Was zu Heimat

Vielleicht geschah es in Vorbereitung auf Jamaika, vielleicht um der AfD die Besetzung dieses Begriffs zu verwehren, aber Grüne führen in der letzten Zeit ab und zu das Wort „Heimat“ im Mund. Für einige Linke scheint das ein Sakrileg zu sein, zumindest, wenn er in der Politik verwendet wird. Man lese sich dazu mal die Stellungnahmen der „Grünen Jugend“ oder eines Herrn Stefanowitsch auf der „taz“ durch. 

Der Werwohlf erkennt nur, dass in solchen Texten ein Popanz aufgebaut wird. Man versucht, notfalls unter Umgehung von Logik und Empirie, den ungeliebten Begriff mit Gewalt in eine Ecke zu drängen, aus der er nie wieder heraus soll. Er ist wohl hinderlich auf dem Weg zum Multi-Kulti-Friede-Freude-Eierkuchen-Gemeinwesen, das dem gemeinen Linken heutzutage so vorschwebt. Und es passt auch ins Bild, dass es dem Linken von heute nicht mehr darauf ankommt, Menschen zu ermächtigen und aus Unmündigkeit zu befreien, sondern vor allem, den Menschen erst einmal ideologisch passend „einzunorden“. Heimatgefühle sollte der zum Beispiel nicht haben und nicht entwickeln, und wenn, dann eben nur „vorsichtig, offen und skeptisch“, „auf der persönlichen Ebene“ abklopfbar, aber er sollte auf keinen Fall Eingang in die Politik finden.

Diese Lust, Herrschaft auszuüben, also Vormundschaft darüber, was politisch eingebracht werden darf und was nicht. kann je nach Gusto als gefährlich oder arrogant bezeichnet werden, aber zur Kenntnis genommen werden sollte sie auf jeden Fall.  Schon allein, dass sich hinterher niemand beschwert, wenn solche Leute mal ungehindert Macht ausüben können. 

Der Werwohlf fühlt sich nicht zuletzt aus dem Grund berufen, etwas zum Heimatbegriff zu sagen, als bei ihm die Heimat im engeren Sinn äußerst schwer zu lokalisieren wäre. Mit Berliner Hintergrund wuchs er lange Jahre in Niedersachsen auf, bevor er sich daran machte, an diversen Orten in Deutschland und Europa zeitweise seine Zelte aufzuschlagen (oder besser: seine Höhle einzurichten?). Hinzu kam eine Zeit von ausgedehnten Reisen in entfernte Flecken dieser Welt. Was also ist seine Heimat? Eigentlich bleiben nur Berlin und die ihm vertraute Gegend in Niedersachsen. Und zwischen beiden könnte er sich nicht entscheiden – zu sehr überkommt ihn dieses Gefühl der Vertrautheit mit Mensch und Umgebung, sobald er sich an einen dieser Orte begibt. So gern er auch in all den anderen Städten lebte, inklusive der, in der er sich jetzt so wohl fühlt, in keiner von ihnen ist das Gefühl vergleichbar.

Aber „vergleichbar“ ist das entscheidende Stichwort. Der eben skizzierte Begriff von „Heimat“ lässt sich politisch nur schwer operationalisieren. Aber da ging es auch sozusagen um die „Rangfolge“ innerhalb Deutschlands. Was ist mit Deutschland selbst? Um Deutschland als Heimat zu empfinden, muss man nun mal längere Zeit außerhalb Deutschlands zugebracht haben. Erst dann eröffnet sich die Möglichkeit des Vergleichs. Erst dann treten die innerdeutschen Unterschiede in den Hintergrund vor denen, die zwischen Deutschland und anderen Ländern dieser Welt bestehen. Sicher kann man sich in anderen Ländern wohler fühlen, diese gegenüber Deutschland bevorzugen, aber zur Heimat werden die dann trotzdem so gut wie nie. 

Die Unterschiede sind nun mal da. Wer mal Deutschland über irgendeine, wenn auch mittlerweile völlig offene Grenze verlässt, erkennt oft sofort, dass er sich in einem anderen Land befindet. Alles sieht irgendwie anders aus: die Straßen, die Straßenschilder, die Häuser, die Werbung, manchmal auch die Landschaft. Wenn man dann wieder zurück kommt, wird der Begriff „Heimat“ schnell mit Leben gefüllt. Aber noch erlebbarer ist der Unterschied in den Sitten und Gebräuchen der Menschen, die in diesen anderen Ländern leben. Es gelten abweichende Umgangsregeln, auf die man sich einzustellen hat, die Speisen sind anders und werden etwas anders zu sich genommen, und vor allem ändert sich die Sprache. Wenn man zurückkommt nach Deutschland, dann ist das Gefühl, die gewohnten Verhaltensmuster vorzufinden, das gewohnte Essen und die gewohnte Sprache, selbstverständlich eins von Heimat. 

Sind diese Dinge so verwerflich, dass man sie auch politisch nicht vertreten darf?

Es wird der Vorwurf erhoben, „Heimat“ grenze aus, vor allem jene, die ihre alte Heimat aufgeben mussten. Mit Verlaub: Das ist Bullshit. Selbstverständlich ist man, wenn man irgendwo anders lebt, fern der Heimat. Aber das ist ein zwangsläufiger Unterschied, den man nicht dadurch vermeidet, dass man die Verwendung von Begriffen verteufelt. Der Werwohlf z.B. hat sich im Ausland tatsächlich nie wie in der Heimat gefühlt. Aber hat es ihn gestört, dass die Leute um ihn herum seinen jeweiligen Aufenthaltsort als ihre Heimat betrachteten? Und vielleicht – korrekterweise – nicht als die seine? Nein, denn es stimmte. Der Begriff bildete die unterschiedlichen Emotionen zutreffend ab. Der Werwohlf hätte es den Leuten um ihn herum auch nie übel genommen, wenn diese ihre Lebensweise und ihre gewohnte Umwelt beibehalten und gegen andere Einflüsse verteidigten – schließlich hätte er auch nicht zu denen gehört, die es ihnen hätten wegnehmen wollen. Im Gegenteil, er bemühte sich, weitgehend im Einklang mit seiner Umwelt zu leben. Auch wenn es nicht seine Heimat war, er verstand den Wunsch der Einheimischen und respektierte ihn. 

Ausgrenzend kann der Begriff eigentlich nur dann wirken, wenn genau das nicht mehr gelten soll, wenn also das Bedürfnis von Menschen nach dem Gewohnten, Überlieferten, eben Heimischen, als irrelevant oder gar verwerflich verurteilt wird, und wenn der Schwerpunkt darauf liegt, dass das Erscheinen von Menschen mit anderer Heimat diese dazu berechtigt, auch die Lebensumstände der Einheimischen „täglich neu auszuhandeln“. 

Diese Haltung kann man vertreten. Aber wir sollten uns vor Augen halten, dass es sich hier um eine äußerst aggressive Position handelt, die letztlich gegenüber den an anderen Orten der Welt als völlig legitim erkannten Wünschen vieler Menschen feindlich eingestellt ist. Sie stellt den Begriff „Heimat“ unter Ideologieverdacht, ist aber selbst reine Ideologie. Wer sie nicht teilt, spricht gerne weiter von „Heimat“. Auch politisch.

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