Was zu Siemens

Durch Zufall zappte der Werwohlf neulich in eine aktuelle Stunde des Bundestags zu den Plänen von Siemens, weltweit fast 7.000 Stellen abzubauen, darunter 6.900 in Deutschland. Politiker fast aller Parteien zeigten sich in großer Empörung. Sie hielten dem Konzern den letzten Jahresgewinn von über 6 Milliarden Euro vor und bezeichneten es als Unding, dass angesichts solcher Zahlen Stellen gestrichen würden, wo doch gerade die Arbeitnehmer durch ihre Arbeit zu dieser Zahl beigetragen hätten. Da können man sie unmöglich jetzt mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes bestrafen. Das Argument, der Stellenabbau sei wegen der Energiewende erforderlich, wurde barsch zurückgewiesen. Man brauche gerade für die Energiewende auch weiterhin Gasturbinen, wo doch Gaskraftwerke an die Stelle der Kohlekraftwerke treten sollen. Dem „CEO“ des Konzerns wurde eine frühere Aussage vorgehalten, die sinngemäß lautete, dass Beschäftigungsabbau keine große unternehmerische Leistung sei. Mit solchen Anwürfen tat sich insbesondere die SPD-Abgeordnete Högl hervor, die mal ihren persönlichen Shitstorm-Ruhm hatte, weil sie im Hintergrund feixte, während sich ihr Kanzlerkandidat Schulz gerade zum Tod von Terroropfern äußerte (sie hatte nach eigener, aus Sicht des Werwohlfs glaubwürdiger Aussage nicht mitbekommen, was er gerade sagte).

Und der witterte anlässlich dieser Meldung wohl die einmalige Chance, den neuen antikapitalistischen Kurs, den die SPD seiner Meinung nach einschlagen solle, eindrucksvoll zu demonstrieren. Laut „Süddeutscher Zeitung“ äußerte er sich wie folgt:

Am Wochenende sagte Schulz zu den Kürzungsplänen des Konzerns: Es sei „inakzeptabel, dass ein internationaler Konzern, der über Jahrzehnte direkt und indirekt vom deutschen Staat profitiert hat, jetzt die Mitarbeiter für Managementfehler bluten lassen will“. Die Pläne, nach denen an die 7000 Stellen in der Kraftwerks- und Antriebssparte gestrichen werden sollen? „Manchester-Kapitalismus“. Am Donnerstag legte er nach und kritisierte bei einer Demonstration vor dem Tagungshotel der jährlichen Siemens-Betriebsräteversammlung in Berlin-Neukölln die Vorgehensweise des Konzerns als „asozial“.

Schulz tritt damit der IG Metall an die Seite, die, wie man hinter vorgehaltener Hand hörte, sich entschlossen haben, in dieser Sache auf Konfrontationskurs zu gehen, obwohl die Arbeitnehmervertreter aus dem Konzern selbst auf Verhandlungen setzen wollten. Auf Seiten der Gewerkschaft mag angesichts sinkender Mitgliederzahlen Organisationsinteresse eine Rolle gespielt haben, aber vielleicht auch ein wenig der Wille, dem guten Partner SPD einen schönen Ball aufzulegen, den sie dann in Stimmenprozente zu verwandeln hätte – wer weiß.

Auf Schulzens Beschimpfung folgte sodann ein Brief des Siemens-Chefs, in dem dieser mit gleicher Münze zurückzahlte. Unter anderem wies er en passant darauf hin, wie viele Steuern Siemens dem deutschen Fiskus bereits überwiesen habe.

Nun kennt der Werwohlf naturgemäß die exakten Zahlen nicht, die Siemens dazu bewogen haben, diesen Schritt zu vollziehen. Er weiß aber zweierlei: Zum einen macht es sich gerade ein derart mit der Politik verwobener Konzern wie Siemens mit solchen Abbau-Plänen nie leicht. Ja gerade die Rücksichtnahme auf außerhalb des Unternehmens liegende Interessen kann dazu führen, dass ein Strukturwandel so lange verschleppt wird, bis die Konsequenz unausweichlich und die Zahl der Betroffenen dann sehr hoch geworden ist. Wenn Schulz von „Management-Fehlern“ spricht, kann er eigentlich nur gemeint haben, dass Siemens zu spät reagiert und schon viel früher Personal hätte reduzieren müssen. Oder welcher andere Fehler ließe sich Siemens sonst vorwerfen? Zum anderen haben die hier zitierten Politiker von Wirtschaft entweder keine Ahnung oder verbergen sie nur gekonnt.

Fangen wir mit dem Jahresgewinn 2016 an. Und vergessen wir mal den Umstand, dass dieser fast vollständig investiert wurde, vor allem in Akquisitionen, dass er also Siemens nicht viel mehr Geld in der Kasse gespült hat. Was stellen sich die Politiker eigentlich vor? Dass Arbeitsplätze eine Form der Gewinnausschüttung sind? „Hey, wir haben letztes Jahr einen hohen Gewinn gemacht, lasst uns ein paar Leute dafür einstellen!“? Es folgt die erste für Politiker der oben skizzierten Art sensationelle Aussage: Arbeitsplätze entstehen nicht wegen vergangenen Gewinnen, sondern wegen der Erwartung zukünftiger Gewinne, und zwar solchen, die gerade durch diese Arbeitsplätze entstehen. Alles andere wäre eine sträfliche Missachtung der Marktsignale, die dem Unternehmen über kurz oder lang Probleme bereiten würde. Kein Unternehmen der Welt kann es sich leisten, zu viele unproduktive Arbeitsplätze mit sich herum zu schleppen. Wobei „unproduktiver Arbeitsplatz“ nicht heißt, dass der Mensch, der ihn besetzt, nicht ordentlichen Output liefern würde. Aber es nutzt weder ihm noch seinem Unternehmen etwas, wenn dieser Output geringer entgolten wird als sein Arbeitsplatz kostet.

Oder denken diese Politiker vielleicht an so etwas wie Quersubventionierung? „Okay, wir haben hier eine Sparte, die uns viel Geld kosten wird, aber was soll’s, andere werfen ja noch genug ab!“ Wie würde es wohl Firmen ergehen, die sich auf Dauer größere Rendite-Killer leisten? Genau: Sie verlieren Investoren. Oder die aktuellen Eigentümer legen dem Chef der Firma eindringlich nahe, sich der Sache mal anzunehmen, wenn ihm sein Job lieb ist. Wer das anders sieht, der möge einem Investment-Fonds beitreten, der in Unternehmen investiert, die entweder Verlust machen oder eine miese Rendite erwirtschaften. Das volkswirtschaftliche Signal wäre jedenfalls eindeutig: Wo Verluste gemacht werden, werden Ressourcen verschwendet.

Das Argument, auch und gerade wegen der Energiewende bräuchte man noch Gasturbinen, scheitert hauptsächlich an einer Frage: Wie viele denn? Siemens legte dar, dass hier weltweit Überkapazitäten existieren und dass Wettbewerber bereits darauf hätten reagieren müssen. Nach den Prognosen des Konzerns jedenfalls führt auch der zukünftige Bedarf zu einer Unterauslastung einiger Werke. Deswegen und – das sollte man nicht vergessen – weil man die Technik und die Produktion an sich in Deutschland halten will, müsse man Kapazitäten und Kompetenzen „bündeln“, also zentralisieren. Fakt ist allerdings auch, dass durch den politisch durchgesetzten Vorrang für alternative Energien der Betrieb von modernen Gaskraftwerken unrentabel geworden ist. Sie können wegen der Überproduktion durch Wind und Sonne zu windigen und sonnigen Zeiten nur noch als Reserve zum Einsatz kommen, eben für die Zeiten, in denen der Wind weniger weht und die Sonne weniger scheint. Bei den hohen Fix- und Ingangsetzungskosten der neuen Gaskraftwerke greifen die Betreiber daher lieber auf ältere Kohlekraftwerke zurück. Werden diese dann auch durch die Politik verboten, wie es die Grünen wollen, könnten mehr Gaskraftwerke zum Einsatz kommen, aber die Kosten würden noch mehr steigen.

Ja, es ist richtig: Beschäftigungsabbau ist keine unternehmerische Leistung. Er erfordert keine Fantasie, kein besonderes Know-how und nicht das Eingehen von Risiken. Er gehört zu einer rein defensiven Strategie. Der Werwohlf ist sich auch sicher, dass Joe Kaeser, der Siemens-Boss, sich lieber für riesige Erweiterungsinvestitionen feiern lassen würde, als innerhalb des Konzerns bei den Arbeitnehmern und extern bei der Politik den Buhmann zu geben. Er würde aber seinen Job sträflich vernachlässigen, tolerierte er dauerhaft Überkapazitäten und Verluste. Jeder Mittelständler kann das begreifen, und nur weil Siemens größer ist, gelten dort nicht andere wirtschaftliche Regeln, auch wenn sich die Politik da lieber jemanden wünschen würde, der für sie Standortpolitik betreibt. Aufgabe der Politik ist aber nicht der Erhalt von konkreten Arbeitspölätzen in konkreten Unternehmen. Aufgabe der Politik ist es (besser: wäre es), ein Umfeld zu gestalten, dass es Arbeitnehmern leicht macht, neue Jobs anzunehmen. Aber das widerspricht den etatistischen Statikern von Schwarz, Rot und Grüne (und Blau), und der Unwille der Anderen, das zu begreifen, war offensichtlich ein wesentlicher Grund, warum die FDP aus den Sondierungsgesprächen ausgestiegen ist.

Nun kennt der Werwohlf die Konzern-Welt ein wenig. Die Angaben des Vorstands zur Lage und die vorgeschlagenen Maßnahmen sind keine Steintafeln, die der gute Joe Kaeser vom Berg Sinai herab gebracht hätte. Da haben vermutlich Heerscharen von Controllern und Unternehmensberatern so lange ein Excel-Feuerwerk gezündet, bis es dem Bauchgefühl des Managements gerecht wurde. Das heißt, im Detail gibt es gute Chancen für die Arbeitnehmervertreter, mit anderen Zahlen Paroli zu bieten und die Anpassungen für die Betroffenen deutlich erträglicher zu gestalten. Wenn sie sich denn auf eine solche Diskussion einließen. Aus Sicht des Werwohls wäre das im Sinne der Beschäftigten wesentlich sinnvoller, als hohle Phrasen aus dem Anti-Kapitalismus-Handbuch zu dreschen und die eigene Ahnungslosigkeit zu zelebrieren, was im Gewerkschaftsdeutsch in der Regel „kämpfen“ genannt wird.

Für Herrn Schulz und die IG-Metaller hat der Werwohlf aber einen Vorschlag: Put your money where your mouth is. Gründen Sie eine Gesellschaft, die die betroffenen Bereiche von Siemens zu übernehmen bereit ist. Bei den rosigen Aussichten, die Sie da ohne das lästige Siemens-Management prophezeihen, sollte es auch nicht schwer fallen, dafür externe Geldgeber zu finden. Wie wär’s?

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3 Gedanken zu “Was zu Siemens

  1. Das Argument, der Stellenabbau sei wegen der Energiewende erforderlich, wurde barsch zurückgewiesen.

    Das habe ich ja gar nicht mitbekommen. Ziemlich cool, wenn die wirklich so argumentiert haben. Mein Eindruck ist allerdings, dass die restliche Wirtschaft da erstaunlich still hält.

    Dem „CEO“ des Konzerns wurde eine frühere Aussage vorgehalten, die sinngemäß lautete, dass Beschäftigungsabbau keine große unternehmerische Leistung sei.

    Kein Arbeitgeber ist Stolz darauf, Leute zu entlassen.

    Oder denken diese Politiker vielleicht an so etwas wie Quersubventionierung?

    Klar, das wird ja in manchen Bereicehn schon so gemacht.

    Da haben vermutlich Heerscharen von Controllern und Unternehmensberatern so lange ein Excel-Feuerwerk gezündet, bis es dem Bauchgefühl des Managements gerecht wurde. Das heißt, im Detail gibt es gute Chancen für die Arbeitnehmervertreter, mit anderen Zahlen Paroli zu bieten und die Anpassungen für die Betroffenen deutlich erträglicher zu gestalten.

    Vorher klang das so: „Rechnet sich nicht“. Jetzt eher nach „Wurde so gerechnet“. Hm…

    • Vorher klang das so: „Rechnet sich nicht“. Jetzt eher nach „Wurde so gerechnet“. Hm…

      Zunächst mal besten Dank an n_s_n, dessen Ausführungen ich nur zustimmen kann.

      Der scheinbare Widerspruch lässt sich leicht auflösen: Erstens habe ich selbst nicht behauptet, dass es sich nicht rechnen würde, sondern nur die Argumentation des Unternehmens wiedergegeben. Woher sollte ich es auch besser wissen? Mit Siemens hatte ich noch nie beruflich zu tun. Zweitens: Selbst wenn man der Begrǘndung zustimmt, heißt das noch lange nicht, dass die abgeleiteten Maßnahmen sich zwingend ergeben müssen – da ist zwangsläufig eine Menge Entscheidungsspielraum dabei, und oft ist auch die Datenlage unzureichend oder sogar irreführend. Leider müssen solche Entscheidungen auch unter einem gewissen Zeitdruck getroffen werden, um börsenrechtliche und mitbestimmungsrechtliche Probleme zu vermeiden und eine brodelnde Gerüchteküche nicht weiter anzuheizen, was dem Unternehmen auch nicht gut täte. Also dürfte es sich aus Arbeitnehmersicht durchaus lohnen, das zur Entscheidung herangezogene Zahlenwerk einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.

  2. – Vorher klang das so: „Rechnet sich nicht“. Jetzt eher nach „Wurde so gerechnet“. Hm… –

    Nun habe ich überhaupt keinen Einblick in die Abläufe bei Siemens, kenne aber ähnliche Abläufe in einer anderen Branche. Demnach kann man gesichert davon ausgehen, dass Unternehmensberatungen an der Erstellung der Entscheidungsvorlage maßgeblich mitgewirkt haben.

    Über Unternehmensberater ist dabei grundsätzlich zu sagen: Es gibt gute und schlechte. Wobei ich „gut“ und „schlecht“ auf den faktischen „added Value“ für das Unternehmen beziehe. Nach meiner Erfahrung nimmt die Dichte der schlechten Unternehmensberater dabei exponentiell zu, je mehr „high Level“ sie arbeiten. Das wiederum liegt einfach daran, dass sie in diesem Fall lediglich in Politik und Marketing geschult sein müssen und das auch als Grundlage ihrer Arbeit sehen. Ganz im Gegensatz zu einem Unternehmensberater, der für „Sachaufgaben“ eingesetzt ist.

    Was heißt das?

    Die Entscheidungsvorlage für den CEO von Siemens wird ein politisch abgesichertes Marketing Papier, im bunten PPT Format gewesen sein. Und kein Unternehmensberater wird dem CEO irgendein unternehmerisches Risiko anempfehlen, welches nach hinten losgehen und ihm auf die Füße fallen kann. Also argumentiert er für Stellenabbau. Der spart immer Geld und wenn das Unternehmen nicht gut verdient, sind andere Faktoren schuld und gegebenenfalls ein schlechter CEO mit schlechtem Management.

    Der CEO hingegen wird sich hüten etwas anderes zu tun, als ihm die Unternehmensberater anempfehlen. Dann ginge er in eine Verantwortung, die er nicht zu tragen bereit ist. Also folgt er den bunten Folien.

    Das ist das kleine 1×1 des schwarzen Peter Spiels, das jeder Politiker und Manager mit der Muttermilch aufgesaugt hat.

    Die am meisten Erfolg versprechende Strategie der Gegenseite wäre daher, da hat der Werwohlf völlig recht, argumentativ gegen die Entscheidungsvorlage vorzugehen, was recht einfach sein dürfte. Die enthält nämlich höchstwahrscheinlich den Ausschluß jeglichen unternehmerischen Risikos, das den Erstellern der Entscheidungsvorlage auf die Füße fallen könnte. Wenn man nun aber Argumentiert, dass ein solches einzugehen die Aufgabe eines CEO ist und auch noch Vorschläge macht, wie das ausschauen könnte, fällt es dem CEO ganz sicher nicht mehr so leicht, einfach die Folien abzunicken. Da hat er nämlich die Gefahr, dass ihm das ebenfalls auf die Füße fällt und es ihm vorher wer gesagt hat.

    Schulz und den Gewerkschaften, sollte man nochmals „schwarzer Peter“ beibringen. In deren Muttermilch hat wohl was gefehlt. Oder Sie können nicht mehr denken, wenn sie Blut riechen.

    Herzlich

    nachdenken_schmerzt_nicht

Platz für Senf.

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