Aufgebauscht

Aus der „Kohl-Ära“ blieben der Union zwei Exponenten, die sich danach darin gefielen, die Politik ihrer Partei von links zu kritisieren. Der eine war der kürzlich verstorbene Heiner Geißler, der andere ist Norbert Blüm. Geißler entzweite sich mit Kohl nach dem gescheiterten „Putsch“ 1989, Blüm nach der Spendenaffäre. Blüm wurde in Deutschland bekannt durch den Spruch „Die Rente ist sicher!“, der seinen Charme vor allem daraus bezog, dass er nicht die Höhe der Auszahlungen erwähnte…

In letzter Zeit macht er hin und wieder durch diverse Empörungsausbrüche von sich reden. Unter anderem schrieb er ein Buch, in dem er als bekennender Laie der deutschen Justiz Willkür vorwarf.

Der neueste Ausbruch erschien jetzt in der FAZ: Unter „Es wird ernst, CDU!“ fordert er von seiner Partei, den Familiennachzug der als subsidiär Schutzbedürftigen Eingestuften zuzulassen. Er begründet dies mit dem christlichen Familienbild, dem die CDU gefälligst verpflichtet zu sein habe. Dabei begeht er anscheinend einige Transfer-Fehler. Zum einen scheint er zu unterstellen, dass eine Familie aus dem arabischen, islamisch geprägten Raum (um den es hier in erster Linie geht) gleichzusetzen wäre mit einer europäischen. Das stimmt meistens insoweit, als dass die Ehen ebenfalls aus Mann und (meist einer) Frau bestehen, aber die ganzen Werte, die damit verbunden sind, sind unterschiedlich – sowohl zum christlichen Verständnis als auch zum „modernen“, das ja mittlerweile auch gleichgeschlechtliche Ehen zulässt. 

Aber vielleicht ist das noch zu abstrakt. Gehen wir also ins Detail. Das Problem ist schon mal, dass Blüm die Trennung der betroffenen Familien als eine „erzwungene“ definiert, und dass er pauschal unterstellt, die zurückgebliebenen Angehörigen würden „gequält und ermordet“. Das mag dem Bild entsprechen, an dem hiesige Massenmedien lange kräftig mitgemalt haben, es entspricht nur nicht der Realität. Was soll auch erzwungen haben, dass ausgerechnet der Mann sich auf den Weg nach Deutschland macht, während die an Leib und Leben bedrohten Frauen und Kinder zurückgelassen werden mussten? Bei den meisten „Flüchtlingen“ sah das anders. Ja, sie waren Flüchtlinge, weil sie vor dem Krieg in Syrien flohen. Aber diese Flucht lag für die meisten schon einige Weile zurück. Auf den Weg nach Deutschland brachen sie auf aus den Lagern jenseits Syriens, aus der Türkei oder aus dem Libanon. Und genau da ließen sie auch ihre Familien zurück. Nicht gerade in angenehmen Verhältnissen, aber weit entfernt von Mord oder Folter. 

Im Übrigen hätten alle, die von Mord oder Folter bedroht wären, sehr wahrscheinlich sowieso originären Schutz durch den Anspruch auf Asyl und fielen damit eben gerade nicht unter die subsidiär Schutzbedürftigen. 

Um sich also richtig empören zu können, konstruiert Blüm Alternativen, die der Realität nicht standhalten. Und er blendet gänzlich den Punkt aus, dass eine Zusammenführung der Familien auch in anderer Richtung möglich wäre. Offensichtlich tobt in weiten Teilen Syriens eben kein Bürgerkrieg mehr, weil sich Assad weitgehend mit russischer und persischer Unterstützung durchsetzen konnte. Bei den subsidiär Geschützten handelt es sich aber eben nicht um solche, die vom Assad-Regime Verfolgung zu erwarten hätten, sondern nur um solche, die vor dem Krieg an sich flohen. Und der ist jetzt offenbar in weiten Landesteilen vorbei. Was spricht also gegen eine Rückkehr und für das Nachholen der eigenen Familie? Vor allem die Aussicht auf ein besseres Leben im deutschen Sozialsystem, denn die Illusionen über das Ausbildungsniveau der Hinzugekommenen haben sich mittlerweile ebenso verflüchtigt wie die über die Fähigkeit Deutschlands, diese Defizite wieder wettzumachen. Diese Hoffnung kann man den Betroffenen nicht übelnehmen, und wer sich dafür ausspricht, sie zu unterstützen, kann das im demokratischen Wettstreit selbstverständlich tun.

Nur sollte er dazu auch stehen.

 

 

 

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5 Kommentare zu „Aufgebauscht“

  1. Lieber jetzt großzügig sein als später ohnehin dazu gezwungen sein. Denn irgendwie habe ich das Gefühl die dortigen Akteure halten nicht viel von Frieden, insbesondere jener saudische Prinz. Ein Krieg im Libanon könnte die Massen wieder in Bewegung setzten und Europa ins Chaos stürzen, Mal abgesehen davon was passieren würde wenn die Eiterblase Saudi-Arabien platzt.

    1. Lieber jetzt großzügig sein als später ohnehin dazu gezwungen sein.

      Das ist keine Alternative, besonders bei dem von dir geschilderten Szenario. Selbstmord aus Angst vor dem Tod würde ich jedenfalls nicht befürworten.

      1. 1. Der Familiennachzug von vielleicht 300.000 Frauen und Kinder wäre kein Selbstmord
        2. Nichts ist alternativlos, nur sind uns die bequemen und wohlschmeckenden Alternativen ausgegangen.
        3. Die EU und die Bundesregierung können und wollen die Grenzen nicht wirksam sichern, eine australische Lösung wäre kaum machbar und ist auch schlicht inhuman (die Australier werden das nicht ewig durchhalten)
        4. Wir haben zwei Alternativen bezüglich Familiennachzug und zukünftiger Flüchtlingsströme: halbwegs geordneter Zuzug oder Chaos wie 2015, oder was übersehe ich?

        1. Lieber Klaus,

          Zu1.: Ich denke, es geht um die Frage warum Familien von Migranten nachziehen sollen, deren Asylantrag abgelehnt wurde. Es sind dann Einwanderer deren Chancen ihre nachgezogenen Familienmitglieder auch versorgen zu können meist sehr gering bis aussichtslos sind.

          Zu2.: Da gebe ich Ihnen recht. Vielleicht lernt Deutschlands Verwaltung ja mal von seinen Finanzbeamten. Die kennen kein Erbarmen. Niemals.

          Zu3.: Es gibt überhaupt keine Anzeichen, dass Australien irgendwas an seiner Migrationspolitik ändert, das zu mehr Migration von chancenlosen Einwanderern führt.

          Zu4.: Es gibt noch eine Alternative. Und die wird auch bald sichtbar werden. Österreich wird gemeinsam mit der Visegrad-Gruppe einen Gegenpol zu Deutschland in der EU aufbauen, der die Flüchtlingspolitik der EU entscheidend beeinflussen wird.
          Auch das Grenzregime. Ich bin überzeugt, dass der Flüchtlingsstrom in der Zukunft stärker begrenzt werden wird. Unabhängig davon was Deutschland sagt oder nicht sagt und tut oder nicht tut.
          Die EU wird Willens werden und sie wird ihre Fähigkeiten verbessern. Selbst Deutschland hält noch immer verstärkte Grenzkontrollen aufrecht.

        2. ad 1. Richtig. Und eine Metapher ist eine Metapher ist eine Metapher. Ob es aber nur 300.000 sein werden, darf man bezweifeln. Mit tatkräftiger Hilfe der hiesigen Helfershelfer würde diese Zahl sicherlich maximiert werden, und dass unsere Behörden sowas überprüfen könnten, glaubt inzwischen keiner mehr.

          Ansonsten: Ich verstehe deine Argumentationsbasis nicht. Wir können zukünftige Massenmigration eh nicht verhindern, also lass uns schon mal einen (offenbar in deinen Augen vergleichsweise kleinen) Teil davon vorweg nehmen? Was soll das bringen, wenn der große Kladderadatsch eh kommt?

          Vielleicht sollten wir mal ein paar Experten nach Mazedonien schicken. In Deutschland scheint man noch davon auszugehen, dass man illegale Einwanderer nur durch Schüsse in die Menge fernhalten kann. Die haben da im Südosten wohl irgendein Geheimmittel.

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