Ein paar Gedanken zu politischer Gewalt

Bei den Salonkolumnisten erschien ein in des Werwohlfs Twitter-Timeline reichlich abgefeierter Beitrag, wie sich Links- und Rechtsextremismus voneinander unterscheiden. Neben den wirklich interessanten Ausführungen zu den sozialen Hintergründen der jeweils Beteiligten, um die es in dem Beitrag im Wesentlichen geht, wird dort als weiterer Unterschied auch angeführt:

Und auch wenn man Gewalt von links nicht verharmlosen will und es einem Beamten egal sein kann, ob er von einem Stein getroffen wird, der von einem Autonomen oder einem Nazi geworfen wird, ist es Fakt, dass Nazis seit 1990, je nach Zählweise, zwischen 78 und 169 Menschen ermordet haben und es durch linke Gewalt zu keinem Toten kam. Linke Gewalt richtet sich vor allem gegen Neonazis und die Polizei – das ist nicht zu rechtfertigen, aber offensichtlich weniger mörderisch als Überfälle von einem Nazirudel auf Migranten, Schwule oder Obdachlose.

Dazu sei angemerkt: Linke Gewalt richtet sich nicht nur gegen Neonazis (und Polizei), sondern gegen alle, die für Linke als Neonazis gelten. Denn das ist die Falle, in die unsere Gesellschaft lange Zeit getappt ist: Wenn Linksextreme Gewalt gegen NPD oder andere rechtsextreme Gruppierungen anwandten, konnten sie mit Verständnis rechnen. Schließlich ist sich die überwiegende Mehrheit in diesem Land einig, dass solche Leute nie wieder ein Bein auf deutschen Boden bekommen sollten – aus geschichtlichen Gründen besonders verständlich. Nur wurde damit nicht nur der Gegner eingeübt, sondern auch die Methode. Gewalt gegen Rechtsextreme legitimiert nicht nur letztere als Ziel, sondern vor allem auch ersteres als Mittel. Und wenn das einmal geschluckt wurde, braucht man nur noch eine Ausdehnung der Begriffe „Nazi“ oder „Rechtsextremer“ auf andere missliebige Personen rechts von der Linken, und schon ist dieselbe Methode wieder anwendbar[1]. Wenn man dann noch weiß, dass in linken Kreisen der „Faschismus“ (unter den dann – meist ohne Widerspruch – auch der deutsche Nationalsozialismus eingeordnet wird) praktisch nur als eine Ausprägung des Kapitalismus gilt, dann sollten sich auch die jetzigen, opportunistischen Kollaborateure der extremen Linken bei „Grünen“ und Sozis für die Zukunft nicht allzu sicher sein – von Parteien wie der FDP ganz zu schweigen. 

Es gibt noch einen weiteren Unterschied, der im Beitrag bei den Salonkolumnisten nicht thematisiert wird. Die rechte Gewalt, die auch in der Regel zu den vielen Todesopfern geführt hat, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass eine überschaubare Horde von Skinheads, Hooligans oder sonst der rechtsextremen Szene zugerechneten Gruppen sich einzelne Menschen wegen ihres Aussehens (Ausländer, Deutsche mit erkennbarem Migrationshintergrund) oder ihrer Lebensumstände (Obdachlose) herauspickt und diese dann ermordet (nehmen wir mal diesen Begriff, auch wenn es im Einzelfall als „Totschlag“ oder „Körperverletzung mit Todesfolge“ eingeordnet wird)[2]. Was den Rechtsextremen im Gegensatz zu ihren linken Kontraparts aber nie gelingt, ist die generalstabsmäßige Organisation solcher Gefechtslagen wie in Hamburg oder in Frankfurt vor 2 Jahren. Dazu fehlt es ihnen an Masse, etablierten Institutionen, Vernetzung und Sympathisantenszene. Für den einzelnen Menschen, der ihr Opfer wird, und für alle, die wegen ihres Aussehens oder ihrer Situation unter das jeweilige Schema fallen, sind die Untaten der Rechtsextremen besonders schlimm, aber politisch gesehen erzeugen die Untaten der Linksextremen deutlich mehr Wirkung. Bei den Morden der Rechtsextremen ist keine Kamera dabei. Das gehört zu diesem Unterschied dazu: Die Untaten von links sollen auch politisch wirken, die Untaten von rechts sind höchstens „nur“ politisch motiviert. 

Das „höchstens“ steht hier eingedenk der seltsamen Stellungnahmen Linker in den vergangenen Tagen. Das mit den Randalen, das seien gar keine Linken gewesen, nur Kriminelle und Leute, die sich an Gewaltexzessen berauschten. Dabei passte diese Vernebelung, wenn man sie denn übernehmen wollte, noch viel besser zu den meist eher spontanen und durch reichlich Alkohol erleichterten Gewalttaten der Rechten[3], ganz abgesehen davon, dass sie der organisatorischen und logistischen Leistung der linksextremen Szene, wie sie eben auch in Hamburg sichtbar wurde, damit ihre wohlverdiente Anerkennung versagen muss. 

[1] Siehe dazu auch den Beitrag auf „Sichtplatz
[2] Auch bei Linksextremen gibt es das Muster „Horde gegen Einzelnen“, dann aber eher zielgerichtet gegen bekannte und missliebige Aktive anderer Parteien, z.Zt. insbesondere der AfD.
[3] Die NSU-Morde passen natürlich nicht in dieses Schema, aber die sind auch nicht repräsentativ – soll man „zum Glück“ sagen?

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4 Kommentare on “Ein paar Gedanken zu politischer Gewalt”

  1. n_s_n sagt:

    Lieber Werwohlf,

    vielen Dank für diesen exzellenten Kommentar zu dem durchaus bemerkenswerten Beitrag bei den Salonkolumnisten, welchen auch ich gelesen habe.

    Exzellent fand ich den Beitrag bei den Salonkolumnisten, weil er in der Tat einen Aspekt beleuchtet, der völlig offen da liegt aber völlig unbeachtet bleibt. Auch mir drang dieser Aspekt bisher nicht wirklich ins Bewußtsein: Die bürgerliche Herkunft der Täter.

    Der Artikel hat allerdings auch zwei Schwächen in meinen Augen.

    Die eine hast du mit deiner Zitatstelle des Artikels benannt, die auch mir unangenehm aufgefallen ist, weil sie sich ein Stück weit wie der Versuch einer unterschwelligen, moralischen (Teil) Legitimierung linker Gewalt liest. Das bestätigt implizit deine Analyse im Folgenden, dass auf eine sehr subtile Art und Weise nicht staatliche Gewalt als Mittel legitimiert oder zumindest nicht verwerflich gefunden wird, weil sie sich gegen das richtige Objekt richtet. – Ich benutze lieber das Wort verwerflich, denn illegitim bleibt sie wohl b.a.w. im Bürgertum.

    In meinen Augen geht der Autor bei den Salonkolumnisten damit der trefflichen Analyse, die er zur Täterherkunft anstellt, in der Wirkung des analysierten Sachverhaltes selbst auf den Leim: Die Täter sind ja „welche von uns“.

    Interessant finde ich dabei die Wahl des Datums 1990 als Stichtag, hätte ein früherer Stichtag die Verteilung der Todesopfer doch anders aussehen lassen. Und damit wären wir bei der in meinen Augen zweiten Schwäche des Artikels: Er stellt sich nicht die Frage nach dem „Warum“ des analysierten Zustands und umgeht sie mit einer moralischen „Teilwertung“.

    Die Frage nach dem „Warum“ reißt du meines Ermessens mit deinen Feststellungen zum Wirkungsgrad der jeweiligen politischen Gewalt an. Aus bürgerlicher Sicht ist rechte Gewalt eine verachtete Subkultur, linke Gewalt ein (wenn auch falscher) Weg zum richtigen Ziel.

    Die Frage nach dem „Warum“ wirft dabei ein Schlaglicht auf das unreife Verhältnis der Deutschen zu Freiheit und Demokratie. Links sein (in der Ausprägung der Ökologie, Ökonomie und des Menschenbildes) ist für die deutsche, bürgerliche Gesellschaft in unserer Zeit ein mehr oder weniger normierender Faktor. Das man sein Verständnis dieser bürgerlichen Norm allerdings durch repressive Methoden bis hin zur Gewalt durchzusetzen versucht, anstatt sie im freiheitlich, demokratischen Meinungsstreit zu verteidigen und zu etablieren, zeigt in meinen Augen wieder einmal den Ungeist des normierenden deutschen Kollektivismus auf das Trefflichste: Gleich ob die geistige Elite in unserem Land die Reinheit der Rasse, eine selbst definierte Buntheit oder irgendetwas dazwischen als oberstes Gebot sieht, ist das niemals etwas, das man der Freiheit individueller Entscheidungen im rechtsstaatlichen Rahmen überlassen darf.

    Der bürgerliche Anker bei (links)extremistischer Gewalt ist nichts anderes als ein Ausdruck demokratischer Unreife: Man verachtet die Freiheit des anderen – Was man aber glaubt (ganz legitim) tun zu dürfen, da man (diesmal) auf der richtigen Seite steht.

    Dabei übersieht man allerdings, dass sich kollektiv falsches Verhalten immer nur extern, bzw. in der Retroperspektive nach externem Einfluß feststellen läßt. Man übersieht auch, dass sich politischer Extremismus in der Praxis vor allem über die Wahl der Mittel, nicht über die Ziele manifestiert.

    Herzlich

    n_s_n

  2. Werwohlf sagt:

    Lieber n_s_n,

    obwohl ich deine generelle Kritik am von den Deutschen so sehr geliebten Kollektivismus teile, so liegt die Legitimität von Gewalt natürlich vor allem für jene nahe, die eine als aus übergeordneten Gründen einzig zulässige Ansicht zu vertreten meinen und deren Ideen für ihre Umsetzung gewaltige Umwälzungen in allen Lebensbereichen voraussetzen, bis hin zur Schaffung eines „neuen Menschen“. Siehe hierzu den Artikel von Alexander Grau auf „Cicero“:
    http://cicero.de/innenpolitik/linke-Gewissheit-Gewalt-ist-immer-die-Gewalt-der-Andersdenkenden

    Dem Konservativen und Liberalen – huch, eine Gemeinsamkeit – liegen solche Gedanken schon vom Prinzip her fern, basieren ihre Ansichten doch grundsätzlich auf einer Skepsis „großer Lösungen“ beruhen und die menschliche Fehlbarkeit als gegeben und unvermeidlich betrachten (letzteres bei Liberalen manchmal weniger ausgeprägt…).

    Die extreme Rechte ist in dieser Hinsicht vom Gedankenbild Konservativer und Liberaler meilenweit entfernt, und ich hoffe, die extrem Linke von gestandenen Sozialdemokraten ebenso – jedenfalls zeichnete das diese in der deutschen Geschichte lange Zeit aus.

    Vielleicht sollte man noch ein weiteres Unterscheidungsmerkmal hinzufügen, um gewaltgeneigte politische Richtungen besser identifizieren zu können: Eschatologie. Zeige mir eine Bewegung, deren Programm es ist, politisch ein bestimmtes gesellschaftliches oder menschliches Ideal durchzusetzen, und ich zeige dir eine Legitimation für Gewalt. Hingegen sind Ansichten, die irgendwelchen Idealen skeptisch gegenüber stehen und lieber nur kleine Schritte befürworten, die durchaus aus Idealen abgeleitet sein können, sich aber jeder für sich als richtig und nützlich erweisen und grundsätzlich umkehr- oder korrigierbar müssen.

    Mit freundlichem Heulen
    WW

    • nachdenken_schmerzt_nicht sagt:

      Völlige Zustimmung. Vor allem zu dem Punkt, den du im Zusammenhang mit Eschatologie nennst und über den ich länger nachdenken mußte nach der Lektüre eines von dir auf Twitter empfohlenen Zeitartikels.
      Es ist Evident, dass jeder Gesellschaftsentwurf, welcher ein Ideal des Menschen zum Ziel hat, latent Gewalt legitimiert – völlig gleichgültig ob er das Ideal im „reinen, nationalen“ oder im „verschmolzenen internationalen“ sucht.
      Daher ist auch Stegners Behauptung, Gewalt sei nicht links, so abstrus. Die heutige Linke oder moderne Elite, wenn man sie nicht links nennen mag, atmet das Idealbild eines Menschen mit jeder Pore und genau deswegen kommt sie an der Legitimation von Gewalt nicht vorbei. Das werden aber Leute wie Stegner, respektive die Befürworter des idealen Menschen nie begreifen.
      Aus dieser Falle kommt man links wie rechts nichts heraus. Aber wem erzähle ich hier, dass nicht die Art des Ideals, sondern seine zwanghafte Verfolgung die Falle des Totalitären bereit hält.

      Und da schlägt sich für mich die Brücke zum deutschen Kollektivismus, welchem immer ein Ideal zugrunde liegt, welches es unbedingt und ohne Zugeständnisse einzuhalten gilt. Der „Deutsche“ ist ernsthaft und diese Ernstgaftigkeit ist die Absolutheit des Ideals. Deswegen haben die Deutschen auch ein angeborenes Nasenrümpfen den Angelsachsen gegenüber, die der fehlende Glaube an das Ideal in den Augen dessen, der die „Wahrheit“ kennt, irgendwie minderwertig macht.

      Und ja du hast Recht in meinen Augen: Der Konservativismus umgeht diese Falle, da er die „Reinheit des idealen Menschen“ in Abrede stellt. Beim Liberalismus bin ich mir manchmal nicht mehr wirklich sicher. Trotzdem ist er in meinen Augen die richtige Idee, solange der „ismus“ eingehegt bleibt und Luft zum atmen lässt.

      Es mag sein, dass dies ein Grund dafür ist, dass ich mich zu diesen beiden Denkrichtungen hingezogen fühle. Absolutes und Ideale sind mir ein Greul. – Es sei denn es sind kluge Werwöhlfe.

      Herzlich

      n_s_n

  3. Robert Meyer sagt:

    Wenn Sie wissen, WER als NSU die diesem zugeschriebenen Taten begangen hat, sollten Sie sich unbedingt beim Generalbundesanwalt oder beim OLG München melden. Außer Ihnen wissen das nämlich nur die Täter. Und die sind kaum die, die in München angeklagt sind oder die, denen man das in die Schuhe schieben will. Es gibt nicht einen Beweis aber dafür sehr viele Unmöglichkeiten.


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