Linke Mehrheit

Es gibt heute überwiegend eine linke Mehrheit, und das hat strukturelle Gründe. Die Rede ist natürlich von deutschen Autobahnen[1]. Für jeden, der wie der Werwohlf ein erhebliches Kilometer-Pensum auf Deutschlands Autobahnen abzureißen pflegt, ist es ein ständiges Ärgernis: Auf der rechten Fahrspur eine Wand aus Lkws (haben die baltischen Staaten überhaupt so viele Einwohner wie Lkw-Fahrer auf unseren Straßen?), links die Pkw-Schlange Stoßstange an Stoßstange. Stehen drei Spuren zur Verfügung, ist die mittlere das Revier der überholenden Lkws und der Mittelspur-Schleicher. Wir wollen hier nicht über die Psychologie letzterer philosophieren, denn auch ihnen droht, ihr angestammtes Revier mehr und mehr an die Elefantenrennen abgeben zu müssen. Die eigentlich hier zu behandelnde Frage soll sein: Warum bleiben auch langsame Pkws fast immer lieber auf der linken Spur, selbst wenn sich dann doch mal rechts größere Lücken auftun, so dass sie mehrere schnellere Fahrzeuge an sich vorbei lassen könnten?

Der Grund ist einfach: Es ist individuell rational. Wer nach rechts ausweicht, bleibt nämlich schnell dort viel länger hängen, als ihm lieb ist. Das liegt vor allem an zwei Dingen: Erstens wird jeder, der sich auf die rechte Spur begibt, über kurz oder lang hinter dem langsamsten Lkw weit und breit landen, also den, der die letzten Elefantenrennen immer verlor. Das drosselt ihre Geschwindigkeit dann auf 80-90 km/h. Links wird aber gerne deutlich schneller gefahren und damit für ein lässiges Einscheren von rechts zu schnell, zumal wenn die Abstände maximal den Regeln des Sicherheitsabstands genügen, meistens aber geringer ausfallen. Man müsste sich also hinein drängeln und würde damit vielleicht sogar Übles auslösen. 

Oder es tritt das Gegenteil ein. Man fährt auf die rechte Spur, um den Audi oder BMW, der da eben Anstalten machte, sich den Inhalt unseres Kofferraums genauer anzuschauen. vorbeiziehen zu lassen, doch plötzlich findet weiter vorne wieder eins dieser Elefantenrennen statt. Der eben noch heranrauschende Bolide muss plötzlich abbremsen, und wo hinter ihm noch Platz war, schließen jetzt auch die Pkws auf, die vorher langsamer als man selbst fuhren. Die Abstände werden prohibitiv klein, alle Lücken sind geschlossen. Mehr und mehr Fahrzeuge wechseln hinter einem nach links. Auch da gibt es nur eine Lösung: drängeln. 

Jetzt kann man sich fragen: Warum lässt denn keiner von denen, die links fahren, einen von rechts Kommenden rein? Das liegt wiederum an der Gegenstrategie aller, die schon mal rechts „versauerten“. Die mussten dadurch nämlich lernen: Nie wieder auf die rechte Spur wechseln, wenn so viel Verkehr ist. weil du da nie wieder raus kommst! Also bleiben sie, sobald ein Gutmensch ihnen den Vortritt ließ, einfach auf der linken Fahrbahn, und zwar so lange, bis kein Lkw mehr am Horizont auszumachen ist. Auch, wenn sie Geschwindigkeiten über 100 km/h als unmenschlich oder ökologisch untragbar ablehnen. Jeder, der im Schnitt etwas schneller fahren möchte –  das sind auf den Autobahnen immer noch die meisten – und der so viele Kilometer hinter einem derart bekehrten Rechtsfahrer herzotteln musste, wird daraus nun für sich den Schluss ziehen: Nie jemanden vor dir auf die linke Spur lassen, denn dann kommst du lange nicht mehr voran!

Wie wir jetzt sehen, ergänzen sich beide Lektionen und Schlussfolgerungen auf das Vortrefflichste: Sie verhindern, dass langsamere Pkws schnelleren Platz machen. Und deswegen haben wir auf den Autobahnen das übliche Bild: Kolonnenfahrt links, in der Mitte (wo vorhanden) überholende Lkws mit riesigen Abständen dazwischen, rechts die durchgehende Lkw-Wand.

Aber die gute Nachricht ist: Bei dem prognostizierten Anstieg des Schwerlastverkehrs in Deutschland werden auch auf der mittleren Spur die großen Abstände bald verschwinden und die Lkw-Wand wird eine doppelte sein. Also braucht sich niemand mehr zu ärgern, dass keiner Platz macht, denn es ist schlicht keiner mehr da, und die langsamste Gehhilfe bestimmt das Tempo für alle.

Ist das nicht herrlich solidarisch? So bekommt „Linksfahren“ endlich seinen wahren Sinn vermittelt.

 

[1] Ja, der Werwohlf hat „Autobahn“ gesagt, und das geht gar nicht. Also weiter im Text.

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3 Gedanken zu “Linke Mehrheit

  1. Gute Analyse!
    Und nun hätte ich gern mal die für den Sonntag. Linke Mehrheit, nur ohne LKW und mit Platz auf den rechten Spuren.

  2. Gute Analyse!
    Und nun hätte ich gern mal die für den Sonntag. Linke Mehrheit, nur ohne LKW und mit Platz auf den rechten Spuren.

Platz für Senf.

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