Was über ein Gedicht und über ein Forum

Nein, die beiden Themen hängen nur dadurch zusammen, dass der Werwohlf sie in eine Überschrift packt. Oder vielleicht… Mal schauen.

Viel Staub hat der Beschluss einer Berliner Hochschule aufgewirbelt, ein an der Außenwand ihres Gebäudes angepinseltes Gedicht übermalen zu lassen mit der Begründung, es sei sexistisch (der Wortlaut der Begründung selbst ist umständlicher, läuft aber darauf hinaus), weil sich in dem Gedicht zu Allen. Blumen und einer Frau ein Bewunderer gesellt und somit die Frau „zu einem Objekt männlicher Bewunderung degradiert würde““. Nun kennt der Werwohlf nur wenige Frauen, die sich als „Objekt männlicher Bewunderung“ tatsächlich „degradiert“ vorkämen, und auch er selbst empfände wohl alles andere als das, könnte er von sich sagen, Objekt dann weiblicher Bewunderung zu sein. Andererseits hat er gerade deswegen auch Verständnis für die Frauen (und Männer), die dieses Gefühl nicht kennen, nur würde er diesen Mangel nicht zur Norm erheben wollen. Und selbst wenn ihn keine einzige Frau bewundern sollte (okay, wenigstens eine tut das, und mehr braucht er nicht), so würde er es sich nie nehmen lassen, Schönheit da zu bewundern, wo er auf sie trifft. Zum Glück sind die meisten Frauen, die dem Werwohlf begegnen, nicht wissenschaftliche Mitarbeiterinnen oder Studentinnen besagter Hochschule und daher bestrebt, ihrer naturgegebenen Schönheit hier und da geschickt auch etwas nachzuhelfen. Und zwar, wie wir vermuten dürfen, mit der Absicht, wenigstens ein bisschen bewundert zu werden. Oder dies wenigstens billigend in Kauf nehmend. Aber moderne Zeiten und Poesie – das geht irgendwie nicht. Können Sie sich ein korrekt gegendertes Gedicht vorstellen, das emotional berührt? Ein korrekt gegendertes Liebeslied? Überall, wo bisher sträflich diskriminierend von „Frauen“ und „Männern“ die Rede war, müsste ein ganzes Bataillon Buchstaben eingefügt werden, von dem man nur weiß, dass es mit „L“ beginnt und ähnlich wie die Dezimaldarstellung der Zahl „Pi“ mit jedem Jahr aufgrund neuer Erkenntnis wächst. Viel Spaß beim Dichten!

Übrigens, wenn der Einschub erlaubt ist (ja, ist er, wer sollte es mir verbieten?), ist das bei Slogans nicht anders. Wenn man sich je bemüht hätte, „one man, one vote“ korrekt zu gendern, hätten wir noch heute kein allgemeines Wahlrecht (auch nicht für Frauen), weil man immer noch mit der Formulierung beschäftigt wäre.

A propos Formulierung (man ernenne den Werwohlf zum Meister des Übergangs): „Forum bieten“ ist ja ziemlich en vogue in den Debatten, meist in dem Zusammenhang, dass man der AfD kein solches bieten solle. Um so interessanter ist es, was bei denen, die diesen Wunsch äußern, denn so an Stelle dieser Partei zu treten pflegt. 

Die „Süddeutsche“ gibt einer Soziologin namens Naika Foroutan jede Menge Forum – eher schon so eine Art Messeplatz. Schon beim Namen klingelte es. Der Werwohlf erinnert sich, dass die besagte Dame an vorderster Front der Kritiker von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ stand. Im Verlauf dieser Debatten versuchte sie mal im ZDF Henryk M. Broder nahezulegen, dass 28% ein Drittel seien[1] – solche mathematischen Glanzleistungen prägen sich dem Werwohlf leider ein und ruinieren ohne große Umstände bei ihm das Ansehen von sich als Leuchten der Wissenschaft gerierenden Menschen. Vorurteile haben einen schlechten Ruf, aber was zum Henker soll man machen, wenn sie sich bestätigen? 

Man lese sich das Interview mal durch. Der Werwohlf wäre mindestens einen Arbeitstag beschäftigt, all den Mist zu beschreiben, den die gute Frau da verzapft, so lang ist das Interview und so oft kommt er darin vor. Kulturelle Unterschiede z.B. kommen darin nicht vor.  Welche Rolle spielt in verschiedenen Zuwanderergruppen die Religion? Welche Anforderungen muss man erfüllen, um als Mann zu gelten, und welche Pflichten werden einer Frau auferlegt? Welche Methoden zur Lösung vom Konflikten werden in welchen Fällen präferiert? Der Begriff „Kultur“ kommt zwar vor, aber ausschließlich in der Form von in Deutschland angebotenen Institutionen. Stattdessen versucht die Soziologin, die entstehenden Spannungen ausschließlich mit irrationalen Reaktionen der aufnehmenden Gesellschaften zu erklären, so als sei vernünftige Kritik an der unbegrenzten Zuwanderung gar nicht denkbar. Konsequent müssen für sie auch alle AfD-Wähler einen Hang zum Rassismus haben. Abgesehen davon, dass der der AfD zugeschriebene Rassismus sich vor allem aus den Äußerungen einiger Mitglieder und Funktionäre speist, aber kaum im Programm wiederzufinden ist (jedenfalls nicht, wenn man noch kürzlich geltende Maßstäbe anlegt…), ignoriert diese Wissenschaftlerin das Phänomen des Protestwählers komplett. Dabei hatte man als Wähler, der sich mit dem im Grunde doch ziemlich sensationell-neuen Konzept der Aufgabe der deutschen Landesgrenzen nicht abfinden wollte, unter den im Bundestag vertretenen Parteien keinen Anlaufpunkt – und wenn einem dieser Punkt wichtig genug war, blieb einem nicht viel anderes übrig, als die AfD zu wählen, wenn man der vorsichtigen Absetzung Lindners vom Bundestag-Konsens nicht so recht traute, wofür es FDP-geschichtlich auch genug Anlässe gab. Eine Zustimmung zum sonstigen Programm der AfD war bei diesen Wählern nicht vorhanden – Frau Foroutan unterstellt aber genau dies. Oder für sie ist jede Gegenposition zu vollkommen offenen Grenzen „Rassismus“ – eine Position, die zwar total exaltiert ist, aber von den üblichen Verdächtigen versucht wird durchzudrücken. Als gesellschaftlich akzeptiert kann man sie allerdings nicht voraussetzen. Den Status soll sie durch solche Interviews erst erhalten.

Besonders interessant ist der „Lösungsansatz“ der Frau Foroutan. Quote bis zum Abwinken. In allen Lebensbereichen. Sie zählt explizit auf: Ostdeutsche, Migranten, Frauen und andere unterrepräsentierte Gruppen in der Gesellschaft. Die Kunst wird dann in Konsequenz darin bestehen, sich als Individuum einer „unterrepräsentierten“ Gruppe zuzuschreiben. Für den Werwohlf wäre das dann wohl die Gruppe der Blogger, die ihren Nick einem aus einem billigen amerikanischen Teenie-Film entlehnten Wortwitz verdanken. Oder so. Aber das Potenzial solcher Ideen wird kolossal unterschätzt. Man denke nur an diese lästige Wählerei. Völlig überflüssig, es kommt ja eh keine Regierung dabei heraus, wie man sieht. Wenn alles nur genug quotiert ist, gibt es eigentlich nichts mehr zum Abstimmen, dann müssen nur noch alle in Frage kommenden die ihnen zustehenden Plätze einnehmen. Denn der Witz ist ja, dass gerade die „Unterrepräsentierten“ eben nicht aus einem großen Fundus an Kandidaten schöpfen können, sondern genau da – eben – unterrepräsentiert sind. Man kennt das: Die einzige Frau auf der Ortsverbandssitzung muss schon mindestens Schwangerschaft vorschützen, um nicht in verantwortliche Ämter gehievtgewählt zu werden.  

Aber was für eine erbärmliche Vorstellung von der Welt. Wenn Sie sich mal ein wenig mit Statistik beschäftigt haben, wissen Sie, dass man zwar Aussagen über diverse Verteilungen diverser Merkmale treffen kann, dass dies aber keineswegs heißen muss, dass diese Merkmale auch in jeder Teilmenge der beobachteten Grundgesamtheit in genau der gleichen Relation vertreten sind. Der Normalfall ist ein bunt geschecktes Bild an Verteilungen im Detail, die eben nur für das Große und Ganze die berichtete Menge aufweisen. Ein in der Politik schon angetroffenes Beispiel: Wenn es um Atomkraftwerke geht, kursieren schnell mal Zahlen, die ein Zusammentreffen von diesen Stromerzeugern mit Häufungen von Lymphdrüsenkrebs zeigen. Der Punkt hier ist: Diese Häufungen treten praktisch über die ganze Republik hinweg auf. Denen stehen natürlich Regionen gegenüber, wo dieser Krebs krass unterrepräsentiert ist, aber es reicht, um eine Nähe der Häufungen zu den Kraftwerken zu zeigen, die da, wo sie gebaut wurden, auch recht wild in der Republik verstreut sind. Und der Witz ist: All das ist schlicht zu erwarten. 

Quoten hingegen sind anders. Die wollen das angestrebte Ziel für das Große und Ganze in jeder kleinsten Untereinheit umgesetzt sehen. Sie können auch gar nicht anders, denn welches Kriterium sollen sie für abweichende Verteilungen anführen? Da kann das Verhältnis von Grundschullehrern zu Grundschullehrerinnen, von Ingenieuren zu Ingenieurinnen jeweils noch so extrem abweichen: Überall muss dieselbe Quote erfüllt werden. Das ist schlicht und einfach umenschliche Sozialklempnerei, die in die Freiheit jedes einzelnen Menschen eingreifen will, um sich eine nach ihrem Bild uniforme Gesellschaft zu schaffen. Uniform? Quote soll doch gerade das verhindern! Eben nicht. Nehmen Sie die Tarnanzüge einer Armee. Die sehen zwar alle bunt gescheckt aus,  aber jeder Soldat trägt dasselbe Muster. Man nennt das dann Uniform.

Übrigens hat Frau Foroutan auch hier ihren „ein Drittel“-Moment:

Aber denken Sie an Justin Trudeau. Der kanadische Präsident hat sein Parlament radikal quotiert. Und auf die Frage, warum er das tue, hat er schlicht und einfach geantwortet: Because it is 2015.

Das hätte sie vielleicht gerne, aber die Quotierung des kanadischen Premiers (nicht Präsident, by the way, das Staatsoberhaupt Kanadas residiert woanders, aber das lernen solche Wissenschaftler irgendwann auch noch) bezog sich nicht auf das Parlament (das auch nie und nimmer „seines“ sein kann), sondern auf die von ihm zusammengestellte Regierung. Wäre der Werwohlf wirklich fies, hätte er die Beschäftigung mit dem Interview mit diesem Passus beginnen lassen und ein „Wenn sie schon diese Basics nicht drauf hat, sagt das alles“ angefügt. Und dem Interviewer fiel es auch nicht auf, was Anlass für eine Bemerkung über das Niveau der „Süddeutschen“ hätte sein können.

Aber der Werwohlf ist ja ein Netter.

 

[1] Es ging wohl damals um den Anteil bestimmter Schulabschlüsse bei Kindern bestimmter Migrantenpopulationen. Leider ist Broder auch kein Zahlenmensch, und so blieb Frau Foroutan die fällige Blamage erspart („Nein, werte Frau, ich weiß zwar nicht, wie das an Ihrem Institut ist, aber nach allem, was man mir mal beigebracht hat, sind 28% deutlich näher an einem Viertel als an einem Drittel.“)

 

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5 Gedanken zu “Was über ein Gedicht und über ein Forum

  1. Danke ,lieber Werwohlf,
    für diesen Artikel.
    Ja es gibt schon Schurnalisten, da sträuben sich einem die Haare. Die fehlende Mathematikkompetenz würde ich ihr verzeihen, wenn alles andere in Ordnung wäre.

    Da fällt mir ein Witz ein:
    Der Mathematiklehrer trifft nach Jahren einen ehemaligen Schüler. Dickes Auto, goldene Ringe, elegant gekleidet – Neureich eben.
    „Was machen Sie denn?“
    „Ich mach in Würstchen“.
    „Wie das, sie waren doch immer ein schlechter Rechner.“
    „Ich kaufe die Würstchen das Kilo für 1€ und verkaufe sie für 1,20 und von den 2 Prozent lebe ich.“

    Herzlich, Paul

  2. Inzwischen gibt es ja schon ein Alternativgedicht:

    Köpfe
    Köpfe und Bretter
    Bretter
    Bretter und Nägel
    Köpfe
    Köpfe und Nägel
    Köpfe und Bretter und Nägel und eine Schraube (locker)

    Mal sehen, vielleicht lass ich mir ein T-Shirt damit anfertigen, zusammen mit dem Original…

  3. Wenn die Tante Wissenschaftlerin ist dann bin ich kleiner Hobbymusiker Beethoven. Oder hat Wissenschaft nix mit Wissen zu tun? Leider ist sie ein weiterer Beweis für Hadmut Danischs Vorurteil, Geistes“wissenschaftler“ wären nur grenzdebile Dummschwätzer.

    • Bin da ganz bei dir. Ich musste mich sehr zurückhalten, im Text keine Anführungszeichen zu verwenden, war mir aber sicher, dass die meisten Leser diese automatisch mitdenken würden.

Platz für Senf.

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