Konsens allenthalben?

In der FAZ stellt ein kluger Kopf (oder sind das nur die Leser?) folgende Frage:

Und selbst wenn zu viel Konsens beklagt wird: Was wäre so schlimm daran? 

Es ist doch eine große zivilisatorische Errungenschaft, wenn sich eine Gesellschaft in wesentlichen Fragen einig ist und sich nicht dauernd bekriegt. Schon gar nicht mit Gewalt – aber selbst das ist in zahlreichen Ländern keine Selbstverständlichkeit. Ist es nicht auch aus Sicht derer, die mehr Streit vermissen, nicht ein Gewinn für alle, dass nicht jede gesellschaftliche Debatte dazu führt, dass das öffentliche Leben lahmgelegt wird? Und ist es nicht positiv, dass die Gewaltorgie anlässlich des G-20-Gipfels in Hamburg auf fast einhellige Ablehnung auch bei jenen stieß, die generell etwas gegen solche Treffen haben?

Nach dem Sprachgebrauch, den man dem Werwohlf einst vermittelte, setzt die Verwendung des Begriffs „zu viel“ ja schon eine als Problem erkannte Situation voraus. Die Frage, was so schlimm daran sei, würde also durch einfaches Nachfragen oder Nachschlagen leicht zu beantworten sein. Aber so schreibt man keine längeren Kommentare.

Offensichtlich meint der Autor nicht „zu viel“, sondern irgendwas zwischen „sehr viel“ und „total“, so dass die Frage zunächst eine offene bleiben könnte. Aber das wäre sie nicht lange, folgt doch die eigentliche Erklärung auf dem Fuß, allerdings nicht als erkanntes Problem, sondern als dessen apodiktische Negierung, denn „die Gesellschaft“ scheint sich in vielen wesentlichen Fragen gerade nicht einig zu sein. Da hilft es der dürftigen Argumentation auch nicht, wenn der Autor versucht, Dissens in die Nähe von Gewalt und Umsturz zu rücken.

Aber es ist Wahlkampf, und da mutiert manch FAZ-Redakteur anscheinend vom kritischen Journalisten zum braven Gefolgsmann seiner Kanzlerin.

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5 Kommentare on “Konsens allenthalben?”

  1. n_s_n sagt:

    Glaubst du wirklich es ist die Niebelungentreue zur geliebten Führung, welche solche Kommentare induziert? Mir erscheint, wie immer in diesem Land, die Liebe zum Konsens echt. Genau so echt wie die Frage, ob es überhaupt ein zu viel an Konsens geben kann und so echt wie die Feststellung, dass Konsens eine zivilisatorische Errungenschaft sei und nicht etwa das gewaltfreie Austragen des Dissenz.

    Ich glaube immer mehr, dass Merkel die perfekte Inkarnation der deutschen, politischen Sehnsucht ist und genau deswegen auch gewählt wird. – So wenig mir persönlich das auch gefällt. Dieses Land hat sich nicht im Wesen verändert, sondern wechselt nur die Farbe der Wahrheit wie ein Chamäleon. Dass es die (eine) Wahrheit aber gibt steht außer Frage. Der Konsens ist dabei so sinnvoll wie logisch, um auf dem schmalen Grat der Wahrheit nicht abzustürzen in den Orkus moralischer Niederung. Heute wie gestern, in diesem unserem Land.

    • Werwohlf sagt:

      Glaubst du wirklich es ist die Niebelungentreue zur geliebten Führung, welche solche Kommentare induziert?

      Als FAZ-Leser mit jahrzehntelanger Erfahrung: ja. Wenn es darauf ankommt, steht der Politikteil immer zur Union. Und ich nehme es Kommentatoren, die vor nicht allzu langer Zeit noch bei bestimmten Themen den Finger in die Wunde legten, nicht ab, dass sie plötzlich ihre Liebe zum Konsens entdeckt haben.

      Das, was du anführst, beschreibt aber ganz sicher einen wesentlichen Zug der deutschen Gesellschaft und Merkel hat das auch tatsächlich begriffen. Seitdem verbindet sie einen gemäßigt linken Kurs (kommt bei Wählern, aber noch mehr bei Journalisten an und hält ihr so den Rücken frei) mit leicht konservativer Rhetorik (kommt bei vielen Wählern an) und personifiziert damit die von allen politisch Interessierten verhasste, von der Mehrheit aber geliebte „Große Koalition“.

  2. Dennis sagt:

    Mal ne Frage: Was ist eigentlich von dem einigermaßen allgemeinen, also durch wenig Opposition gestörten KONSENS zu halten, dass Hitlers KZs keine lobenswerten Einrichtungen waren? Ist doch eigentlich schade, dass interessante Oppositionsstimmen bezüglich dieser Gutmenschenscheisse so wenig beachtet werden und man ständig nur diese langweilige Konsenssoße vorgesetzt bekommt, oder?

    Sie werden wahrscheinlich sinngemäß sagen: Naja, in gewissen Angelegenheiten ist Konsens schon irgendwie gut, in gewissen anderen wiederum mitnichten. Aber woran merkt man, wann man konsensualistisch richtig liegt und wann man lediglich ein dümmerlicher Anpasser und naiver Gutmensch ist? Ich nehme an, dass bei „Merkel find ich gut“ auf jeden Fall das Letztere gilt, aber das ist ja nicht immer so klar 😦 und man weiß auch nicht warum.

    Aber eigentlich isses doch so: Wieso soll ich eigentlich beunruhigt sein, falls die ganze Welt da draußen so denkt wie ich, also zum Beispiel Linsen mit Spätzle viel lieber mag als mit Kartoffeln?

    Es könnte ja so sein, dass die Kon- oder Dis-Sache überhaupt keine Qualitätsauskunft beinhaltet. Das kann man schon deswegen vermuten, weil der Begriff einen eindeutig quantitativ-statistischen Charakter hat und „Qualität“ begrifflich dadurch gkennzeichnet ist, dass genau das NICHT das bestimmende Merkmal ist.

    Die liberale Lösung: Ob Konsens oder Dissens ist ganz egal. Was natürlich u.a. auch heißt, dass das mögliche Obwalten eines Konsenses kein Unglück ist, und zwar bezüglich aller Fragen. Zumal – wenn man die durchsichtige Camouflage mal weglässt – es eh um die Frage geht: Kon oder Dis MIT MIR, auch wenn das Letztere meist nicht dazu gesagt wird, aber darauf kommt’s ja am Ende des Tages doch an, gell? Oder sind Sie glücklich, wenn die Partei Ihres Herzens am Ende des Tages 24. September mit 0,26569% Prozent raus kommt oder – noch besser – wenn es die gar nicht gibt? Kann natürlich sein, denn die These „die da draußen sind ja eh alle blöd“ generiert zuweilen auch einen gewissen Zufriedenheitswert, obschon – wie man im Internet sieht – Echokammern im allgemeinen doch beliebter sind, deren Beliebtheit ist sozusagen Konsens ;).

    • n_s_n sagt:

      Zwischen Ablehnung von Zivilisationsbrüchen und dem Befürworten von Kritik liegen nach meinem persönlichen Verständnis genügend Nuancen, um das eine durch das andere nicht relativiert zu sehen.

      Liberale Ideen haben für mich persönlich ihren Charme. Krampfhafte Äquidistanz sind dann allerdings nicht unbedingt das, über was sie mich bezirzen. So ganz ohne Standpunkt finde ich irgendwie Mist.

      Auch unterscheiden kann man übrigens Taten und Meinungen. Verfassungen, auf die man sich mehrheitlich einigt, regeln gewöhnlich den Umgang mit beidem.

      Ich, wie auch unsere Verfassung, hätten wohl kein Problem damit, wenn einer an Hexen glaubt. Doof wirds halt, wenn er sie verbrennen will.

      Nun gibts genügend, welche den Glauben an Hexen verbieten wollen und auch solche, die das Verbrennen gar nich so schlecht fänden (beides im übertragenen Sinne). Alles für den Konsens. Mir gefällt das nicht. Aber das mag Geschmackssache sein.

      Womöglich hat der Werwohlf recht: Ich bin halt kein Liberaler. Nur friedliebend. 😀

    • Werwohlf sagt:

      Mal ne Frage: Was ist eigentlich von dem einigermaßen allgemeinen, also durch wenig Opposition gestörten KONSENS zu halten, dass Hitlers KZs keine lobenswerten Einrichtungen waren? Ist doch eigentlich schade, dass interessante Oppositionsstimmen bezüglich dieser Gutmenschenscheisse so wenig beachtet werden und man ständig nur diese langweilige Konsenssoße vorgesetzt bekommt, oder?

      Mal ne Gegenfrage: Wozu wäge ich eigentlich meine Worte, wenn dann doch wieder nur ein Strohmann kommentiert wird?

      Aber gut, dann versuche ich es eben nochmal: Dissens ist natürlich nur insofern politisch relevant, als er auch besteht. Vielleicht mag es Spurenelemente geben, die Hitlers KZs für lobenswert halten, aber eine gesellschaftliche Bedeutung haben die wohl eher nicht.

      Und hier bei uns hat jeder Dissens, der politisch relevant sein will, ein weiteres Handicap zu überwinden: Er muss sich im Rahmen des Grundgesetzes bewegen – zwar nicht unbedingt so, dass jeder Buchstabe zu erfüllen wäre (wozu sonst die vielen Änderungen seit erster Fassung?), aber doch so, dass der Wesensgehalt nicht tangiert wird, an dem Änderungen dann eben nicht erlaubt sind.

      Aber woran merkt man, wann man konsensualistisch richtig liegt und wann man lediglich ein dümmerlicher Anpasser und naiver Gutmensch ist? Ich nehme an, dass bei „Merkel find ich gut“ auf jeden Fall das Letztere gilt, aber das ist ja nicht immer so klar 😦 und man weiß auch nicht warum.

      Hatte ich schon den Begriff „Strohmann“ erwähnt? Falls nicht: Ich habe keine Ahnung, wo Du Deine herabsetzenden Bezeichnungen her nimmst, die Du der Gegenseite unterstellst – von diesem Blog können sie eigentlich nicht kommen. Merkel finde ich tatsächlich nicht gut, aber ich hielte auch jeden, der irgendeinen Politiker derart reduziert bewertet, für der Sache nicht so recht gewachsen. Die Damen und Herren handeln eben im Rahmen der Anreize, die ihnen unser System setzt. Es kann daher nicht darum gehen, irgendwelche Nasen auszutauschen, sondern nur, das System selbst zu reformieren.

      Wieso soll ich eigentlich beunruhigt sein, falls die ganze Welt da draußen so denkt wie ich, also zum Beispiel Linsen mit Spätzle viel lieber mag als mit Kartoffeln?

      Also ich wäre es, denn es wäre nicht normal. Jeder Jeck is anders, und das ist auch gut so.

      Ob Konsens oder Dissens ist ganz egal.

      Nicht, wenn es um Politik geht. Politik ohne Dissens gibt es nur in Diktaturen. Die Behauptung, es existierten in diesem Land keine Interessengegensätze mehr und auch keine unterschiedlichen Bewertungen politischer Sachverhalte, würde den jeweils Herrschenden zwar durchaus in den Kram passen, wäre aber wohl eher in das Reich der Märchen zu verweisen. Opposition erschöpft sich nicht in der Frage von Timing oder graduellem Ausmaß – Opposition sollte auch fundamental andere Alternativen anzubieten haben. Gut, Technokraten glauben daran, dass es immer genau eine Lösung gibt, auf die man eben nur zu kommen hat, und dann müssen sich eben alle einig sein, aber deswegen sind sie ja auch bei Diktatoren so beliebt.

      Oder sind Sie glücklich, wenn die Partei Ihres Herzens am Ende des Tages 24. September mit 0,26569% Prozent raus kommt oder – noch besser – wenn es die gar nicht gibt?

      Selbstverständlich gibt es keine Partei meines Herzens. Ich denke noch selbst. Aber das ist doch auch nicht die Frage.

      Kann natürlich sein, denn die These „die da draußen sind ja eh alle blöd“ generiert zuweilen auch einen gewissen Zufriedenheitswert, obschon – wie man im Internet sieht – Echokammern im allgemeinen doch beliebter sind, deren Beliebtheit ist sozusagen Konsens ;).

      Es ist wurscht, ob „die da draußen alle blöd“ sind oder nicht. Sie sollten nur eine Wahl haben.


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