Was zu Zeitverträgen

Auf „Zeit Online“ ging ein Autor hart mit Unternehmen ins Gericht, die jungen Berufseinsteigern Zeitverträge anbieten. Auf Twitter fand das Blatt den folgenden Passus für besonders zitierenswert:

Der Autor kritisiert in dem Artikel, dass junge Menschen überdurchschnittlich oft nur einen Arbeitsvertrag auf Zeit angeboten bekämen.

Mitarbeiter ohne Not in Zeitverträgen zappeln zu lassen, ist ein Armutszeugnis für jeden Arbeitgeber und ein offenes Eingeständnis mangelnden Anstands. Legt euch ordentlich ins Zeug für uns, aber wenn uns danach ist, lassen wir euch trotzdem fallen – das ist die Botschaft, die Firmen selbst in Hochkonjunkturzeiten wie diesen Millionen Menschen in diesem Land ins Gesicht sagen. Es ist eine Schande, dass wir uns in einer Ökonomie eingerichtet haben, die es Unternehmen erlaubt, ihre Mitarbeiter im großen Stil wie Wegwerfware zu behandeln.

Nun – was bewegt denn ein Unternehmen dazu, Berufseinsteigern nur Zeitverträge anzubieten? Diese Frage stellt sich der Autor nicht. Für ihn ist klar: Lässt man die Unternehmen, würden sie ihre Mitarbeiter am liebsten „wie Wegwerfware behandeln“. Als ob nicht jedes vernünftige Unternehmen daran interessiert wäre, Talente und tüchtige Mitarbeiter an sich zu binden. Schließlich steht an der nächsten Lampe schon die nächste Firmenschlampe bereit, einem solchen Menschen ein unmoralisches Angebot zu machen. Zeitverträge sind übrigens die Regel bei Managern(! – daher die hohen Abfindungen bei vorzeitiger Vertragsauflösung) und Profi-Fußballern (gerade hat einer davon einen Prozess dagegen verloren). Klagen, man werde „wie Wegwerfware behandelt“, hört man von diesen Beteiligten eher selten. Solche Verträge pflegen im gegenseitigen Einvernehmen denn ja auch immer wieder verlängert zu werden, wobei Manager eher von ihren Arbeitgebern gefeuert werden, während die Profi-Kicker meist von sich aus gehen und dabei in der Wahl ihrer die Vertragsauflösung fördernden Methoden nicht immer sehr zimperlich sind. 

Aber nochmal – welche Gründe gibt es, wenn denn „Not“, der einzige Grund, der dem Autor legitim erscheint[1], nicht vorliegt? Da es vor allem junge Menschen betrifft, liegt die Vermutung nahe, dass sich das Unternehmen nicht sicher ist, ob der jeweilige Mitarbeiter[2] zu ihm passt oder nicht. Und ob es positive Aussichten in Hinsicht auf die Entwicklung des Humankapitals dieser Person gibt. Tatsache ist ja, dass Unternehmen in junge Mitarbeiter, die gerade aus der Ausbildung kommen, erstmal auch investieren müssen. Keiner verschwendet da gerne sein Kapital, zumal man bei bei dieser Klientel auch noch keine Loyalität oder eine sonstwie eingespielte Anhänglichkeit voraussetzen kann wie bei Mitarbeitern, die schon lange dabei sind. Die wichtigste Frage ist doch die, ob solche Verträge dann auch verlängert werden. 

Weiter im Text: 

Einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin ohne triftigen Grund mit einem Zeitvertrag abzuspeisen – das ist sicherlich der unverhohlenste Ausdruck von Missachtung von Talent, von Motivation oder auch einfach nur des Wunsches eines Menschen, das eigene Leben halbwegs planen zu können. Jede Kündigung braucht von Rechts wegen eine Erklärung, einen befristet Beschäftigten kann man gehen lassen, ohne Lebewohl sagen zu müssen. Die anlasslose Befristung zu verbieten, ist deshalb richtig und eine Frage des Respekts.

Der hier so hochgehaltene „unbefristete“ Arbeitsvertrag ist meist auch ohne Probleme innerhalb der ersten sechs Monate kündbar (Probezeit). Schon das widerspricht der geforderten Planungssicherheit für das ganze Leben. Die sowieso absolut unrealistisch ist, denn auch unbefristete Arbeitsverträge lassen sich kündigen. Schwer, wenn der Kündigungsgrund in der Person liegt, leichter, wenn er betriebswirtschaftlicher Natur ist. Aber viele Unternehmen sind da gebrannte Kinder. Manche schaffen es noch, die ersten sechs Monate ihre wahre Leistungsbereitschaft und ihren wahren Charakter zu verbergen, aber weniger dürften das über ein Jahr hinweg durchhalten. Also ist mancher Zeitarbeitsvertrag auch eine Art verlängerte Probezeit. Das „Lebewohl“, das der Autor hier erwähnt, lässt sich übrigens in Cash beziffern – es geht natürlich um Abfindungen. Abfindungen sind das Schmiermittel, das aus rechtlich unzulässigen Kündigungen (welche das sind, weiß man immer erst nach einem Urteil) so gut wie immer wirksame macht. Die Fälle, dass jemand letztlich gegen den Willen der Chefs im Unternehmen bleiben kann, dürften rar gesät sein. Aber was nutzt einem die Abfindung, wenn man danach mehr keinen Job findet? Zumal man gerade als junger Mensch bei der berühmt-berüchtigten „Sozialauswahl“ schnell durch den Rost fällt und dann auch keine große Aussicht mehr auf eine finanzielle Entschädigung hat. 

Es hilft alles nichts: Als Arbeitnehmer muss man dem Arbeitgeber beweisen, dass man ihm mehr bringt, als er für einen zahlen muss (was nicht identisch ist mit dem, was er einem zahlt…). Am Anfang, in der Mitte und am Ende der Berufslaufbahn. Wer suggeriert, das ginge auch anders, macht sich mitschuldig an gescheiterten Lebensentwürfen. Und wenn man diesen Beweis zu erbringen in der Lage ist (schwer objektiv messbar, aber zumindest nach Auffassung der maßgeblichen Chefs), ist es völlig egal, welche Art Vertrag man hat. Der Werwohlf hat als Freiberufler die Erfahrung gemacht, dass trotz praktisch täglich kündbarer Verträge eine solche Beziehung so gut wie ewig hätte dauern können, wenn er nicht selbst irgendwann wieder auf einen anderen Auftrag Lust gehabt hätte.

Das ist der eigentliche Clou der Sache. Nur, weil er tägliche Kündbarkeit versprach, bekam der Werwohlf immer auch die Chance, für neue Unternehmen tätig zu werden, die ihn vorher nicht kannten, die seine Expertise nicht einschätzen konnten und deren Branche ihm unbekannt war. Und nachdem sich die Lage geklärt hatte, stand nur noch das Gesetz und die zunehmende Unlust des Werwohlfs gegen eine unbegrenzt andauernde Zusammenarbeit auf dieser Basis. Wobei man sagen muss: Dass man mit jederzeit kündbaren externen Beratern oft die üblichen konzerninternen „Headcount“-Grenzen überwinden kann, spielte ihm dabei auch in die Karten. Diesen Vorteil haben Mitarbeiter mit Zeitarbeitsverträgen nicht, da ist die Hürde höher.  Dennoch ist sie immer noch niedriger als bei sofortigem Arbeitsbeginn mit einem unbefristeten Vertrag, und das kann für viele junge Menschen die entscheidende Chance sein, sich zu empfehlen.

Die Botschaft bleibt aber die: Im Normalfall sollte man gerade als junger Mensch eine Befristung ignorieren und einfach so gut wie möglich seinen Job machen. Planbar ist das Leben eh nicht, und je eher man sich daran gewöhnt, um so besser ist man gegen Rückschläge gewappnet. Wenn man was auf dem Kasten hat und sich anstrengt, wird aus dem befristeten Job dann auch ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis, ungeachtet der vertraglichen Ausgestaltung. Glaubt denen nicht, die euch einreden wollen, man könne diese Logik durch rechtliche Hürden außer Kraft setzen. Das Risiko einer hohen Abfindung ist in das Entgelt unbefristeter Verträge in der Regel zu einem gewissen Prozentsatz eingepreist, oder in die Wahrscheinlichkeit ihres Zustandekommens. 

Hier könnte mit dem Blogbeitrag Schluss sein, wenn da nicht doch dieser Ausflug des Autors in die Volkswirtschaftslehre wäre:

Ohnehin ist die Befristung Ausdruck eines Marktversagens, mit dem sich in den Sondierungen eigentlich wunderbar gegenüber der Union hätte argumentieren lassen, wenn man denn gewollt hätte. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage besagt: Wenn ein Unternehmen mehr von einem Arbeitnehmer will als das gemeinhin Übliche, muss es auch mehr zahlen als gemeinhin üblich. Die personelle Manövriermasse für das, was euphemistisch natürliche Fluktuation heißt, braucht ihren Preis. Wer nur auf Zeit einen Job bekommt, sollte als Ausgleich für die Unsicherheit einen Lohnaufschlag erhalten. Tatsächlich passiert das Gegenteil: Wer einen Zeitvertrag hat, bekommt sogar weniger Geld.

Schon dem angehenden Volkswirt schießt da ein Gedanke in den Kopf: „Ceteris paribus“, „alle anderen Dinge gleich gelassen“. Die Unterstellung, mit befristeten Arbeitsverträgen würden genau so viele Menschen eingestellt ie mit unbefristeten, so dass der einzige Unterschied eben in der Ausgestaltung des Vertrags und dem Entgelt liegt, steht nämlich auf wackligen Füßen. Die Möglichkeit einer erleichterten Kündigung senkt Einstellungshürden gerade für diejenigen, über deren Beitrag sich das Unternehmen vorher nicht so sicher sein kann. Also ist zu erwarten, dass eher mehr davon eingestellt werden, dann aber, weil die Absenkung dieser Hürde vielleicht allein nicht ausreicht, oder weil von diesem Instrument insbesondere Firmen aus Branchen Gebrauch machen, die solche Kandidaten vorher nicht in gesuchten Praktika kennenlernen konnten, eben auch zu einem geringeren Entgelt. Es ist eine Frage der Alternativen: Wer gefragte Qualifikationen mitbringt, bekommt auf Wunsch selbstverständlich einen unbefristeten Vertrag und eine hohe Vergütung. Bei wem das nicht so ist, der muss bei beidem Abstriche machen.

Das Schönste an diesem Artikel aber ist. dass der Autor sich an einem Feindbild abarbeitet, das gar nicht relevant ist. Wenn man sich umschaut, wo man am meisten mit Befristungen rechnen muss, stößt man nicht auf böse, gierige Kapitalisten, sondern auf – den Staat

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6 Gedanken zu “Was zu Zeitverträgen

  1. Solche Verträge pflegen im gegenseitigen Einvernehmen denn ja auch immer wieder verlängert zu werden, wobei Manager eher von ihren Arbeitgebern gefeuert werden, während die Profi-Kicker meist von sich aus gehen und dabei in der Wahl ihrer die Vertragsauflösung fördernden Methoden nicht immer sehr zimperlich sind.

    Du sprichst hier einen wesentlichen Punkt an, der meines Erachtens vieles wieder kuriert:
    Der Vertragsabschluss. Wenn sich die beiden Parteien einvernehmlich und ohne äußeren Zwang auf eine Ausgestaltung einigen, dann hat der Staat sich eigentlich rauszuhalten. Höchstens kann der Staat den „Schwachen“ helfen, die quasi jede Vertragsbedingung aufgedrückt bekommen können. Aber grade da versagt der moderne Sozialdemokratismus.

    Der hier so hochgehaltene „unbefristete“ Arbeitsvertrag ist meist auch ohne Probleme innerhalb der ersten sechs Monate kündbar (Probezeit). Schon das widerspricht der geforderten Planungssicherheit für das ganze Leben.

    Entschuldigung, dasist doch sehr zu kurz gedacht!
    6 Monate sind etwas völlig anderes als zwei Jahre. Mir sind persönlich Fälle bekannt, wo jemand zwei Jahre lang immer einen befristeten Vertrag nach dem anderen erhielt. Klar, dass man das anders bewertet.

    Schwer, wenn der Kündigungsgrund in der Person liegt, leichter, wenn er betriebswirtschaftlicher Natur ist. Aber viele Unternehmen sind da gebrannte Kinder.

    Das ist korrekt. Eine Person wegen schlechter Leistung zu kündigen ist rechtlich fast unmöglich.
    Deshalb muss man der Person häufig sehr hohe Abfindungen zahlen oder irrelevante Ersatzgründe finde (hat mal eine BÜroklammer geklaut), wobei letzeres bei den sozial Bewegte auch wieder zu Problemen führt.

    Das ist aber nur eines der zentralen Probleme. Ein weiteres Problem ist, dass aus diesen Grund die Unternehmen einen immer härteren Selektionsprozess durchführen, durch den dann Alte, Kranke und sonstige „Problemfälle“ nicht mehr kommen können.
    Darüber heulen dann die sozial Bewegten auch wieder rum. Die Logik führt fast unerbittlich zur Abschaffung jedes Marktes, wie wir es z. T. in den südlichen Ländern und Frankreich schon sehen.

    Glaubt denen nicht, die euch einreden wollen, man könne diese Logik durch rechtliche Hürden außer Kraft setzen.

    Haben Sie sich schon mal mit den französischen Arbeitsrecht befasst?

    Dort wird exakt das versucht. In einigen europäischen Ländern sind Kündigungen überhaupt nicht mehr zulässig. Sie können nur von einem Gericht oder auf Antrag von einer Behörde durchgeführt werden. In Italien dürfte man eine Zeit lang nur Leute einstellen, die offiziell durch die Arbeitsagenturen gelistet wurden usw.

    Wenn man sich umschaut, wo man am meisten mit Befristungen rechnen muss, stößt man nicht auf böse, gierige Kapitalisten, sondern auf – den Staat.

    Das ist typisch für die Linken…

  2. Guter Artikel, nur eine kleine Anmerkung: in Großkonzernen steht die Probezeit auch nur auf dem Papier; bevor Sie jemand in der Probezeit kündigen können (ohne Begründung wie es im Arbeitsvertrag in der Regel heißt) müssen Sie dem Betriebsrat eine Begründung liefern und bevor Sie kündigen, müssen Sie als Chef noch einen Aktionsplan vorlegen, wie Sie die Pfeife doch noch zu einem wertvollen Mitarbeiter machen. Welcher Chef gibt sich das?

    • „Das Schönste an diesem Artikel aber ist. dass der Autor sich an einem Feindbild abarbeitet, das gar nicht relevant ist. Wenn man sich umschaut, wo man am meisten mit Befristungen rechnen muss, stößt man nicht auf böse, gierige Kapitalisten, sondern auf – den Staat. “

      Bei Print- und Onlinemedien soll das ganz bösen und verleumderischen Gerüchten zufolge auch schon mal vorgekommen sein…

      • Teil des Problems: Journalisten scheinen meist anzunehmen, ihre Probleme seien repräsentativ für die Gesamtgesellschaft. Das war schon bei der „Generation Praktikum“ so.

  3. Zitat:
    “ Wenn man sich umschaut, wo man am meisten mit Befristungen rechnen muss, stößt man nicht auf böse, gierige Kapitalisten, sondern auf – den Staat. “

    Ja klar, erwähnenswert ist zudem, dass sich unter den gesetzlichen Befristungsgründen eine explizite Lex Staat befindet, also ein Befristungsgrund, den Private nicht in Anspruch nehmen können, nämlich wenn:
    Gesetzestext:
    „der Arbeitnehmer aus Haushaltsmitteln vergütet wird, die haushaltsrechtlich für eine befristete Beschäftigung bestimmt sind, und er entsprechend beschäftigt wird.“

    Schulzens Partei könnte ja mit gutem Beispiel vorangehen und überall da, wo sie zuständig ist, also in Arbeitgeberfunktion als Landesregierung oder auf kommunaler Ebene, haushaltspolitisch diese Praxis beenden. Geschieht aber interessanterweise nicht.

    Dass auch Private budgetieren und dass auch Unternehmensbudgets dadurch gekennzeichnet sind, dass nächstes Jahr möglicherweise das Geld ausgeht, bleibt unberücksichtigt, denn klar: Ein Finanzierungsrisiko kann man immer vortragen und damit jede Befristung begründen. Dieses Privileg bleibt dem Staat vorbehalten (die Rechtsprechung hat entschieden, dass privatrechtliche Haushalte/Budgets nicht einschlägig sind), wovon auch linksgestrickte staatliche Arbeitgeber sehr, sehr gerne Gebrauch machen. Das könnte SPD-seitig sofort geändert werden; subito; durch reines Verwaltungshandeln.

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