Warum der Werwohlf die SPD mag

Zugegeben, für die drei, sorry, vier regelmäßigen Leser meiner Blogbeiträge oder Tweets mag das eher ein Karnevalsscherz sein, aber der Werwohlf mag die SPD. Er mag sie, obwohl er sie nie wählen würde. Er mag sie, obwohl er so gut wie alle ihre inhaltlichen Forderungen für blanken Unsinn hält. Er mag sie, obwohl er mit ihrem Personal nicht viel anfangen kann. Er kann zwar nachvollziehen, dass sich viele Konservative und vielleicht auch Liberale[1] so sehr wünschen, dass diese wenn auch schwindende, immer noch potenziell größere Ansammlung linken Denkens doch bitte endlich irgendwie verschwinden möge, damit den eigenen Wahrheiten keine Hindernisse mehr im Weg stehen und sich das wankende Volk doch letztlich zu den Lehren von St. Angela und Dnyamic Christian bekehren möge. Allein: So wird das nicht laufen. Aus Linken werden keine Konservative und noch weniger Liberale. Wer nicht mehr SPD wählt, bleibt entweder zu Hause (das würde St. Angela immerhin noch passen), oder er wählt die akzeptierten Alternativen im linken Spektrum: die SED oder die Grünen. 

Und das wäre ein ziemlich schlechter Tausch. So übel man die Perfomance der SPD z.Zt. auch beurteilen mag: Diese Partei hat eine lange Geschichte darin, in entscheidenden Situationen das Richtige zu tun. Für immer wird der Werwohlf der SPD zugute halten, dass sie damals beim Ermächtigungsgesetz mit „Nein“ gestimmt hat. Aber auch die Ostpolitik Brandts, der Widerstand Schmidts gegen den linken Terror oder die Agenda 2010 Schröders waren Entscheidungen, die den Weg der Bundesrepublik Deutschland entscheidend und positiv prägten. Die Grünen haben keinen vergleichbar langen Track Record vorzuweisen, sind also in dieser Hinsicht eher unsichere Kantonisten. Bei der SED ist das anders, da kann man die Leistungen der Vergangenheit einschätzen – ’nuff said. Will sagen: Wenn wir Liberale und Konservative schon damit leben müssen, dass es auch Linke auf der Welt gibt (ein Zugeständnis, das umgekehrt etwas aus der Mode gekommen zu sein scheint), dann sollte man die lieber von der SPD vertreten sehen als von irgendeinem anderen Haufen. 

Sorgen macht sich der Werwohlf nur wegen der ihm unverständlichen Tendenz der SPD, ihre alte Kernklientel zugunsten irgendwelcher politischer Schickimicki-Moden aufzugeben. Aber das ist wahrscheinlich ein allgemeiner Trend, der sich darauf zurückführen lässt, dass Parteifunktionäre heute eher die klassische Karriere Kreißsaal – Hörsaal – Plenarsaal absolvieren und auf diese Art und Weise von der Realität lohnabhängiger Arbeit weitgehend unbehelligt noch der letzten Theorieflause irgendeines exaltierten „Vordenkers“ folgen können, ohne zu merken, wie irrelevant sie für ihre Wähler sind.

Der einzige Wunsch, den der Werwohlf in Richtung SPD äußern mag, lautet daher: Werdet endlich wieder ihr selbst! Er mag euch dann zwar auch nicht lieber, muss sich aber wenigstens keine Sorgen mehr um diese in Deutschland unverzichtbare Partei machen.

[1] Schon aus koalitionstaktischen Gründen sollten zumindest „FDP-Liberale“ am Fortbestand einer starken SPD interessiert sein…

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7 Gedanken zu “Warum der Werwohlf die SPD mag

  1. Zitat:
    „Aus Linken werden keine Konservative und noch weniger Liberale. Wer nicht mehr SPD wählt, bleibt entweder zu Hause (das würde St. Angela immerhin noch passen), oder er wählt die akzeptierten Alternativen im linken Spektrum: die SED oder die Grünen.“

    Oder, wie zu befürchten ist, die AfD.
    Die hat für mich weder etwas mit den klassischen deutschen Konservativismus (der NACHKRIEGSZEIT, wichtig!), noch mit den Liberalismus etwas zu tun.

    Zitat:
    „So übel man die Perfomance der SPD z.Zt. auch beurteilen mag: Diese Partei hat eine lange Geschichte darin, in entscheidenden Situationen das Richtige zu tun.“

    Wenn ich mir das Personal und die Hysterie in den Reihen dort so ansehe, dann kann ich keine echte Sympathie mit dieser Partei empfinden. Die Wahrheit ist aber: Ja, z. B. unter Helmut Schmidt, später unter Schröder etc. war die SPD zu völlig überraschenden Handlungen bereit.

    Zitat:
    „Die Grünen haben keinen vergleichbar langen Track Record vorzuweisen, sind also in dieser Hinsicht eher unsichere Kantonisten.“

    Sorry, aber die SPD im Jahre 2018 hat ein völlig anderes Personal als die SPD, die damals mit Nein beim Ermächtigungsgesetz gestimmt hat.

    Zitat:
    „Wenn wir Liberale und Konservative schon damit leben müssen, dass es auch Linke auf der Welt gibt (ein Zugeständnis, das umgekehrt etwas aus der Mode gekommen zu sein scheint), dann sollte man die lieber von der SPD vertreten sehen als von irgendeinem anderen Haufen.“

    Die Liberalen und Konservativen in einem Boot? Die traditionell und weltweit heftige Feinde sind?

    Nun gut, die Toleranz der Linken nimmt leider immer mehr ab. Man muss sich schon mehr und mehr Sorgen machen, noch abweichende Positionen zu formulieren.

    • Wenn ich mir das Personal und die Hysterie in den Reihen dort so ansehe, dann kann ich keine echte Sympathie mit dieser Partei empfinden.

      Echte Sympathie habe ich auch nicht. Vor allem aber Respekt.

      Sorry, aber die SPD im Jahre 2018 hat ein völlig anderes Personal als die SPD, die damals mit Nein beim Ermächtigungsgesetz gestimmt hat.

      Natürlich. Aber sie steht in dieser Tradition. Und wenn nicht sie, dann sonst auch keiner.

      Die Liberalen und Konservativen in einem Boot? Die traditionell und weltweit heftige Feinde sind?

      Ach, so heftig sind sie das gar nicht. Ich mäandere an der Grenze zwischen diesen beiden Etiketten auch immer herum, ohne dass es mir Schmerzen bereitet. Es gibt natürlich immer Fundis, die alles bis zum Exzess ausreizen, aber das ist eigentlich weder typisch für Konservative noch für Liberale.

      Und selbst wenn: Ein gemeinsamer Feind verbindet besser als alles andere.

    • Zitat:
      „Sorry, aber die SPD im Jahre 2018 hat ein völlig anderes Personal als die SPD, die damals mit Nein beim Ermächtigungsgesetz gestimmt hat.“

      Natürlich. Aber was das Anderssein angeht entsteht die Frage: Wie anders? Die marxistische Orientierung wurde mit Godesberg – ich sach mal – erheblich beiseite geschoben. Das Personal davor, namentlich in den Weimarer Zeiten, war i.d.R. wesentlich marxistischer unterwegs; das ist m.E. eigentlich der Hauptunterschied. Mit den Kommis gemeinsame Sache machen, kam gleichwohl für die meisten nicht in Frage, obwohl für die Wahl 1932 im Sinne einer Listenverbindung von einem gewissen Albert Einstein (neben anderen) empfohlen. Kurt Schumacher (jahrelanger KZ-Häftling, ein durchaus orthodoxer Marxist, der mit Marktwirtschaft selbstverständlich nichts am Hut hatte) pflegte als SPD-Chef der ersten Nachkriegsjahre die Kommis als „rot lackierte Nazis“ zu bezeichnen. Das Links/rechts-Ding is halt komplex.

      Zitat:
      „Die Liberalen und Konservativen in einem Boot? Die traditionell und weltweit heftige Feinde sind?“

      Stimmt natürlich auch, indessen bekam das schon bei der Liebe gewisser liberaler Zeitgenossen zu Bismarck, woraufhin man sich innerliberal zu spalten pflegte, einen deutlichen Knacks, denn Freunde und Feinde sind nu mal dynamisch. Und sich mal locker machen muss ja auch nicht immer falsch sein. Andere sagen wiederum, dass so was wie „sozial-liberal“ eigentlich streng verboten gehört, weil widersprüchlich.

      Womöglich gibt es am Ende des Tages es in der Politik gar keine Widersprüche 🙂 Ideologien sind ja erfunden, dann kann man auch etwaige Widersprüche wegerfinden – falls opportun.

  2. Lieber Werwohlf,
    mein „gefällt mir“ unter Deinen Artikel beinhaltet ein Augenzwinkern.

    Zu Ermächtigungsgesetz und Bundeskanzler Schmidt bin ich Deiner Meinung. Bei Schröder nicht, weil er mir als Rentner mit der Aussetzung der Rentenanpassung einen Schaden zugefügt hat. Das kurz vor seiner Amtszeit verabschiedete Rentengesetz der Kohl-Regierung, in welches der Demografiefaktor eingearbeitet wurde, wäre für mich günstiger gewesen. Dies wurde sofort nach Schröders Amtsantritt aufgehoben. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, hat Schröder diese Aufhebung später selbst als Fehler bezeichnet.

    Eine Anmerkung noch zur Wählerwanderung 2017:

    Zitat:
    „Wer nicht mehr SPD wählt, bleibt entweder zu Hause (das würde St. Angela immerhin noch passen), oder er wählt die akzeptierten Alternativen im linken Spektrum: die SED oder die Grünen.“

    Das stimmt nur bedingt, weil immerhin 500 000 Wähler, das sind 3,9% (bezogen auf das Wahlergebnis 2017) die AfD gewählt haben.
    Die FDP war mit 430 000 Stimmen der zweite große Nutznießer. Zur Linken sind nur 380 000 gewechselt und zu den Grünen 400 000.
    Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article168989573/Welche-Parteien-die-meisten-Stimmen-an-die-AfD-verloren.html#cs-lazy-picture-placeholder-01c4eedaca.png

    Herzlich, Paul

    • Lieber Paul, dass ein SPD-Kanzler (und eigentlich überhaupt ein Kanzler) keine Entscheidungen trifft, die uns nicht in irgendeiner Weise negativ beeinflussen, werden wir wohl nicht erleben und nachfolgende Generationen auch nicht. Und hoffentlich wirst du mir verzeihen, wenn ich etwas Herumbasteln an Rentenformeln für das Schicksal des Landes nicht so entscheidend halte wie die sozialen und wirtschaftlichen Reformen Schröders, gipfelnd in der Agenda 2010. Deswegen muss man nicht all seine Maßnahmen bejubeln oder gar den Mann für sympathisch halten.

      Was die Wählerwanderung angeht: Ich finde unter deinem Link nur ein Bild mit der Wanderung von den Nichtwählern zu den Parteien… Mein Punkt ist auch folgender (und wer das bestätigt sehen will, der geht zu diesem Link – notfalls erst noch auf zu analysierende Partei klicken : https://wahl.tagesschau.de/wahlen/2017-09-24-BT-DE/wanderung_embed.shtml ).

      Die meisten Wähler, die 2013 SPD wählten, taten dies auch 2017 wieder. Wer bei so viel Gegenwind und Ungemach weiter diese Partei wählt, würde m.E. zukünftig dann auch eher im linken Spektrum verbleiben, wenn es die SPD nicht mehr gäbe. Wer sich von der SPD weg bewegte, tat dies, wenn wir die nicht unerheblichen Verstorbenen mal aus der Rechnung herausnehmen, mit fast 55% zu den von mir genannten Zielen. Ins „bürgerliche“ Spektrum bewegten sich nur 30% (mal vorausgesetzt, man kann die Merkel-CDU noch dazu zählen…). Zur AfD wären es dann nur ca. 11%. Wenn man sich anschaut, welch unselige gedankliche Allianz von Nationalismus und Sozialismus offensichtlich Gestalten wie Höcke vorschwebt, dann ist dieser Schritt tatsächlich nicht sehr groß – um so verwunderlicher, dass nur so wenige dorthin wechselten. Aber vielleicht wirkt hier noch die Propaganda nach, die AfD sei „neoliberal“ ausgerichtet. Das wäre sie unter Lucke vielleicht geblieben bzw. geworden, aber die noch unter seine Ägide entstandenen Programmreste entsprechen schon längst nicht mehr der Mehrheit der Mitglieder. Aber dieses kennen vermutlich die meisten Wähler auch gar nicht. Die haben einen Grund, sich für diese Partei zu entscheiden. Da die AfD aber überall vor allem Proteststimmen einfängt, würde ich jeden Zuspruch über insgesamt 4% Stimmenanteil nicht als wirklich dauerhaft einstufen, wenn an der nächsten Lampe schon die nächste Protestschlampe bereit steht.

      • Lieber Werwohlf,
        Entschuldigung, das mit der Wählerwanderung in meinem Link habe ich übersehen.
        Danke für Deinen zutreffenden Link.
        Die SPD-Wähler haben sich in alle Winde zerstreut. Überrascht hat mich die hohe Zahl die zur Union gewechselt sind.

        Bei Schröder hat mich das mit der Rente besonders gestört, weil ich ein Betroffener bin.
        Mit der Agenda 2010 habe ich mich zu wenig beschäftigt und kann sie deshalb nicht beurteilen.

        Herzlich, Paul

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