Nochmal gut gegangen

Da hat doch das Blatt für ebenso bräsiges wie gehobenes Linkssein, die „Zeit“, so eine Aktion ins Leben gerufen, wo sich Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zu bestimmten Fragen in Person treffen konnten, um miteinander zu diskutieren.

An und für sich eine löbliche Idee, die politisch Interessierten aus ihren Filterblasen herauszuholen und den üblichen Mechanismus zu durchbrechen, den real Andersdenkenden durch das Abziehbild zu ersetzen, das man sich von ihm zu machen pflegt. Wer würde allerdings gerne als Mensch mit politisch inkorrekten Ansichten seine persönlichen Daten ausgerechnet dieser Zeitung überlassen, in der manch wackrer Kämpfer gegen Rechts mutig Gesicht zeigt, dessen Kontakte zu reichlich unentspannten Antifa-Freunden man nicht kennt?Nun gut, einige haben sich wohl gefunden. Ein Redakteur der „Zeit“ nahm sozusagen als Versuchskaninchen in eigener Sache selbst teil und berichtet selbstverständlich auch gleich von seinem Erlebnis. Dieser Jounalist schreibt mit einer sympathischen Selbstironie, aber manchmal scheint das doch zu sehr das eigene Weltbild die Feder zu führen.

Doch beginnen wir mit den Fragen, die Spreu und Weizen scheiden sollen:

Hat Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen? (Nein.)
Soll Deutschland zur D-Mark zurückkehren? (Nein.)
Geht der Westen fair mit Russland um? (Ja.)
War der Ausstieg aus der Atomenergie richtig? (Ja.)
Sollen homosexuelle Paare heiraten dürfen? (Ja.)

In Klammern stehen die politisch korrekten Antworten, für die sich selbstverständlich auch unser „Zeit“-Journalist entschieden hat. Aus Sicht des Werwohlfs sind die Fragen allerdings viel zu hinreichend dämlich, um mit „Ja“ oder „Nein“ darauf antworten zu können. So würde er die erste Frage, wenn wir von der Klärung des Begriffs „Flüchtlinge“ mal ausnahmsweise absehen, mit „einmalig: Nein, regelmäßig: Ja“, die zweite mit „Nein, aber nicht in derselben Währungsunion mit bestimmten Staaten bleiben“, die dritte mit „Vielleicht nicht, aber das ist unwichtig“, die vierte mit „In der Form nicht“ und die fünfte schließlich mit „Materiell gesehen ja, aber die begriffliche Gleichsetzung wäre falsch“ beantworten. Aber gut, schlichtere Geister lieben auch schlichtere Antworten…

Nun ist interessant, dass sein Kontrahent bei den Themen „Flüchtlinge“, Russland und Atomenergie von der richtigen Antwort abwich, wodurch es auch zu diesem Treffen kam. Der „Zeit“-Journalist berichtet, wie gesagt: durchaus selbstironisch, davon, wie seine daraufhin geweckte Erwartungshaltung, entweder auf einen tumben Depp vom Stammtisch oder einen tapferen Jungmann mit Seitenscheitel zu treffen, durch mehr und mehr Indizien enttäuscht wird. Sehr interessant auch, wie wichtig äußerliche Codes in gewissen Kreisen zu sein scheinen, also welche Frisur man hat, welche Schmuckstücke man trägt, und überhaupt, wie man sich anzieht. Wer jemals dachte, die Alternative zu den alten Dresscodes sei die Abwesenheit von Dresscodes an sich, wäre spätestens an dieser Stelle eines Besseren belehrt.

Der Werwohlf stößt sich aber insbesondere an dieser Formulierung:

Schreibt so ein Extremist?

Nochmal: Der Text ist von Selbstironie durchdrungen. Aber selbst mit dieser Diskontierung fällt es dem Werwohlf schwer, diese Frage nicht für bezeichnend zu halten. Nur, weil jemand drei von fünf Fragen anders beantwortet hat, steht er unter Extremismus-Verdacht? Meinetwegen auch selbstironischem? Er wird den Verdacht nicht los, dass sich da ein Gefühl Bahn gebrochen hat, dessen Kenntnis so manche unerbittliche Auseinandersetzung in den Medien verstehen hilft. Wir haben es anscheinend z.T. wirklich verlernt, mit abweichenden Meinungen umzugehen.

Wie auch immer: Der Journalist erkennt zunächst, dass sein Gegenüber ein ganz sympathischer Mensch mit einem richtigen Leben ist, der halt etwas anders tickt – notgedrungen, hat er doch nicht studieren können, wie eigentlich beabsichtigt… Aber irgendwie fügt sich alles doch zum Guten: Sein Gesprächspartner war, wie sich später herausstellt, als Jugendlicher in der Neonazi-Szene aktiv. Da haben die Leser der „Zeit“ nochmal Schwein gehabt.

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