Was zum Islam

Bei „Cicero“ erschien jetzt ein Text[1] eines wohl muslimischen Journalisten, der darin versucht darzulegen, warum es falsch sei, den Koran als „Buch der Gewalt“ hinzustellen. 

Der Autor betont darin, dass der Koran interpretiert werden müsse, und dass die Interpretation in der Koranauslegung Tradition habe. Man könne die genannten Suren also auch so auslegen, dass mit ihnen heutige Gewalt nicht mehr zu rechtfertigen sei. Diese Erkenntnis soll seine Eingangsthese stützen, dass Kritik im Allgemeinen zwar gut, konkret in Bezug auf den Koran und den Islam aber verwerflich sei, weil als ihre Folge „Muslime marginalisiert“ würden. 

Die Argumentation hat leider einige Schwächen. So erwähnt der Autor nicht, ob die Zeugen einer friedlicheren Interpretation des Islam allgemein anerkannt seien oder nur eine Minderheitenposition darstellten, die von der Mehrheit bekämpft wird. Letzteres scheint nach bisherigem Kenntnisstand des Werwohlfs aber leider der Fall zu sein. Da hilft auch nicht die Betonung der Sonderrolle des Wahhabismus. Dessen saudi-arabische Verfechter tragen sicher zur Verbreitung radikaler Positionen bei, sie haben diese aber nicht exklusiv, wie die Praxis in allen mehrheitlich muslimisch regierten Ländern belegt. 

Es gibt weiterhin drei Stolpersteine, die den Islam eben doch zu einer besonderen Religion machen, die mit Christen- und Judentum nicht zu vergleichen ist.

1. Die Einstufung des Korans als das originale Wort Allahs.

2. Die Stellung der Abrogation als Lösung des Problems sich widersprechender Suren.

3. Die Stellung Mohammeds und der medinischen Gesellschaft als Ideal.

Punkt 1 setzt einer Interpretation enge Grenzen. Zu Punkt 2 wird vom Autor des „Cicero“-Textes die Abrogation, also die Ersetzung der älteren, mekkanischen, meist auf Frieden und Ausgleich bedachten Texte durch die neueren, medinischen, mit kriegerischen Erfahrungen durchsetzten Texten, zwar unter Berufung auf einen alten Islamgelehrten kritisiert, es fehlt aber jeder Hinweis darauf, ob die Mehrheit jener, denen dieser Konflikt überhaupt bewusst ist, dieser nicht doch anhängt. Was nach des Werwohlfs bisherigem Kenntnisstand leider so zu sein scheint. Und bei Punkt 3 kommt man nicht umhin zu akzeptieren, dass Mohammed als Herrscher und Kriegsherr agierte und dabei die Methoden der damaligen Zeit anwendete.

Entscheidend ist leider nicht, was friedliebende Muslime aus dem Koran herauslesen möchten. Entscheidend ist, ob ihre Interpretation die herrschende ist. Und die Friedensbotschaft hat es im Islam eben doch schwerer als in den anderen monotheistischen Religionen. Nehmen wir nur die Unterschiede zum Christentum: Die Unterschiede im Leben von Jesus und Mohammed z.B. sind eklatant. Das Neue Testament gilt als Werk menschlicher Autoren, die auch Namen haben. An der Bergpredigt führt für Christen kein Weg vorbei – man kann „Liebet eure Feinde!“ natürlich relativierend in Kontexte stellen, aber eine Vorliebe Christi für gewaltsame Lösungen lässt sich daraus nicht herleiten – und sein Ende ist in dieser Hinsicht auch konsequent: Kein Triumph über die Feinde, stattdessen Heilung der Verletzung eines seiner Häscher, Weg in den grausamen Tod. Bei Mohammed sieht das ganz, ganz anders aus. 

Aus Sicht des Werwohlfs müsste eine zur offenen Gesellschaft kompatible Version des Islam die oben genannten drei Punkte allesamt verwerfen. So lange eine solche nicht hinreichend sichtbar ist, profitieren westliche Gesellschaften mit signifikanter muslimischer Bevölkerung vor allem davon, dass diese Religion mehr als kulturelle Beigabe ihres Alltags begreift denn als universale Regel für ihr Leben. Die entscheidende Frage ist, wie sich diese Bevölkerung verhält, sollte es mal zum Schwur kommen.

All das wird im „Cicero“-Artikel ausgeblendet. Aber das eigentlich Übel daran ist der Versuch, allein mit dem Verweis darauf, dass es auch im Islam Minderheitsmeinungen gibt, jegliche Kritik an dieser Religion unterbinden zu wollen. Dieser Versuch lässt dann auch daran zweifeln, wie sehr dem Autor tatsächlich an einer Religion gelegen ist, die zu einer offenen Gesellschaft passt.

 

[1] Am Ende des „Cicero“-Textes ist ein Link zur Homepage des Autors, wo eine längere Version veröffentlicht wird (u.a. mit der Kritik an der Abrogation)

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3 Kommentare on “Was zum Islam”

  1. stefanolix sagt:

    Wir haben im Christentum das große Glück, dass das Neue Testament ja in einigen Punkten das Alte Testament überwindet (man könnte sagen: die Schrift wird reformiert).

    Also ist bei uns eine Weiterentwicklung bereits im Ansatz angelegt. Mit Luther und den anderen Reformatoren kam dann eigentlich schon die zweite Reformation und sie konnten sich dabei auf das Neue Testament berufen. Auch die Aufklärung hatte es (deshalb?) mit dem Christentum leichter.

    Das alles scheint im Islam, wie wir ihn bisher kennen, völlig ausgeschlossen. Es gibt keinen alten und neuen Koran. Es gibt auch wenig Reformation und Aufklärung. Ich finde die Ansätze des sogenannten liberalen Islam gut, aber sie werden im Grunde durch Intellektuelle auf einer sehr hohen Stufe des Glaubens getragen. Auf dieser Stufe sind nur wenige Muslime.

    [»Stufe des Glaubens«: grob angelehnt an die Theorie von James William Fowler, der man nicht im Einzelnen zustimmen muss, die aber recht plausibel scheint.]

    • Werwohlf sagt:

      So kann man es sehen.

      • stefanolix sagt:

        Und einen Schritt weiter gedacht: Beim Christentum richtet es kaum Schaden an, wenn jemand »nur« mit einem einfachen Glaubensverständnis ausgestattet ist. Er wird im Normalfall kein Messer zücken und keine Bombe bauen, weil Aggressivität einfach nicht (mehr) im Christentum angelegt ist. Da braucht es schon einen großen externen Einfluss, um ihn explizit unter einer Fahne des Christentums zu radikalisieren (etwa Nationalismus oder harte Konkurrenz mit einer anderen Gruppe). So erklären sich die Kämpfe in Irland/Nordirland oder die christlichen Milizen in Afrika.

        Wenn sich dagegen Muslime mit einem eher einfachen Glaubensverständnis radikalisieren, ist das Risiko ungleich größer, weil sie die Handlungsanweisung direkt in ihren niemals reformierten Schriften finden.


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