Die Sache

„Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.“ Das sagte einst ein nicht allzu unbekannter Deutscher. Er meinte das wohl positiv. 

Der Spruch ist etwas älter, aber die rücksichtslose Konsequenz im Handeln, die auf Kollateralschäden wenig gibt, scheint eine Konstante der Deutschen zu sein. Hierzulande pflegt man nämlich nicht Meinungen zu vertreten, sondern weltrettende Ideale, und das dann auf eine Art und Weise, die keine Zweifel an ihnen zulässt und die Stimmen von Kritikern bzw. Andersdenkenden am liebsten als moralisch unzulässigen Defätismus von Agenten einer obskuren feindlichen Macht verdammt. Jeder möge hier die historischen Parallelen ziehen, die ihm passend erscheinen. Aktuell ist eines dieser Ideale der Umwelt- und/oder Gesundheitsschutz. 

„Und/oder“, weil gerne beides im beliebigen Wechsel als Begründung für diverse staatliche Zwangsmaßnahmen ins Feld geführt und dabei auch eine Zielkongruenz unterstellt wird. Das Böse existiert in Form der Konzerne und ihrer raffgierigen Manager bzw. Inhaber, das Gute in Form von NGOs, deren Protagonisten allein von altruistischen Motiven bewegt werden. Praktisch alle medienwirksamen Kampagnen leben davon, diesen hollywood-würdigen Antagonismus zu zeichnen.

Nehmen wir als Beispiel die neue Vorliebe für SUVs. Diese Pseudo-Geländewagen kommen einem Fossil wie dem Werwohlf, der bewusst beide Ölkrisen miterlebt hat, wie ein automobiler Jurassic Park vor. Viel Blech, viel Gewicht, viel Luftwiderstand – diese Fahrzeuge vereinigen so ziemlich alles, was zwischen 1975 und 2000 mal als Untugend der individuellen Fortbewegung galt. Da der Benzinpreis aber zwar stieg, jedoch entgegen der Prognosen aller Zukunftsforscher nicht so schnell wie die Einkommen, erscheinen heute auch solche Monstren als legitime Fahrzeuge, die wegen ihrer Vorteile einer höheren Sitzposition[1] und einer Sicherheit vermittelnden Quasi-Panzerung (Platz gäbe es auch in einem Kombi) gerne genommen werden. Das Drehbuch der NGOs und ihrer Freunde verlangt hier zwar, diese sündhafte Lust der Verbraucher als Verschwörung der Automobilindustrie zu „entlarven“, doch dass diese ihnen die millionenfach nachgefragten Kleinwagen einfach vorenthielt und sie stattdessen nolens volens in die SUVs drängen musste, glaubt letztlich keiner, der sich in den letzten Jahren mal ein Auto kaufen wollte – und das sind üblicherweise zu viele, um der labernden Klasse eine solche Manipulation zu ermöglichen. Tatsächlich war es ja auch eher so, dass man den deutschen Herstellern ankreidete, den SUV-Trend verschlafen zu haben – die Asiaten mit ihrer US-Erfahrung hatten da viel eher passende Modelle parat.

Nun haben solche SUVs auch ihren Preis. Nicht nur den Aufschlag, den die Hersteller erheben können, weil die Leute so verrückt danach sind, sondern auch den an der Zapfsäule. Zwar ist der Treibstoff relativ billig, aber wenn es für weniger geht, nimmt man es doch gerne mit. Die Antwort der Hersteller darauf: Diesel. Wie überhaupt allen Fahrern mit größeren Fahrzeugen und hoher Fahrleistung ein Diesel empfohlen wurde: Er kostet zwar mehr in Anschaffung und Kfz-Steuer, verbraucht aber weniger Liter und ist an der Tankstelle wegen staatlicher Förderung auch noch ca. 20 Cent günstiger zu haben. Ideal für das Land der Dienstwagenfahrer und SUV-Fans. Man darf auch nicht vergessen, dass irgendein Depp mal den Maßstab des „Flottenverbrauchs“ einführte. Das heißt, Hersteller werden daran gemessen, welchen Normverbrauch die von ihnen verkauften Fahrzeuge haben, und wenn dieser bestimmte Grenzen überschreitet, müssen sie Strafen zahlen. Als Hersteller in einer Nische, der z.B. nur Sportwagen oder Oberklasse-Fahrzeuge verkauft, hat man bei solchen kruden Messmethoden natürlich schlechte Karten. Da muss man sich zusammentun mit solchen Produzenten, die auch Kleinzeugs im Programm haben. Insofern war der Flottenverbrauch ein ideales Instrument zur Förderung der Konzentration im Automobilsektor. Deswegen baut Daimler den Smart, deswegen sind VW und Porsche jetzt zusammen. Dennoch sind die deutschen Hersteller weiter traditionell in den oberen Segmenten angesiedelt, verkaufen also auch tendenziell größere, leistungsfähigere und damit durstigere Pkws. Der Markt der Kleinwagen ist dagegen eher in französischer, italienischer oder asiatischer Hand. Um Flottenverbräuchen und CO2-Vorgaben aber dennoch gerecht zu werden, war der Diesel für die Deutschen natürlich eine willkommene Alternative. Er verbrauchte weniger und stieß weniger CO2 aus. Und der technische Fortschritt (Stichwort „Common Rail“) beseitigte die wesentlichen Nachteile gegenüber dem Benziner in Sachen Leistung. Ja, wie wir jetzt wirklich alle wissen[2], hat der Diesel ein Stickoxid-Problem – das hatte er allerdings schon vorher, nur wurden seit der Norm Euro 5 auch Grenzwerte dafür eingeführt. Wie üblich, kann nur das skandalisiert werden, was auch gemessen wird – vorher existierte das Problem in der Öffentlichkeit nicht, weil es auch keiner lösen wollte. Wir können aber davon ausgehen, dass die Luft früher eben nicht sauberer war, sondern sehr wahrscheinlich deutlich dreckiger. Für den Feinstaub gilt das allemal, seit praktisch alle Diesel mit einem Partikelfilter durch die Gegend fahren. 

Damit haben wir einen Zielkonflikt: Der Diesel steht im Verdacht, Stadtbewohner durch Stickoxid krank zu machen (unseriöse Journalisten wedeln hier auch schon mit Leichentüchern), ist aber deutlich klimafreundlicher. Wer also den Verbrauchern empfiehlt, zu Benzinern zu wechseln, erschwert Deutschland die Einhaltung seiner CO2-Ziele[3]. Von der Erlaubnis, dass Benziner-Neuzulassungen bis September nächsten Jahres ein Vielfaches der Partikel von Dieseln ausstoßen dürfen, ganz zu schweigen. Aber vielleicht würde jetzt keiner über Diesel reden, wenn nicht die Führungsetage von VW in einem Anflug von Größenwahn gemeint hätte, bei ihrem Streben, den Konzern zum größten Automobilhersteller der Welt zu machen, gesetzliche Vorgaben austricksen zu können. Das kann man vielleicht in Deutschland versuchen, wo man über vielfältige Lobby-Verbindungen zur Politik verfügt[4], aber in auf dem fremden Terrain der klagefreudigen USA muss das als versuchter Suizid betrachtet werden. Durch diesen dreisten Betrugsversuch gerieten dann auch die etwas weniger dreisten Tricksereien der anderen Hersteller ins Visier, die zwar auf dem Messstand keine besondere Software verwendeten, bei einem Großteil realer Umweltbedingungen aber Abschaltvorrichtungen zum Einsatz brachten, wobei sie wohl meinten, diese seien von den Vorschriften gedeckt. Vermutlich hat man sich damals gegenseitig zugezwinkert, aber die eine Seite kann sich heute an kein Zwinkern mehr erinnern und die andere hatte leider keine Kamera dabei. 

Wie auch immer: Plötzlich steht der Diesel offiziell auf der Abschlussliste. Die Kampagne gegen diesen Motor trägt irrationale Züge. Daimler z.B. hat längst nachgewiesen, dass einer der neuen Motoren die Abgaswerte auch im Realbetrieb sogar unterbietet, was auch von der DUH eingestanden werden musste, aber davon ist jetzt in den Medien keine Rede. Im Gegenteil, viele Beteiligte scheinen von einer geradezu morbiden Lust ergriffen worden zu sein, Deutschlands wichtigste Industrie zu erledigen. Wer etwas dagegen sagt, dem wird von Qualitätsjournalisten  unterstellt, er wolle im Dienst einer „Automafia“ Zehntausende „vergasen“. Belege braucht es dafür nicht, der Ankläger hat moralisch recht und kann daher jede Behauptung als Richter in eigener Sache zum Beweis erheben. Man agiert, als das Land in irgendeiner der künftigen Spitzentechnologien (und das sind nicht die E-Autos…) wesentlich vertreten. Da war bisher die hiesige Gründerfeindlichkeit und Neidgesellschaft vor, und selbst, wenn man jetzt das Ruder herumreißen wollte, was nicht der Fall ist, bräuchte es bestenfalls Jahrzehnte, bis Arbeitsplatzeffekte dabei herauskommen, die bei der Automobilindustrie drohende Verluste kompensieren könnten. 

Der Werwohlf hält nichts von Verschwörungstheorien. Er gibt aber zu, dass es ihm immer schwerer fällt, anderen zu erklären, die von in der Öffentlichkeit lautstarken Kräften geforderte und in Teilen bereits umgesetzte Flüchtlings- und Umweltpolitik folge *nicht* einem finsteren Plan, der die Vernichtung des Deutschlands beabsichtigt, wie wir es kennen. 

[1] Im Zusammenhang mit dem Erwerb seines neuen Untersatzes fuhr der Werwohlf auch diverse SUVs zur Probe. Resümé: Er empfindet die höhere Sitzposition eher als unangenehm, weil weiter entfernt von der Straße und wankanfällig.
[2] Bis auf die Qualitätsjournalisten, die Stickoxide und Feinstaub verwechseln. Immer noch. Täglich.
[3] Nicht, dass die deutschen Ziele das Weltklima interessieren würden.
[4] Gerne vergessen dabei: die IG Metall.

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10 Kommentare on “Die Sache”

  1. Paul sagt:

    „Nehmen wir als Beispiel die neue Vorliebe für SUVs.“

    Lieber Werwohlf,
    dieser Trend zum SUV wurde und wird staatlich indirekt gefördert.

    Mein Sohn fährt seit Jahren solch ein „Geschoss“. Als ich ihn daraufhin mit der Frage ansprach, ob er das nötig habe, nannte er mir als Begründung, dass der SUV das einzige familientaugliche Auto ist, dass er voll über seinen Betrieb (ein Einmannhandwerksunternehmen) abrechnen kann.
    Oder hat er mich angelogen?

    Herzlich, Paul

    • Werwohlf sagt:

      Natürlich hat er das. 😉 Oder er wusste es nicht besser. Meine Vermutung: Die Kiste war geleast. Und tatsächlich kann man die kompletten Leasing-Ausgaben steuerlich geltend machen. Nur: Das hätte z.B. für einen Kombi auch gegolten.

  2. n_s_n sagt:

    „Der Werwohlf hält nichts von Verschwörungstheorien. Er gibt aber zu, dass es ihm immer schwerer fällt, anderen zu erklären, die von in der Öffentlichkeit lautstarken Kräften geforderte und in Teilen bereits umgesetzte Flüchtlings- und Umweltpolitik folge *nicht* einem finsteren Plan, der die Vernichtung des Deutschlands beabsichtigt, wie wir es kennen.“

    Erweitere einfach dein Erklärungsrepertoire um die bekannte „Dummheit“ mit Anleihen aus der Psychoanalyse. Sinistere Pläne braucht es da nicht.

    Es gibt Menschen, die treibt eine Depression in den Freitod. Wer keine Ahnung davon hat wie sich Depressionen anfühlen, kann das nicht verstehen und vermutet vielleicht einen sinisteren Plan zur Eliminierung des Individuums, den es nicht gibt.

    Etwas sein zu wollen, was man nicht ist und was man nicht sein kann, gepaart mit hohem Missionierungsbedürfnis und standhafter Nischenintelligenz kann vieles erklären. Dafür, dass sich solche Charaktere überproportional in Medien und Politik finden, gibt es hinreichend logische Begründungen.

    Und da hatte Brecht – wie in manch anderem auch – Unrecht: Die Kälber müssen nicht dumm sein, um ihren Schlächter zu wählen: Die Verheißung gemeinsam und standhaft auf der „der richtigen Seite“ zu stehen reicht völlig aus.

    Der Mensch als soziales Wesens funktioniert seit Jahrtausenden gleich, unabhängig davon was er über sich denkt. Ausgang dieses Befundes: Weiterhin offen.

  3. n_s_n sagt:

    Wie immer hast du wahrscheinlich Recht. Und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

    • Werwohlf sagt:

      Live with it 🙂 Manchmal wirkt eine solche Erkenntnis auch befreiend. Seitdem ich weiß, dass ich doch kein Liberaler bin, bin ich mit mir auch wieder mehr im Reinen…


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