Fluch der Blase

Irgendwann, wenn er etwas mehr Zeit dafür hat, wird der Werwohlf auch mal was zu dem schreiben, was aus seiner Sicht das politische Kernübel dieser Zeit ist: die Etablierung einer labernden Klasse, die ohne Kontakt zur Lebenswirklichkeit der meisten Menschen eigene Regeln und Maßstäbe erarbeitet und diese über Massenmedien an den Rest der Bürger kommuniziert, ja, dekretiert. Mancher mag da jetzt an Verschwörungstheorien denken, aber aus Sicht des Werwohlfs handelt es sich hier um einen nicht intendierten Prozess, der durch das politische und gesellschaftliche System der Bundesrepublik Deutschland enorm begünstigt wird, und dessen Wirken über viele Jahre hinweg zu dem Ergebnis führt, das uns heute mehr denn je als unerwünscht erscheint. Also ein Ergebnis menschlichen Handelns, nicht menschlicher Absicht (Hayek). Auf solche Krisen gibt es immer zwei Antworten: der Ruf nach anderen Köpfen oder der nach anderen Institutionen. Diese Rufe können sich, wenn die Lage reif dafür ist, in revolutionäre verwandeln – aber die entsprechenden Antworten haben historisch in den seltensten Fällen erstrebenswerte Resultate geliefert. Besser, man erkennt das Problem und korrigiert die Schieflage vorher. Ob dieses, unser System dazu in der Lage ist, wird sich in der Zukunft zeigen. Aber wie gesagt – für solche „Rundumschläge“ braucht der Werwohlf etwas mehr Zeit…

Einstweilen begnügen wir uns damit, einzelne Symptome dieser Krankheit zu beschreiben. Eins davon wäre der Umgang mit der AfD. Dieser ist aus zwei Gründen exemplarisch problematisch. Er offenbart in vielen Fällen eine Doppelmoral, und er verkennt komplett, warum die AfD überhaupt gewählt wird. 

Üblich geworden ist es ja mittlerweile, Aussagen von AfDlern auf „verbotene Worte“ zu durchsuchen, nach dem Motto „Autobahn geht gar nicht!“ (J.B. Kerner). In seinen satirischsten Momenten erinnert diese Schnitzeljagd an den alten Witz vom Klassenbucheintrag „Klein-Fritzchen pfeift schmutzige Lieder“, d.h. die angeblich moralisch höchst verurteilenswerte Untat, die dem Delinquenten zur Last gelegt wird, entsteht zunächst mal und vor allem erst im Kopf des Mahners und Kritikers und offenbart damit eher dessen Schatz an Assoziationen als den des zu Überführenden. Man rastet dann also aus, wenn ein AfDler einen „Hochofen“ erwähnt (Hochofen – Ofen – Verbrennung – Auschwitz!!!), oder wenn er mal „Jedem das Seine“ twittert (stand über dem Tor des KZ Buchenwald). Ach nee, letzteres unterlief ja einem stellvertretenden Vorsitzenden der SPD… Dann ist das natürlich was gaaaaanz Anderes! 

In beiden Fällen ist es natürlich das Gleiche, nämlich eine ohne beabsichtigten Nazi-Bezug hergestellte Assoziation zu Bekanntem, hier eine zu einem zu verschrottenden Gebilde aus Eisen („Schulzzug“) passende Metapher, dort ein seit Römerzeiten bekannter Spruch mit einer Bedeutung, die von den Nazis lediglich zynisch verunstaltet wurde. Soweit zur Doppelmoral, mit der man sicher keine Punkte sammelt.

Aber natürlich wissen auch die meisten Wähler der AfD, dass diese Partei keine Chance hat, Regierungs“verantwortung“[1] zu übernehmen. Einmal, weil die Wahlergebnisse das nicht zulassen und sie keine Koalitionspartner finden würde, dann, weil sie selbst es zumindest momentan nicht will. Eine solche Partei wird eben vor allem auch gewählt, um damit auf die anderen Parteien einzuwirken, auf die, die man vielleicht früher wählte, die aber jetzt eine Politik machen, in der man sich nicht mehr wiederfindet. Solchen Wählern ist es schlichtweg egal, ob es in der AfD auch solche Typen gibt, deren Distanz zu rechtsextremen Gedankengut nicht gerade besonders ausgeprägt ist. Sie wissen ja: Die werden nichts entscheiden können. Aber den Etablierten zeigen, wohin der Hase läuft, wenn sie sich nicht endlich nicht auch der vermeintlichen Paria-Themen annehmen, das kann man mit solchen Pappnasen auch sehr gut. Wäre der Werwohlf ein solcher Wähler, würde er sich über die Empörungsautomatiken der etablierten labernden Klasse nur lustig machen – glaubt den von denen wirklich jemand, ausgerechnet die Provokateure würden deutsche Politik mitgestalten? Die AfD hat natürlich auch andere Wähler, die Überzeugten. Für die ist die wohlfeile Entrüstung ihrer politischen Feindbilder vor allem eins: Bestätigung. Insgesamt erscheint diese Strategie jetzt also nicht so besonders zielführend, vorausgesetzt, man verfolgte mit ihr tatsächlich die Absicht, die AfD klein zu halten. 

Und dennoch werden wir sie weiter in Aktion erleben. Und die etablierten Parteien werden sich weiter wundern, warum sie nicht funktioniert. 

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5 Gedanken zu “Fluch der Blase

  1. Lieber Werwohlf,
    man muss nicht nicht alles kommentieren und man muss auch nicht über jedes Stöckchen springen, dass einem hingehalten wird. Aber man muss auch nicht glauben, dass Leute, die Godwin’s Law nicht dem Zufall überlassen, sich der Zweideutigkeiten die sie verbreiten, nicht bewusst sind. Vor allem dann nicht, wenn Parteikollegen Empfehlungen geben, wie in einer fernen Zukunft der absoluten Mehrheit mit Parteigegnern zu verfahren sei.
    Ich habe also Gründe, nicht immer von einem unbeabsichtigten Nazibezug auszugehen. Nun wurde Roland Koch Hessenhitler genannt. Ich bin mir sicher, irgendjemand wird auch in diesem Fall die unbeabsichtigte, naive Dummheit ausmachen, die jeder Laberkopf in seiner Rolle des Ahnungslosen für sich Anspruch nimmt.
    Man kann das politische Klima in Deutschland ignorieren und so tun, als lebten wir nicht schon seit Beginn der Entnazifizierung mit Godwin’s Law. Oder man fragt in jedem Fall seinen Verstand, ob es sich um einen beabsichtigten Nazibezug handelt oder nicht. Meines Erachtens gab und gibt es beides.
    Viele Grüße
    Erling

    • Lieber Erling, jeder darf sich über das empören, was ihm nicht passt. Gerade jüngst wurde es ja wieder mal ziemlich einfältig-ekelhaft. Worauf ich hinaus will: Es hilft nur nicht dabei, die AfD klein zu kriegen. Wir wissen doch genau, dass eine Pappnase wie z.B. Poggenburg zumindest auf absehbare Zeit nie und nimmer auf Bundesebene etwas zu sagen haben wird. Und die Hoffnung vieler AfD-Wähler ist eben, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis zumindest einige der etablierten Parteien endlich Mut zu medialer Verdammung beweisen und beginnen, das Asylrecht so restriktiv anzuwenden, wie es im GG vorgesehen ist und darüber hinaus vielleicht noch Einwanderung zum Wohle des Landes zu fördern. Sobald dies eine Partei wie die Union oder die SPD tun würde, wäre es mit der AfD vorbei.

  2. Ein anderes Beispiel wäre die „Trump“-Berichterstattung verbunden mit der Democrats/Obama Vergötzung. So titelt die Welt grade: „Der „König der Schulden“ riskiert den Kollaps der Finanzwelt“ , erster Satz des Artikels: Der US-Präsident treibt sein Land in den Schuldensumpf.

    Das das Ganze was damit zu tun haben könnte, das der heilige Obama die Staatsschulden der USA in seinen 8 Jahren Regierungszeit verdoppelt hat, ungefähr genauso viele Schulden aufgehäuft hat, wie alle Präsidenten vor ihm zusammen? Und Trump zumindest das Wirtschaftswachstum fördert und das Ganze wenigstens etwas Potential hat, den Schuldenanstieg auf Dauer zu verringern?
    Ach was! Trump war’s, Trump isses und Trump muß es sein. Was Anderes geht bei deutschen „Journalisten“ nicht.

    • Bei solchen Dingen muss man vorsichtig sein, sowohl auf Seiten der Trump-feindlichen Presse als auch als deren Kritiker. In Obamas Präsidentschaft fiel z.B. die Bewältigung der Finanzkrise, und die hat überall im Westen neue, hohe Schulden entstehen lassen.
      Und nach Rechnung der meisten Experten wird die Steuerreform Trumps netto zu Einnahmeausfällen und damit zu höheren Schulden führen, gerade, wenn er parallel noch dicke Investitionen ankündigt. Mag sein, dass er damit das Wachstum ankurbelt (den Dollar drückt er schon mal zugunsten des Exports), aber das ändert dann nichts am Schuldenstand. War bei Reagan auch schon so.

Platz für Senf.

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