lässt, sogar eher im Gegenteil. Man unterschätzt historisch da gerne den Einfluss des Buchdrucks und der Alphabetisierung… Wie man sieht, haben Christen heute eher das Problem, sich bis zur Selbstaufgabe zugunsten anderer zu verleugnen – weil sie denken, das müssten sie.

          • Zitat:
            „Nein, es ist schon so, dass sich ein Machtanspruch der Kirche aus der für Christen vor allem maßgeblichen Quelle – Jesus – nicht rechtfertigen lässt, sogar eher im Gegenteil.“

            „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, war für mich als kleines Kind schon eine Aussage zentraler Bedeutung, die ich auch heute noch in starkem Kontrast zu anderen religiösen Schriften sehe.

          • Zitat:
            „Nein, es ist schon so, dass sich ein Machtanspruch der Kirche aus der für Christen vor allem maßgeblichen Quelle – Jesus – nicht rechtfertigen lässt“

            Wieso gibt’s den dann, wenn er sich nicht rechtfertigen lässt? Hat der Papst den Kirchenstaat (ein „Staat“ hat gemeinhin schon was mit Machtanspruch zu tun und ist auch durchaus „von dieser Welt“, würd ich mal sagen) anno 1870 freiwillig aufgegeben? 25.000 weitere Beispiele (mindestens) erspare ich mir hier aus Platzgründen.

            Okay, es kann natürlich sein, dass Kirchens diesbezüglich alles falsch gemacht hat; das wären dann Kirchen, die im Wesentlichen aus Irrtümern bestehen, mit fatalen Auswirkungen allerdings.

            Und okay, mit der Säkularisierung mag der „Irrtum“ des Machtanspruches auf lauwarm oder weniger herunter geschraubt sein. Nur hat man kirchlicherseits diesen Irrtum nicht unbedingt selbst entdeckt.

            Herzlich
            Dennis

            • Okay, es kann natürlich sein, dass Kirchens diesbezüglich alles falsch gemacht hat; das wären dann Kirchen, die im Wesentlichen aus Irrtümern bestehen, mit fatalen Auswirkungen allerdings.

              Tja, es hat eben schon vorher Religionen und ihre menschlichen Vertreter gegeben, und die zeigten oft sehr menschliche Machtansprüche – das hielten Vertreter des Christentums später nicht anders. Es ist aber ziemlich schwierig, eine Begründung für kirchliche Machtansprüche aus dem von Jesus Überlieferten abzuleiten – wurde dann auch in der Regel nicht erst versucht.

  3. Zitat:
    Ois niad so einfach…

    Das unterschreibe ich. Auch, dass die Kopftuchdebatte eigentlich ein Symbolisches Thema ist. Deswegen gibt es aber trotzdem ein Problem in unserem Land, welches irgendwie damit zusammenhängt, und dem sich zu stellen man anscheinend nicht richtig bereit ist.

  4. 1. Das gesamte Manöver wird gnadenlos nach Hinten losgehen. Nun haben die Moslime wirklich einen guten Grund, sich benachteiligt und zurückgesetzt zu fühlen und das wird irgendwann Konseqzenzen in der ein oder anderen Form haben.
    2. Doch, das Christentum WIRD als „Identitätsstiftend“ betrachtet. Auf vielen Landkarten etwa steht das „christliche Abendland“ dem „islamischen Morgenland“ und dem „buddhistisch geprägten Osten“ gegenüber.
    Selbst viele Atheisten haben sich als Angehöriger eines „christlichen Kulturkreises“ gefühlt, aber eben nicht als Anhänger der Religion.
    3. Der Neutrale Staat stirbt.

    • Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Das Aufhängen wird keinerlei Handlungskonsequenzen haben. Es geschieht ohne sachlichen Sinn, und der wird sich auch nachfolgend nicht einstellen.

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