Was zu Abgasen

Potenzielle Autofkäufer wurden in den letzten Wochen mehr und mehr verunsichert. Erst sind Fahrverbote für bestimmte Städte im Spiel, von denen bisher keiner weiß, welche Fahrzeuge und welche Zonen genau davon betroffen sein werden. Dann besinnen sich mehr und mehr Regierungen in Europa des Primats des Wunschdenkens der Politik und verkünden für Stichtage, an denen ihre Protagonisten sicher nicht mehr im Amt und sehr wahrscheinlich längst verstorben sein werden, das Aus für neu zugelassene Verbrennungsmotoren. Und die deutschen Medien, der natürliche Feind ideologiefreier und umfassender Bewertung[1], machen sich wieder einmal zum Sprachrohr unkritischer Grünen-Apologetik: Elektroantrieb muss her, so schnell wie möglich, so viel wie möglich, und wer da nicht mitmacht, ist unfähig oder böse oder beides. 

Die Begründungen variieren. 

Der Diesel ist böse wegen seines Ausstoßes an Stickstoffoxiden (NOx) – die gelten als Auslöser für diverse Krankheiten der Atemwege und von Herz und Kreislauf. An Modellrechnungen, wieviele Menschen angeblich deswegen bisher sterben, mangelt es nicht, wohl aber an empirischen Daten. Aber es gibt noch einen weiteren Bösewicht: Benzin-Direkteinspritzer erzeugen üble Feinstaubpartikel, die dem NOx in Schädlichkeit in nichts nachstehen und bei den Dieseln längst durch entsprechende Filter zurückgehalten werden. Nicht so viele, wie bei den Dieseln vor Einführung der Filter (auch hier hat sich übrigens die deutsche Industrie nicht mit Ruhm bekleckert – der gebührt allein dem französischen PSA-Konzern), aber z.T. vier Mal mehr als heute bei Dieseln und mit Einführung der Euro-6c-Norm künftig bei Benzinern erlaubt.

Gerne wird in der Qualitätspresse das Überschreiten von Grenzwerten alarmistisch mit einer Abnahme der Luftqualität gleichgesetzt, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist: Die Luft in den Städten wird immer besser. Sie hat nur immer weniger eine Chance, den von der EU kontinuierlich gesenkten Grenzwerten gerecht zu werden. Mit den geltenden Limits für Feinstaub hat bisher nur Stuttgart ein Problem – wer die Stadt kennt, weiß sofort, warum: Sie liegt in einem Talkessel. Was da erzeugt wird oder landet, bleibt auch da und wird von keinem Windstoß wirksam verteilt. Allerdings ist gerade der Autoverkehr nicht der Hauptsünder in diesem Fall – da spielen noch Industrie und private Heizanlagen eine bedeutende Rolle. Beim NOx sieht es kritischer aus. Hier wurden und werden die Grenzwerte in mehreren Städten gerissen, und das gibt Organisationen wie der etwas dubiosen DUH die Chance, vor Gericht für Maßnahmen zu streiten, die einem Politiker sämtliche Wahlchancen nehmen würden. 

Hinzu kommt die Diskussion um den Klimawandel. Das „Klimagas“ CO2 schadet im Gegensatz zum Feinstaub und zum NOx dem Menschen nicht direkt, gilt aber nach herrschender Meinung[2] als Hauptverursacher der globalen Erwärmung und ist daher auch zu verbannen. Leider schneidet hier der Diesel wegen seines geringeren Verbrauchs besser ab als der Benziner, so dass sich die Skandalisierung der Diesel-Antriebe eher schädlich für das Klima auswirkt. Es ist also kompliziert für den eingangs erwähnten Autokäufer. Was er kauft, es ist falsch. 

Aber hey – was ist mit den Elektroautos? Nun, da stellt sich für jeden profanen Käufer nicht nur die Frage nach dem Preis, sondern aus technischer Sicht vor allem nach der „Betankung“. Die erforderlichen Zeiten sind noch relativ lang (eine halbe Stunde aufladen gilt als „kurz“) und erforderten bei flächendeckender Nutzung solcher Fahrzeuge viel mehr Ladestationen. Es kann auch nicht jeder bei sich zu Hause seinen Pkw aufladen. Für Eigenheimbesitzer mag das noch gehen, aber wer als Mieter in einem Haus mit vielen Parteien wohnt und Laternenparker ist, findet erstmal keine Möglichkeit, seinen fahrbaren Untersatz (es lebe das Synonym!) an das stets stabile[3] deutsche Stromnetz anzuschließen.

Und dann haben wir noch nicht mal darüber gesprochen, aus welchen Quellen der angeblich saubere Strom de facto erzeugt wird (Braunkohle anyone?) und welche knappen Rohstoffe unter welch üblen Bedingungen wo abgebaut werden müssen, um die erforderlichen, leistungsfähigen Batterien produzieren zu können. Darüber werden wir wohl auch nicht sprechen, zumindest nicht, bis der Umstieg auf den E-Antrieb unumkehrbar ist. 

Nun ist zwar auch der Werwohlf kein Freund der hiesigen Autokonzerne[4], aber die wohlfeile Kritik, die jetzt über sie hereinbricht, ist eine Mischung aus den Empfehlungen von Captain Hindsight und ökonomischer Inkompetenz[5]. Da wird den deutschen Autobauern Tesla vorgehalten, das mit seinen Erzeugnissen horrende Verluste schreibt und vor allem vom Verkauf von Verschmutzungslizenzen profitiert. Da wird prophezeiht, die deutschen Autobauer riskierten durch einen verzögerten Umstieg Hunderttausende Arbeitsplätze, ohne zu erwähnen, dass die auch durch den Umstieg auf dem Spiel stehen. Aber der größte Fehler besteht darin, dass man, wenn schon per ordre de mufti der Markt ausgeschaltet werden soll, auf vorgegebene Technologien setzt statt auf – siehe oben – einzuhaltende Grenzwerte. Vielleicht ist ja der super-sparsame und mit allen Tricks gefilterte Diesel besser als der mit Braunkohle betriebene und extrem unpraktische[6] E-Schleicher? Gerade als Land, in dem viele Arbeitsplätze vom Verbrennungsmotor abhängen, sollte man dem auch eine Chance geben. Nicht durch Ausnahmen oder Tricks, sondern durch Leistung bei den Abgasen. 

Leute wie Kretschmann haben das begriffen. Aber der trägt auch Verantwortung. Vielleicht sollten wir die Äußerungen von Politikern mehr und mehr daran messen, ob diese eine umfassende Verantwortung für die Bürger im Land haben. Und nicht daran, wie schön die aller Kosten ledigen Botschaften klingen. 

[1] Der Werwohlf vermutet hier keine Verschwörungstheorie. Er hält in dieser Hinsicht nur nicht viel von Journalisten. Aus seiner Sicht sind das Leute, die an allen Anforderungen, wie sie an einen Arbeitsplatz in der Industrie gestellt werden, scheitern würden (Mathe!), aber es meistens noch nicht mal schaffen, in ihrem Kernarbeitsgebiet, dem Schreiben, befriedigende Ergebnisse zu liefern, deren Selbsteinschätzung in fachlicher und moralischer Hinsicht aber umgekehrt proportional dazu steht. Ja, es gibt Ausnahmen. Sehr viele, und der Werwohlf betet sie an. Sie bleiben aber solche.

[2] Noch ist nicht ganz klar, ob da die Wissenschaft oder doch die Politik herrscht.

[3] Wie die beschleunigte Einführung von E-Autos mit der beschleunigten Abschaltung bekannter Grundlastträger in Übereinstimmung zu bringen ist, müssten vor allem die Grünen wissen. Aber sie verraten es nicht.

[4] Seinen einzigen Fehler in dieser Hinsicht, einen BMW 316 compact, musste der Werwohlf aufgrund vielfältiger Qualitätsmängel korrigieren. Seitdem nur Asiaten und Franzosen(!).

[5] Eigentlich das Übliche.

[6] Den Werwohlf beschleicht manchmal das Gefühl, als stünde bei ökologisch begründeten Maßnahmen nicht die Problemlösung an erster Stelle, sondern quasi-religiös die von den Verbrauchern subjektiv empfundene Einbuße an Lebensqualität.

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6 Kommentare on “Was zu Abgasen”

  1. Paul sagt:

    Lieber Werwohlf,
    kann es sein, dass alle diese Maßnahmen ein Ausdruck einer um sich greifenden Technikfeindlichkeit sind? Zurück zum Fahrrad!

    Verbunden ist dies mit einer Industriefeindlichkeit. Die Klimaveränderung, so sie denn überhaupt stattfindet, ist der Grund für die faktische Zerstörung der konventionellen Energieerzeugung. Dieser Prozess ist schon fast abgeschlossen und mit der Stilllegung und dem Abriss des letzten Atomkraftwerks ist er auch unumkehrbar.

    Jetzt ist die konventionelle Automobilindustrie dran. Wieder ist die Klimaveränderung der Auslöser. Durch die Festlegung utopischer Grenzwerte soll sie eliminiert werden. Wie viel Arbeitsplätze werden dadurch vernichtet? Wie viel Lebensqualität wird dem Normalbürger genommen, der sich am Ende des Prozesses kein Auto mehr leisten kann?

    In Berlin hat die Umweltsenatorin das durchgehende 30 kmh Tempolimit auf den Hauptverkehrsstraßen als ein Mittel zur Luftverbesserung artikuliert.
    Ist nicht der Schadstoffausstoß an den Kolbenhub, also an die Drehzahl gekoppelt? Ich fahre mit 50 mit der gleichen Drehzahl wie mit 30, lege aber eine längere Wegstrecke in der Zeiteinheit zurück. Damit bin ich schneller am Ziel und kann den Motor früher abschalten, emittiere also weniger Schadstoff bezogen auf die zurückgelegte Strecke.
    Der typische Stopp-and-go-Verkehr erzeugt gerade in der Beschleunigungsphase erhöhte Schadstoffemissionen. Durch intelligente Ampelschaltungen auf den Hauptverkehrsstrecken ließe sich das beeinflussen. Stichwort: Grüne Welle.

    Warum ist es um das Elektrohybrid-Auto so still geworden? Wäre das nicht verbunden mit Wasserstoffantrieb auch eine Möglichkeit der Stromverwertung des Flatterstroms?

    Herzlich, Paul

  2. n_s_n sagt:

    „Noch ist nicht ganz klar, ob da die Wissenschaft oder doch die Politik herrscht.“

    Weder noch. Es herrscht das Dogma der modernen Pharisäer, die ihrer Religion einen wissenschaftlichen Anstrich verpasst haben.
    _________________________________________________________________________________

    „…kann es sein, dass alle diese Maßnahmen ein Ausdruck einer um sich greifenden Technikfeindlichkeit sind?“

    Dieser ganze Abgas Bohei entlarvt nur die geistige Herkunft der Weltverbesserer: Der ideale Mensch und wie man die realen Menschen zu ihm umerzieht. Und wie immer bei solchen Gelegenheiten haben die Ideologen in der Verachtung des Individuums Mensch das moralische Momentum auf ihrer Seite. Über die latent angelegte Gewalt in solchen Weltbildern müssen wir nicht mehr reden. Die hat der Werwohlf an anderer Stelle exakt auf den Punkt gebracht.

  3. Leander sagt:

    Ich zitiere ein gutes Argument aus dem Heise-Forum:

    Autos nähern sich heute rollenden Wohnzimmer sowohl raumbedarfs- als auch gewichtsmäßig an. Gleichzeitig wird das reale Nutzvolumen trotz ständig steigenden Gewichts geringer.
    Ein Individualverkehrsmittel oberhalb des Fahrrads hat durchaus seine Berechtigung, nur sollte das Kozept eher minimalistisch und den realen Bedingungen bzgl. Strecke, Geschwindigkeit und Nutzraum angepasst sein. Geradezu absurd hingegen ist die Idee, einen Verbrennungsmotor gegen einen E-Motor auszutauschen und alles andere (Getriebe, Antriebswellen, Karosseriegewichte und -abmessungen) beizubehalten.
    Die sinnvolle Lösung des Individualverkehrs wurde bereits in den 50ern (Rollermobile) und den 70ern (Kompaktwagen) realisiert. Im vorwiegend innerstädtischen Verkehr ist der Elektroantrieb aufgrund der Schadstoffreiheit sinnvoll – aber nicht als SUV mit 500km Reichweite und 200km/h Spitzengeschwindigkeit, sondern als ‚Mini‘ mit Radnabenmotoren, geringem Gewicht und Abmessungen und ca. 150km Reichweite.

    • Werwohlf sagt:

      Die sinnvolle Lösung des Individualverkehrs wurde bereits in den 50ern (Rollermobile) und den 70ern (Kompaktwagen) realisiert. Im vorwiegend innerstädtischen Verkehr ist der Elektroantrieb aufgrund der Schadstoffreiheit sinnvoll – aber nicht als SUV mit 500km Reichweite und 200km/h Spitzengeschwindigkeit, sondern als ‚Mini‘ mit Radnabenmotoren, geringem Gewicht und Abmessungen und ca. 150km Reichweite.

      Nun, was „sinnvoll“ ist, entscheidet bei uns in der Regel nur einer: der Käufer. Dass es viele gibt, die es gerne anders hätten, ist mir bekannt.


Platz für Senf.

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